07.10.2024. Verdient ein Buch, dessen Hauptfiguren auf den Schaubühnen des globalen Kapitalismus erbittert um Karriere, schnelles Geld oder das schiere Überleben kämpfen, den Titel "Der Wert der Welt"? Auch wenn der Debütroman des kurdischen Autors Agri Ismaïl im Original anders heißt: Mit seinem Facetten- und Ideenreichtum und seinem beißenden Witz wird er der deutschen Überschrift durchaus gerecht.
Agri Ismaïl. Foto: Märta ThisnerKurden. Da denkt man an die Tragödie eines zerrissenen, über vier Staaten verstreuten Volkes, dessen Geschichte im 20. Jahrhundert und teilweise bis heute von Repression und betrogenen Hoffnungen geprägt ist. Ein grausiger Höhepunkt war die Anfal-Operation im Nordirak, bei der zwischen 1986 und 1989 unter Einsatz von Chemiewaffen etwa viertausend kurdische Dörfer vernichtet und - je nach Quelle - Zehntausende, wenn nicht sogar weit über hunderttausend Menschenleben ausgelöscht wurden.
Oder sollte man die Geschichte der Kurden vielmehr im Zeichen eines beharrlichen, zähen Kampfes sehen, der in jüngerer Zeit auch Erfolge gezeitigt hat? Ausgerechnet Irakisch-Kurdistan, das von der Landkarte hätte getilgt werden sollen, genießt heute weitgehende Autonomie. Und mit Rojava ist im Norden Syriens das zwar bedrohte und nicht makellos umgesetzte, aber in seiner demokratischen und paritätischen Ausrichtung bemerkenswert kühne Projekt eines weiteren kurdischen Autonomiegebiets entstanden.
Allerdings: Kurden und Kurdinnen, die dem Geld nachjagen, in einem Luxusdomizil gleich gegenüber dem New York Stock Exchange, auf dem harten Pflaster der Finanzmetropole London oder in der glitzernden Fata Morgana namens Dubai - das passt überhaupt nicht ins Bild.
Passt doch, findet der kurdischstämmige Schriftsteller Agri Ismaïl. Und führt es in seinem Anfang 2024 erschienenen Debütroman "Hyper" gleich vor. Rowohlt hat schnell zugegriffen und das Buch in die Hände des bewährten Übersetzers Robin Detje gelegt; die deutsche Ausgabe erscheint demnächst unter dem weniger schnittigen, aber dem geographisch wie inhaltlich weit ausgreifenden Roman durchaus angemessenen Titel "Der Wert der Welt".
Die Informationen des Verlags zum Autor sind karg: Es heißt, er sei in Kurdistan geboren, lebe heute mit seiner Familie in Stockholm und habe nach einem Jurastudium als Unternehmensanwalt in London, Dubai und im Irak gearbeitet. Viel mehr gibt auch Ismaïls Website nicht her; aber online finden sich nebst einer Handvoll Erzählungen und Essays auch einige autobiografisch geprägte Texte, mittels deren sich die Kontur ein Stück weit ausfüllen lässt.
So erfährt man in "Haunted Home", dass Ismaïl, dessen Eltern Anfang der 1980er Jahre nach Schweden geflüchtet waren, erst dort geboren wurde. Der Beginn des Texts deutet eine längere Verfolgungsgeschichte an: Das Haus der Mutter in Iran wurde in den Sechzigern niedergebrannt, dasjenige des Vaters in Irakisch-Kurdistan in den Siebzigern geplündert. Den Schergen Saddam Husseins fielen auch Verwandte zum Opfer, liest man in einem für das digitale Magazin Popula verfassten Beitrag; nach dem dadurch erzwungenen Gang ins Exil setzten Ismaïls Eltern ihr politisches Engagement in Europa fort. Doch die im Titel "Haunted Home" angedeuteten Heimsuchungen erlebten sie auch in Schweden: Nachdem 1991 der rechtspopulistischen Partei Neue Demokratie der Aufstieg in den Reichstag gelungen war, ging eine erste fremdenfeindliche Welle durchs Land, eines Morgens zierte ein entsprechender Kleber die Wohnungstür von Agri Ismaïls Familie. Die Reaktion der Mutter war souverän: Sie kratzte das gelbe Ding weg und platzierte an derselben Stelle das Foto eines Deutschen Schäferhundes.
