Tagtigall

Vom Wohnen in Möglichkeiten

Die Lyrikkolumne. Von Marie Luise Knott
11.02.2025. Just an dem Tag der gastfeindlichen Antrittsrede von Donald Trump, der Fremde zu Feinden erklärte, eröffnete in Köln die 10. Poetica, das Festival der Weltpoesie, unter anderem war es dem Thema "Gastfreundschaft" gewidmet. Wieder einmal wurde deutlich: Das Poetische ist politisch. Hier anlässlich der Dichterwoche einige Beobachtungen zur Gastfreundschaft im Gedicht.
Poetica 10, 2025, Foto: Silviu Guiman

"I dwell in possibilities a fairer house than prose" (1), dichtete einst Emily Dickinson, so erinnerte Uljana Wolf in ihrer Eröffnungsrede für die 10. Poetica in Köln und fuhr fort: "Dickinson gibt uns eine Formel für den Kern des Poetischen, das geräumiger, durchlässiger und mit mehr Möglichkeitssinn ausgestatteter daherkommt als die Prosa", - "more numerous of windows, superior of doors". Räume mit mehr Fenstern und Türen eben.

Es sind die Zeilenbrüche, die Buchstaben-, Silben- und Wortgewebe mitsamt der Klangbrücken, die im Poetischen für plötzliche Erhellungen, Einfälle und Ausblicke sorgen. Das Gedicht, das fragilste aller Sprachgebäude, ist aus Buchstaben gemacht, die ihrerseits Zeugnisse zahlloser Begegnungen und Verfugungen sind. So spricht jedes Gedicht viele Sprachen, und indem wir uns lesend in seine Möglichkeitsräume hineinbegeben, wird auch unsere Sprache zu einer möglichen, einer ermöglichten. Vielleicht stimmt es, dass jedes Gedicht ein Händedruck ist, wie Paul Celan einmal sagte, ein Versprechen. Und ein Ver-Sprechen zugleich, denn: Auch wenn alle immer so tun, als gäbe es die eine Mutter/Vater/Kindheits-Sprache - tatsächlich ist Sprache ein Raum mit zahllosen Fenstern, Türen und mit viel Fremdenverkehr.

Xenia heißt die Gastfreundschaft bei den Griechen, zwei Buchstaben entfernt von Xenos - dem Fremden, dem Gast. Xenia galt den freien Bürgern Griechenlands als Verpflichtung und Tugend zugleich. Vielleicht auch, weil Reisende nicht nur Hilfsbedürftige sind, sondern immer auch Boten, die "Botenstoffe" mit sich tragen: fremdes Saatgut ebenso wie fremdes Wissen - Erfahrungen und Geschichten, welche die eigene Welt bereichern. Und das war schon immer so.  

Wie zum Verwechseln nahe sind in der Handschrift die Worte "fremd" und "freund". Doch nicht alle Fremden kommen in freundlicher Absicht. Gastfreundschaft braucht ein permanentes Aushandeln von Beziehungsweisen. Manche Regeln der Gastfreundschaft befremden, etwa die, dass man Reisende bevorzugt zu bewirten habe, selbst wenn die eigenen Kinder hungern müssen.

Die Poetica, ursprünglich als Kleine Documenta der Poesie ins Leben gerufen, ist Jahr für Jahr ein Seismograph für die Frage: Was bewegt die Kunst? Was kann sie ins Leben rufen? So spürte man allenthalben auch in Köln, dass Mehrsprachigkeit und die Gastfreundschaft im Gedicht heute umso dringlicher sind, als die Weltlage die Menschen vermehrt über Grenzen treibt - biografisch, gedanklich, sprachlich.

Zu Gast in Köln war u.a. die japanische Dichterin Hiromi Itō. Ihre Poesie ist körperlich, feministisch und gerade in der Einfachheit sehr besonders. In ihrem Gedichtzyklus "Unterwegs mit Mutter" reist sie an einer Stelle mit ihrer Mutter und ihrem Bruder aus Japan in die USA. Itō beginnt die Lesung eines Ausschnittes daraus auf Japanisch, doch als das lyrische Ich im Gedicht am Flughafen in Los Angeles ankommt, wechselt der Vortrag auf der Bühne in Köln die Sprache, In einem japanisch eingefärbten Englisch hören wir, wie überall in den Flughafengängen erschöpfte Migranten liegen, offensichtlich teils wie tot. Und dann heißt es knapp: "Sie hatten ihr Land verlassen und ihre vertraute Sprache verloren." Zwei schlichte Zeilen, möchte man meinen. Doch im Vortrag, weicht Itō ab vom Gedruckten. Zwischen den Buchstaben tun sich Lücken auf, ein Stottern hebt an; so erhält die Verzweiflung der Ankunftslosigkeit Raum:


Video: Uljana Wolf

They had left their land where they had lived .... they had left their .. l ... they had left their l .. they had ,... ..... they had left their langage, ... language , ... lang .... they had left their language ..  langiches, languiches, adults who had no choice but to come,  .....
they left behind their languages, languages... lang witches......

