Ein Buch, das nicht sein darf

Über Bücher, die kommen. Von Angela Schader
13.11.2022. Literatur schlingt manchmal wunderliche - oder wunderbare - Knoten. Ein Roman, der von einem Roman handelt, der alle voraufgegangenen Bücher aus dem Gedächtnis tilgen und alle künftigen verunmöglichen soll, angelt Frankreichs begehrtesten Literaturpreis, den Prix Goncourt. Was hat es auf sich mit Mohamed Mbougar Sarrs "Die geheimste Erinnerung der Menschen"? Mit einer Aktualisierung.
Mbougar Sarr Mohamed. Foto © DR Philippe Rey
Nicht die wuchtigen Themen seiner Romane - die Gewaltherrschaft radikaler Islamisten, die Spannungsfelder der Migration, die Homophobie in afrikanischen Gesellschaften - waren es, die meinen Blick auf den senegalesischen Autor Mohamed Mbougar Sarr lenkten; und auch nicht der Prix Goncourt, mit dem er 2021 für sein jüngstes Werk, "La plus secrète mémoire des hommes", geehrt wurde: als erster Schriftsteller aus dem subsaharischen Afrika und obendrein als einer der jüngsten Träger der prestigereichen Auszeichnung.

Nein. Es war ein stiller Text, 2019 auf Sarrs mittlerweile sistiertem Blog "Choses revues" publiziert, das Thema alltäglich, wenn auch zu einer so sensiblen wie präzisen Reflexion ausgesponnen. Der Ich-Erzähler, wie Sarr nach Paris emigriert, ruft seine betagten Eltern in Senegal an; wie jedes Mal muss er sich dafür einen Schubs geben, wie jedes Mal versucht die Mutter einen Scherz über seinen "schwach ausgeprägten Familiensinn. Bittere Scherze: In ihnen steckte ein stummer Vorwurf. Mein Vater äußerte sich nie dazu, und damit war alles gesagt."

Knapp sind diese Verletzungen umrissen, knapp wie der Bildschirm des Smartphone, auf dem die Gesichter der Eltern beim Video-Anruf nur je hälftig zu sehen sind. Und während das Gespräch dürr bleibt und oberflächlich, sinkt das Lot im Inneren des Protagonisten in die Tiefe, hinunter zum Schmerz, der nicht zur Sprache kommen darf: dem Leiden an der wachsenden Kluft, die nicht der Raum, sondern vor allem die Zeit zwischen den Exilanten und seine Heimat legt, und am Wissen, dass diese Zeit auch das Leben der Eltern aufzehrt.

Zu finden ist diese Episode nun in Sarrs mit dem Goncourt gekröntem Roman, den Holger Fock und Sabine Müller für den Hanser Verlag ins Deutsche übertragen haben. Das Kernthema von "Die geheimste Erinnerung der Menschen" allerdings liegt ganz woanders. Auf grimmige Art passend zum illustren Literaturpreis, geht es darin um ein stupendes Buch, "das alle anderen Werke töten würde, das alle auslöschen würde, die ihm vorausgegangen sind, und alle abschrecken, die nach ihm entstehen (…) könnten". T. C. Elimane heißt der Mann, der einen solchen Text ins Auge fasst; der zwar nicht die Verwerflichkeit seiner Idee erkennt, wohl aber die Unmöglichkeit ihrer Umsetzung - und der dennoch zur Feder greift.