Später sorgten die Schwedendemokraten dafür, dass der Familie ihr prekärer Status stets bewusst blieb. "Wenn man nicht das Gefühl haben kann, dazuzugehören", schreibt Ismaïl, "dann muss man sich exemplarisch verhalten, damit man wenigstens eine Chance hat, akzeptiert zu werden, und so wird unser Leben in der Wohnung zur öffentlichen Darbietung. Die Fenster gewähren nicht Einblick in ein Heim, sondern vielmehr auf eine Bühne, wo wir in der Rolle der musterhaften Minderheit auftreten". Dass auch das nicht reicht, erfährt der Autor nach Studienabschluss. Obwohl er einen schwedischen Pass hat und die Landessprache perfekt beherrscht, bleiben seine Stellenbewerbungen unbeantwortet. Mit Mühe und Not bekommt er am Ende einen "beschissenen Job" im Kundendienst, wobei ihn der Vorgesetzte mahnt, sich am Telefon nicht mit dem eigenen, sondern einem schwedischen Namen zu melden.
Nach einem Jahr hat er die Nase voll und beschließt den Umzug nach Irakisch-Kurdistan. Er lässt sich in Slemani nieder, wo seine Skills begehrt, sein Name und sein Aussehen die Norm sind - und wo es unter anderem einen Olof-Palme-Park, eine Pizzeria namens Mårtens café och pizza oder ein Möbelhaus namens EKIA mit dem bekannten blau-gelben Logo gibt. Oberflächlich betrachtet, so schreibt Ismaïl in "The Pioneers of Global Gentrification", wirke diese Heimkunft "wie das Traumszenario eines Migranten", der mit Kapital, Erfahrung und Wissen zurückkehrt, um das in der Fremde Erworbene im eigenen Land zu investieren. Aber für im Exil Geborene wie ihn fehlt der entscheidende Faktor. Kurdistan ist zwar, im Wortsinn genommen, sein Vaterland, nicht aber seine Heimat; in Slemani werden er und seinesgleichen "Swedi" genannt, die westlich geprägten Lokale und Geschäfte, die in ihrem Kielwasser Einzug gehalten haben, sind in den Augen der lokalen Bevölkerung ein Luxus, den sich nur "diese anderen Leute" leisten können. "Wir haben Europa verlassen, weil wir uns dort bedeutungslos und unerwünscht fühlten", bilanziert Ismaïl so hellsichtig wie bitter, "jetzt sind wir an der Reihe, ihnen (d.h. den Einheimischen) das Gefühl zu geben, sie seien in ihrer Heimat nicht mehr willkommen. Wir nennen das Wachstum, wir nennen es Fortschritt."
Nicht weniger schneidend-witzig und aufschlussreich ist "Talan (A Looting)", eine Reflexion über die Fußangeln, die den Weg eines kurdischen Schriftstellers säumen - insbesondere, wenn er, wie Agri Ismaïl, in der Fremde aufgewachsen ist. Der Muttersprache treu zu bleiben, wie es etwa der ebenfalls aus Irakisch-Kurdistan stammende Autor Bachtyar Ali tut, ist allenfalls möglich, wenn man erst als Erwachsener ins Exil gehen musste. Dann ist zwar die Sprachkompetenz gesichert, doch das Fundament, auf dem man arbeitet, bleibt schmal, jedenfalls in Ismaïls Augen. Der kurdische Roman, so schreibt er, sei "ein schwächliches Ding, dem man kaum zu atmen erlaubt hatte"; obendrein sei er sinn- und zwecklos in der heutigen kurdischen Gesellschaft, die mit den kapitalistischen Wunderwelten Singapurs oder Dubais wetteifern wolle.