Das Unhörbare, hier wird es hörbar - Worte wie longing (die Sehnsucht), to languish (schwach werden, ermüden) und loneliness (die Einsamkeit) schwingen mit. So entstehen im Innern der Sprache Möglichkeitsräume.

 
Muttersprache Lengevitch

Wer sich die eigene Sprache fremdspricht, wird aufmerksam auf jedes Hölzchen und Stöckchen in ihr. Auf jede grammatikalische, klangliche oder sprachbildliche Nuance und Eigenheit. So poetisiert und pluralisiert sich die Welt. Yoko Tawada, die zweite Japanerin auf dem Festival, lebt seit über 40 Jahren in Deutschland. Sie gehört, wenn man so will, zu den "Wörtlichnehmern" (Pastior) bzw. den "Bildlichnehmerinnen" unter den Dichtern. Längst schreibt sie in beiden Sprachen. In ihren Sprachexpeditionen kommt sie immer wieder auf das Werk Paul Celans zu sprechen und auf die Übertragungen seiner Gedichte ins Japanische. Denn, obwohl Celan als nahezu unübersetzbar gilt, sind diese Übersetzungen offensichtlich Literatur. Beim Nachdenken darüber, wie dies sein könne, dass Celans Verse derart ins Japanische "hineinblicken", ohne dass Celan japanisch konnte, stieß Tawada darauf, dass das Radikal Tor 門 in den Übersetzungen wie ein eigenständiges Sprachgitter erscheine. Ein Radikal ist im Japanischen so etwas wie ein "Hauptbestandteil" eines Ideogramms. Da das Radikal Tor in Worten wie "Schwelle", "hören", "Ohr", "Tor" aber auch in "Stunde", in "Leuchten" sowie in "Dunkel" vorkommt, entsteht in der fremden Sprache ein eigenständiges magisch-poetisches Spiel. So bekomme eine Bedeutung des Originals "einen neuen Körper", schließt Tawada und mutmaßt am Ende, dass der Arbeitsprozess des Schreibens vielleicht erst dann abgeschlossen sei, wenn das Gedicht in die letzte Sprache übersetzt sei.

Doch zurück zur Muttersprache: Tawada schrieb einmal, dass, wo der Rhythmus der eigenen Sprache in die Fremdsprache hineingesprochen wird, die Erinnerung an den "Leib der Muttersprache" mitgetragen wird. So gewinnt der gleiche Text, in fremder Zunge gesprochen, eine neue, fremde Körperlichkeit. Anders als alle Fremdsprachen sei die Muttersprache untrennbar von einem selbst, erzählt sie in Köln. In den erlernten Sprachen dagegen seien die Worte, Silben und Buchstaben "gegenständlicher" - etwas, das man sich aneignen und dann einsetzen, verwenden kann. Im Ergebnis ist in der Fremdsprache die Grammatik anders als in der Muttersprache ein starker Gefühlsträger - denn sie sei angst- und schambesetzt. Einerseits ängstigt man sich, Fehler zu machen, und gleichzeitig schämt man sich über die eigene Unzulänglichkeit.

Ein Wort zu schreiben, bedeutet, ein Tor zu öffnen. Schreibt sie auf Japanisch, blickt sie immer ins Deutsche hinein, und umgekehrt. Irgendwann verwandelt sich auch die Muttersprache in eine fremde Sprache.

