Vorworte

Leseprobe zu Samanta Schweblin: "Das gute Übel"

Über Bücher, die kommen.
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Unsere Leseprobe ist der Erzählung "Die Frau von Atlántida" entnommen. Zum zweiten Mal suchen die Schwestern nachts das Haus der Dichterin auf und setzen ihre Räumungs- und vermeintliche Rettungsaktion fort. Zwei kurze Passagen blenden ins Tagesgeschehen am Meeresstrand. Die Mädchen können nur im Wasser über ihre seltsame Bekanntschaft sprechen und müssen nebenbei auch ein Auge auf den starken Wellengang haben. Das "Sie kommt!" am Schluss bezieht sich auf einen anrollenden Brecher.

Endlich hatten wir all die Tagstunden, die man ertragen musste, bis die Nacht kam, hinter uns gebracht. Endlich gingen in unserem Haus die Lichter aus, endlich war es still und wir konnten auf Zehenspitzen aufstehen, uns geräuschlos hinausschleichen, über eine Mauer klettern, Gatter öffnen, den Labrador auf dem Hof mit den Zitronenbäumen streicheln, damit er leise jaulte und uns nicht anbellte, endlich gelangten wir über einen Umweg, um dem Mann nicht zu begegnen, der immer noch jede Nacht in seinem Garten las, durch die seitlichen Büsche ans Haus der Dichterin.

In dieser Nacht durchwühlte sie, als wir ankamen, gerade den Müll, den wir in der Küche aufgetürmt hatten. Sie wollte uns nicht sagen, was sie suchte, aber sie ging immer wieder zu den Tüten zurück und wühlte weiter.

"Alles durcheinander!", klagte sie bei einem ihrer Gänge, mit Blick auf das ordentliche Wohnzimmer.

Sie hatte mehr Energie als am Vortag, war aber auch betrunkener. Meine Schwester sagte ihr, wenn sie Inspiration haben wolle, müssten wir ein paar Übungen machen. Sie schob den kleinen Tisch neben dem Sessel weg und sagte, wir sollten uns auf den Rücken legen, ganz dicht nebeneinander, denn wir würden eine Meditation machen, die uns zu unserem Selbst finden ließe. Wo hatte sie nur diese Übung her, war das etwas, das sie gelernt hatte oder erfand sie das gerade? Ich fragte, warum ich auch mitmachen müsse, und meine Schwester sagte, wenn die Inspiration nicht den Körper der Dichterin erfasse, müsse sie in meinen eindringen, und von dort würde sie selbst sie auf die Frau übertragen. Ich war einverstanden, und wir legten uns auf den Boden. Ihre Entspannungsanleitungen waren so gut, dass ich fast einschlief, und in dieser wie in beinahe jeder der darauffolgenden Nächte, in der wir die Meditation wiederholten, wachte ich erst wieder richtig auf, wenn meine Schwester brüllte "Gib ihr deine Hand!", "Gib ihr deine Hand!", denn so sollte ich die Inspiration an die Frau weitergeben. Aber obwohl sie jede Nacht meine Finger ganz fest drückte, ging nie etwas von meinem Körper auf sie über.

Wir brachten die beiden Bäder in Ordnung. Auf dem Weg vom einen zum anderen entdeckte ich an der Wand zwischen kleinen Spiegeln und Postkarten ein Foto, auf dem ich sie wiedererkannte. Sie saß in einer Bar, zusammen mit einigen anderen Leuten. Mit Ausnahme der Frau neben ihr waren es alles Männer. Ob es wohl auch Dichter waren? Wo waren all diese Leute jetzt? Wussten sie, dass die Frau keine Inspiration mehr hatte?

Wir warfen praktisch alles weg außer einigen gut erhaltenen Handtüchern, einem nicht geöffneten Parfum und einem Schächtelchen mit Ringen und Armbändern. Von zu Hause brachten wir Toilettenpapier mit, denn die Dichterin hatte keines mehr, und wir hatten auch unsere Bedürfnisse; und ein Spiralheft, das meine Schwester nicht mehr brauchte. Es war kariert und handtellergroß, was uns für Gedichte ideal vorkam. Da die Frau immer alles zu verlieren schien, banden wir einen Kugelschreiber an die Spirale. Dann machten wir uns auf die Suche nach einem etwas dickeren und elastischen Band, das nicht in die Haut einschnitt. Wir trennten einen Stoffgürtel aus einem ihrer Kleider heraus und befestigten damit das Notizheft an ihrem Handgelenk.

"Bleiben Sie immer in Verbindung mit Ihrem Stoff", sagte meine Schwester.

Sie zog mehrmals den Knoten an dem Heft nach, damit er auch wirklich fest war. Wir knieten uns vor der Frau hin und küssten ihre Hand.

"Sie sind gesegnet", sagte ich.

Ich war weder so wortgewandt noch so streng wie meine Schwester, spürte aber intuitiv, dass ich, wenn etwas bei der Dichterin Wirkung zeigen sollte, besser die angefangenen Sätze meiner Schwester zu Ende brachte.

"Wie heißt ihr?", fragte sie.

Meine Schwester antwortete nicht, weshalb ich, obwohl ich alles dafür gegeben hätte, meinen Namen zu nennen, auch schwieg.

