10.03.2025. Unbefangen deklariert sie schon ganz zu Beginn ihre eigene Unmöglichkeit - oder sollen wir Sarah Bernsteins Ich-Erzählerin wirklich glauben, dass sie schon als tapsiges Kleinkind die Sorge für die Schar der älteren Geschwister übernommen hat? Wir müssen wohl. Denn mit ihrem Monolog, in dem sich Skurriles mit Sinistrem, lyrische Sensibilität mit Messerschärfe verbindet, hat sie die Leserin, den Leser umgehend in der Tasche.
Belauschen wir sie einen Moment lang, während sie den Friedhof eines namenlosen, in einem ebenfalls nicht genannten nordeuropäischen Land gelegenen Städtchens erkundet. "So viele Generationen von Toten lagen hier, unbehelligt, in gutem Zustand, jeder Städter, so stellte ich mir vor, konnte herkommen, um selbst die entferntesten, vor Jahrhunderten verstorbenen Vorfahren zu besuchen. Eine einzige, ununterbrochene Linie in die Vergangenheit. Vielleicht war das der wesentliche Unterschied zwischen mir und diesen Leuten, die greifbaren Zeitfäden, die sie an diese Erde, an einen Ort banden, die ihnen das Recht gaben, zu leben und weiterzuleben. Welches Blut nährt einen solchen Boden? Über mir zitterten die Blätter im Wind."
Diese Schriftstellerin weiß sehr wohl, was es bedeutet, ort- und heimatlos zu sein.
Sarah Bernstein, 1987 in Montreal geboren und mittlerweile in Schottland lebend, hat den Booker-Preis seinerzeit nicht gewonnen. Aber mit "Übung in Gehorsam" - so der deutsche Titel - hat sie ein ungewöhnliches Buch vorgelegt, das seine Kraft und Eigenart aus klug angelegten inneren Spannungsfeldern bezieht. Wenn die Protagonistin in der zitierten Szene Scharfsicht und eine Empfindungstiefe beweist, die ihren sprechenden Widerschein im stummen Zittern der Blätter findet, dann schreibt ihr die Autorin andernorts Wesenszüge von finsterer Komik ein; etwa gleich zu Beginn des Romans, wo sie in einer unverschämten Hyperbel sichtbar werden. "Ich war das jüngste Kind", so die Erzählerin, "das jüngste von vielen - mehr als zu erinnern mir lieb ist -, um die ich mich schon als kleines Mädchen kümmerte, noch bevor ich selbst zu sprechen vermochte, und obwohl meine motorischen Fähigkeiten damals kaum ausgebildet waren, wurden sie, meine vielen Geschwister, mir anvertraut." Sie selbst habe sich in diesem hingebungsvollen Dienen verringert bis zur Inexistenz, behauptet sie; bloß, wie spräche sie dann zu uns? Und was genau könnte eine solche Selbstaufgabe bedeuten? Darauf steuert der Roman zu, allerdings nicht direkt und vielleicht nicht einmal in erster Linie.
Die Form der Erzählung, erläutert Bernstein im Gespräch mit dem Online-Magazin Public Books, habe sie sich als eine Art geschlossene Spirale vorgestellt, die sich nach einem Zentrum, einem Grund, einer Erklärung hin bewege, ohne je dort anzukommen. Kein Wunder. Denn diese Spirale umkreist nicht allein das Schicksal der Hauptfigur, sondern dasjenige ihres - des jüdischen - Volkes; und damit die Frage nach dem Zusammenleben europäischer Juden und Nichtjuden im langen, weit hinter den Holocaust zurückreichenden Schatten des Antisemitismus. Doch diese schwere Materie wird weitgehend aus ihrem historischen Terrain gehoben und in jenen namen- und beinah auch zeitlosen Ort verpflanzt. Von dorther stammt die Familie der Protagonistin, und von den Einheimischen weiß sie, dass "deren Vorfahren Seite an Seite neben meinen gelebt und mit ihnen gearbeitet hatten, mit ihnen das Brot gebrochen, unter demselben Himmel gelebt, dieselbe Kälte, denselben Mehltau, dasselbe Hochwasser, dieselben Katastrophen erlitten hatten, eine Zeit lang, eine Zeit lang. Denn alles hat ein Ende, ja, wie die Leben meiner Ahnen ein Ende hatten, das Leben an sich und das ihnen vertraute Leben, und nie erfuhren sie, nie verstanden sie, warum oder wozu, nur dass ein Gefühl, das jahrhundertelang unter den Nähten dahingeflossen war, an die Oberfläche getreten war."
