Vorworte

Leseprobe aus Gloria Naylor: Linden Hills

Über Bücher, die kommen.
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21. DEZEMBER

Am 21. Dezember begegnen wir Figuren, die mit dem dritten Höllenkreis und dem Laster der Völlerei assoziiert sind. Im Zentrum steht der Karrieremann Xavier Donnell: Er lebt am Third Crescent Drive und ist süchtig nach dem prallen Körper von Roxanne, den er gern mit Schokolade und Karamell vergleicht. Roxanne allerdings ringt im Stillen verzweifelt mit ihrem Appetit und überflüssigen Pfunden - während Xaviers Vorgesetzter Maxwell Smyth scheinbar keine solchen Sorgen kennt. Die Wahrheit über sein Verhältnis zu Speis und Trank erfahren wir gegen Ende der folgenden Passage.

Maxwell Smyth machte den Motor des Stingray mit einer eleganten Fünfundvierzig-Grad-Drehung seines Handgelenks aus, wartete exakt drei Sekunden und zog den Zündschlüssel ab. Er schwang die langen Beine über den niedrigen Türrahmen, und sein mit Sorgfalt um den Hals drapierter Seidenschal wurde vom Wind so aufgeweht, dass die Goldfransen lässig über den hell- und dunkelbraunen Tweed seines offenen Jacketts streiften - ein perfektes Bild mit der hellen Flanellhose und dem farblich abgestimmten braunen Turtleneck-Pullover. Die kalte Dezemberluft ließ ihn weder zittern noch den Schritt beschleunigen. Seine gemessenen Bewegungen in dem eiskalten Wind musste man ebenso bewundern wie einen unter Wasser atmenden Zauberer. Aber Maxwells Geheimnis lag in dem mikrodünnen Gewebe seiner langen Thermounterhose und in dem Wissen, dass langsame, tiefe Atemzüge die Körpertemperatur erhöhten, ohne die Herzfrequenz merklich zu verändern. Selbst für den aufmerksamsten Beobachter schien dieser Mann die Elemente außer Kraft gesetzt zu haben, obwohl es nur ein psychologischer Taschenspielertrick war, mit dem er seine schwarze Haut verschwinden ließ.

Maxwell hatte vor langer Zeit entdeckt, dass er ohne dieses Milligramm-Gewicht an Pigmenten in seiner Haut die Chancen verdoppelte, als Erster das Ziel zu erreichen. Es war überhaupt nicht einzusehen, dass es ihn abbremsen sollte, zumal dieses geringe Gewicht auch noch gleichmäßig über seine einen Meter zweiundachtzig verteilt war. Aber dieses Handicap war Jahrhunderte vor seinem Erscheinen an der Lebenspforte eingerichtet worden. Und da er kein anderes Gefilde als den Planeten Erde und keinen anderen Mitbewerber als die menschliche Spezies kannte, musste er sich an die vorgegebenen Normen halten und sich nach Kräften bemühen, aus diesem Belang eine Belanglosigkeit zu machen, um als Mann die Ziellinie zu erreichen.

Die Zauberformel dafür erlangte er durch einen glücklichen Zufall schon früh im Leben, weil er mit der ungewöhnlichen Schreibweise eines sehr gewöhnlichen Namens gesegnet war. Er erinnerte sich noch, wie ihm die Lehrerin in der ersten Klasse sein Namensschild reichte, auf dem Maxwell Smith stand, und er ihr sagte, nein, S-M-Y-T-H, und wie ihre schiefergrauen Augen zu ihm zurückhuschten und von seiner Existenz zum ersten Mal Notiz nahmen. Ob aus Ungeduld, Verlegenheit oder leichter Belustigung, in jedem Fall fand er Beachtung. In diesem Moment wurde er wahrgenommen, weil er eine feste Erwartung durchkreuzt hatte. Und Maxwell Smyth lernte, diesen Moment auszukosten und Rezeptionisten, Angestellte oder arrogante Schalterbeamte zappeln zu lassen, wenn sie sich damit abplagten, ihre Gewissheiten in Bezug auf seinen Namen und seine Existenz neu zu sortieren. Er genoss das Gefühl von Macht und Kontrolle, wenn seine Hautfarbe augenblicklich vor ihren Gesichtern vollends verblasste - ein gewöhnlicher Name hatte sich in etwas Außergewöhnliches verwandelt und hatte seinen Besitzer bei dieser Transformation mitgenommen.

