Magazinrundschau - Archiv

The New Statesman

114 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 12

Magazinrundschau vom 28.05.2019 - New Statesman

In der neuen Ausgabe des Magazins untersucht Maurice Glasman den Status quo der jüdischen Linken in Britannien, der vor allem deshalb so prekär ist, weil die britische Linke das Judentum in den USA und Israel heute mit Kapitalismus, Imperialismus und Rassismus gleichsetzt: "Wie kam es dazu, dass das einzige Land im Nahen Osten mit freien, demokratischen Gewerkschaften, mit einem Wohlfahrtsstaat, mit sehr hoher Alphabetisierungsrate und niedriger Kindersterblichkeit, mit Rechten zur Gleichstellung der Frau und für Homosexuelle von so vielen auf Seiten der Linken mit dem islamischen Staat verglichen wird? Es ist eine Frage, die wir verstehen müssen, weil die Koalition zwischen postkolonialer Politik, Islamismus und fortschrittlichem Denken die dominierende unserer Zeit ist. Wie konnte es passieren, dass die Linke die Protokolle der Weisen von Zion für das digitale Zeitalter übersetzte und bewarb? Ein Teil der Antwort ist, dass sich die zentralen Annahmen der Linken sämtlich gegen die Juden gewandt haben. Früher gab es ein ernsthaftes sozialistisches Engagement für eine Form der Wirtschaft, die auf rationalen Prinzipien und Kooperation beruht, nicht auf Verschwendung und Wettbewerb. Die linke Position beruhte eher auf Klasse und Ausbeutung als auf Identität. Dieses Element ist weggefallen und nicht mehr das zentrale Merkmal fortschrittlicher Ideologie … Der linke Antisemitismus mag teilweise auf das Versäumnis des Sozialismus zurückzuführen sein, den Kapitalismus zu bezähmen, aber das macht ihn nicht weniger real. Tatsächlich spielt der Antisemitismus innerhalb der linken Ideologie eine Rolle dabei, das Versagen des Sozialismus, den Kapitalismus einzuschränken, plausibler zu machen. So gesehen ist Israel kein Beispiel für jüdische Selbstbestimmung oder eine Reaktion auf Unterdrückung, sondern eine Manifestation von Kolonialismus und Imperialismus."

Magazinrundschau vom 24.04.2019 - New Statesman

Seinen neuen Roman "Machines Like Me" lässt Ian McEwan in einer alternativen Version der achtziger Jahre spielen: Großbritannien hat den Falklandkrieg verloren, aber die KI ist weiter als heute. Der junge Londoner Charlie kauft sich einen menschlichen Roboter, der seinen Herrn prompt mit der eigenen Freundin Miranda betrügt. Für Helen Lewis wirft der Roman nicht nur ethische Fragen auf, sondern auch solche des Umgangs miteinander: "Die Präsenz eines anderen im eigenen Haus verringert die Privatsphäre. Man kann damit umgehen, indem man den Eindringling entmenschlicht, ihn zu einer Art beweglichen Mobiliars reduziert. Das führt zu jenen komischen Gerichtsfällen, bei denen reiche Leute vergessen haben, dass ihre Bediensteten sie hören (und gegen sie aussagen) können. Es sollte sich falsch anfühlen, ein empfindsames Wesen in seinen vier Wänden zu halten und den Abwasch machen zu lassen. Für den Roman, in dem es später einen Vergewaltigungsfall gibt, ergibt sich aus der Sexszene auch eine unangenehme Frage: Hat Adam eigentlich aus freien Stücken zum Sex mit Miranda eingewilligt angesichts der Tatsache, dass sie die Freundin seines Besitzers ist? Hat er überhaupt die Fähigkeit dazu? Im Zuge seiner Recherchen hörte McEwan auch, wie Eltern mit ihren Kindern das Verhalten gegenüber Sprachassistenten wie Siri oder Alexa diskutierten. 'Ich fühle mich schon bei diesen Dingern sehr unwohl und sie zwingen uns zu jeder Menge Selbstbefragungen', sagt er. 'Sollen Kindern zu Siri Bitte sagen?'"
Stichwörter: Mcewan, Ian, Roboter, Ki