Wer war T. C. Elimane, was stand hinter seinem (selbst-)mörderischen Vorhaben? Und warum ist jenes 1938 unter dem Titel "Das Labyrinth der Unmenschlichkeit" erschienene Jahrhundertwerk spurlos vom Markt und aus der Literaturgeschichte verschwunden? Diese Fragen treiben Diégane Latyr Faye, den Ich-Erzähler von Sarrs Roman, um und an, umso mehr, als der junge, aus Senegal nach Paris übersiedelte Schriftsteller in Elimane einen Landsmann und Schicksalsgenossen erkennt. Aus Diéganes Quest erwächst eine große Reflexion über das Schreiben als Grenzgang zwischen den Welten, als Gratwanderung am Saum der Geröllhalde, die das koloniale Machtgefälle geschaffen hat. Der zeitliche Bogen des in drei Bücher, diverse Unterkapitel und kurze "Biographeme" aufgeteilten Geschehens spannt sich von 1888 bis in die jüngste Gegenwart, wobei man nicht weiß, ob der Anfang des dritten Buches von der Aktualität inspiriert oder hellsichtige Vorausschau war. Sarr schildert dort einen keimenden Volksaufstand in Senegal; obwohl fiktiv und auf den Herbst 2018 datiert, wirkt die Passage wie eine Reverenz an die reale Revolte vom Frühling 2021, die dem Erscheinen des Romans um wenige Monate vorausging.

Einige Bezugspunkte gibt es auch zwischen Diégane und seinem 1990 in Dakar geborenen Schöpfer. Beide machen ihren Schulabschluss an einem Militärinternat in Senegal, dann folgt der Wechsel nach Paris, dort brechen sie ihr Studium vorzeitig ab, um sich dem Schreiben zu widmen. Die Karrieren allerdings könnten unterschiedlicher nicht sein: Während Sarr schon für seinen Erstlingsroman "Terre ceinte" mit zwei Preisen ausgezeichnet wurde, bringt es "Anatomie der Leere", Diéganes eher schmalbrüstiges literarisches Debüt, gerade mal auf 79 verkaufte Exemplare, einschließlich derjenigen, die er selber erworben hat. Kein Wunder also, dass er sich lieber dem enigmatischen Elimane zuwendet.

Das Herzstück des Romans, jenes grundstürzende Buch, das eigentlich nicht sein kann und auch nicht sein darf, kreiert Sarr mit beachtlichem Geschick. Direkt zu lesen bekommt man lediglich den ersten, das Titelmotiv umkreisenden Satz: Er erzählt von einem König, dem absolute Macht verheißen wird, wenn er die Ältesten in seinem Reich dem Feuertod überantwortet; aus ihrer Asche ersteht ein Wald, der dann "Das Labyrinth des Unmenschlichen" genannt wird. Der Echoraum der Episode ist spezifisch afrikanisch und zugleich universal: die Weisheit und Würde des Alters zu missachten ist ein Tabu, von dem sich erst die westliche Moderne loszusagen wagte. Zugleich spiegelt sich darin auch die Ambition des Schriftstellers, durch sein Werk zu vernichten, was Andere durch die Jahrtausende geschaffen hatten. Das archaisch wirkende Motiv wiederum hat Elimane durch einen postmodernistischen Gestus zugleich konterkariert und nachvollzogen, denn das "Labyrinth" ist ein genialisches Geflecht aus lauter literarischen Zitaten - Plagiat bis in die letzte Faser und doch einzigartig, ein aus den Fetzen der Vorgängerwerke geschaffenes, vollendetes Stück Raubkunst.