Nun galt es, weitere Tricks und Kniffe zu entwickeln, mit denen er sein Handicap dauerhaft auf nichts weiter als einen nervösen Tick reduzieren konnte. Auf dem College stellte er fest, dass sein Schwarzsein hinter dem Einser-Notendurchschnitt und dem Ruf, nie zu schwitzen oder zu frieren, zu verschwinden begann. Er trainierte sich darauf, mit drei Stunden Schlaf auszukommen, ohne beim Unterricht, als Schulsprecher, als Herausgeber der Schülerzeitung und des Jahrbuchs jemals müde zu wirken. Und während sich alle wunderten, wie er es schaffte, immer derart makellos und kontrolliert zu sein, blieb ihnen kaum Zeit, zu überlegen, wer das schaffte. Seine Einundzwanzig-Stunden-Tage ließen ihm sogar Zeit, Kontakte zu knüpfen, und obwohl die meisten seiner Freunde weiß waren, war das keine bewusste Entscheidung seinerseits. Weder umwarb noch mied Maxwell die anderen schwarzen Schüler; er sah sich als jemand, der von Menschen angezogen wurde, die das innere Wesen mit ihm gemein hatten, und er lehnte jeden als oberflächlich ab - schwarz oder weiß -, von dem er glaubte, er wolle mit ihm nur wegen etwas so Belanglosem wie den Pigmenten seiner Haut zusammen sein. So fanden ihn die schwarzen Frauen, mit denen er sich verabreden wollte, seltsam, und die weißen Frauen seltsam beruhigend.

Bei General Motors ging er auf dieselbe Weise vor wie am Campus von Dartmouth und verschwand still hinter seinen außergewöhnlichen Leistungen als regionaler Außendienstmitarbeiter, als Bereichsleiter, als Vizepräsident für Verbraucherangelegenheiten und schließlich als Assistent des geschäftsführenden Direktors. Aber es stand dort viel mehr auf dem Spiel, es gab keinen Raum für Fehler; jede Verzögerung seines Aufstiegs, jeder verräterische Patzer oder Versprecher könnte das Trugbild zerschmettern, das er aufgebaut hatte. Denn Maxwell wusste, sie hätten einem schwarzen Mann nie erlaubt, an die Seite des geschäftsführenden Direktors zu rücken, es musste der beste Mann sein. Und dieses heikle Jonglieren mit der Realität erforderte perfekte Kontrolle über seine Arbeit und seine Untergebenen. Im Büro durfte nichts geschehen, das nicht ausgesprochen vorteilhaft für ihn war, oder das er zumindest so aussehen lassen konnte. Die Entscheidung, ob er seine Sekretärin anlächelte oder nicht, traf er mit derselben Ernsthaftigkeit, mit der er überlegte, ob es ratsam war, ein neues Limousinen-Modell auf den Markt zu bringen.

Die Gefahr eines Zusammenbruchs bestand nie; geistige Gesundheit gründet in Beständigkeit. Und Maxwell bewahrte sich seine geistige Gesundheit, indem er über jeden Aspekt seines Lebens gleichermaßen Kontrolle ausübte. Da er das Wetter draußen nicht manipulieren konnte, passte er seinen Körper entsprechend an; und in seinem penibel eingerichteten Haus erlaubte es ihm eine ausgeklügelte Anzahl an Luftbefeuchtern und Thermostaten, die genauen Konditionen zu bestimmen, unter denen er essen, schlafen oder sitzen wollte. Die unberechenbaren Rhythmen und Temperaturen, mit denen Sex normalerweise einherging, fand er problematisch, weshalb er selten mit einer Frau schlief. Er sah darin keine große Einschränkung, denn schon vor seinem dreißigsten Lebensjahr hatte er sich mit einer Erektion ebenso schwergetan wie mit einem Orgasmus, und daher würde er sich die Mühe sparen, bis er verheiratet war und nicht mehr darum herumkam. Kurz gesagt, sein ganzes Leben wurde ein Wettkampf gegen natürliche Triebe - und er gewann ihn.