Ihr Großvater entkam damals noch rechtzeitig, doch das Geschehene wurde in der Familie totgeschwiegen. Ein vergifteter Boden, auf dem den Nachkommen lediglich ein von Angst und Unfreiheit diktierter Zusammenhalt möglich war; aus dem sich ein Selbstgefühl nur emporranken konnte, indem es das schwächste Glied - die Jüngste, die Erzählerin - zur Stütze nahm und ihr die Doppelrolle der Sklavin und des Sündenbocks aufbürdete. Die Autorin mag vermutet haben, dass sie sich mit einer solchen Darstellung in den Augen mancher Leser exponierte; nicht zuletzt deshalb dürften die Ironiesignale auf dieser Erzählebene besonders markant gesetzt sein. Doch verfolgt Bernstein damit durchaus ernsthafte Fragestellungen. Etwa das Verhältnis zwischen Macht und Ohnmacht, zu dessen Erkundung sie die zutiefst ambivalenten, vor latenter Gewalt manchmal förmlich bebenden Mädchen- und Frauendarstellungen der portugiesisch-britischen Malerin Paula Rego inspiriert hatten; oder ein Thema, das sie im Gespräch mit dem britischen Literaturmagazin nb formulierte: "Ich wollte darüber nachdenken, warum wir jemanden als 'unschuldig' betrachten müssen, um ihn oder sie als Opfer ungerechter Behandlung wahrzunehmen und Mitgefühl zu empfinden."
Die familiäre Hackordnung mündet dann in einen Pas de deux zwischen dem ältesten Bruder, dem verwöhnten Kronprinzen der Familie, und der Erzählerin, die seine beflissene Schülerin und Dienerin wird. Eine die sich beugt, in Gehorsam zerfließt, die aber verdammt genau hinschaut und -hört. "Ich hatte über das Thema Schweigen und seine Anwendungsbereiche viel von meinem Bruder gelernt, dessen gekonnte Modulation von Sprache und Schweigen, das Intervall dazwischen, das nicht eigentlich als Gespräch bezeichnet werden konnte, das ich mir oft als Raum der Transzendenz, der gegenseitigen Aufhebung vorstellte (…) Mein Bruder verstand es, zu interpretieren, zu unterstellen, zu konstatieren, mit anderen Worten, er verstand es, Macht auszuüben." Und der Bruder, auf seine Fähigkeiten vertrauend, kehrt zurück in die Kleinstadt, aus welcher der Großvater vertrieben wurde, lässt sich in einem nahen herrschaftlichen Anwesen nieder. Die Schwester, als Mädchen für alles engagiert, folgt nach - und ihr erster Eindruck von dem neuen Heim beweist, dass Sarah Bernstein neben ausschwingenden Perioden auch die kompakte, wie ein Fausthieb treffende Form beherrscht. "Plötzlich tauchte das Haus auf, dunkel vor den dunklen Bäumen, eine Reihe leerer Fenster, die das Wetter auf sich selbst zurückwarfen."
Auf sich selbst zurückgeworfen ist bald auch die Protagonistin, weil der Bruder wegen geschäftlicher Angelegenheiten für längere Zeit verreist. Eines Teils ihrer Pflichten enthoben, streift sie durch die nahen Wälder, über die Wiesen, entdeckt einen hochgelegenen kleinen See, wo sie stundenlang in der reinen Stille verharrt und - es ist noch Vorfrühling - durchs dünner werdende Eis ins dunkle Wasser blickt. Die Natur schafft eine Gegenwelt, in der sie sich frei und doch fremd fühlt; denn sie kennt die Pflanzen und Bäume nicht, ebenso wenig die Landessprache, um nach ihren Namen zu fragen. So wagt sie sich auch lange nicht ins Städtchen, obwohl sie es, der Vergangenheit zum Trotz, aus sicherer Distanz durchaus mit Gefallen betrachtet.
Der sich leerende Speiseschrank wie auch ein Anliegen des Bruders nötigen sie schließlich zum Gang dorthin: Sie soll sich beim Einkauf gleich noch für die Freiwilligenarbeit auf dem von den Ortsansässigen gemeinsam bewirtschafteten Bauernhof anmelden, um Aufnahme ins hiesige Leben zu finden. Ängstlich erregt und ohne eines Wortes mächtig zu sein, verpatzt sie ihren ersten Auftritt gründlich. Trotzdem tritt sie mit zaghafter Hoffnung ins Freie - doch die hätte sie besser gleich auf der Schwelle des Ladens zurückgelassen.