Ein Triumph auf der ganzen Linie also? Fehlanzeige. Sarr wirft weitere Schlaglichter auf Elimanes Roman, indem er uns Zeugen des Kritiker-Kriegs werden lässt, den dieser 1938 in der französischen Presse entfachte. Gestritten wurde nicht etwa über literarische Qualität und Innovationskraft - die Zitate-Montage wurde zunächst nicht einmal als solche erkannt -, sondern darüber, ob ein so ungewöhnliches Werk überhaupt von einem Schwarzen stammen könne. Diese Frage wurde mal diskret in den Raum gestellt, mal blank verneint - mit Verweis auf den gravierenden Mangel an "tropischem Kolorit" und "Durchdringung der afrikanischen Seele". O doch, das Werk sei "afrikanisch bis ins Mark", schrien andere - im Guten (ein "schwarzer Rimbaud" sei da zu entdecken) oder im Schlechten (der Roman sei lediglich ein Beweis für den moralischen Minderwert und die "Barbarei der Afrikaner"). Nach dem gehässigen Schlagabtausch treten die Experten auf den Plan. Ein Ethnologe behauptet, Elimane habe nicht mehr abgeliefert als die "beschämende Bearbeitung" eines Mythos des Bassari-Volkes. Ein Literaturwissenschaftler legt nach, indem er - immerhin mit schmallippiger Bewunderung - das aus der ganzen Weltliteratur geschöpfte Substrat des Buches offenlegt. Damit ist T. C. Elimane als Schriftsteller erledigt, sein Verlag infolge der sich häufenden Copyright-Klagen ruiniert; was an Exemplaren des "Labyrinths" an Lager oder noch auffindbar ist, wird eingestampft.

Eine besonders bittere Pikanterie dieser Geschichte liegt darin, dass sie von realen Ereignissen inspiriert ist - nämlich dem Schicksal des malischen Schriftstellers Yambo Ouologuem, der 1968 für sein radikales Erstlingswerk "Le devoir de violence" (deutsch "Das Gebot der Gewalt") mit dem Prix Renaudot ausgezeichnet, später aber mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert wurde und daraufhin - wie Elimane - verstummte. Sarr hat das traurige Kapitel afrikanischer Literaturgeschichte zur böse funkelnden Satire geschliffen, und auch anderweitig wird er immer wieder an die Schmerzpunkte der afrikanischen Literatur und ihres Fremd- und Selbstverständnisses rühren. Die zuvor referierte, mit der stumpfen Waffe des Vorurteils geführte Kritikerdebatte etwa ist Kinderspiel im Vergleich mit dem Massaker, das Diégane und sein kongolesischer Schriftstellerfreund Musimbwa eines schönen Abends in den Gefilden der frankophonen afrikanischen Literatur veranstalten. Gleichsam auf Zehenspitzen, via die "manchmal angenehmen, oft erniedrigenden Zweideutigkeiten" ihrer eigenen Situation, schleichen sie sich ans Thema an, dann purzeln die Köpfe. Zunächst werden die voraufgehenden Autorengenerationen liquidiert, die nie über "die Négreries eines gefälligen Exotismus" oder magere Autofiktionen hinausgekommen seien, dann führt man das afrikanische wie auch das weiße Lesepublikum aufs Schafott, als Nachtisch folgt die Kritikerzunft.

Hinter alledem nimmt Elimanes Gestalt allmählich Kontur an wie ein mächtiger Schattenwurf an der Wand, eine Verkörperung der Zerrissenheit und Unrast, von der sich auch die jungen afrikanischen Literaturschaffenden im Roman noch nicht ganz befreit haben. Diéganes Führerin und wichtigste Quelle für seine Recherche ist Marème Siga D., die der Familie Elimanes entstammt und die sich durch ihre eigenen, beißenden Roman-Porträts der senegalesischen Gesellschaft ebenfalls ins Exil geschrieben hat. Sarr baut die Ausleger dieser Erzählkonstellation stellenweise etwas kühn, indem über Siga D. die Narrative früherer, weit gestreuter Zeitzeugen praktisch ungebrochen in die Darstellung eingebracht werden; dem großen Bogen von Elimanes ein ganzes Jahrhundert und drei Kontinente übergreifender Lebensgeschichte aber kommt diese Beweglichkeit zugute. Denn Mohamed Mbougar Sarr ist nicht nur ein scharfsinniger Analytiker des literarischen Metiers, sondern auch ein virtuoser Erzähler, der die sinistren Wesenszüge des "schwarzen Rimbaud" spannungsreich im Halbschatten lässt und zugleich mit dem lebhaften Wechsel von Stimmen und Schauplätzen, Gegenwart und Vergangenheit sein Publikum jederzeit in Atem hält.