Den Gipfel seines Erfolgs stellte sein blau-weißes, mit französischen Kacheln gefliestes Badezimmer dar. Es war einer der schönsten Räume in seinem Heim, mit italienischem Marmorinventar: einer importierten Toilette und passendem Bidet, die auf einem exklusiven weißen Teppich standen. Zitronengras und Birngrün wuchsen am Fenster und in stufenförmigen Pflanzkästen, die an der gläsernen Duschwand hingen. Über den Handtuchhaltern war ein verborgener, mit seiner Stereoanlage verbundener Lautsprecher angebracht. Das Einzige, was in dem Bad fehlte, war Toilettenpapier. Er bewahrte es im Schrank auf und holte es nur für die seltenen Gäste hervor, denn er selbst brauchte es nie. Mithilfe einer ausgesuchten Kombination aus fester und flüssiger Nahrung war er in der Lage, nicht nur den Zeitpunkt, sondern auch die genaue Beschaffenheit der Angelegenheit zu bestimmen, die ihn täglich in das blau-weiß geflieste Badezimmer führte. Sein Magen und Darm wurden mit großen Mengen Quellwasser und Kamillentee gereinigt. Abwechslung fand er in klaren Säften - Apfel, Cranberry und bei seltenen Gelegenheiten kleine Schlucke Chardonnay, vorzugsweise aus der Weinregion um Pouilly sur Loire, wo keine Hefe zur Fermentierung benutzt wird. Er fand heraus, dass die äußersten Spitzen von Brokkoli, Spargel und sogar Petersilie sein Verdauungssystem deutlich unauffälliger durchliefen als die Enden und Stiele. Fleisch junger Tiere - Baby-Jakobsmuscheln, Kalbsleber, Taubenkükenbrust ließen sich am besten verdauen. Die wurden ergänzt mit getrockneten Algen aus den Gewässern um Neuseeland, gemahlenem Knochenmehl und Weizenkeimen. Einen Bissen Kohl, eine Zwiebelscheibe oder auch nur eine einzelne Bohne hätte er sich mit derselben Begeisterung in den Mund gesteckt wie einen Löffel voll Zyanid. So wie Maxwell jeden Morgen auf seinem italienischen Marmor saß - den Kopf erhoben, die Füße bis zu den Knöcheln in dem dicken Teppich versunken, die Augen geschlossen und mit den Fingern auf den Knien den Takt eines Streich-Quartetts trommelnd, bevor er direkt zum Bidet ging, wo ihn parfümiertes Seifenwasser absprühte, und dann weiter zur Dusche - hätten diese fünf Minuten, abgesehen davon, dass er vollkommen nackt war, ebenso gut im Theater oder in einem Konzertsaal stattfinden können, ohne dass selbst seine Sitznachbarn die wahren Vorgänge auch nur geahnt hätten.

Nach dem Erfolg seines täglichen Rituals war Maxwell bereit für jede Herausforderung bei General Motors. Und auf seinem Weg durch die Lobby, hinauf mit dem Fahrstuhl und vorbei an den Büroangestellten, Stenografen und kleinen Büros seiner Untergebenen zog er die unvermeidliche Mischung aus Ehrfurcht, Neid und Hass auf sich, die außergewöhnlicher Erfolg nun mal mit sich bringt. Und natürlich wurde er missverstanden. Er hätte die Unterstellung, er versuche, weiß zu sein, vollkommen grotesk gefunden. Nichts lag ihm ferner, als weiß sein zu wollen, er bemühte sich vielmehr in jedem wachen Moment nur darum, gar keine Farbe zu haben. Die Vorwürfe "Menschenschinder" oder "Sklaventreiber" wurden nur erhoben, weil er von seiner Mannschaft das verlangte, was er auch selbst zu geben bereit war. Aber das Getuschel in der Schreibzentrale hätte er vielleicht mit leisem Vergnügen belauscht: "Weißt du, Smyth tut gerade so, als würde seine … nicht stinken" - denn sie tat es nicht. Und nachdem er die letzte Hürde genommen hatte, gab es nichts mehr, was zwischen Maxwell und der ultimativen Ziellinie stand, außer Zeit. Wenn der Vorstandsstuhl frei wurde, würde der Verwaltungsrat keinen Moment zögern und den Job dem besten Mann geben. Und dieser Mann war er.

