Magazinrundschau - Archiv

Trouw

5 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 09.10.2007 - Trouw

Vor gut sieben Jahren veröffentlichte der Publizist Paul Scheffer (mehr hier) seinen vieldiskutierten Essay "Das multikulturelle Drama" und riss die holländische Linke aus ihren Schmelztiegel-Träumen. Jetzt legt er mit "Das Land der Ankunft" nach - und befeuert einmal mehr die niederländische Integrationsdebatte, lobt Hans Goslinga in Trouw: "Scheffer rechnet auch ab mit dem herrschenden Mythos, dass Amerika, die 'Nation der Immigranten' mit dieser Herausforderung besser zu Rande kam als Europa. Er beweist, dass diese Vorstellung, die von zahlreichen Amerikanern geteilt wird, auf einem Missverständnis beruht und dass sich in Wirklichkeit die Erfahrungen auf beiden Kontinenten weitgehend gleichen. Ethnische Konflikte und Vorbehalte gegenüber Einwanderern gab es auch in Amerika auf vielfältige Art und Weise - egal, ob es um Deutsche und Iren ging, oder später um Polen und Italiener. Scheffer zitiert dazu den amerikanischen Soziologen Zolberg, demzufolge umfangreiche Immigration für ein Land immer eine soziale und kulturelle Prüfung darstelle - Immigration sei daher ein 'legitimer Quell der Sorge', kein 'Ausdruck von Paranoia'."
Stichwörter: Scheffer, Paul, Riss

Magazinrundschau vom 11.09.2007 - Trouw

Deutschland hat "Taliban Fritz", Holland seine "Guerrillera Tanja": Die 29-jährige Studentin Tanja Nijmeijer kämpft als Mitglied der Guerillatruppe FARC im Dschungel Kolumbiens. Damit hat sie es in ihrer Heimat zur T-Shirt-Ikone gebracht. Jetzt gibt es auch ein Video, in dem die junge Niederländerin über Heimweh klagt und doch überzeugt ist, "das Richtige zu tun". Was treibt junge Westeuropäer dazu, sich einer Terrorgruppe anzuschließen? "Falsche Romantik", schreibt Edwin Koopman und zitiert einen FARC-Experten: "Die Europäer sorgen nur für Probleme. Die FARC will Menschen, die an das harte Leben im Urwald gewöhnt sind. Kolumbianische Studenten und Akademiker, die mit dem bewaffneten Kampf sympathisieren, bleiben in den Städten und halten Kontakt mit ihren Familien. Die wählen die Rolle von Propagandisten, organisieren Solidaritätsbekundungen an den Universitäten oder gründen 'humanitäre' Organisationen im Ausland, um Spenden zu sammeln. In Kolumbien selbst gibt es kaum so etwas wie Dschungelromantik. Denn Kolumbianer wissen, dass eine Entscheidung für die FARC lebenslänglich gilt. Bist Du einmal in der Guerrilla, kommst Du da nie mehr raus."
Stichwörter: Holland, Kolumbien

Magazinrundschau vom 26.06.2007 - Trouw

Menschlichkeit als Achillesferse: Kühl seziert der protestantische Prediger Sam Janse in seinem Essay "Himmlische Belohnung" die Taktik islamistischer Märtyrer: "An Waffenkraft sind die niederländischen Truppen in Uruzgan den Talibanmilizen weit überlegen, doch sollte man sie nie unterschätzen. Ihre ureigene Waffe ist die Todesverachtung (besser: Lebensverachtung) und die nutzen sie zu Dutzenden, zu Hunderten. Wie ein Insektenschwarm. Was schert es sie auch? In unserer Erlebniswelt dagegen trifft uns jeder getötete niederländische Soldat schwer. Nach dem Tod von Korporal Cor Strik wurde heiß diskutiert, ob wir unsere Truppen nicht abziehen sollten. Aus menschlichem und kulturellem Blickwinkel betrachtet ist diese Debatte ehrenwert, aus strategischem Blickwinkel ist sie lachhaft und gefährlich. Inzwischen sind drei holländische Soldaten durch Kriegsgewalt umgekommen. Werden es zehn, gehen in Den Haag zweifellos wieder die Rückzugsdiskussionen los. Und sollten hundert sterben, verwette ich ein Monatsgehalt darauf, dass wir die Mission beenden. Das ist unser wunder Punkt - und den kennen die Taliban."
Anzeige
Stichwörter: Den Haag, Märtyrer

