13.08.2024. Ein bisschen süchtig machen können sie schon, die Kurz- und Kürzestgeschichten der Amerikanerin Lydia Davis. Aber Begierde hin oder her, zum schnellen Konsum eignen sie sich nicht. Was bringt diese in unprätentiöser Sprache aufgesetzten Alltags-Miniaturen derart zum Funkeln?
Lydia Davis, 2021. Foto: Theo CoteEinen geklauten Satz als eigene Story - jawohl, als eine ganze Geschichte - zu präsentieren: Ist das der Gipfel der Frechheit oder Literatur? Die erste Hälfte jenes Satzes hat Lydia Davis dann gleich noch als Titel auf den Umschlag des betreffenden Erzählbands gehisst: Grund genug, sich diese keck flatternde Fahne genauer anzusehen.
"Samuel Johnson Is Indignant" heißt das im Original 2001 erschienene Buch, "Samuel Johnson ist ungehalten" Klaus Hoffers Übersetzung aus dem Jahr 2017. Blättert man zur titelgebenden Story, findet man sie mit maximaler Ökonomie gesetzt - die erste Satzhälfte dient zugleich als Überschrift.
Samuel Johnson ist ungehalten: dass Schottland so wenig Bäume hat.
Laut der Schriftstellerin ist der Satz vom Johnson-Biographen James Boswell übernommen, der den englischen Gelehrten und Lexikographen 1773 auch auf einer Reise nach Schottland und den Hebriden begleitet hatte. Sucht man in Boswells "The Life of Samuel Johnson, LL.D." und seinem "Journal of a Tour to the Hebrides with Samuel Johnson, LL.D." nach dem Original des Zitats, findet man allerdings im letzteren Werk zwar Passagen, die Johnsons Unmut über die fehlende grüne Pracht dokumentieren, nicht aber den Satz im obigen Wortlaut. Umgekehrt ist Lydia Davis - die neben ihrem eigenen Schaffen auch als Übersetzerin von Autoren wie Proust und Flaubert, Michel Leiris und Maurice Blanchot hervorgetreten ist - dem geschriebenen Wort so sehr verpflichtet, dass man ihrer Aussage im Gespräch mit Andrew Lawless nicht ohne weiteres misstrauen mag. "In der Form, die er in meinem Buch annimmt", heißt es dort, "ist der Satz nicht ganz der meinige, aber auch nicht mehr ganz der seinige. Oder vielleicht ist die Geschichte von mir, während der Satz noch immer seiner ist."
Im Blick auf Davis' Schaffen noch relevanter als die oszillierende Frage der Aneignung ist jedoch die im zweiten Satz der Antwort implizierte Behauptung, sie habe aus dem Zitat eine Geschichte gemacht. Auf diesen Punkt nämlich wird die Schriftstellerin immer wieder angesprochen: Wann, wie, wodurch wird eine Texteinheit zur Geschichte? Mit gerade einmal zehn Wörtern ist "Samuel Johnson" zwar ein besonders kompaktes Beispiel, aber viele von Davis' Stories sitzen, von reichlich Weißraum umgeben, eher wie Gedichte auf der Buchseite, manchmal sogar mit entsprechendem Zeilenfall. Diese Kürzestformen, deren diamantklarer Feinschliff sich oft im Habitus scheinbar schlichter Sprache und unauffälliger Geschehnisse verhüllt, haben die 1947 geborene Schriftstellerin längst zu einer Ausnahmeerscheinung gemacht, der auch hoch renommierte Kritiker wie James Wood Reverenz erweisen. Sie habe ein Werk geschaffen, schreibt der britische Literaturwissenschaftler und Harvard-Dozent, das wahrscheinlich einzigartig sei innerhalb der amerikanischen Literatur, kraft seiner "Kombination von Luzidität, aphoristischer Kürze, formaler Originalität, hintergründiger Komik, metaphysischer Trostlosigkeit, philosophischer Dringlichkeit und menschlicher Weisheit". Besser, umfassender lässt sich der Charakter von Lydia Davis' Schaffen nicht charakterisieren.