Ob nun das Unverständnis der Kritik Elimane das Genick gebrochen hat, ob er am eigenen Verlangen nach dem Absoluten zugrunde ging oder in jene Kluft zwischen den Welten stürzte, die sich beim eingangs geschilderten Telefongespräch auch vor Diégane auftut - das hat die Leserin selbst abzuwägen. Dass jene Kluft aber nicht unüberwindbar ist, beweist Sarr mit seinem eigenen bisherigen Œuvre, in dem sich zwei ganz in Afrika verwurzelte und zwei "interkontinentale" Romane gegenüberstehen.

"Terre ceinte", das 2015 veröffentlichte Erstlingswerk, ist einerseits direkt inspiriert von den islamistischen Übergriffen im Norden Malis - so verweist die im Roman geschilderte Zerstörung einer Bibliothek mit kostbaren einheimischen Schriftzeugnissen auf den Brandanschlag, den die Fanatiker im Januar 2013 auf die Bibliothek des Ahmed-Baba-Forschungsinstituts in Timbuktu verübten. Zugleich verankert Sarr das fiktive Land, in dem das Buch spielt, in einem größeren geografischen Kontext: Sein Name, "Sumal", evoziert Somalia, eingeflochtene Wörter und Wendungen in der Sprache der Wolof verweisen auf Senegal.
 
Im Roman überlagern sich zwei Handlungsstränge mit unterschiedlichen Rhythmen und Amplituden. Der eine, schneller getaktet und mit heftigen Ausschlägen, schildert den Widerstand einer kleinen, heterogenen Gruppe, die den dumpfen Terror der Religiösen durch das aufklärerische Wort in Gestalt einer heimlich gedruckten und verteilten Zeitung unterlaufen will. Der andere, ruhiger und intimer, entwickelt sich aus der dramatischen Eingangsszene, welche die öffentliche Hinrichtung eines jungen, unverheirateten Liebespaars erzählt. Die Mütter der beiden Opfer beginnen einander zu schreiben, wobei sie im Lauf der Korrespondenz allmählich die durch ihre unterschiedlichen Charaktere und Schicksale vorgegebenen Rollen tauschen.

Sprache - die durch religiöse oder geistige Autorität erhobene wie auch die unterdrückte oder durch Krieg und Repression entstellte - ist ein Thema, das sich durch das ganze Buch verfolgen lässt. So realisiert der siebzehnjährige Idrissa Camara plötzlich, dass er sich mit seiner Mutter nie über das islamistische Regime ausgetauscht hat. Das liegt nicht am Familiengeist, man ist wach und kritisch im Hause Camara. Grund des Schweigens ist vielmehr die Annahme, dass zu dem Thema eh schon alles gesagt sei - und Idrissa erkennt darin den entscheidenden Sieg der Fundamentalisten: Glaubten die Menschen erst einmal, dass Reden keinen Sinn mehr habe, dann überlasse man den Unterdrückern das Wort, und die Unterdrückten gäben mit dem Sprechen zugleich das Denken auf.

Auch der Islamistenführer Abdel Karim Konaté, der über Idrissas Heimatdistrikt die Peitsche schwingt, ist sich der Macht des Wortes scharf bewusst. Ihn selbst beschreibt Sarr als "die gefährlichste Art von Fanatiker", weil er fähig ist, seine Überzeugungen intelligent und schlüssig zu formulieren; umgekehrt erkennt Konaté auf den ersten Blick die Gefahr, die von der Untergrund-Zeitung ausgeht - denn diese argumentiert nicht mit emotionaler Polemik, sondern stützt ihre Kritik an der Ideologie der Fundamentalisten kompetent auf die Texte von Koran und Sunna ab. Damit glauben die Herausgeber der Zeitung die schweigende Mehrheit im Land aufrütteln zu können - religiöse, aber nicht fanatische Menschen, die sich sonst unter der Fuchtel der Extremisten geduckt hätten. Aber die toxische Nebenwirkung ihres Produkts haben sie nicht vorausgesehen: Kaum beginnt das Blatt zu zirkulieren, setzt auch die Jagd nach seinen Verfassern und Lesern ein und treibt die Bevölkerung in einen Höllenkreis von Denunziation, Angst und Feindseligkeit.