Nachdem er die Probleme kartografiert hat, die sich beim Schreiben auf Kurdisch ergeben - sie hocken auch in PCs, Software und Suchmaschinen, die in der Regel primär für westliche Sprachen konzipiert sind -, wendet sich Ismaïl der Alternative zu, die er selbst am Ende wählte: Man schreibt halt auf Englisch. Aber wie, im Blick auf welche Leserschaft, soll man dann beispielsweise eine in Slemani unter Kurden spielende Szene darstellen? Das exerziert er anhand einer Skizze für die titelgebende Geschichte durch, indem er den Finger auf diverse Stellen legt, die fürs westliche Publikum einer Erklärung bedürften. Nicht nur dadurch, konstatiert der Autor, würde der Text schwerfällig und künstlich; auch Redewendungen, die sich nahtlos ins Kolorit des Kurdischen fügen, stächen in europäischen Sprachen irritierend hervor. Umgekehrt verliere der Titel "Talan" seinen sinistren Nachhall, sobald man ihn ins Englische bringe; denn für die Kurden, deren Erfahrung so sehr von Repression und ethnischen Säuberungen geprägt sei, habe das Wort "Plünderung" ein ganz anderes Gewicht als in heutigen westlichen Gesellschaften.
Diesen Zwickmühlen entzieht sich Agri Ismaïl weitgehend, indem er die Handlung seines Debütromans in einen globalisierten Rahmen stellt. Der ironisch gesetzte "universale Signifikant", der gleich im ersten Satz von "Das Gewicht der Welt" beschworen wird, macht auch klar, wohin die Reise geht. Es ist die heischende hohle Hand eines Verkäufers - am Gelde hängt, zum Gelde drängt doch alles.
Nein, nicht ganz. Der Mann, der seine letzten, zerknüllten Geldscheine in diese Hand legen wird, hat höhere Ziele. Rafiq stammt aus einer der angesehensten irakisch-kurdischen Familien, hat jedoch seine Karriere als Mediziner aufgegeben, um sich bei den Kommunisten für die Sache der Kurden zu engagieren; später zählt er zu den Mitgründern der kurdischen Unabhängigkeitsbewegung in seiner Heimat. Der Wohlstand zerrinnt infolge dieser Aktivitäten, die Bedrohung nimmt zu, schließlich flieht Rafiq mit Frau und Kindern nach Teheran. Dort findet auch die Szene mit der hohlen Hand statt - kurz vor dem Ausbruch der iranischen Revolution. Die erfüllt Rafiq zunächst mit schönster Hoffnung, denn zu Beginn kämpfen auch sozialistisch-kommunistische Gruppierungen wie die Tudeh-Partei oder die Volksmujahedin an der Seite der Islamisten gegen das Schah-Regime. Doch Khomeini, einmal an der Macht, richtet den Bannstrahl umgehend gegen die einstigen Kampfgenossen.
Durch die Flucht nach London entkommt Rafiqs Familie dem blutigen Nachgang der Revolution, doch im Exil erschöpft sich sein Widerstandsgeist in Leerläufen, die in einem der "Zwischenspiele" des Romans zu einem peinlich-grotesken Höhepunkt geführt werden. Ist es am Ende Xezal, Rafiqs Frau, hinter deren materialistischem Habitus sich die wahre Kämpferin verbirgt? Während der Vater die Familie an den Wochenenden von einer Demo zur nächsten schleppt, entwirft Xezal für ihre drei Kinder Zukunftsvisionen voller Glanz und Reichtum; wo Rafiq, statt sich um Arbeit zu bemühen, noch einen Teil des schmalen staatlichen Unterstützungsgelds in seinen wirkungslosen Aktivismus investiert, ist sie grimmig darauf bedacht, ihre Sprösslinge jederzeit in prestigeträchtige Markenkleidung zu verpacken. Woher sie die Mittel dafür nimmt, erfahren wir erst gegen Ende des Buches im zweiten Zwischenspiel.