Magazinrundschau vom 12.06.2007 - Trouw

Trouw widmet seinen Kulturteil der "Macht des Bildes". Darin ein Auszug aus Al Gores neuem Buch "Assault on Reason" (ab August auf Deutsch) sowie eine scharfe Kritik an eben diesem Buch durch den Rotterdamer Geschichtsprofessor Henri Beunders. "Ein amerikanisches Buch muss natürlich alarmistisch beginnen und optimistisch enden, sonst verkauft es sich nicht. Doch so einseitig Gore 'die alten Medien' sieht, so naiv ist seine Haltung gegenüber dem Internet. Er schreibt 'Die Netzwerkdemokratie rüstet sich. spürbar. Wir, das Volk, sind immer noch der Schlüssel zum Überleben der Demokratie in Amerika.' Was für eine Naivität! Als ob 'das Volk' immer das Beste wolle. 1914, 1982 (Falkland) und 1991 (Golfkrieg) zog 'das Volk' jubelnd in den Krieg. In den dreißiger Jahren baten die Deutschen Hitler: 'Befreie uns von der Freiheit.'"
(Die NZZ hat das Buch kürzlich unter der schönen Überschrift "Das Gorakel" besprochen.)
Stichwörter: Golfkrieg, Rotterdam, Gore, al

Magazinrundschau vom 29.05.2007 - Trouw

"Neigen Frauen stärker als Männer zum Desperadotum?" fragt die Soziologin Jolande Withuis in ihrem Essay "Leiden, streiten, heilig werden" über radikale Musliminnen. Deren Motivation sieht sie im Versprechen völliger Hingabe. "Der Glaube bietet radikalen Musliminnen eine 'totale' Identität, die sich nicht auf bestimmte Gelegenheiten beschränkt und die schwerer wiegt als alles andere. Das verlangt Anstrengung und Verzicht, bietet im Gegenzug aber auch Befriedigung und Seelenruhe. Langweilige oder lästige Vorschriften - sich bedecken, nicht alles essen dürfen - werden zu einer Quelle des Selbstbewusstseins. Es geht ihnen wie einer Magersüchtigen, die Befriedigung aus der Überwindung ihres Hungers zieht, auch wenn sie damit ihrer Gesundheit schadet. So beschäftigen sich diese Frauen bis zur Lächerlichkeit mit der Frage, welche Dinge 'haram' oder 'halal' sind - das füllt ihre Zeit und gibt ihnen das wohltuende Gefühl eines sinnvollen Lebens."

Außerdem: Onno Blom (mehr hier) porträtiert den Schriftsteller und frischgebackenen Preisträger des "P.C. Hooftprijs" Maarten Biesheuvel, in dessen Nachbarschaft er aufwuchs. "Biesheuvel war bei uns Schulkindern eine Berühmtheit. Wenn er gute Laune hatte, konnte eigentlich alles passieren. Er konnte auf der Straße laut ein Lied von Schumann anstimmen oder sich auf die Motorhaube eines Autos legen um zu horchen 'ob es die Zylinder noch tun'. Eines Tages kam er uns entgegen und fragte mit seiner typisch nasalen Stimme höflich, ob uns der Sinn nach 'einem Glas Ranja' stünde. Das ließen wir uns nicht zweimal fragen, es hieß nämlich, dass der Schriftsteller und seine Frau eine Ziege besäßen, die bei ihnen im Wohnzimmer lebe. Biesheuvel sagte nur 'Kommt mit, ich stelle Euch ihr vor.'"
Stichwörter: Vorschriften