Religiöser Fundamentalismus und denunziatorisches Treiben bestimmen auch die Dynamik von Sarrs drittem, 2018 erschienenem Roman. "De purs hommes" ist in Senegal angesiedelt und greift - wie "Terre ceinte" - teilweise auf reale Ereignisse zurück: In dem zuvor relativ toleranten Land wächst seit 2008 auf politischer wie gesellschaftlicher Ebene der Druck auf Homosexuelle. So ist die schockierende Initialzündung der Romanhandlung keine Erfindung. Geschildert wird die vom Mob bejubelte gewaltsame Exhumierung eines jungen Mannes, welcher der Homosexualität verdächtigt wurde und dem deshalb keine Ruhestatt auf dem muslimischen Friedhof vergönnt sein soll.

Ndéné Gueye, der Ich-Erzähler, müsste sich als Akademiker mit freizügigem Lebenswandel eigentlich empören, als ihm seine Geliebte Rama das viral gegangene Video der scheußlichen Szene zeigt. Stattdessen redet er der Allgemeinheit nach dem Maul: Es handle sich ja bloß um einen Schwulen. Rama kanzelt ihn ab, klebt ihm zum Abschied noch eine und weckt damit nicht nur Ndénés Gewissen: Im Lauf seiner Auseinandersetzung mit dem Thema wächst auch sein Interesse am eigenen Geschlecht. Diese letztere Entwicklung erscheint allerdings nicht zwingend, umso mehr, als Ndénés finales Bekenntnis zur Homosexualität mehr Pathosgeste ist als plausibel entwickelte Neigung; aber der Weg dorthin - die Begegnungen und Konflikte, anhand deren Sarr sein Gesellschaftsporträt gestaltet - zählt hier mehr als das Ziel.

Über dem Schicksal des unbekannten jungen Mannes kommt es zum Streit und zum schmerzhaften Bruch zwischen Ndéné und seinem Vater, der als muslimischer Geistlicher die Homosexualität bedingungslos verwirft. In einer Predigt nennt er sie sogar ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit", schließt aber immerhin mit dem Gedanken, man könne für den seiner Totenruhe Beraubten beten. Das wiederum reicht schon, um den Vater seinerseits zu diskreditieren und um Amt und Würde zu bringen. Die Universität, wo Ndéné Komparatistik lehrt, ist derweil alles andere als ein geistiges Widerlager des sich ausbreitenden religiösen Fanatismus: Als er in einer Vorlesung ein Gedicht von Verlaine behandelt - nicht wissend, dass Autoren, die der Ruch der Homosexualität umgibt, mittlerweile auf dem Index stehen -, hat der Protagonist nicht nur den Rektor, sondern auch die Studierenden gegen sich. Komplexer und verblüffender als diese Konstellationen ist jedoch die Szene, die sich im Rahmen eines nächtlichen Volksfestes entfaltet. Eine majestätische Gestalt im engen Paillettenkleid bringt mit ihrem Tanz und ihren lasziven Couplets das Publikum zum Toben, die Frauen mehr noch als die Männer. Die kühnsten Zuschauerinnen wagen sich selbst auf die Bühne, wo sie, angefeuert von den obszönen Reimen der Diva, darin wetteifern, welche ihren Hintern am erregendsten wackeln und beben lassen kann. Im Paillettenkleid steckt freilich - ein Mann, der mit seiner virtuosen Drag-Show die Toleranzgrenzen und die Bigotterie der Gesellschaft so clever wie wagemutig ausreizt.

