30.01.2025. Geht das noch? Eine ganze Erzählsammlung fast ausschließlich auf Männer zu fokussieren, ohne derzeit virulenten Geschlechterdebatten das geringste Augenmerk zu schenken? Aber sicher - wenn man die Thematik so vielschichtig und eigenwillig angeht wie der Amerikaner Zach Williams. Sein 2024 erschienenes literarisches Debüt erscheint demnächst auf Deutsch.
Zach Williams. Foto: Jemimah WeiNun weht sie wieder im Weißen Haus, die lange rote Krawatte. Darf der amerikanische Mann aufatmen? Fortan ganz Mann sein, wie sich's gehört?
Das Vorwort des "2025 Mandate for Leadership" lässt da keinen Zweifel. Fort mit allem, was "die natürliche Liebe und Loyalität der Menschen durch unnatürliche ersetzt", donnert Kevin D. Roberts zu Beginn des von der konservativen Heritage Foundation aufgesetzten Regierungsprogramms: "Das beginnt mit der Tilgung der Begriffe Sexuelle Orientierung und Gender-Identität, Diversität, Gleichheit und Inklusion, Gender, Gender-Gleichheit, Gender-Bewusstsein, Gender-Sensitivität, Abtreibung, Reproduktive Gesundheit und Reproduktive Rechte sowie aller anderen Begriffe, welche die Amerikaner ihrer durch den Ersten Verfassungszusatz garantierten Rechte berauben sollen, aus allen existierenden Bundesgesetzen, behördlichen Reglementen, Verträgen, Förderungsprogrammen, Regulierungen und gesetzlichen Erlässen." Das fast 900 Seiten starke Dokument ist zwar nicht durchweg so radikal formuliert, und im Vorfeld der Wahlen hat sich Trump offiziell davon distanziert. Wie wenig glaubwürdig das zumindest in dieser Sache war, zeigte sich jedoch unmittelbar nach seiner Amtsübernahme. Schon in der Antrittsrede ließ er verlauten, dass es in der Politik der Vereinigten Staaten künftig nur zwei Geschlechter geben werde; gleich danach unterzeichnete er eine Verordnung, welche die von Bidens Regierung aufgesetzten Programme zur Förderung der Diversität, Chancengleichheit und Inklusion für illegal erklärte. Tags darauf wurden sämtliche Behörden angewiesen, die betreffenden Büros zu schließen, die dort beschäftigten Beamten zu beurlauben und alle auf diese Belange bezogenen Inhalte von ihren Websites zu entfernen.
Ist Zach Williams' auf weiße, heterosexuelle Amerikaner fokussierte Erzählsammlung "Es werden schöne Tage kommen" also das Buch zur Stunde? Nicht unbedingt - denn der Schriftsteller bestellt sein Terrain abseits der Debatten um Gender und Machismo, und auf die "schönen Tage" müssen seine umgetriebenen Charaktere einstweilen noch warten. Und doch - insofern, als er die Arbeit an diesem Debütwerk just zu Beginn von Trumps präsidialer Laufbahn aufnahm. "Ich begann 2016 an der ersten Erzählung zu arbeiten und entwarf die Sammlung zwischen 2016 und 2021, also in der Zeit von Trump und der Pandemie", sagt Williams im Interview mit Sacha Pfeiffer vom National Public Radio. Im Blick auf jene erste Story präzisiert er im Gespräch mit dem Bomb Magazine: "In 'Probelauf' versuchte ich das Gefühl festzuhalten, mit dem man sich 2016 im öffentlichen Raum bewegte. Es war beängstigend, als würde die Realität aus dem Leim gehen, der gemeinsame Grund und Boden zwischen uns einbrechen. Man wusste nicht mehr wirklich, wer der Andere war."