Wir tun zwar immer so, als gäbe es so etwas wie Einsprachigkeit, doch die meisten Menschen sind von Hause aus mehrsprachig, nicht nur der Dialekte wegen. Auch viele der Dichter auf der diesjähringen Poetica besitzen mehrere Kindheitssprachen. Einige davon wurden in den jeweiligen Kolonialsprachen sozialisiert. Dass sie entschieden haben, auch ihre Gedichte in dieser Sprache zu schreiben, hat zwar je verschiedene Gründe, doch es fällt auf, dass sie alle in ihrer Kunst einen Gegenraum herstellen. Der aus Kongo stammende, derzeit in Graz lebende Fiston Mwanza Mujila (Wir reden und schreiben / in Sprachen, die mit Zug und Schiff eingereist sind / importierte Sprachen als Fertigprodukte / den Ahnen unbekannt) etwa bringt in seinen Gedichten gängige Begriffe und Vorstellungen (post-)kolonialer Lebenswelt ins Wanken. Immer wieder verlacht er sich, was er vorträgt und verbindet sich auf eigenwillige Weise mit oralen Traditionen seines Landes. Ähnlich geht es auch der südafrikanischen Dichterin Lebogang Mashile. Auch sie schreibt in der ehemaligen Kolonialsprache. Das Englische sei ihr ein Mantel, sagt sie, unter dem die anderen Sprachen und Kunstpraktiken Schutzräume finden. So sind "die Anderen" immer mit im Raum, auch im Raum der Sprache. Und ihre Texte sind vom Spoken Word inspiriert.

Wenn du fragst, wer ich bin
Sing ich von den Vätern der Vorväter
Wie sie Feinde vernichteten
Wie sie Flüsse verschluckten
Die Elemente austricksten
Mit Himmeln sich schmückten

Wer oder was redet alles mit im "eigenen" Gedicht? Sind Gedichte wirklich Hütten oder gar Häuser der Möglichkeit, und wenn ja: wer vergibt hier die Besitztitel? Eine Frage, die in Köln immer wieder im Raum stand.

Die im niederländischen Curacao geborene, heute in Utrecht lebende Radna Fabias schafft in ihrer Dichtung Bilder von Intensität und Gebrochenheit. Kraftvoll setzt sie den eigenen Körper im Land der Kolonisatoren ins Bild. Sie spricht viele Sprachen, schreibt auf Niederländisch, doch sie durchbricht dessen "Habitus", indem sie eigenen, ans Papiamento angelehnten grammatischen Strukturen und Rhythmus folgt, wie sie erzählt. So trägt sie andere Erinnerungen ins Niederländische hinein, die Sprache erhält eine neue Körperlichkeit. (der zurückgekehrte migrant ist die bar mit / dazugehörigem laden ist / der fusel in der hand des säufers ist / der säufer der in derselben ecke auf demselben stuhl ist derselbe ....)
 
Übersetzen gilt als eine Praxis der Gastfreundschaft. Doch schon 1917 kritisierte Rudolf Pannwitz in seiner "Krisis der europäischen Kultur", dass selbst die besten Übertragungen aus "ehrfurcht vor den eignen sprachgebräuchen" versuchten, "das indische griechische englische zu verdeutschen". Auf diese Weise klammerten sie sich an den "zufälligen stand der eignen sprache", anstatt sich und die eigene sprache durch die fremde sprache "gewaltig bewegen zu lassen". Eine der möglichen Antwort in diesem Zusammenhang ist die translinguale Lyrik, so etwa Uljana Wolf's Kunst des "lengevitch angelns". Ihr jüngster Band "muttertask" ist ein großes Vergnügen und eine Schule der Aufmerksamkeit zugleich. Hier eine Variation eines Abzählverses, dessen Ende ("lost her self") mich an das "und raus bist du" der Kindheit erinnert.
 
wos beginnt,
bist du maid,
wo s endet
bist du mad
mama hinne
mama dalli
mama nomal
mama matrioschka
mama loschka
mama lost her
self.

Vom Mittelhochdeutschen (maid) hüpft die Sprache hier zum Englischen (mad), zum Dialekt ("mama hinne") und schließlich zum Russischen (loschka =Löffel)  - die Grenzen verschwinden, die des Vor-Mamma-Ichs und die der (Einzel)Sprachen.

****

(1) "Ich wohne in den Möglichkeiten, ein helleres Haus als Prosa" ... wortwörtlich übersetzt.

Zum Weiterlesen:

Die meisten der hier zitieren Verse finden sich in dem Reader poetica 10, Poetic Thinking and Hospitality, hg, von Günter Blamberger, Uljana Wolf und Michaela Predeick, konkursbuch Verlag 2025.

Außerdem verwendet:

Yoko Tawada, "Das Tor des Übersetzers oder Paul Celan liest Japanisch", in dies., Talisman, literarische Essays, konkursbuch Verlag 1996.
Radna Fabias, "Habitus". Gedichte, Aus dem Niederländischen von Stefan Wieczorek, Elif Verlag 2022.
Uljana Wolf, "Muttertask", Kook Books 2023.

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