Zwischen den beiden in Afrika handelnden Romanen steht mit "Silence du chœur" (2017) ein in jeder Hinsicht expansiveres Werk. Angesiedelt in der fiktiven italienischen Kleinstadt Altino, erzählt es vom Schicksal einer Gruppe afrikanischer Bootsflüchtlinge und ihrer lokalen Helfer, die einer zunehmend feindseligen Bevölkerung gegenüberstehen - bis es zum gewaltsamen Showdown kommt, bei dem dann ein wahrlich unerwarteter Akteur die entscheidende Rolle spielt. Das Aufgebot an Charakteren ist beachtlich, das Spektrum ihrer Einstellungen und sozialen Hintergründe insbesondere aufseiten der Italiener breit: es reicht vom modisch-angesagten Künstlerpaar bis zum überforderten Polizeihauptmann, vom gewaltbereiten Fußball-Ultra bis zur ätherischen, stummen Arzthelferin Lucia. Der Roman ist nicht frei von Schwarzweißmalerei, die Handlung wirkt stellenweise forciert; was ihn lesenswert macht, sind ambivalente oder unkonventionellere Figuren, die Farbigkeit und Zugkraft der Erzählung, vor allem aber ein Fundus an messerscharf formulierten Einsichten und Überlegungen, in denen die eigentliche Substanz des Buches liegt.

Da gibt es starke Bilder - wenn etwa die "gedemütigten Schatten" der Bootsflüchtlinge beim Einzug in Altino an den Hausmauern Halt zu suchen scheinen, oder wenn in einer gedrängten, atemlosen Passage die mörderische Wegstrecke durch die Sahara geschildert wird, die auf dem Weg nach Europa zu überwinden ist. Da wird die bittere Bilanz westlicher Indifferenz gezogen: "Das Drama, das uns den Horror dieser Welt enthüllt, ist oft dasjenige, das man schließlich am mühelosesten akzeptiert." Und was die Gründe angeht, um derentwillen die Menschen ihre Heimat verlassen, wartet eine verblüffende Einsicht. Die Einwanderungsbehörde, aber auch diejenigen, die ihr Herz öffnen und sich für die Migrantinnen und Flüchtlinge engagieren, so heißt es einmal, seien vorab an Ursachen interessiert: Ein "guter" Flüchtling ist in ihren Augen derjenige, der in seiner Heimat an Leib und Leben gefährdet war und in der Haltung des Schutzsuchenden europäischen Boden betritt. Die mit Europa verbundenen Hoffnungen und Aspirationen der Neuankömmlinge dagegen interessierten vor allem diejenigen, die ihnen mit Ablehnung oder Hass begegneten, weil sie Konkurrenz im Kampf um Arbeitsplätze und staatliche Ressourcen fürchteten. Paradoxerweise hätten hier die Feindseligen den richtigeren Blick - einen, der die Menschen aus der Fremde nicht auf ein drame sur pattes, ein Drama auf allen Vieren, reduziere. In einer Zeit, da Krieg, Not und Umweltkrisen immer mehr Menschen zum Verlassen ihrer Heimat zwingen, haben solche Passagen in Sarrs Roman eine besondere Dringlichkeit.

Aktualisierung vom 16. November: Eine Leserin hat uns auf das Reale Vorbild zu Sarrs fiktiver hingewiesen. Mehr zu Yambo Ouologuem im NewlinesMag.

Mohamed Mbougar Sarr: Die geheimste Erinnerung des Menschen.
Roman
Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller.
Hanser Verlag, München 2022. 448 Seiten, gebunden, 28 Euro.

Erscheint am 24. November.

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Die früheren Romane des Autors liegen noch nicht in deutscher Übersetzung vor. "Terre ceinte" ist unter dem Titel "Brotherhood" auf Englisch beim Verlag Europa Editions erschienen.