Williams hatte während des Studiums Creative-Writing-Kurse belegt, nachher aber längere Zeit als Englischlehrer an Mittel- und Hochschulen gearbeitet; den Schritt ins Schriftstellerleben wagte er dann mit Mitte dreißig. Erstaunlicher ist ein anderes Zaudern, das er im Bomb Magazine eingesteht: Erst 2015 hat er sein erstes Smartphone gekauft. Das Gerät habe in der Folge ebenfalls zu jenem inneren Unbehagen beigetragen: "Es fühlte sich an wie ein Portal zu einer anderen, dunklen Welt. Ich denke, die besten Metaphern für das Leben mit dem Internet in der Tasche kommen aus dem Okkulten. Es übt eine behexende Wirkung aus, wie ein Zauber, dem man unterworfen ist. Man muss immer wieder draufschauen." Drei Jahre später, als er bereits mit Schreiben begonnen hatte, kam noch eine weitere Erfahrung dazu, die sich unmittelbar in den Erzählungen niederschlagen sollte: Die Geburt des ersten Kindes, die, so Williams, seinen Blick auf die Welt grundlegend verändert habe. Darüber spricht er auch mit Sacha Pfeiffer: Er habe die Welt wieder mit Staunen betrachtet, mit einem tiefen Gefühl von Freude und Schönheit, zugleich aber mit erhöhter Furcht und Wachsamkeit. "Es war eine ganz neue Welt, eine ganz neue Wirklichkeit. Ich denke, das ist der Grund dafür, dass ich in manchen Erzählungen Elternschaft als eigentlichen Bruch in der Realität darstelle."
Der 2024 unter dem Titel "Beautiful Days" erschienene Band hat eine innere Konsistenz, die nicht allein der fast durchgehenden Ausrichtung auf männliche Erfahrungswelten geschuldet ist. Williams beleuchtet in diesem Bereich zwar ein breites Themenspektrum, zugleich aber - so berichtet er im Gespräch mit Deborah Treisman vom New Yorker - habe er praktisch von Anfang an jede neue Erzählung als eine Art Reaktion auf die voraufgehende empfunden. Dies wurde, wie im Bomb Magazine nachzulesen ist, zum bewusst verfolgten Prinzip: "Ich stellte mir ein Buch vor, in dem die Texte miteinander ins Gespräch kommen, eine bestimmte Zeit und einen Ort evozieren, ähnlich wie wenn Musiker ein Album aufnehmen." Dieses atmosphärische Element zieht sich auf mehreren Ebenen durch den Band: nicht allein in der meist eher sinistren inneren Befindlichkeit der Figuren, sondern auch in den Schilderungen unterschiedlichster Handlungsorte. Dem Gebot der kurzen Form gehorchend sind sie meist knapp angelegt und weisen gerade dadurch eine besondere Stärke des Autors aus, die auch in der souveränen Übersetzung von Bettina Abarbanell und Clemens Setz voll zum Tragen kommt. So etwa, wenn in "Lucca Castle" New York am hellheiteren Tag gespenstisch zum Stillstand zu kommen scheint und dabei die Lebenskrise des Ich-Erzählers spiegelt: "Die Sonne war kreidig und stumpf, und das Versiegen des morgendlichen Berufsverkehrs hatte was von einer Ebbe, als wäre nun alles in die Stadt geschwemmt worden. Kaputte Parkuhren standen in einer Reihe wie zur Exekution, gelbe Säcke über dem Kopf. Hier ein Optiker, dort ein Juwelier. Wieder und wieder kam der Bus vorbei."
