Vorworte

Leseprobe zu Sarah Bernstein: Übung in Gehorsam

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Die drei Passagen aus dem Kapitel "Eine aussterbende Sprache" beleuchten wichtige Aspekte aus Sarah Bernsteins Roman. Die erste vermittelt Charakterzüge der Protagonistin und etwas von der kontrastierenden Wesensart ihres Bruders. In der zweiten geht die Naturschilderung in eine ungewöhnliche Erfahrung von Heimat über. In der dritten klingt beim Blick auf die Kirche bereits die Frage nach der Gnade auf, während sich das damit verknüpfte Motiv des Sturzes in den Abgrund wohl als Verweis auf die Schwerkraft lesen ließe.

Es bedarf der Erklärung, warum ich, und das war schon lustig, schon sehr lustig, die Sprache nicht beherrschte. Nicht, dass ich es nicht versucht hätte: Vor meinem Umzug hatte ich mich für einen sechswöchigen Kurs mit täglichem Sprachunterricht angemeldet und machte auch nach meiner Ankunft im Haus aus der Ferne damit weiter. Ich war fleißig. Ich war sorgfältig. Aber es blieb nichts hängen, aus welchem Grund auch immer. Bis dahin hatte ich nie ein Problem mit dem Erlernen von Sprachen gehabt, schon als Kind hatte ich vier Sprachen gesprochen, von denen mir mindestens zwei im Laufe der Zeit abhanden gekommen waren; gleichwohl verfolgte ich an der Universität auf gut Glück meine Fremdsprachenstudien und lernte mühelos Deutsch und Italienisch. Tatsächlich verblüffte die Leichtigkeit, mit der ich diese Sprachen nach kaum einem Monat Teilnahme an den wöchentlichen Kursen lesen und schreiben und erst recht sprechen konnte, meine Deutsch- und Italienisch-Lehrer nicht zuletzt aufgrund meiner gewissen, mir schon immer eigenen nichtssagenden Art. Die Lehrer überschütteten mich mit Lob und hielten meine Kommilitonen an, sich an mir ein Beispiel zu nehmen. Diese aber verachteten mich aus gutem Grund, vor allem weil ich die Aufmerksamkeit zu genießen schien und jede Gelegenheit ergriff, die von den Lehrern gestellten Fragen zu beantworten, mehrgliedrige Sätze ablieferte, um meine linguistische Virtuosität auszustellen, in jeder einzelnen Silbe schwelgte, die mir von der Zunge in den Seminarraum rollte, in dem ich mit meinen Kommilitonen saß, die das Spektakel mit stummer Abscheu verfolgten und vermuteten, dass ich über Vorwissen in den Sprachen verfügte und de facto eine Betrügerin war. Doch die Muttersprache der Einheimischen machte mir einen Strich durch die Rechnung, ganz anders als bei meinem Bruder, der die Sprache seit langem beherrschte und dem schon als Kind jedes Anzeichen von Schwäche zuwider war, der sich stets auf die Seite der Sieger schlug, gleich welcher Couleur. Lange war ich nicht auf den Gedanken gekommen, dass mein Bruder genau aus diesem Grund in diese Ortschaft gezogen war, weniger ein Überschreiben der Geschichte als vielmehr eine persönliche Neuausrichtung an den Mächtigen, die Krönung eines lebenslangen Strebens nach Dominanz.

(...)