Wie aber beantwortet sie selbst die Frage, wodurch sich eine Geschichte definiere? Im erwähnten Gespräch mit Lawless etwa weist sie auf den Gesamtkontext hin. Neben radikalen Abbreviaturen enthalten ihre Bücher stets auch größere Formate mit klar erzählerischem Charakter, und vielleicht, meint sie, würden erst diese längeren Stücke die Leser dazu veranlassen, auch die ganz kurzen als Geschichten zu lesen. Diese letzteren, so Davis, wünsche sie sich "eher explosiv, in dem Sinn, dass sie im Geist des Lesers größer werden"; und zu einer solchen Übung taugt unser Beispiel nicht schlecht. Allein das Adjektiv, sei es nun das englische "indignant" oder das deutsche "ungehalten", kann man sich auf der Zunge zergehen lassen, kann vor dem inneren Auge Johnsons Brauen dräuen, seine Wangen in tief empfundenem und dennoch maßvollem Missmut beben sehen - und obendrein, über 250 Jahre hinweg, mit dem Gelehrten fühlen. Denn was er schaut und geißelt, fügt sich ins heutige ökologische Bedrohungsszenario: Schottland kämpfte schon im Mittelalter mit der um sich greifenden Entwaldung, im 18. Jahrhundert führte die dort früh einsetzende industrielle Revolution zur immer hemmungsloseren Plünderung der Baumbestände.
Das "Explosive", das dem Kurztext innewohnen soll, umreißt Lydia Davis in einem 2010 in der Zeitschrift "Du" erschienenen, online leider nicht mehr greifbaren Interview mit Thomas David noch genauer als "etwas, das einen woandershin versetzt, etwas, das im Kopf des Lesers eine eigene kleine Geschichte inspiriert". Als ich 2015 selbst Gelegenheit hatte, die Schriftstellerin zu ihrer Arbeit zu befragen, sprach ich das Thema im Blick auf die Genese ihrer Texte ebenfalls an: Wie viel oder wie wenig es brauche, um eine Geschichte zu machen? Dazu sei kein ehrgeiziger Plan nötig, antwortete Davis. "Ich greife sehr vieles direkt aus dem Leben heraus, das verändert die Prämissen völlig. Man lebt Stunde für Stunde, trifft Leute, hört zu, beobachtet - da ist Material in Hülle und Fülle." Aber wie findet man in diesem Strom der Wahrnehmungen eben jenes Atom, das dann die nötige Sprengkraft entfaltet? "Ich denke, es muss eine Spur neben dem Gewöhnlichen liegen - es muss gewöhnlich sein, aber nicht ganz. Ein bisschen überspannt, ein bisschen seltsam, oft lustig. Häufig geht es um Sprache, um eine merkwürdige Formulierung, auf die ich zufällig gestoßen bin. Also: Pathos, Humor und Sprache." Hier bleibt zu ergänzen: Auch wenn Humor, in seinen feinen, raffinierten Spielarten, tatsächlich ein Kernelement von Lydia Davis' Schaffen ist, schließt das die dunklen und schmerzhaften, die tristen, erbärmlichen, demütigenden Aspekte menschlichen Lebens und Erlebens in keiner Weise aus.
Das gilt auch für ihr jüngstes Werk, den im Original 2023 erschienenen Band "Our Strangers", den Davis' hiesiger Stammverlag Droschl dieser Tage in Jan Wilms deutscher Übersetzung vorlegt. Der Buchtitel, so erzählt Davis im Interview, das sie im vergangenen Oktober dem New Yorker gewährte, war inspiriert durch einen Bericht über zwei Sonderlinge, die isoliert und wenig geschätzt am Rand einer amerikanischen Ortschaft lebten; als die Behörden die Männer aber zum Verlassen ihres vergammelten Hauses zwingen wollten, stellten sich die Menschen im Handumdrehen hinter sie. Ein Paradox, welches die Schriftstellerin entzückte. Ja, in den Augen der Mitbürger seien die beiden Männer Outcasts, Fremde gewesen, kommentiert sie. Aber eben: "unsere Fremden".