21. DEZEMBER

Am 21. Dezember begegnen wir Figuren, die mit dem dritten Höllenkreis und dem Laster der Völlerei assoziiert sind. Im Zentrum steht der Karrieremann Xavier Donnell: Er lebt am Third Crescent Drive und ist süchtig nach dem prallen Körper von Roxanne, den er gern mit Schokolade und Karamell vergleicht. Roxanne allerdings ringt im Stillen verzweifelt mit ihrem Appetit und überflüssigen Pfunden - während Xaviers Vorgesetzter Maxwell Smyth scheinbar keine solchen Sorgen kennt. Die Wahrheit über sein Verhältnis zu Speis und Trank erfahren wir gegen Ende der folgenden Passage.

Maxwell Smyth machte den Motor des Stingray mit einer eleganten Fünfundvierzig-Grad-Drehung seines Handgelenks aus, wartete exakt drei Sekunden und zog den Zündschlüssel ab. Er schwang die langen Beine über den niedrigen Türrahmen, und sein mit Sorgfalt um den Hals drapierter Seidenschal wurde vom Wind so aufgeweht, dass die Goldfransen lässig über den hell- und dunkelbraunen Tweed seines offenen Jacketts streiften - ein perfektes Bild mit der hellen Flanellhose und dem farblich abgestimmten braunen Turtleneck-Pullover. Die kalte Dezemberluft ließ ihn weder zittern noch den Schritt beschleunigen. Seine gemessenen Bewegungen in dem eiskalten Wind musste man ebenso bewundern wie einen unter Wasser atmenden Zauberer. Aber Maxwells Geheimnis lag in dem mikrodünnen Gewebe seiner langen Thermounterhose und in dem Wissen, dass langsame, tiefe Atemzüge die Körpertemperatur erhöhten, ohne die Herzfrequenz merklich zu verändern. Selbst für den aufmerksamsten Beobachter schien dieser Mann die Elemente außer Kraft gesetzt zu haben, obwohl es nur ein psychologischer Taschenspielertrick war, mit dem er seine schwarze Haut verschwinden ließ.

Maxwell hatte vor langer Zeit entdeckt, dass er ohne dieses Milligramm-Gewicht an Pigmenten in seiner Haut die Chancen verdoppelte, als Erster das Ziel zu erreichen. Es war überhaupt nicht einzusehen, dass es ihn abbremsen sollte, zumal dieses geringe Gewicht auch noch gleichmäßig über seine einen Meter zweiundachtzig verteilt war. Aber dieses Handicap war Jahrhunderte vor seinem Erscheinen an der Lebenspforte eingerichtet worden. Und da er kein anderes Gefilde als den Planeten Erde und keinen anderen Mitbewerber als die menschliche Spezies kannte, musste er sich an die vorgegebenen Normen halten und sich nach Kräften bemühen, aus diesem Belang eine Belanglosigkeit zu machen, um als Mann die Ziellinie zu erreichen.

Die Zauberformel dafür erlangte er durch einen glücklichen Zufall schon früh im Leben, weil er mit der ungewöhnlichen Schreibweise eines sehr gewöhnlichen Namens gesegnet war. Er erinnerte sich noch, wie ihm die Lehrerin in der ersten Klasse sein Namensschild reichte, auf dem Maxwell Smith stand, und er ihr sagte, nein, S-M-Y-T-H, und wie ihre schiefergrauen Augen zu ihm zurückhuschten und von seiner Existenz zum ersten Mal Notiz nahmen. Ob aus Ungeduld, Verlegenheit oder leichter Belustigung, in jedem Fall fand er Beachtung. In diesem Moment wurde er wahrgenommen, weil er eine feste Erwartung durchkreuzt hatte. Und Maxwell Smyth lernte, diesen Moment auszukosten und Rezeptionisten, Angestellte oder arrogante Schalterbeamte zappeln zu lassen, wenn sie sich damit abplagten, ihre Gewissheiten in Bezug auf seinen Namen und seine Existenz neu zu sortieren. Er genoss das Gefühl von Macht und Kontrolle, wenn seine Hautfarbe augenblicklich vor ihren Gesichtern vollends verblasste - ein gewöhnlicher Name hatte sich in etwas Außergewöhnliches verwandelt und hatte seinen Besitzer bei dieser Transformation mitgenommen.