Anfangs hielt ich mich von dem Städtchen im Tal fern, ergänzte die nicht verderblichen Vorräte meines Bruders durch Gemüse aus dem verwilderten Küchengarten. Ich lernte meine unmittelbare Umgebung kennen. Ich lief im Haus umher und um das Haus herum. Ich stand unter den Kiefern auf der langen Auffahrt, unter den Erlen am Bach, bei den Birken am Waldrand. Ich spürte, wie der kalte Erdboden im Küchengarten unter mir nachgab, wenn ich mich hinkniete, so viele Stunden, die ich mit Unkrautjäten verbrachte, mit dem Ausbessern der Zäune und dem Flicken der Netze, die das Wintergemüse hielten. Ich entwirrte das zarte Blattgemüse von den Ranken, die rundum gewachsen waren, und dachte über das Leben von Kohlköpfen nach, ihre Herzen und ihre Lebenskraft. Sie ahnten nichts von der Umsicht und Sorgfalt, mit der ich mich ihnen widmete, wie auch, und ich liebte sie dafür, das fundamentale Mysterium ihres Daseins, keine Erklärung möglich, keine Frage von Kennen oder Bekanntsein, die schönen, die unvorstellbaren Kohlköpfe! Wie auch der Grünkohl und die Senfblätter, selbst der Knoblauch, der den Winter überstanden hatte und seine schlanken Stängel auswarf. Verstehen Sie, was ich meine? Schönheit ist essbar: Sie ist eine Speise. Ich war bemüht zu lernen, indem ich blieb, wo ich war. Ich forschte unter den Pflanzen, unter den Würmern, ich spürte die Textur der Erde, in der all diese Organismen lebten und sich im Einklang mit den Jahreszeiten veränderten. Wie, überlegte ich, kann ein Mensch, ein Volk, Wurzeln schlagen? Wurzeln und Entwurzelung, die Bewahrung des Wenigen, das von der Vergangenheit bleibt, das waren die Gedanken, die mir an manchem Morgen durch den Kopf wehten, während ich ganz still auf der Veranda stand oder im Garten auf nackten Füßen, wenn ich plötzlich spürte: Das Geräusch, das Rauschen da, das ist der Wind, das sind die Bäume! Einmal war eine Weide, die zu flach verwurzelt war, während eines Sturms umgestürzt. Am nächsten Morgen ging ich hin, unter einem ruhigen und klaren Himmel, um sie mir anzusehen. Es war ein junger Baum mit langen roten Weidengerten - warum nur machte mich das so fürchterlich traurig? Ich stand eine Weile da, bevor ich mich, und das ist unerklärlich, bückte und die Zweige mit einer Gartenschere abschnitt, die ich immer in der Tasche meiner Latzhose hatte. Was hätte ich bloß mit diesen Weidenruten anfangen wollen? Es war, als wäre ich angetrieben von einer äußeren Kraft, die mein Tun lenkte, ich betrachtete mich dabei, wie ich sie zum Trocknen beiseite legte, sie ein oder zwei Wochen später wieder einsammelte und zu Körben flocht, wobei irgendeine Strömung in meinem Körper mir die Hände führte, die bis dahin keinerlei handwerkliche Begabung hatten erkennen lassen, nein, nicht einmal einfachste motorische Fertigkeiten, ich war immer ungeschickt gewesen, und doch sah ich, wie der Korb vor meinen Augen Gestalt annahm. Gab es so etwas wie ein historisches Muskelgedächtnis? Das Muster des Korbs, dieses bestimmten Korbs, über Generationen weitergereicht, das im Verborgenen überdauert hatte und eben erst in mir aktiviert wurde, rätselhafterweise, an einem klaren Tag nach einem Sturm. An einem anderen Morgen erwischte ich mich dabei, wie ich Schilfrohr schnitt und es zu verschiedenen Formen und Figuren flocht, die ich an einem meiner Schlafzimmerfenster aufreihte. Wozu waren sie gut? Gesellschaft, ja, äußerliche Zeichen meines Daseins, meines lebendigen Ichs. Und dann auch Dankesgesten an den Ort, Opfergaben an die Welt, die mich umgab.

(...)