Der 147 Texte umfassende Band wirkt konzeptueller, stärker einem Leitthema verpflichtet als Davis' frühere Erzählsammlungen. So macht die Lektüre nicht zuletzt klar, wie viele Lesarten dem titelgebenden Wortpaar abgewonnen werden können. Wenn es Fremde sind, die unvermittelt zu "unseren" werden: Wie geschieht dies, was entsteht daraus, wie verändert sich damit die zwischenmenschliche Distanz? Umgekehrt können auch die Unseren plötzlich ins Fremde abrücken - durch ein missverständliches Wort, einen Moment der Kälte oder die letzte, einschneidendste Trennung, den Tod. So bildet sich eine eigentliche Topografie der Beziehungen heraus, die vom engsten sozialen Umfeld bis in herrlich abstruse Verzweigungen reicht.
Wie in allen voraufgehenden Erzählbänden und auch in "The End of the Story" (1994, dt. "Das Ende der Geschichte"), Lydia Davis' einzigem Roman, liegt dabei ein gewisser Schwerpunkt auf Ehe und Partnerschaft, wobei die Texte vornehmlich die weibliche Perspektive reflektieren. Da wird in der Regel ein beträchtlicher Reibungsfaktor spürbar, und meist scheint der Mann die Oberhand zu haben. Umso mehr erstaunt, wie die Schriftstellerin selbst im Gespräch mit Thomas David die Rollen zuordnet: "Was den Charakter meiner Figuren angeht, so glaube ich, dass 'sie' meist die nachdenkliche, besorgte und ziemlich fordernde Person ist, und 'er' vielleicht das Opfer." Zwar ergänzt sie, manchmal könne es auch umgekehrt sein - aber in jedem Fall ist hier, wie stets bei Davis' Texten, eine achtsame Lektüre geboten.
Neben dem oft unterschwelligen Gezerre, das sich in Paarkonstellationen abspielen kann, gibt es in "Unsere Fremden" auch Momente leiser, poetischer Verstörung - etwa "Die andere sie", die wir in der Leseprobe vorstellen; oder pfiffig-prägnant gefasste "Ehemomente der Verärgerung" wie diesen:
"Sie versuchte gerade, ihm etwas zu erklären. Was sie sagte, war verwirrend, widersprüchlich und ein wenig unzusammenhängend. 'Du bist wie dieses Versicherungsdokument', sagte er zu ihr."
Eine wunderbar friedvolle, lyrische Eheszene entwirft dagegen "An einem Winternachmittag". Kein Wort fällt, das Paar, wohl schon etwas älter, ist ganz in die Lektüre vertieft. Auf ihren behaglichen Stammplätzen schlummern zunächst die beiden Kater ein, dann nacheinander Mann und Frau. Aber was genau wird hier gespielt - oder angedeutet? Der Schluss - "Inmitten dieser Stille rauscht nur noch die Heizung in der Küche und bringt ein wenig Wärme ins Haus" - wirft plötzlich einen fahlen Lichtschein auf die Idylle.
Dass man hinter diesem letzten Satz die Nähe des Todes vermuten mag, ist mittelbar auch durch den größeren Kontext bedingt. Eine Handvoll Texte im Band widmet Lydia Davis nämlich den zugleich Nächsten und Fernsten, ihren verstorbenen Eltern. Auf überraschende Art illustriert etwa "Neue Dinge in meinem Leben" die Macht dieser inneren Bindungen: Ans Verschwinden der Angehörigen kann sich die Ich-Erzählerin dort so wenig gewöhnen, dass ihr eigener Lebenslauf zunehmend aus dem Takt gerät. Der schönste und subtilste der Eltern-Texte aber ist "Vater betritt das Wasser"; er findet sich ebenfalls in der Leseprobe.
