Zurück zu Angela Schaders
"Vorwort".
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Um Einblick in die Vielfalt von Lydia Davis' Schaffen zu geben, haben wir in der Leseprobe eine Reihe kürzerer Stücke zusammengestellt, von denen einige auch im "Vorwort" erwähnt sind. "Unsere Fremden" umfasst insgesamt elf Teile, von denen die ersten fünf präsentiert werden. Bei "Weitere Korrekturen" handelt es sich um Arbeitsnotizen der Autorin; der Text ist insofern interessant und charakteristisch, als vielleicht sogar diese rudimentären Notate im Kopf der Lesenden eigene Geschichten anstossen können. Die andere sieVon dort, wo sie sich befindet, in einem anderen Teil des Hauses, hört sie seine Stimme im Schlafzimmer, weit weg, wie sie zu ihr spricht, sanft, heimelig, nachdenklich. Er weiß nicht, dass sie nicht im Zimmer ist.
Und dann, einen Augenblick lang, hat sie das Gefühl, dass noch eine andere sie da ist, bei ihm, vielleicht sogar eine bessere, und dass sie selbst eine abgewiesene sie ist, eine verschmähte sie, dort am Ende des Flurs, weit weg von dem Zimmer, in dem die beiden etwas Nettes am Laufen haben, gemeinsam.
Vater betritt das WasserAls er lebte, ging er langsam ins Wasser, bis er zur Hüfte darin stand, und so blieb er eine Weile lang stehen, die Arme zur Seite ausgestreckt, mit den Fingern das Wasser betastend, den Blick auf den Horizont gerichtet. Dann, endlich, stürzte er sich mit einem großen Platschen nach vorne.
Wir warten. Er steht bei uns im Wasser, den Rücken zu uns gedreht, ein wenig gekrümmt. Seine blassen, sommersprossigen Arme sind seitlich ausgestreckt, seine Hände gerade übers Wasser gehalten. Dann nimmt er die Hände zusammen und taucht ab. Wir treten zurück.
Als er tot war, war es anders: Er durchbricht das Wasser mit kaum einer Welle oder einem Laut, und es schließt sich leise über ihm.
Unsere Fremden1
Menschen sind für mich Fremde. Menschen, die ich nicht kenne, haben Gewohnheiten, die überhaupt nicht mit meinen Gewohnheiten vergleichbar sind. Diese Gewohnheiten überraschen mich, wohingegen andere nicht von ihnen überrascht sind: sie werden als vollkommen selbstverständlich angesehen. Jemand ist Mitglied im Jagdverein. Jemand anderes trinkt gerne Dubonnet vor dem Essen und weiß immer genau, wann es Zeit ist für einen Drink. Diese Menschen sind nicht wie ich, und sie sind auch nicht wirklich wie die anderen, obwohl sie sich, meines Erachtens, untereinander mehr ähnlich sind, als sie mir ähneln, bloß weil sie alle gemeinsam haben, dass sie für mich Fremde sind.
Dann ziehe ich in ein leerstehendes Haus, und plötzlich wohnt nebenan ein Fremder. Ich lebe mein Leben, und er lebt nebenan sein eigenes Leben, und weil wir etwas gemeinsam haben, ergeben wir zusammen eine Art Familie. Wir sind wie eine Familie und sind nicht wie eine Familie, denn wir kommen als Fremde zusammen und gehen ein vorübergehendes Bündnis ein, während Familienmitglieder häufig zu Fremden werden und nur durch ihr Blut miteinander verbunden sind.
Ein Nachbar wird zu einer Art Cousin oder Elternteil. Oder aber ein Nachbar wird zu einem erbitterten Feind, einer unerträglichen Präsenz, die ins eigene Leben eindringt.
2
Ein Mann und sein Sohn, die hier im Dorf neben mir wohnten, hegten einen derartigen Groll gegen mich und mein Haus, dass sie alle Fenster ihres Hauses, die auf meines blickten, zugehängt haben. Doch nicht nur das - sie hängten dunkelgelbe Laken hinter ihrem Haus an einer Wäscheleine auf, um mir den Blick in ihren Garten zu versperren. Ihre Wut war noch nicht gestillt, und der Sohn brach in mein Haus ein, während ich in der Stadt war - nicht um etwas zu stehlen, sondern um etwas von mir zu beschädigen und einen Ort zu betreten, an dem er unerwünscht war. Ich hörte, wie er durch die Hintertür aus dem Haus verschwand, als ich vorn reinkam. Ich habe ihn nicht gesehen. Ich sehe ihn selten. Den Vater sehe ich nie. Nur manchmal, wenn ich im Garten arbeite, höre ich, wie er hinter dem Zaun etwas murmelt.
3
Eine andere Nachbarin von mir besitzt Orientteppiche, und ich denke manchmal darüber nach, einen zu stehlen. Sie braucht nicht alle, die sie hat. Es gibt größere Teppiche in ihrem Wohnzimmer und kleinere Läufer im Flur und noch weitere im oberen Schlafzimmer. Die meisten meiner Böden sind kahl. Im Sommer verreist sie nach Block Island. Sie schickt mir eine Postkarte aus Block Island. Sie würde nicht auf den Gedanken kommen, dass ich ihr einen Teppich gestohlen hätte, denn sie weiß, dass ich ein ehrlicher Mensch bin. Wir verbringen gerne Zeit miteinander. Wir essen zusammen zu Abend.
Doch gerade die Perfektion dieses Verbrechens, über das ich nachdenke, macht es mir unmöglich. Sie würde mich nicht verdächtigen, weil ich sie nicht bestehlen könnte, und weil ich es niemals tun könnte, kann ich es nicht tun.