Dies ist nicht der einzige Moment, in dem eine wirklichkeitsnahe Schilderung ins beinah Surreale umschlägt. Walter, der fiebernd und desorientiert durch die Stadt irrende Erzähler von "Lucca Castle", ist ständig auf Kantengang zwischen diesen Dimensionen; in der bereits erwähnten Story "Probelauf" leitet ein Schneesturm, der das Stromnetz teilweise lahmlegt, eine Handlung ein, die sich zum Albtraumszenario steigert. Hauptsächlich spielt sie in einem Bürogebäude, wo sich an diesem Tag kaum eine Menschenseele eingefunden hat und die meisten Monitore "schwarz und kalt" in den nur vom schalen Licht des Notrufschalters erhellten Arbeitsnischen stehen. Einer allerdings ist auf Posto: Der Wachmann Manny Mintauro, dessen Nachname schon ansagt, welcherart die Erfahrungen sind, die den Protagonisten dort erwarten. In "Mausefallen" wiederum entwirft Zach Williams ein sozusagen konträres Labyrinth: Es ist ein altmodischer, wie aus der Zeit gefallener Eisenwarenladen irgendwo in New York, der nicht nur als Lokalität, sondern auch literarisch den Weg in die Vergangenheit weist. Denn durch die engen, von vollgepfropften Regalen gesäumten Gänge wird nach bester Kafka-Tradition ein ahnungsloser junger Mann seinem Richter vorgeführt. Dabei war sein Begehr denkbar harmlos - eine Mausefalle wollte er kaufen, eine humane, die das Tier nicht tötet. Der Patron des seit mehreren Generationen etablierten Familienunternehmens überschüttet den Kunden mit Hohn, liest ihm bezüglich des Umgangs mit Mäusen im Allgemeinen und der adäquaten Fallenwahl im Besonderen die Leviten und zieht dann den finalen Hammer hoch: "'Es ist also', sagte Rugolo, 'nicht so einfach mit den Fallen. Man könnte wohl sagen, dass es dabei nicht so sehr um die Fallen selbst geht oder um die Mäuse, sondern um Sie. Darum, was für ein Mensch Sie sind.' Er lehnte sich zurück, schlug die Beine übereinander. 'Also?' Ich schüttelte den Kopf. 'Was?' 'Was für ein Mensch sind Sie, Jeremy?' 'Ich weiß es nicht.' 'Sie wissen es nicht?' Erneut schüttelte ich den Kopf, mit geschlossenen Augen, während sich in meinem Mund der Speichel sammelte. Er schlug mit der flachen Hand hart auf den Schreibtisch. 'Sind Sie unfähig, das Objekt Ihrer furchtbaren Angst zu töten? Und dann? Woran glauben Sie, Jeremy? Das wissen Sie nicht? Wie können Sie es nicht wissen? Helfen Sie mir, das zu verstehen.'"
Auch außerhalb der Stadt schafft Zach Williams Lokalitäten, in denen Amerika - das heutige, das vergangene - einbricht, wo eins vom anderen aufgerieben wird. So trotzt in "Der Golfwagen" eine Handvoll Grundbesitzer in Pennsylvania den von allen Seiten herandrängenden Wohnsiedlungen. Die meisten Landgüter wurden bereits verkauft, "die grünen Hügel abgetragen, die leeren Flächen mit neuen Häusern vollgebaut". Und schlimmer noch, die jungen Männer aus den Siedlungen finden ein boshaftes Vergnügen darin, mit ihren Autos über die verbliebenen Äcker und Wiesen zu rasen, dass Gras und Erde nur so spritzen, oder dort ihre Saufgelage zu veranstalten. Zugegebenermaßen wäre die alteingesessene Familie des Protagonisten durchaus reif dafür, das Feld zu räumen. Der betagte Vater leidet an Krebs, der jüngere Sohn ist beim Versuch, sich auf der Höhe der Gegenwart einzurichten - er hat studiert, dann eine Zeitlang bei Spotify gearbeitet - an seinen Angstneurosen gescheitert. Nun schafft er seine eigene Welt, indem er am Bildschirm geduldig Farbtüpfelchen an Farbtüpfelchen fügt, in der Hoffnung, sich als Pixel-Künstler einen Namen zu machen. Sein älterer Bruder, kränklich und schrullig, hat den Schritt ins Leben gar nie gewagt; ohne rechten Beruf, ohne je eine Frau geliebt zu haben, nistet er allein im zum Gut gehörigen Cottage. Doch er, der Schwächste, ist es, der sich zum grimmig-grotesken Beschützer des Terrains aufschwingt: Nacht für Nacht fährt er mit einem altmodischen Golfwagen Patrouille, einen Golfschläger und die Flinte des Großvaters griffbereit.