Wir vermuteten, dass sie tagsüber schlief, die Zeit vertrödelte und ihren Wein trank, mehrere Flaschen, die wir später aufsammelten und mit dem Müll entsorgten. Aber was machte sie sonst noch? Wenn sie nicht putzte, nicht kochte, niemanden hatte, für den sie sorgen musste, wie verbrachte sie dann ihre Tage? Was bedeutete es, Dichterinnen-Dinge zu tun, und wie lange brauchte sie dafür? Und der Alkohol, war der ein Muss? Wir wussten, wie die leeren Flaschen das Haus verließen, aber woher hatte sie die vollen? Wir glaubten nicht, dass sie in der Verfassung war, allein auf die Straße zu gehen, deshalb musste sie die Flaschen irgendwo versteckt haben, obwohl wir noch nicht herausgefunden hatten, wo sie ihre Beute verwahrte.

Wir begannen jede Sitzung damit, dass wir die Frau im Haus ausfindig machten und sie überredeten, sich zu dem Toilettensitz führen zu lassen, auf den wir sie dann für die Anfangshygiene setzten. Wir taten ein wenig Seife auf ein feuchtes Handtuch und reinigten ihr das Gesicht und die Achseln. Es war so heiß, dass sie fast immer Tops oder ärmellose T-Shirts trug, aber einmal, als sie etwas mehr anhatte und wir versuchten, sie für die Körperpflege auszuziehen, stand sie erschrocken auf, umschlang ihren Körper und schloss sich eine Weile in ihrem Zimmer ein. Einmal epilierten wir ihr den Damenbart, und als wir den Wachsstreifen gegen das Licht hielten, waren die Haare viel dicker, als sie in ihrem Gesicht wirkten. Manchmal säuberten wir mit Wattestäbchen ihre Ohren oder ließen sie mit Mundwasser spülen und wieder ausspucken. Wenn sie für diese anstrengende Übung nicht nüchtern genug war, mussten wir die ganze Zeit über ihren Atem ertragen, und das war ziemlich eklig.

Wir kontrollierten das Heft, um zu sehen, ob sie etwas geschrieben hatte. Sie schrieb fast nie etwas hinein, und das, was sie schrieb, schien uns alles andere als Dichtung zu sein. Einmal notierte sie eine Einkaufsliste, und am nächsten Tag eine Telefonnummer. Die Telefonnummer von wem? Sie erinnerte sich nicht oder wollte es uns nicht sagen. Die Aussicht, das Heft aufzuschlagen und endlich ein Gedicht darin zu finden, elektrisierte mich. Ich fragte mich, was für ein Thema sie wählen würde und woher es wohl käme. Wäre es etwas, das ihr selbst passieren musste, oder etwas, das sie irgendwo finden würde? Und wenn sie es fände, wie wusste sie, dass es das war, was sie suchte?

"Glaubst du, das Heft hängt heute Nacht immer noch an ihrem Handgelenk?", fragten wir uns gegenseitig zwischen Welle und Welle. In einem hellen Augenblick hatte sie nämlich den Gürtel mit einer Kordel verlängert, weshalb sie das Heft jetzt in die hintere Hosentasche stecken konnte. Es war ein Wunder, dass sie das Band noch nicht abgeschnitten hatte oder das Heft noch nicht vollgepinkelt oder mit Tomatensoße bekleckert war, von diesen verflixten, halb aufgegessenen Nudeltellern, die wir überall im Haus fanden.

Auf jeder Seite des Kamins gab es ein Bücherregal. Meine Schwester versicherte uns, dass es eine wichtige Übung wäre, die Bücher eines nach dem anderen herauszunehmen, jeden Titel laut vorzulesen und mit dem Rücken nach innen wieder zurückzustellen. "Sind die Titel verborgen", sagte meine Schwester salbungsvoll, "entflammt der Durst der Dichterin". Ich stieg auf eine Trittleiter und reichte den beiden die Bücher. Eine Zeitlang befolgte die Dichterin die Anweisung und las die Titel der Bücher vor, die man ihr in die Hand gab, doch nach einiger Zeit stand sie von ihrem Sessel auf und wanderte umher. Und wenn sie einmal das Interesse verloren hatte, wollte sie immer nur noch abhauen. Sie schloss sich weinend im Badezimmer ein, legte sich ins Bett oder verschwand in der Besenkammer, die einen dieser alten Schlüssel hatte, mit dem man sie von innen zumachen konnte.

"Wisst ihr, wie ich heiße?", fragte sie uns einmal.

"Wir geben den Dingen besser keine Namen", sagte meine Schwester.

Mir tat es leid, dass sie so schroff war, aber ich erkannte auch, dass die Frau nachdenklich geworden war. Sie klammerte sich so fest an ihr Heft, dass es fast so aussah, als wollte sie es jeden Augenblick öffnen. Ich wollte sie endlich etwas notieren sehen und wartete still ab, aber es passierte auch da kein Wunder.

Im Meer, zwischen Welle und Welle, nannten wir sie "unsere Dichterin". Meine Schwester sagte, wenn wir ihren Namen wüssten und es im Haus Bücher von ihr gäbe, würden wir der Versuchung verfallen, sie zu lesen und zu bewerten, und wenn wir wirklich die Inspiration waren, wäre es besser, unvoreingenommen vorzugehen. Ich dachte an die großen Bücherregale mit all den nach innen gewandten Buchrücken. Hatten wir sie die Titel ihrer eigenen Bücher vorlesen lassen?

"Aber es ist grausam, wenn wir sie nicht nach ihrem Namen fragen."

"Sie kommt!", brüllte da meine Schwester, und bevor sie untertauchte, lächelte sie boshaft.


Mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlags

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