Ähnlich den "Ehemomenten der Verärgerung" entwirft Davis auch für den familienbezogenen Themenkreis eine Serie skurriler Intermezzi, nämlich die von 1 bis 9 nummerierten "Berühmtheitsgründe". Es sind kurze Texte, in denen die Schriftstellerin auf ziemlich halsbrecherischen Denkpfaden familiäre oder persönliche Beziehungen zu Berühmtheiten wie Ezra Pound, Karl Marx oder dem Gotenkönig Theoderich herstellt. Letzterem fühlt sich die Sprecherin im Gedicht quasi wahlverwandt, denn "wir beide interessieren uns für die Stadt Arles in Frankreich und haben einen Teil unseres Privatvermögens in sie investiert". 42 Dollar sind's auf der einen, der stattliche Batzen für die Gründung eines Klosters auf der anderen Seite.
Während das Beziehungsnetz der Freundinnen und Freunde im Buch eher spärlich beleuchtet wird, rücken gleich mehrere Texte die Nachbarschaft in den Blick: sei es die relativ dauerhafte, die einem die Wahl des Wohnorts beschert, oder die zufällige, befristete, die sich etwa während einer Zugfahrt ergeben kann.
Die vielfältigen Herangehensweisen der Schriftstellerin zeigen sich auch in diesen Stücken. Die Titelgeschichte etwa, die mit dem Paukenschlag "Menschen sind für mich Fremde" einsetzt, modifiziert diese Behauptung, sobald der erste dieser "Fremden" in den Blick genommen wird: Die lose Verbindung, die sich nach einem Umzug zwischen der Ich-Erzählerin und dem neuen Nachbarn ergibt, scheint ihr organischer als so manche familiären Bande. Davon ausgehend, entwirft Davis mal auf persönlicher, mal auf allgemein reflektierender Ebene eine Soziologie des dichten und gerade deshalb von manchmal umso grimmiger gehüteten Grenzen durchzogenen nachbarlichen Zusammenlebens. Da kann einem schon mal ein Warnschild begegnen "mit dem Bild eines Gewehrs und der Aufschrift: Wir rufen nicht die Polizei"; umgekehrt gibt es auch den Rentner, der sich bei Bedarf um den Sittich der Nachbarn kümmert und dem Vogel dabei gleich noch eine tägliche Vorlesestunde widmet.
Ganz anders als diese Sammlung mehrheitlich eher vorstädtischer Szenen ist "Sorry für die Störung" getaktet: mit 24 Seiten einer der längsten Texte im Band, doch lose aufs Papier gestreut in Form von kurzen Einträgen, wie man sie in einem urbanen Gruppen-Chat findet. Da bittet jemand um einen Tipp bei der Suche nach einer Zahnärztin oder einem tüchtigen Fensterputzer, Verkaufsangebote werden aufgeschaltet und mit etwas Glück fast umgehend für beendet erklärt: Ein Wok oder die "Mahagoni-Sopran-Ukulele von Ohana" sind offenbar heiß begehrte Objekte. Mit schöner Regelmäßigkeit sind auch Umzugskartons zu vergeben oder werden dringend gesucht. So fügt sich das Puzzle der Mitteilungen zum Bild einer wohl mehrheitlich eher jungen, mobilen, aufstrebenden Community, die mit dem Hashtag ungleich mehr anfangen kann als mit dem Gartenzaun.