Magazinrundschau vom 12.02.2019 - New Statesman

Auch die hässlichen Utopien des technologischen Totalitarismus werden auf dem Müllhaufen der Geschichte landen, raunt ein besonders düster aufgelegter John Gray, doch zu einer Welt ohne Massenüberwachung und Informationskriege führt kein Weg zurück. Die Stimmung hat sich Gray von Shoshana Zuboff verhageln lassen, die in ihrem Buch "The Age of Surveillance Capitalism" die Ideen des Silicon Valley auf den Verhaltensforscher BF Skinner und denInformatiker Alex Pentland zurückführe. Das ei nicht ganz falsch, meint Graym aber sie ignoriere deren französischen und britischen Ursprünge, die Schriften von Auguste Comte und Jeremy Bentham. "Pentland repliziert Comtes Ideen praktisch in jedem Punkt. Skinners radikaler Behaviourismus reproduziert dagegen die Themen von Jeremy Bentham, dem Begründer des Utilitarismus. Beide betrachten Menschen eher als einen Haufen von Empfindungen denn als selbstbestimmte Wesen. Wenn irgendjemand die Vorstellung einer Überwachungsgesellschaft schuf, dann war es Bentham, dessen Panoptikum - das ideale Gefängnis, das seine Insassen permanent unter Überwachung halten sollte - als Prototyp für viele Institutionen dienen sollte, für Arbeitshäuser, Fabriken, Asyle, Krankenhäuser und Schulen... Erstaunlich, wie Benthams Gefängnismodell Skinners Gesellschaftsmodell vorwegnimmt. Wer begreift, dass all dies auf die Ideen von Comte und Bentham zurückgeht, versteht auch die Big-Data-Utopien, die Google und Facebook antreiben. Ihr gemeinsamer Nenner ist der Szientismus der Aufklärung, das Menschen nur als mechanische Systeme kennt, in denen universale und unveränderliche Gesetze herrschen wie in der Physik. Zuboff sieht in der Aufklärung eine Stärkung individueller Autonomie und glaubt, dass der Überwachungskapitalismus das Projekt der Aufklärung und die 'liberalen Ideale von Freiheit und Würde' konterkariere. Aber Comte und Bentham stehen ebenso wie ihre Schüler Skinner und Pentland für eine illiberale Tradition der Aufklärung, derzufolge individuelle Autonomie als obsolete Fiktion verworfen wird. Es komme allein auf das gemeinsame Wohl an und das wird am besten in einer Gesellschaft erreicht, die von einer wissenschaftlichen Elite regiert wird, und diese regelt das Menschsei neu, indem sie alles auslöscht, was an ein autonomes Selbst errinert."
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Magazinrundschau vom 29.01.2019 - New Statesman

Insgesamt hat Nordirland beim Referendum zu 56 Prozent gegen den Brexit gestimmt, aber die einzelnen Communities unterscheiden sich eklatant. Denn die Katholiken stimmten zu 89 Prozent für Remain, die Protestanten nur zu 35 Prozent. Die Identitätspolitiken der probritischen Unionisten und proirischen Nationalisten wurden mit dem Karfreitagsabkommen nur wenig entschärft, fürchten die Historiker Colin Kidd und Ian McBride, doch mit dem Brexit würden sie wieder gravierend verschärft: "Ironischerweise ist die einzige Demarkationslinie, die das Karfreitagsabkommen unsichtbar gemacht hat, die Grenze zwischen Nordirland und der Republik. Die irische Grenze ist fast hundert Jahre alt. Ihr erratischer Verlauf - der oft Häuser und Höfe teilt - folgt keinen natürlichen Merkmalen. Er spiegelt auch nicht die Wünsche der Gemeinden wider. In den ersten 75 Jahren seines Bestehens beharrte Irland darauf, dass die Teilung Irland illegitim sei, und irische Diplomaten waren angewiesen, niemals das Wort 'Nordirland' in den Mund zu nehmen. Die Katholiken in Ulster versuchten immer wieder, die Grenze mit demokratischen oder gewalttätigen Mitteln niederzureißen, auch wenn die Trennlinie von Demokratie und Gewalt der halben Million Katholiken nicht leicht zu erklären war, die in einem Ministaat gefangen waren, der eine dauerhafte protestantische Mehrheit garantieren sollte. Von Dublin gehasst, von London nicht geliebt hat diese Grenze trotzdem länger als die Sowjetunion oder Jugoslawien gehalten. Ihre umkämpfte Geschichte hält wichtige Lehren für die heutige britische Politik bereit. Eine davon und nicht die unwichtigste ist, dass die Teilung Irland selbst als eine Art Backstop galt, eine vorübergehende Lösung, die solang gelten sollte, bis Unionisten und Nationalisten sich versöhnt hätten."