Denn seit ihrer Ankunft häufen sich im Ort ungute Ereignisse. Die Kühe auf dem Bauernhof sind einer Art kollektiver Raserei verfallen, mussten abgeschossen werden. Eine Vogelpest bedroht die Hühner, später wütet die Kartoffelfäule. Die Erzählerin stößt bei einem ihrer Streifzüge auf ein Schaf, das sich in einem Zaun verheddert hat; ein halb geborenes Lamm hängt ihm tot aus der Scheide. Und sie selbst sorgt mit den Regungen ihres linkischen Herzens für weitere Unruhe, indem sie aus Schilfrohr Figuren flicht und sie nachts als kleine Opfergaben an Orten im Städtchen deponiert, die ihr besonders wichtig sind. Dass sie die ihr zugewiesenen Arbeiten auf dem Hof stets gewissenhaft verrichtet, wird ihr nicht zugutegehalten. Geht sie durch die Straßen, klappen junge Mütter schleunigst das Verdeck des Kinderwagens hoch; als sie sich einmal ins Café setzt, verstummen die Gäste, machen heimlich das Kreuzeszeichen, kein Bissen wird mehr zum Mund geführt, als hätte ein Gifthauch sich ausgebreitet. Einmal mehr tritt bei den Einheimischen das Gefühl zutage, "das jahrhundertelang unter den Nähten dahingeflossen war".
Im Haus des Bruders dagegen wenden sich die Machtverhältnisse. Nach seiner Heimkehr beginnt er zu kränkeln, wird schwächer, je energischer die Schwester dem Übel - und damit ihm selbst - zu Leibe rückt. Das Verstummen seiner Gegenwehr liest sie als Zeichen des Einverständnisses, mehr noch: als Ausdruck der Tatsache, dass ihre brachiale Therapie "in Wirklichkeit seine Idee gewesen war". Und bei ihrer allmählichen Usurpation von Körper und Geist des Bruders bezieht sie den Aplomb direkt aus dessen eigenen Lehren: "Mir war, als hätten all seine Unterweisungen, in der Kindheit, in der Jugend, bis zum heutigen Tag, an diesen Punkt geführt, die Sublimierung meiner selbst in meinem Bruder, für meinen Bruder."
Ein schreckliches, zynisches Scheitern also, auf beiden Ebenen der Handlung? So mag es sich der Leserin darstellen. Aber der Schluss des Romans rückt die Dinge so behutsam wie berührend in ein prekäres Gleichgewicht. Zudem gibt es eine Stelle im Buch, die noch einen anderen Denkraum öffnen könnte. Dort blickt die Protagonistin zurück auf ihren vergeblichen Versuch, "über den unvorstellbaren Abgrund der Geschichte hinweg" die Hand versöhnlich nach den Einheimischen auszustrecken - eine Geste, die sie, wie sie nun erkennt, nie hätte wagen dürfen. Und dennoch will sie den Impuls zum Guten nicht aufgeben: die Arbeit an sich selbst, den Glauben an das Mögliche, das Streben "nach einem Zustand von Ernst und Gnade". "Gravity and grace" lauten die letzten Worte im Original - und damit zitiert Sarah Bernstein den englischen Titel von Simone Weils "La pesanteur et la grâce" (deutsch "Schwerkraft und Gnade"). Könnte Weils in ihrer gedanklichen Strenge aufwühlende Meditation über den radikalen, bis zur Auslöschung des Selbst reichenden Verzicht als Weg zu Glauben und Gottesbeziehung vielleicht sogar ein fernes Licht sein, vor dem das Schattenspiel des Romans stattfindet?
In der deutschen Ausgabe ist diese Anspielung leider nicht mehr kenntlich, denn der Doppelsinn von "gravity" war hier nicht einzuholen. Mit "Ernst" ist das Wort im gegebenen Kontext stimmig und korrekt übersetzt, und natürlich gibt "Übung in Gehorsam" den Leserinnen und Lesern auch ohne den Verweis auf die französisch-jüdische Denkerin mehr als genug mit. Dass die Reverenz an Weil der Autorin aber am Herzen lag, zeigt sich darin, dass die Wortkonstellation "gravity and grace" auch in ihrem ersten Roman, "The Coming Bad Days", aufscheint.