In "Ghost Image" führt die Quest des Protagonisten dann gleich in die Ruinen eines amerikanischen Topos: eine weitgehend verlassene, von Müll übersäte Disney World, über der holpernd und ratternd die führerlose Einschienenbahn noch immer ihre Runden dreht. Auch diese Story ist eine literarische Reverenz, nämlich an den US-Schriftstellerkollegen George Saunders, der die dystopischen Storys seines Debütbands "BürgerKriegsLand fast am Ende" mehrheitlich in dubiosen Themen- oder Freizeitparks und anderen Tempeln der Illusion und Zerstreuung angesiedelt hat.
Zwei dem Zerfall scheinbar entgegengesetzte, doch nicht minder unheimliche Kräfte, die in Zach Williams' literarischem Universum wirken, werden schon in der ersten Geschichte benannt: Konvergenz und Singularität. Das Geschehen in "Probelauf" führt den Ich-Erzähler - die zunächst als Hort der Normalität wirkende Identifikationsfigur des Lesers - immer enger mit den beiden Männern zusammen, die sich ebenfalls im sturmumwitterten Bürohaus eingefunden haben: dem vierschrötigen, kahlrasierten Ex-Marine und Wachmann Manny Mintauro und dem scheuen Sonderling Shel Bunting. Beide ziehen den Erzähler ins Vertrauen, Mintauro mit seinen schmuddeligen antisemitischen Verschwörungstheorien, Shel mit einer Scheidungsgeschichte, die seinen Charakter tief ins Zwielicht rückt; beiden ist der Protagonist innerlich näher, als er sich zunächst eingestehen mag. Darüber gerät er in Panik. "Wir drei konvergierten zu einer Singularität. Und das war unmöglich - das Gebäude würde dem nicht standhalten. Zusammen hätten Manny und Shel vielleicht genügend Macht, um Wirklichkeit werden zu lassen, was auch immer sie eigentlich wollten."
Konvergenz wird in "Ghost Image" dann auf ganz andere Art zum eigentlichen Motor des Geschehens. Der Ich-Erzähler ist als Kunststudent bei einem Ferienjob seinem vermeintlichen Antipoden begegnet - dem Abteilungsleiter Joe Daly, bei dem sogar die blassfarbigen Hemden "zum Teppichboden und den Wabentrennwänden passten. Als hätten diese Geschäftsräume [ihn] geboren". Der Protagonist verzweifelt fast an dem gesichtslosen, in dumpfer Selbstzufriedenheit simmernden Büromenschen. "Es musste ein Verstand oder ein Bewusstsein oder Geist in Joe Daly existieren, der klüger war als Joe, mehr als Joe. Sonst wäre das Leben einfach zu grausam." Und tatsächlich gibt es einen Moment, da sich ein Türchen öffnet. Joe erzählt von seinem Traum, sich frühpensionieren zu lassen und in Disney World als Lokführer der Einschienenbahn anzuheuern. Noch Jahre später, als inzwischen flügellahmer Künstler, gehörnter Ehemann und frustrierter Vater zunehmend verbittert und versoffen, arbeitet der Erzähler sich an Joe Daly ab. Er malt Variationen der scheußlichen, in Amerika jedoch beliebten Kitschbilder von Thomas Kinkade, die im Kalenderformat auch das Büro des Abteilungsleiters zierten, nimmt schließlich eine kinkadeske Serie über Disney World in Angriff, die allerdings zusehends ins Finstere kippt. Und vor allem setzt er in Gedanken sein Gespräch mit Joe fort. Aber halt. Wer ist nun mit "Joe" gemeint? Allmählich schält sich heraus, dass der Sohn des Erzählers mit den Jahren äußerlich wie innerlich zusehends Dalys Züge angenommen hat. Das wirft den Protagonisten dann vollends aus der Spur - und wenn man gelegentlich zu ahnen beginnt, auf welchem Gleis er sich am Ende wiederfinden wird, dann ersetzt das nicht die Lektüre dieser klug gedrechselten Story.