Magazinrundschau vom 15.01.2019 - New Statesman

Der New Statesman druckt eine Rede von Chimamanda Ngozi Adichie, in der die nigerianische Schriftstellerin erklärt, warum sie keine afrikanische Autorin sein will. Dabei sei vieles an ihr durchaus "afrikanisch", wie sie betont: ihre literarische Tradition, der besondere Mix aus Ehrgeiz und Defensive, die Nervosität, mit der viele Afrikaner nach Bestätigung suchen. Aber Adichie will keine afrikanische Schriftstellerin sein, wenn es gelte, Loyalitäten einzufordern, wie von jenem jungen Mann auf einer Veranstaltung in Lagos, der ihr ihre politische Haltung vorwarf: "Er bezog sich auf meine Gegnerschaft zu einem nigerianischen Gesetz, das Homosexualität kriminalisiert, ein Gesetz, das ich nicht nur für zutiefst unmoralische halte, sondern auch politisch zynisch. Er bezog sich auch auf eine Rede, die ich kürzlich über den Feminismus hielt und bei der ich Beispiele aus dem nigerianischen Alltag benutzte, um eine überfällige Debatte zum Status von Frauen in Gang zu setzen. Entscheidend war jedoch nichts so sehr, dass dieser junge Mann nicht einverstanden mit mir war, sondern um die Sprache, die er benutze, die Sprache der Staatsbürgerschaft. Ich als Afrikanerin könnte doch nicht behaupten, Feministin zu sein, weil sich Feminismus und Afrika gegenseitig ausschlössen. Feminismus sei eine Krankheit des Westens, eine, die ich mir zu eigen gemacht hätte, seit ich im Westen infiziert wurde. Und was die Homosexualität betrifft, sei mein Kampf für die Rechte von Lesben und Schwulen eine Missachtung afrikanischer Kultur."

Weiteres: George Eaton befragt Slavoj Žižek zu Trump, Brexit und dem wie er meint unaufhaltsamen Niedergang liberaler Vorherrschaft. Und Andrew Harrison beschreibt, wie sich die Musikindustrie von ihrem Beinahetod erholt hat. Für die Musiker gelten jetzt allerdings die gleichen Regeln wie für alle anderen Content-Provider in der digitalen Ökonomie: "Man muss mehr arbeiten für weniger Geld, und man muss alles selber machen."

Magazinrundschau vom 08.01.2019 - New Statesman

Die Erben von Schriftstellern haben es Biografen schon immer schwer gemacht, mit dem Nachlass zu arbeiten, stellt Leo Robson fest, entweder um das Ansehen der Gestorbenen nicht zu gefährden - wie Percy Shelleys Witwe oder Jane Austens Schwester. Oder um besser bei Broadway und Fernsehen abkassieren zu können - wie die Erben von T.S. Eliot, die keinen Biografen an dessen unveröffentlichte Manuskripte ließen, aber nichts dabei fanden, dass Andrew Lloyd Webber Eliots Gedichte gegen dessen ausdrücklichen Wunsch für "Cats" vertonte. Mittlerweile ziehen sich immer mehr Biografen an die Universitäten zurück oder schreiben wie Peter Ackroyd über unbelebte Sujets wie "London" oder "Die Themse", aber manchmal rächen sie sich auch fürchterlich, erzählt Robson fröhlich: Die Autorin Lee Israel etwa wurde beim Schreiben einer Biografie von Estée Lauder übel ausgebootet, verlor alles Ansehen und endete als Alkoholikerin: "Israel war von Bestseller-Apanagen auf Sozialhilfe abgestürzt, wie sie in ihren Erinnerungen 'Can You ever Forgive me' beschwingt schreibt, und sie entschied sich, um ihre Brötchen zu verdienen, zu einer Form symbolischer Biografen-Vergeltung: Mit Hilfe alter Schreibmaschinen begann sie, Dutzende von literarischen Briefen zu fälschen, die sie an unerfahrene oder skrupellose Händler in New York verkaufte. Israels Fälschungen richteten sich vor allem gegen eine Person, die besonders hartnäckig biografische Anstrengungen vereitelt hatte: die Dramatikerin Lillian Hellman, eine eiserne Testamentsvollstreckerin ihres Mannes Dashiell Hammett und ihrer Freundin Dorothy Parker. Israels Quelle für die Hellman-Imitationen war ein Brief, den sie selbst erhalten hatte und der ihr ein Interview für ihr Bankhead verwehrte: 'Sie war eine schwierige Frau, aber zum Glück war ihre Handschrift einfach.'"