4
Nahezu jede Familie in diesem Ort hatte schon einmal Schwierigkeiten mit einem Nachbarn auf der einen oder anderen Seite. Die Probleme sind nicht nur jene, die jedes Jahr wiederkehren: Hunde, die bellen oder jaulen; zu viele Lichter, die die ganze Nacht brennen; die gelegentlich laute Musik, gelegentlich laute Partys; brennende Büsche und Blätter; Feuerwerkskörper oder röhrende Geländewagen auf den Feldern. Das sind Belästigungen, die die Menschen meistens hinnehmen. Die größeren Probleme haben damit zu tun, was entlang der Grundstücksgrenzen passiert. Die gemeinsamen Grundstücksgrenzen sind der Fokus äußerst starker Emotionen.
Einige der Probleme sind folgende: Ein Mann und seine Frau bauen illegalerweise eine winzige Terrasse, die sich nur wenige Meter von der Grundstücksgrenze entfernt befindet. Sie weigern sich, die Terrasse zu versetzen. Ihr Nachbar spricht nicht mehr mit ihnen.
Dann ist da noch ein Komposthaufen. Diese Leute, begeisterte Gärtner, haben drei große, aber gut gepflegte Komposthaufen in der hintersten Ecke ihres Gartens angelegt, weit entfernt von der Straße und von ihrem Haus, jedoch angrenzend an den Garten des Nachbarn. Dies empfindet der Nachbar als Beleidigung. Er spricht kein Wort mehr mit ihnen.
Ein anderer Ortsbewohner lässt seine Katzen frei herumlaufen, sie schlüpfen aus dem Haus und wieder hinein durch eine Katzentür auf seiner hinteren Veranda. Wir haben aufgehört nachzuzählen, wie viele Katzen es sind. Er lässt sie nicht sterilisieren, und sie vermehren sich. Auf ihren Streifzügen besuchen sie die Gärten aller Anwohner, die gesamte Straße entlang. Sie pirschen sich durchs hohe Gras und markieren Türschwellen und fangen Singvögel. Doch soweit wir wissen, hat sich noch niemand bei ihm beschwert.
Einmal gab es ein Problem mit einem Zaun, der entlang einer gemeinsamen Grundstücksgrenze errichtet worden ist. Die Errichtung des Zauns wirkte unhöflich, da die besser aussehende Seite nicht den Nachbarn zugewandt war. Die Etikette beim Aufstellen eines Zauns schreibt vor, dass die besser aussehende Seite des Zauns den Nachbarn zugewandt sein sollte, als Zeichen der Höflichkeit und der Versöhnung.
Ein Nachbar verbrennt giftige Stoffe in einer Tonne unweit der Grundstücksgrenze. Die Polizei wird gerufen. Als Vergeltungsmaßnahme wird die Haustür des Anrufers stark beschädigt.
Es gibt einen Anwohner, der an seiner Grundstücksgrenze nichts Anstößiges tut, er ist lediglich still und feindselig. An einen Baumstamm in seiner Einfahrt ist ein Holzbrett angenagelt, mit dem Bild eines Gewehrs und der Aufschrift:
Wir rufen nicht die Polizei.
Ein Anwohner hat die Grundstücksgrenze des Nachbarn falsch eingeschätzt, sie zu Fuß überschritten und eine Asiatische Lilie in die Erde gepflanzt, nicht weit weg vom Rand eines Bestandes von Schösslingen. Nachdem er auf die korrekte Grenzlinie hingewiesen wurde, entfernte er die Lilie, worauf sein Nachbar "Betreten verboten"-Schilder an einigen Bäumen vor seinem Grundstück befestigte.
Zwei Bürgermeister und ein WortBei einer monatlichen Versammlung steht der ehemalige Bürgermeister unserer Stadt auf und bringt einen Einwand vor. Er echauffiert sich in der Öffentlichkeit über den amtierenden Bürgermeister.
Der ehemalige Bürgermeister beanstandet die Verwendung eines bestimmten Wortes durch den amtierenden Bürgermeister:
Diese besteht in einer falschen Negation, sagt er, und hat in einem städtischen Dokument nichts zu suchen.
Der amtierende Bürgermeister gibt schnell nach, allerdings mit einem Lächeln, dessen Bedeutung wir nicht lesen können, und ändert das Dokument.
(Das betreffende Wort lautet: unrelevant.)
Mein Deutsch verbessernMein ganzes Leben lang habe ich versucht, mein Deutsch zu verbessern.
Endlich ist mein Deutsch besser geworden!
Aber jetzt bin ich alt und krank.
Ich werde bald sterben.
Aber wenn sie mich ins Grab bringen,
wird eine Sache
irgendwo in meinem Gehirn sein:
besseres Deutsch.
Weitere Korrekturendie Großbuchstaben bei Navy beibehalten
streiche "versuchen" in Allein Fisch essen
"Laute Frauen" von "Widerliche Männer" trennen
"welche", wenn darauf ein Komma folgt, würde uns denken lassen,
die Bäume seien die Hühner, die sich zum Schlafen niederlassen
falsches Komma beibehalten
Komma vor Parkplatz einfügen
die einfachere Lösung wäre, das Lamm zu entfernen
"und spart" nach "sammelt" einfügen
"aus dem Haushalt" nach "weggeworfene Papierstücke" einfügen
"Aerogramm" in "Aerogrammbrief" ändern
"blaues" vor "Aerogramm" einfügen
"Brokkoli" und "Salat" in typische indonesische Gemüse ändern
(indonesisches Gemüse recherchieren)
kleines Mädchen im Blaubeerstrauch herausnehmen
SpätnachmittagWie lang der Schatten ist,
der sich über die Theke legt,
geworfen von diesem Salzkorn.
Mit freundlicher Genehmigung des Literaturverlags Droschl