Dieses Buch steht zu "Übung in Gehorsam" in einem ähnlichen Verhältnis wie in der Fotografie das Negativ zum Positiv - was, in gewissem Maß, leider auch für die Wertung gilt. Die Symmetrien sind offensichtlich: In beiden Romanen begegnen wir einer Ich-Erzählerin, die aus ganz subjektiver Warte, jedoch keineswegs ohne Scharfsicht reflektiert. Beide Frauen erleben eine Beziehung mit starkem Gefälle und einer scheinbar klaren Rollenverteilung, die sich dann plötzlich verkehrt. So wendet sich in "The Coming Bad Days" die brillante, attraktive Clara wie durch Zauberschlag der farb- und namenlosen Protagonistin zu, die sich mehr schlecht als recht auf ihrem Pöstchen an einer mediokren Universität zu halten versucht; doch als Clara, die strahlende, nach einer Vergewaltigung verstummt und taumelt, lässt die Erzählerin sie ins Leere fallen. Beide Werke sind in einem toxischen Umfeld angesiedelt: Die Uni wird als Hort von "Tribalismus und Aggression" beschrieben, die Seminare und Lehrerkonferenzen sind Rituale bösartiger Demütigung. Kollegen und Kolleginnen der Hauptfigur werden lautlos und mit beängstigender Regelmäßigkeit relegiert, mehr als einmal beobachtet sie, wie weibliche Lehrkräfte von Studenten in Hauseingänge gezerrt werden. Und die Stadt ringsum ist nicht besser. Hier kreiert Bernstein ein Klima dumpfer Bedrohung, immer mal wieder verschwindet ein Mädchen, aber niemand weiß, ob die Suchscheinwerfer der allnächtlich aufsteigenden Polizeihelikopter wirklich nur nach diesen Vermissten tasten.
Die Milieuschilderungen in "The Coming Bad Days", atmosphärische Momente und skurrile Szenen sowie auch manche widerständige, aber dennoch treffende Gedankengänge der Protagonistin weisen bereits voraus auf die Qualitäten, die "Übung in Gehorsam" auszeichnen. Aber die Hauptfiguren trennt ein Abgrund: Während die Heldin - ja, nennen wir sie so - des zweiten Romans mit Witz und Wärme gezeichnet ist, zugleich gerade in ihrem Scheitern einen Schatten wirft, der ungleich größer ist als sie selbst, kommt die Ich-Erzählerin im ersten kaum je übers Klagen und Anklagen hinaus. Stets werden die andern - die Männer, die Weltläufe - für ihre persönliche Misere haftbar gemacht, während sich ihre Anstrengungen, menschlich oder wenigstens intellektuell aus ihrer Randexistenz herauszutreten, in engen Grenzen halten. Allerdings deponiert Sarah Bernstein auch in diesem Roman einen Sprengsatz in wenigen, wie nebenher fallenden Worten. Claras Vergewaltigung wird auffallend kurz und verklausuliert erwähnt, die Erzählerin tut zunächst ihr Bestes, das Leid der Freundin zu bagatellisieren. Erst später gesteht sie sich ein: "Ich wollte nicht darüber nachdenken, was Clara widerfahren war. Ich wollte nicht darüber nachdenken, was geschehen war. Ich wollte nicht denken, dass das, was mir geschehen war, auch ihr geschehen könnte (…)". "Das, was mir geschehen war": Ist dies die Schlüsselstelle, welche die Figur in einem anderen Licht erscheinen lassen soll? Es gibt Momente im Roman, die eine solche Lesart stützen. Aber auch dann ist das tote Gewicht nicht wirklich aufgefangen, das sich in den Wiederholungen, Klagen und Schuldzuweisungen der Erzählerin ansammelt.
Sprechend ist in diesem Sinn auch die Stelle, wo indirekt Simone Weil aufgerufen wird. Die Protagonistin blickt zurück auf ihre letzten Begegnungen mit Clara, versucht, aus dem, was die Freundin sagte, eine Botschaft zu lesen. Ihre Interpretation (die sich allerdings kaum mit Claras tatsächlichen Äußerungen zur Deckung bringen lässt) geht dahin, dass man Empathie und Gefühle am besten beiseiteschieben solle. Denn diese vernebelten die Gedanken und machten uns unfähig, das Ausmaß des Leidens direkt und konkret zu konfrontieren, ohne dadurch überwältigt zu werden. Stattdessen solle man eher auf einen Zustand von "gravity and grace" aspirieren. Auf abstrakter Ebene mag dies erwägenswert sein; hält man die Überlegung jedoch neben die engherzige Selbstbezogenheit, welche die Ich-Erzählerin im Umgang mit Clara - und nicht allein mit ihr - beweist, sieht man Weils Botschaft entstellt und verraten.