Als typisches Lydia-Davis-Stück, nämlich als eine zugleich leichthändig und eindringlich beschworene Erfahrung der Verwirrung und Beschämung, präsentiert sich die "Begebenheit im Zug". Die Ich-Erzählerin muss aufs Klo und bittet, etwas vorschnell, das Pärchen auf der anderen Seite des Gangs, auf ihre Sachen aufzupassen; erst auf den zweiten Blick realisiert sie, dass die jungen Leute mäßig vertrauenswürdig wirken. Der Versuch, einen Mitpassagier zu finden, der seinerseits die Hüter ihrer Habseligkeiten überwacht, führt zu einer Kaskade absurder Konfrontationen und Gespräche, bei der auch mal eine alte Dame voreilig für tot erklärt wird und selbige Dame dann wiederum ihre gleich neben ihr sitzende Tochter energisch verleugnet - während sich die Ursache des ganzen Gezänks, nämlich das Misstrauen der Erzählerin, am Ende als völlig unbegründet erweist.
Während sich hier aus den Zufalls-Nachbarschaften der Reise eine tatsächliche Interaktion ergibt, ist es oft das reine Beobachten und Mithören, das die Fremden im Zug, auf dem Flughafen oder im Restaurant näher rücken lässt. Ein einziges betontes Wort genügt, um eine Vignette von leicht vergifteter Eleganz zu inspirieren, die durch den übergewichtigen Titel - "Reife Frau gegen Ende einer Diskussion über Regenmäntel beim Mittagessen mit einer anderen reifen Frau" - noch pointierter wirkt:
"Sie sagt in einem vernünftigen Ton, 'Es muss ja nicht unbedingt ein Burberry sein!'"
Oft sind es sprachliche Nuancen oder Exzesse, durch die Wildfremde plötzlich Aufmerksamkeit wecken; und Sprache ist, neben dem Titelmotiv, denn auch das zweite Leitthema in "Unsere Fremden". In "Brief an den Vater" greift Davis noch einmal die Grammatik des Todes auf, die sie schon in einem früheren Erzählband erkundet hatte: In welcher Zeitform spricht man von einem Sterbenden, einem Verstorbenen? Hat man noch einen Vater, wenn er tot ist, oder ist das Band zerschnitten, die Beziehung in die Vergangenheitsform relegiert? Von eher scherzhaftem Ernst ist dagegen das sprachwissenschaftliche Streiflicht, welches in "Ei" zum eigentlichen Sujet des Prosastücks führt: der reizenden Skizze zweier Dreikäsehochs, die angesichts eines runden weißen Gegenstands zwar beide meinen, es handle sich um ein Ei, hinsichtlich der Aussprache des Wortes aber uneins sind. Auch punkto Erkenntnis sind sie, wie sich weisen wird, noch nicht ganz auf der Höhe - auf dem Boden liegt faktisch ein Pingpong-Ball. Noch feiner ausgesponnen sind die Betrachtungen in "Eine Ameise", welche die Frau, die das unscheinbare Tierchen so genau in den Blick nimmt, am Ende zur Frage treiben, ob man seine Präsenz als "Gesellschaft" bezeichnen könne. Das ja, beschließt sie; aber die Ameise "Gesellschafterin", "Kameradin" zu nennen? Das sei "etwas schwieriger".
Insbesondere am Anfang der zweiten Abteilung des in fünf Segmente unterteilten Bandes tritt die Sprachthematik hervor, und hier legt Davis auch ein paar Fallen für die Kolleginnen und Kollegen aus der Übersetzerzunft aus. In gleich zwei Varianten inszeniert sie etwa das "Gespräch auf lauter Party an verschneitem Winternachmittag auf dem Land": Es geht darin um den toten Vogel, den ein Gast am Wegrand gefunden hat, einen Sägekauz. Auf Englisch heisst er saw whet, und daraus lässt sich eine ganze Reihe von Beinahe-Homophonen ableiten - saw what?, say what? so what - die Davis dann ausspielt, um die Missverständnisse in der vom Partylärm gestörten Unterhaltung zu generieren.