Magazinrundschau vom 20.11.2018 - New Statesman

Nein, Wellington hat nicht allein bei Waterloo gesiegt, sondern mit Hilfe der Preußen. Auch die Franzosen haben die Demokratie in der Welt vorangebracht, und das englische Empire war kein Reich der Freiheit und nationaler Größe. Ziemlich erbost reagiert der Historiker Richard J. Evans auf die Versuche der Brexiteers von Boris Johnson bis Jacob Rees-Mogg, die englische Geschichte umzuschreiben, als hätte das Königreich seit 1066 allein auf der Welt die liberale Demokratie verteidigt und nichts mit Europa zu tun: "Erzählen Sie das mal den Monarchen des Mittelalters, die über das Reich von Anjou herrschten oder im Hundertjährigen Krieg kämpften, oder dem Niederländer Wilhelm III. oder den deutschen Königen aus dem Haus Hannover oder Königin Mary I., die sagte, wenn sie gestorben sei, werde man das Wort Calais, Englands letzter Besitz auf dem Kontinent, in ihrem Herzen finden können. Eineinhalb Jahrhundert nach Marys Tod gewann England auf dem Kontinent neuen Besitz, nämlich das Kurfürstentum und spätere Königreich Hannover, das in Personalunion zusammen mit England von 1714 bis 1837 regiert wurde. Französische Kultur, deutscher Protestantismus, Kunst und Essen aus Italien, europäischer Musik, Malerei und Literatur haben England immens beeinflusst. Die EU ist mit Abstand Britanniens größter Handelspartner und wirtschaftliche Verbindungen zum Kontinent reichen weit zurück, angefangen vom Textilhandel im Mittelalter bis zur Industriellen Revolution, als britische Ingenieure, Unternehmer, Eisenbahner und unzählige andere die ökonomischen Neuerungen über ganz Europa bis nach Russland verbreiteten. Die Bindungen zu den USA, von denen einige Brexiteers tönen, sind im Vergleich dazu recht schwach und unter Präsident Dondal Trump wenig verlässlich."

Magazinrundschau vom 30.10.2018 - New Statesman

"Die ödipale Macht ist in der männlichen irischen Literatur mindestens so stark wie in Star Wars, meint vergnügt der irische Autor Fintan O'Toole, der mit Hingabe Colm Tóibíns "funkelndes" kleines Buch "Mad, Bad, Dangerous to Know" über die Väter von Oscar Wilde, WB Yeats und James Joyce gelesen hat: "Es scheint ursprünglich den Titel "Verlorene Väter" getragen zu haben - der Phantomtitel erscheint auf der Innenseite des Umschlags. Er mag wegen Sir William [Wilde] fallen gelassen worden sein, auf den das Wort - mit seiner Anspielung auf verschwendetes Talent - schlecht gepasst hätte. Aber er hätte sicherlich gut für John Butler Yeats und John Stanislaus Joyce gepasst. Und doch ist die Freude an Tóibíns gelehrten, subtilen, witzigen und oft tief bewegenden biografischen Essays, dass die väterliche Verschwendung einer Generation zum Kraftquell neurotischer Energie für die nächste Generation werden kann. ... Ödipus kam, soweit wir wissen, nicht aus Dublin, ebenso wenig wie Turgenjew, Edmund Gosse oder Edward St. Aubyn. Aber wenn es sich bei Vatermord um einen importierten Geschmack handelt, ist es, wie beim Teetrinken, einer, der den einheimischen Gaumen sehr anspricht. In dem irischsten aller Theaterstücke, John Synges 'The Playboy of the Western World', tötet Christy Mahon zweimal seinen Vater und wird zumindest beim ersten Mal dafür wegen seiner Kühnheit verehrt. Bernard Shaw hegte eine solche Verachtung für seinen Vater, dass er seinen eigenen Vornamen George fallen ließ, weil dieser ein väterliches Erbe war. 'Ich will kein Vater sein', sagt der Dauphin in 'Saint Joan', 'Und ich will kein Sohn sein.' Shaw gab das Versicherungsgeld, das nach dem Tod des armen George Shaw fällig wurde, für einen neuen Anzug von Jaeger und ein Paket Kondome aus."

Lesen kann man außerdem eine Rede von Elif Shafak über die Bedeutung des Romans in Zeiten der Wut.