Nun galt es, weitere Tricks und Kniffe zu entwickeln, mit denen er sein Handicap dauerhaft auf nichts weiter als einen nervösen Tick reduzieren konnte. Auf dem College stellte er fest, dass sein Schwarzsein hinter dem Einser-Notendurchschnitt und dem Ruf, nie zu schwitzen oder zu frieren, zu verschwinden begann. Er trainierte sich darauf, mit drei Stunden Schlaf auszukommen, ohne beim Unterricht, als Schulsprecher, als Herausgeber der Schülerzeitung und des Jahrbuchs jemals müde zu wirken. Und während sich alle wunderten, wie er es schaffte, immer derart makellos und kontrolliert zu sein, blieb ihnen kaum Zeit, zu überlegen, wer das schaffte. Seine Einundzwanzig-Stunden-Tage ließen ihm sogar Zeit, Kontakte zu knüpfen, und obwohl die meisten seiner Freunde weiß waren, war das keine bewusste Entscheidung seinerseits. Weder umwarb noch mied Maxwell die anderen schwarzen Schüler; er sah sich als jemand, der von Menschen angezogen wurde, die das innere Wesen mit ihm gemein hatten, und er lehnte jeden als oberflächlich ab - schwarz oder weiß -, von dem er glaubte, er wolle mit ihm nur wegen etwas so Belanglosem wie den Pigmenten seiner Haut zusammen sein. So fanden ihn die schwarzen Frauen, mit denen er sich verabreden wollte, seltsam, und die weißen Frauen seltsam beruhigend.

Bei General Motors ging er auf dieselbe Weise vor wie am Campus von Dartmouth und verschwand still hinter seinen außergewöhnlichen Leistungen als regionaler Außendienstmitarbeiter, als Bereichsleiter, als Vizepräsident für Verbraucherangelegenheiten und schließlich als Assistent des geschäftsführenden Direktors. Aber es stand dort viel mehr auf dem Spiel, es gab keinen Raum für Fehler; jede Verzögerung seines Aufstiegs, jeder verräterische Patzer oder Versprecher könnte das Trugbild zerschmettern, das er aufgebaut hatte. Denn Maxwell wusste, sie hätten einem schwarzen Mann nie erlaubt, an die Seite des geschäftsführenden Direktors zu rücken, es musste der beste Mann sein. Und dieses heikle Jonglieren mit der Realität erforderte perfekte Kontrolle über seine Arbeit und seine Untergebenen. Im Büro durfte nichts geschehen, das nicht ausgesprochen vorteilhaft für ihn war, oder das er zumindest so aussehen lassen konnte. Die Entscheidung, ob er seine Sekretärin anlächelte oder nicht, traf er mit derselben Ernsthaftigkeit, mit der er überlegte, ob es ratsam war, ein neues Limousinen-Modell auf den Markt zu bringen.

Die Gefahr eines Zusammenbruchs bestand nie; geistige Gesundheit gründet in Beständigkeit. Und Maxwell bewahrte sich seine geistige Gesundheit, indem er über jeden Aspekt seines Lebens gleichermaßen Kontrolle ausübte. Da er das Wetter draußen nicht manipulieren konnte, passte er seinen Körper entsprechend an; und in seinem penibel eingerichteten Haus erlaubte es ihm eine ausgeklügelte Anzahl an Luftbefeuchtern und Thermostaten, die genauen Konditionen zu bestimmen, unter denen er essen, schlafen oder sitzen wollte. Die unberechenbaren Rhythmen und Temperaturen, mit denen Sex normalerweise einherging, fand er problematisch, weshalb er selten mit einer Frau schlief. Er sah darin keine große Einschränkung, denn schon vor seinem dreißigsten Lebensjahr hatte er sich mit einer Erektion ebenso schwergetan wie mit einem Orgasmus, und daher würde er sich die Mühe sparen, bis er verheiratet war und nicht mehr darum herumkam. Kurz gesagt, sein ganzes Leben wurde ein Wettkampf gegen natürliche Triebe - und er gewann ihn.