Eine weitere Variante von Konvergenz lässt sich in "Lucca Castle" ausmachen, wo der Antiheld Walter zwischen zwei scheinbar konträre Machtinstanzen gerät. Die eine, ein Finanzexperte namens Denton Whitwell, beherrscht das berufliche Umfeld - ein Private-Equity-Unternehmen, ein exklusiver Club - in dem sich der Protagonist vor seiner Krise bewegte; Whitwells Prognosen werden dort quasi auf Knien empfangen, als spräche der Weltenlenker selbst. Die andere ist der titelgebende Lucca Castle, ein so charismatischer wie dubioser Denker. Für ihn sind "ökonomischer und technologischer Fortschritt … eine Form des Massensuizids", wobei er als treibende Kraft hinter dieser Dynamik eine außerirdische Instanz mit sinistren Motiven vermutet. Wenn nun Castle seine verschwurbelten Lehren auf einer Jacht verbreitet, als deren Besitzer sich am Ende der in seltsamer Gewandung aufkreuzende Whitwell entpuppt - dann mag man sich von fern an Szenarien Don DeLillos erinnert fühlen, wo Figuren ins Räderwerk undurchschaubarer Machtgefüge und heimlich-unheimlicher Kollusionen geraten.
Die Singularität, die in "Probelauf" in einem Atemzug mit der Konvergenz erwähnt wird, lässt sich im streng wissenschaftlichen Sinn natürlich nicht auf literarische Texte anwenden. In der Astrophysik bezeichnet der Begriff Orte, an denen das Raum-Zeit-Kontinuum, eine wichtige Grundlage physikalischer Berechnungen, durch die Macht der dort wirkenden Energien außer Kraft gesetzt wird. Rein bildlich aber ließe sich die Idee einer Aushebelung von Raum und Zeit durchaus auf einige von Williams' Szenarien übertragen. Dies gilt insbesondere für "Das Sauerkleehaus", das - neben der wesentlich kürzeren, makaber zugespitzten Story "Der neue Zeh" - am intensivsten von der Erfahrung der Vaterschaft geprägt ist. Das titelgebende Haus steht in einem abgelegenen Waldgebiet, ein Ehepaar mit Kleinkind hat es für den Sommerurlaub gemietet. Das Domizil wirkt eine Spur altmodisch, mit Blümchenpapier in den Schubladen und Sofabezügen von einst, aber gerade deshalb durchaus realistisch; das Wetter ist schön, der Tiefkühler im Keller wird regelmäßig nachgefüllt. Bloß, von wem eigentlich? Das scheint die Eltern Jacob und Ronna nicht zu interessieren. So spürt auch der Leser zunächst nicht, wie die Zeit sich dehnt, den Figuren entgleitet; doch irgendwann wissen sie nicht mehr, wie sie überhaupt hierhergekommen sind, versuchen umsonst, der Zahl der verrinnenden Tage oder der Erinnerung an ihr vorheriges Leben habhaft zu werden. Und während Jacobs Bart sprießt, die Haare ihm schon über die Schultern fallen und sein Verhalten zunehmend atavistische Züge annimmt, während Ronna altert und ihr Wesen sich auf noch unheimlichere Weise wandelt, bleibt Max unverändert: Er wächst nicht, sein Wortschatz stagniert, und fällt er hin, steht er unversehrt wieder auf. Dies letztere ist sein Glück. Denn die Mutter-Kind-Beziehung - "Das Sauerkleehaus" ist die einzige Geschichte, in welcher der Fokus hauptsächlich auf der Frauenfigur liegt - wird auf verstörende Weise ausgehöhlt.