Im Deutschen lässt sich das praktisch nicht einholen; Jan Wilm, der nun offenbar den langjährigen Davis-Übersetzer Klaus Hoffer ablöst, hat sich auf die Kombination "Buntspecht/unecht" beschränkt. Der Verlust an Sprachwitz ist spürbar - so hätte es sich bei diesem und einem weiteren sprachlichen Tückestück gelohnt, zumindest teilweise der Strategie zu folgen, die sein Vorgänger in einem ähnlichen Fall angewendet hat. Hoffer fing das unübersetzbare Sprach- und Gedankenspiel des Prosastücks "A Mown Lawn" auf, indem er mit "Mond-Land" einen inhaltlich anderen, aber punkto Idee und Klanglichkeit verwandten Text schuf und dieses Vorgehen in einem Nachwort erläuterte, das auch Davis' Originalversion und sogar eine englische Rückübersetzung seiner eigenen Fassung präsentierte. Das Wagnis einer Neuschreibung ist nicht zwingend, ein kommentierender Anhang, der die Originaltexte präsentiert, wäre jedoch auch im neuen Band sinnvoll gewesen.
Grundsätzlich ist Jan Wilm über weite Strecken eine dem Fluss von Davis' Prosa entsprechende, unprätentiöse und lebendige Übertragung gelungen; da und dort werden vielleicht sprachliche Feinheiten verpasst, denen man auch hätte gerecht werden können. Rätselhaft bleiben angesichts des insgesamt positiven Eindrucks allerdings etliche massive Patzer, die sogar an Stellen auftauchen können, wo das Original unmissverständlich ist. Spätestens das Lektorat sollte aufmerken, wenn etwa in "Die Menschen in meinen Träumen" die Fragen einer dieser Traumfiguren grund- und im Kontext auch sinnlos zu Erklärungen umgemünzt werden; oder wenn der Sprecherin in einem anderen Gedicht "immer schon die Pilze ins Auge geschossen" waren, wo es bei Davis ganz undramatisch heißt: "I had always noticed the mushrooms".
Obwohl Lydia Davis ihren Themen und literarischen Herangehensweisen in diesem Band treu bleibt, entwirft "Unsere Fremden" mehr als frühere Werke auch Szenarien amerikanischen Lebens. Sie mögen skizzenhaft sein, auf die Reviere einer weißen, mehrheitlich besser gestellten Schicht beschränkt und mit entsprechend großen, derzeit besonders kritisch wahrgenommenen Leerstellen. Aber zumindest in einem Text verbirgt sich eine brandaktuelle politische Botschaft. "Wie er sich mit der Zeit veränderte" heißt er, und nicht mit der amerikanischen Geschichte vertraute Leser tun sich vielleicht zunächst etwas schwer, den "er" zu identifizieren. Da und dort weist ein Signal den Weg: Es muss sich um einen Staatsmann handeln, seine Residenz prunkt mit einer oktogonalen Halle, seine umfangreiche Bibliothek, die er aus Geldnot verkauft, wird zum "Grundbestand der riesigen Staatsbibliothek". Thomas Jefferson also. Wirklich? Dass ihm, wie es Davis' Text schildert, das Geld in späten Jahren knapp wurde, dass Altersbeschwerden ihn plagten, deckt sich mit der Biografie - aber was sollen die schmierigen Porträts seiner selbst, denen in dieser Lebensphase die einst gediegene Gemäldesammlung weichen muss? Die Goldfarbe, die sich über die geleerten Bücherregale und die Wände der Eingangshalle ausbreitet? Wer ist gemeint, wenn von der geistigen Verengung, der Intoleranz, dem Verlust der Ideale die Rede ist, die "ihn" Amerika am Ende nur mehr "als eine riesige und reiche Ressource, die es auszubeuten galt" sehen lassen?
Richtig: Jefferson ist es nicht. Unter der Hand der Schriftstellerin hat sich das Porträt des dritten amerikanischen Präsidenten in dasjenige des derzeitigen republikanischen Präsidentschaftskandidaten gewandelt.
Lydia Davis: Unsere Fremden Stories Aus dem Amerikanischen von Jan Wilm. Literaturverlag Droschl, Graz-Wien 2024. 312 Seiten, gebunden, 26 Euro.
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