Den Gipfel seines Erfolgs stellte sein blau-weißes, mit französischen Kacheln gefliestes Badezimmer dar. Es war einer der schönsten Räume in seinem Heim, mit italienischem Marmorinventar: einer importierten Toilette und passendem Bidet, die auf einem exklusiven weißen Teppich standen. Zitronengras und Birngrün wuchsen am Fenster und in stufenförmigen Pflanzkästen, die an der gläsernen Duschwand hingen. Über den Handtuchhaltern war ein verborgener, mit seiner Stereoanlage verbundener Lautsprecher angebracht. Das Einzige, was in dem Bad fehlte, war Toilettenpapier. Er bewahrte es im Schrank auf und holte es nur für die seltenen Gäste hervor, denn er selbst brauchte es nie. Mithilfe einer ausgesuchten Kombination aus fester und flüssiger Nahrung war er in der Lage, nicht nur den Zeitpunkt, sondern auch die genaue Beschaffenheit der Angelegenheit zu bestimmen, die ihn täglich in das blau-weiß geflieste Badezimmer führte. Sein Magen und Darm wurden mit großen Mengen Quellwasser und Kamillentee gereinigt. Abwechslung fand er in klaren Säften - Apfel, Cranberry und bei seltenen Gelegenheiten kleine Schlucke Chardonnay, vorzugsweise aus der Weinregion um Pouilly sur Loire, wo keine Hefe zur Fermentierung benutzt wird. Er fand heraus, dass die äußersten Spitzen von Brokkoli, Spargel und sogar Petersilie sein Verdauungssystem deutlich unauffälliger durchliefen als die Enden und Stiele. Fleisch junger Tiere - Baby-Jakobsmuscheln, Kalbsleber, Taubenkükenbrust ließen sich am besten verdauen. Die wurden ergänzt mit getrockneten Algen aus den Gewässern um Neuseeland, gemahlenem Knochenmehl und Weizenkeimen. Einen Bissen Kohl, eine Zwiebelscheibe oder auch nur eine einzelne Bohne hätte er sich mit derselben Begeisterung in den Mund gesteckt wie einen Löffel voll Zyanid. So wie Maxwell jeden Morgen auf seinem italienischen Marmor saß - den Kopf erhoben, die Füße bis zu den Knöcheln in dem dicken Teppich versunken, die Augen geschlossen und mit den Fingern auf den Knien den Takt eines Streich-Quartetts trommelnd, bevor er direkt zum Bidet ging, wo ihn parfümiertes Seifenwasser absprühte, und dann weiter zur Dusche - hätten diese fünf Minuten, abgesehen davon, dass er vollkommen nackt war, ebenso gut im Theater oder in einem Konzertsaal stattfinden können, ohne dass selbst seine Sitznachbarn die wahren Vorgänge auch nur geahnt hätten.

Nach dem Erfolg seines täglichen Rituals war Maxwell bereit für jede Herausforderung bei General Motors. Und auf seinem Weg durch die Lobby, hinauf mit dem Fahrstuhl und vorbei an den Büroangestellten, Stenografen und kleinen Büros seiner Untergebenen zog er die unvermeidliche Mischung aus Ehrfurcht, Neid und Hass auf sich, die außergewöhnlicher Erfolg nun mal mit sich bringt. Und natürlich wurde er missverstanden. Er hätte die Unterstellung, er versuche, weiß zu sein, vollkommen grotesk gefunden. Nichts lag ihm ferner, als weiß sein zu wollen, er bemühte sich vielmehr in jedem wachen Moment nur darum, gar keine Farbe zu haben. Die Vorwürfe "Menschenschinder" oder "Sklaventreiber" wurden nur erhoben, weil er von seiner Mannschaft das verlangte, was er auch selbst zu geben bereit war. Aber das Getuschel in der Schreibzentrale hätte er vielleicht mit leisem Vergnügen belauscht: "Weißt du, Smyth tut gerade so, als würde seine … nicht stinken" - denn sie tat es nicht. Und nachdem er die letzte Hürde genommen hatte, gab es nichts mehr, was zwischen Maxwell und der ultimativen Ziellinie stand, außer Zeit. Wenn der Vorstandsstuhl frei wurde, würde der Verwaltungsrat keinen Moment zögern und den Job dem besten Mann geben. Und dieser Mann war er.

Mit freundlicher Genehmigung des Unionsverlags
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