Magazinrundschau vom 21.08.2018 - New Statesman

Künstliche Intelligenz ist bequem und verdammt effizient, weiß Jamie Bartlett, Direktor des Centre for the Analysis of Social Media,  aber leider auch verdammt undemokratisch. Denn sie untergräbt die alles entscheidende Prämisse, dass Menschen die besten Entscheidungen fällen. Verglichen mit einem Algorithmus erscheinen Menschen irrational, ineffizient und dumm. Aber nicht nur das: "In den letzten zweihundert Jahren gab es einen Kreislauf, der sich praktischerweise selbst verstärkte: Individuelle Freiheit war gut für die Wirtschaft, und diese Wirtschaft brachte mehr gutsituierte Menschen hervor, die wiederum Freiheit schätzten. Was also, wenn diese Verbindung geschwächt wird? Was, wenn wirtschaftliches Wachstum in Zukunft nicht mehr von individueller Freiheit und unternehmerischem Geist abhängt, sondern von finanzieller und intellektueller Verfügungsgewalt über die klugen Maschinen, die Forschung, Produktivität und Unternehmen steuern? Es gibt keinen Hinweis, dass eine zentral geplante, staatlich kontrollierte Wirtschaft in diesem neuen Zeitalter nicht blühen könnte. Die letzten Jahre legen sogar nahe, dass digitale Technologie perfekt unter monopolististischen Bedingungen funktionierte: Je größer ein Unternehmen, desto mehr Daten und Rechenleistung bekommt es und desto effizienter wird es; je effizienter es wird, desto mehr Daten und Leistung bekommt es, in einem sich selbst perpetuierenden Kreislauf."

Magazinrundschau vom 08.05.2018 - New Statesman

Wie so viele in diesen Tagen fragt auch Paul Mason, was von Marx noch übrig sei und hält ausgerechnet den Text hoch, der von wahren Marxisten im Giftschrank gehalten wurde: Das Pariser-Manuskript von 1844, in dem Marx schrieb, der Mensch müsse sich nicht nur vom Kapitalismus emanzipieren, sondern von sich selbst: "Das Manuskript von 1844 enthält eine Idee, die dem Marxismus abhanden gekommen ist: die Vorstellung vom Kommunismus als einem radikalen Humanismus. Kommunismus, sagte Marx, ist nicht nur die Aufhebung des Privateigentums, sondern die 'Aneignung des menschlichen Wesens durch und für den Menschen... als vollständige Rückkehr des Menschen für sich als eines gesellschaftlichen, d. h. menschlichen Menschen.' Kommunismus, sagte Marx, sei nicht nicht das Ziel menschlicher Geschichte. Es ist nur die Form, die sich die Gesellschaft nach 40.000 Jahren hierarchischer Organisation geben wird. Das wahre Ziel menschlicher Geschichte ist individuelle Freiheit und Selbstverwirklichung."

Bereits in der vorigen Woche blickte Chris Bickerton auf das Zerfall der Sozialdemokratie in Europa. Für ihn ist sie nicht nur Opfer der Globalisierung, sondern auch der europäischen Einigung: "Linke Politik glaubt zumindest an zwei zentrale Dinge: an die Macht der Politik über den Markt und an die Existenz eines politischen Akteurs - den Staat, das Parlament, die Partei - , der diese Macht ausüben kann. Wenn es aber keinen Akteur gibt, und keine Domäne, die wir noch wirklich politisch nennen können, macht dann sozialer Wandel durch gewählte Repräsentanten überhaupt noch Sinn? Die Ansicht, dass linke Politik machtlos gegenüber den entfesselten Kräften einer globalisierten Ökonomie ist, gilt mittlerweile als Klischee. Aber sie ist nie überzeugend widerlegt worden. Und es gibt keinen Beleg, dass die Europäische Union die Schwäche der Nationalstaaten ausgleichen kann. Die 'immer engere Union' scheint nationalen Regierungen Macht entzogen zu haben, ohne sie auf europäische Ebene neu gebündelt zu haben. Das lässt jedes politisches Projekt, das sich eindeutig auf die Macht einer Regierung verlässt, die Ungleichheiten des Kapitalismus auszugleichen, in einem unbequemen Niemandsland. Ohne echte Handlungsmacht ist es gefangen in dem, was der deutsche Soziologe Claus Offe, 'die europäische Falle' nennt. Für Offe lautet das Problem auf europäischer Ebene nicht: Was tun? Sondern: Wer könnte es denn?"