Während sich das Szenario in dieser Story tatsächlich aus Raum und Zeit der Menschenwelt löst, steht eine wesentlich enger gefasste, aber ebenfalls in einen atmosphärisch starken erzählerischen Rahmen gefügte Entgrenzungserfahrung auch am Ende von "Nachbarn". Dort landet der Protagonist nach einer gespenstischen Begegnung in totaler Finsternis - und erfährt dabei eine Erleuchtung, einen Moment der Transzendenz: "Eine paradoxe Ruhe kam über mich. Und dann war mir, als wäre mein Leben nicht in mir, sondern über die Dunkelheit ausgebreitet, über dieses durchgehende Feld, das alles enthielt. (…) Alles. Was immer also als Nächstes passierte, konnte keine Auswirkungen haben, weil ich keine von diesem Feld unabhängige Identität besaß. Niemand und nichts besaß eine. Alles war einfach nur, zusammen, ohne Grenzen oder Namen."
Auf dem Boden der Wirklichkeit einen solchen Moment fast magischer Einheit zu erreichen ist schwieriger. Vor allem, wenn man, wie der Touristenführer Rose in der letzten Erzählung des Bandes, eine Rotte mosernder, eigensinniger oder zänkischer Gäste hinter sich hat - und als einzigen Rettungsanker den zehn-, elfjährigen Benjamin, der sich wirklich für die Megalithen-Anlage interessiert, durch die Rose sein Trüppchen lotst. Crashaw heißt die Stätte, und auch sie liegt an der Grenze des Erfassbaren. Sie kann mit wissenschaftlichen Mitteln ausgemessen, dokumentiert, in ihrer Materialität abgeklopft werden; aber wer wann zu welchem Behuf die steinernen "Haifischzähne", "Glühbirnen" und das "Riff" errichtet, die gigantische, in flachem Winkel aus dem Boden ragende "Nadel" in ihrer Mitte platziert hat, entzieht sich bis dato der Einsicht.
Williams schreibt diese Story, bei der Aktion und Reflexion, Gegenwart und Erinnerung in stetem Wechsel stehen, als inneren Monolog Roses in der zweiten Person Singular - ein Kunstgriff, mittels dessen er zugleich die permanente Selbstbeherrschung vermittelt, welche die widerborstige Gefolgschaft dem Protagonisten abnötigt. Besonders der Typ, der sich patzig mit "Sie können mich Joe Blow nennen" vorstellt und an der Hüfte, unterm Hosenstoff deutlich zu erkennen, eine Waffe trägt, nimmt jede Gelegenheit wahr, Rose an den Karren zu fahren. Rick wiederum, der geschniegelte Artist in Residence, schikaniert auf subtilere Art, aber nicht minder enervierend. Als die Besucher zu einem Modell in kleinerem Maßstab geführt werden, wo sie sich mit Crashaw vertraut machen sollen, beginnt er zu nölen: "Das Modell verschleiere und entstelle bewusst die spirituellen Aspekte der Anlage mit verharmlosendem Blabla über die Abmessungen der Strukturen - wie hoch und wie breit. Es mindere das anschließende Erlebnis auf dem Aussichtsturm. Ja, im Grunde sei das fast schon kriminell." Auch die Damen sorgen nicht für Frieden: Während Benjamins Mutter "verdrießlich und massig" im Jeep hockt, will sich die junge Marianne ihr eigenes mystisches Erlebnis verschaffen, indem sie während der Tour kräftig Drogen einwirft.
Die Wende geschieht, als Rose hinter dem Gehabe seines Erzfeinds plötzlich die existentielle Dringlichkeit gewahrt, die Joe Blow übers Gelände - und letztlich, was strengstens untersagt ist, die "Nadel" hochtreibt. Rose bleibt nichts anderes, als ihm nachzuklettern. Und nicht zu intervenieren, nicht umzukehren, als er realisiert, dass Rick, Marianne und ein weiterer Gast sich ihnen angeschlossen haben. Ob ihn droben, als sie alle in gefährlicher Höhe ums Öhr der Nadel hocken, Angst erwartet, oder ein Glücksmoment? Es ist etwas zugleich Herberes und Schöneres. Und als Leserin spürt man: Es hat sich gelohnt, dass Zach Williams sich Zeit nahm, um seine Begabung reifen zu lassen.
Zach Williams: Es werden schöne Tage kommen Stories Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell und Clemens J. Setz. dtv Verlag, München 2025. 272 Seiten, gebunden, 24 Euro.
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