Als Schlusslicht soll hier aufblitzen, was eigentlich der Anfang war, nämlich "Now Comes the Lightning" - Sarah Bernsteins 2015 erschienenes Debütwerk, das beweist, dass sie auch ganz anders kann. Flink, ausgreifend, leichthändig wie eine Aquarellistin arbeitet sie hier, statt in den tastenden, kreisenden Denkbewegungen, die sie in den Romanen entwickelt; fakten- und lebensnah, obwohl die Notiz am Ende den Inhalt als Fiktion bezeichnet. Der unter der Gattung Lyrik rubrizierte, aber als kohärente Erzählung lesbare Band entwirft ein Lebensbild der französischen Chansonnière und Schauspielerin Marguerite Boulc'h, bekannt unter dem Künstlernamen Fréhel, das Bernstein in neun aus kurzen Prosatexten komponierten Teilen anlegt.
Rund 140 meist lose bedruckte Seiten umfasst der Band, Stoff enthält er für ein ungleich dickeres Buch, denn diese Biographie überspannt buchstäblich den Raum von der Gosse bis zu den Sternen. 1891 in bescheidensten Verhältnissen geboren, singt Marguerite schon mit fünf auf der Straße, tritt nach einem schweren Unfall des Vaters früh ins Erwerbsleben ein, trägt Salz aus, arbeitet dann bei einem Drogisten, der auch Schönheitsmittel herstellt. So kommt sie in Kontakt mit der umschwärmten Tänzerin und Kurtisane La Belle Otéro; die findet Gefallen an der kecken jungen Frau, ebnet ihr den Weg in die Pariser Music-Halls. Sie heiratet, die Ehe zerbricht am frühen Tod des ersten Kindes; es folgt eine Affäre mit dem Sänger Maurice Chevalier. Die beiden konsumieren Alkohol, Kokain, Äther, nachdem Chevalier sie sitzenlässt, versinkt Fréhel - wie auch in späteren Lebenskrisen - in Depression und Sucht. Einen Kontrapunkt setzt die Freundschaft mit Anastasia Michailowna Romanowa, Tochter eines russischen Großfürsten und Gattin des Erbprinzen von Mecklenburg-Schwerin, auf deren Einladung hin die Sängerin Ende 1913 nach Sankt Petersburg reist und dort vor erlesenem Publikum auftritt. Auf dem Rückweg macht sie in Bukarest Halt, verliebt sich in einen rumänischen Offizier, der 1916 an der Ostfront fallen wird. Für Fréhel ein erneuter Sturz in die Finsternis, der sie nach Kriegsende durch die Rückkehr in die Heimat zu entkommen sucht; doch sie unterbricht die Reise, bleibt fünf Jahre in Konstantinopel hängen, wird schließlich, schwerkrank infolge ihres Drogenkonsums, vom französischen Konsulat zwangsrepatriiert. Und noch einmal steigt sie zu den Sternen auf: Man liebt ihre Chansons nach wie vor, auch die Türen der Filmstudios öffnen sich für sie. Im Zweiten Weltkrieg aber leistet sie sich einen Fehltritt, den ihr die Landsleute nicht verzeihen werden: Auf Einladung der Besatzer nimmt sie an Tourneen durch deutsche Kriegsgefangenenlager teil. Danach schwinden die Engagements. Die Jahre bis zu ihrem Tod 1951 sind ein langer, von Krankheit, Armut und Sucht überschatteter Niedergang.
Im Buch verzichtet Bernstein auf eine separate, faktenorientierte Kurzbiografie, womöglich, um der Deklaration gerecht zu werden, dass es sich um ein fiktionales Werk handle; sie listet lediglich Fréhels Chansons, die da und dort auch strophenweise in den Texten aufscheinen, die Filme, in denen die Sängerin auftrat, sowie Bücher, aus denen zitiert wird oder die sie zur Information beizog. Die erstgenannte Orientierungshilfe wäre aber durchaus möglich gewesen, denn sie hätte die literarische Qualität des Bandes in keiner Weise gemindert. Mit sparsamen Mitteln, mit gekonnt gesetztem Kolorit und überraschenden Details öffnen die Prosastücke imaginäre Räume, durch die dennoch der Wind einer realen Vergangenheit weht; gerade in dieser Innenspannung liegt die Suggestionskraft der Darstellung. Die fünf Jahre in Konstantinopel? Im Buch fassen fünf Zeilen die Zeit. Da sitzt Fréhel, schnupft Kokain von ihren Taschenspiegeln, Kirschblütenduft weht durchs Zimmer. "Sie sitzt am Fenster, der blaue, blaue Himmel widerscheint mal in diesem, mal in jenem Spiegel, sie schaut den ziehenden Wolken nach. Drunten in der Straße bieten Weißrussen Streichholzschachteln feil. Das Wetter gleitet über den kleinen Spiegel in ihrer Hand."
Sarah Bernstein: Übung in Gehorsam Roman Aus dem Englischen von Beatrice Faßbender. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2025. 160 Seiten, gebunden, 22 Euro.
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