Irgendwann war es so weit, dass ich gezwungen war, die Abgeschiedenheit des Hauses und des Waldes aufzugeben, um im Ort Vorräte zu besorgen. Ich wusste, dass ich mich, ob ich es wollte oder nicht, in der Öffentlichkeit als Vertreterin meines Bruders zeigen würde, als die eine Person, die sich, in Ermangelung seiner Frau und Kinder, um seine Angelegenheiten kümmerte. Ich durfte nicht die geringste Schwäche zeigen. Er würde stolz auf mich sein können. Ich zog mich mit Sorgfalt an, wählte eines der vielen lockeren Leinenhemden, die ich mir im Laufe der Jahre angeschafft hatte, und einen langen Mantel als Wetterschutz und ging zu Fuß die Straße entlang, einen einspurigen asphaltierten Weg, der hinab ins Tal führte, wo er an einer bestimmten Stelle die wenigen Nebenstraßen kreuzte, aus denen die Ortschaft bestand. Im Zentrum gab es eine Kirche, was an sich nicht unheimlich war, und darum herum einen Friedhof. Ich hatte schon immer einen Sinn für Kirchen, besonders für Dorfkirchen wie diese hier, von Bäumen umstanden, die womöglich zur Zeit des Kirchenbaus gepflanzt worden waren, so dass Kirche und Bäume im Laufe der Jahre, der Jahrhunderte gemeinsam wuchsen, was für ein langes und beständiges Leben dieses Städtchen doch hatte! Ich stellte mir die geschrubbten Holzbänke vor, das Niederknien auf Steinplatten, die Kargheit von all dem, ich bewunderte Kirchen sehr, ja, und doch gestehe ich, dass ich, aus abergläubischer Angst davor, die Schwelle zu übertreten, noch nie einen Fuß in eine gesetzt und mir dadurch in meiner Jugend auf Reisen die Gelegenheit hatte entgehen lassen, einige der berühmtesten Kirchen und Kathedralen der Welt von innen zu sehen. Trotzdem blickte ich gern aus meinem Zimmerfenster im ersten Stock des Hauses meines Bruders hinunter ins Tal und sah den Kirchturm zwischen den Bäumen aufragen; es fühlte sich an wie ein Berührungspunkt, was es ja auch war - des Lebens, des Geistes -, eine Art Ordnungsprinzip, dem ich mein Leben lang vergeblich versucht hatte, gerecht zu werden. Es galt, so vielem gerecht zu werden, so viele gute Taten zu verüben, was man aller Voraussicht nach, aufgrund der eigenen Ressourcen, aufgrund des eigenen Willens, wohl nie umsetzen würde, und so türmten sie sich ein Leben lang über einem auf, diese konkreten Versäumnisse, die gewissermaßen metonymisch für das tiefe spirituelle Versagen des eigenen Lebens standen, während die Gemeinschaft einen dafür stets zur Rechenschaft zog. In der Kirche war es anders. In der Kirche fing man, glaubte ich, beim Prinzip der Ursünde an, die eigene Schuld war vom ersten Augenblick an gesetzt. Schon als Kind hatte ich immer das Gefühl, an einem Abgrund zu stehen und mich nach einem für mich unerreichbaren Zustand der Gnade zu recken, ständig kurz vor dem Absturz. Ich versuchte es mit Yoga, ich versuchte, mit Mutter Natur in Einklang zu kommen, doch davon blieb kaum etwas hängen. Vielleicht betrachtete ich den Kirchturm so gern, weil ich darin die Möglichkeit eines gehorsamen Lebens erkannte, in dem die eigenen Sünden bekannt und bereits vergeben waren. Das ging mir durch den Kopf, während ich dieses allererste Mal in das Städtchen lief und die Straße überquerte, um mir die Krokusse näher anzusehen, die im Kirchhof zum Vorschein kamen, zur Kirche aufblickte und sie anlächelte. Sie war noch immer da, nach all diesen Jahren, war weder Feuer noch Hochwasser, Naturkatastrophen oder menschengemachten Desastern zum Opfer gefallen, eine Stätte, deren Türen man seit jeher nicht verschloss, eine Stätte, wo sich Zuversicht sammelte und die Menschen mit sich zog. In Wahrheit konnte man sich, wie sich herausstellte, kaum ein Gebäude vorstellen, das Gott ferner war.

Mit freundlicher Genehmigung des Wagenbach Verlags

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