Die Hauptkapitel des Romans sind den drei Kindern gewidmet: Mohammed, Siver und dem linkischen, schüchternen Laika, der seinen unsinnigen Namen der Sowjet-Begeisterung des Vaters verdankt. Der Tochter Siver hatte die Mutter seinerzeit einen Märchenprinzen und reizende Kinderlein in Aussicht gestellt, und dieses Szenario scheint sich zumindest teilweise zu bewahrheiten: Das Mädchen verliebt sich in einen gutsituierten Mitstudenten, heiratet ihn schließlich - doch nicht zum Wohlgefallen der Eltern. Denn dieser Karim ist zwar ebenfalls Sohn irakischer Emigranten, aber nicht Kurde, sondern Araber, und damit ein Feind. Siver selbst hat sich von Karims attraktivem Äußeren und seinem cleveren Katz-und-Maus-Spiel mit ihren Gefühlen aufs Glatteis führen lassen: Als Zara, das Töchterchen des Ehepaars, sechs Jahre zählt, pocht der Gemahl plötzlich auf seine muslimischen Rechte und behauptet, es sei nun an der Zeit für eine zweite Ehefrau. Siver besichtigt die Rivalin - sie ist um Jahre jünger, als sie selbst bei ihrer Heirat war. Daraufhin rafft sie an Bargeld zusammen, was gerade greifbar ist, nimmt Zara bei der Hand und haut ab nach Dubai, wo sie für sich und das Kind eine neue Existenz aufbauen will.
Sivers Bruder Mohammed hätte die Mutter gern als Schönheitschirurgen oder Erfinder einer bahnbrechenden Heilmethode gesehen. Stattdessen bekleckert er sich mit Schande, indem er eine Karriere im Finanzwesen einschlägt. Denn das ist nicht nur in Rafiqs Augen "ein Verrat an allem, wofür die Familie einmal gestanden hatte", sondern auch für die Mutter. "'Huren haben Umgang mit Geld', pflegte Xezal zu sagen. Geld haben bedeutete für seine Mutter Ansehen, aber es verdienen zu müssen war ein Vorgang von hoher Schäbigkeit, auf den man nie Aufmerksamkeit lenken sollte." Mohammed hangelt sich dennoch zäh zum Executive Manager einer Consulting-Firma in London empor - nur um dann in ein von immer neuen Krisen geschütteltes, von erbitterten Konkurrenzkämpfen vergiftetes Umfeld zu stolpern.
Laika. Beim Blick auf ihren Jüngsten, der mit bald drei Jahren noch nicht einmal "Mama" und "Papa" sagen konnte, kam auch die zukunftsfrohe Phantasie der Mutter ins Stocken. Aber ausgerechnet ihm, dem menschenscheuen Computerfreak, strömt das Geld zu, ohne dass er sich auch nur vor die Tür begeben muss. Das Startkapital für immer gewagtere Spekulationen spielt unverhofft sein Domain-Name ein, der ihm für gutes Geld abgekauft wird. Die von ihm entwickelte App "Money to Burn" generiert Millionen, denn gerade der unverschämt hohe Preis, den er für den Download fordert, macht das inhaltlich eher dürftige Produkt begehrenswert. In New York darf er sich gegen eine bescheidene Dienstleistung in einer Luxusklitsche gegenüber dem Stock Exchange einnisten - ein privilegierter Standort für seine digitalen Interventionen in den Lauf des Börsengeschäfts. Und im Gegensatz zu den älteren Geschwistern, die am Ende ziemlich allein in den Trümmern ihrer Ambitionen und Lebenspläne sitzen, reißt Laika in seinem finalen Sturz gleich die globale Finanzwelt mit sich.
Die hier nur ansatzweise skizzierten Lebensläufe sind aber erst die halbe Miete für des Lesers Zeit und Aufmerksamkeit. Die andere Hälfte entrichtet Agri Ismaïl mit der Schilderung der Handlungsorte und Milieus, die er aus eigener Erfahrung kennt - und nicht zuletzt darin liegt der Reichtum dieses wie ein Feuerwerk sich entfaltenden Debütromans. Was es beispielsweise mit Dubai auf sich hat, offenbart sich Siver schon beim Verlassen des Flughafens: Die Fahrerinnen der für Frauen bestimmten Taxis präsentieren sich in "Polyester-Livreen, die wie billige Aladdin-Kostüme aussahen". Hinter Schein, Prunk und dem öfters faulen Zauber der Wüstenmetropole wird immer mal wieder das Schicksal derjenigen ahnbar, die diese ganze Illusion aufrecht und am Laufen halten: so etwa, wenn Ismaïl im Zeitraffer einen Tag in der Shopping Mall beschreibt, wo die Arbeiter, Putzleute und Servicekräfte früh eintreffen und gleich in abgesonderten Räumen und Untergeschossen verschwinden müssen, um das Auge der Kauflustigen nicht zu beleidigen. Aber auch Siver, die immerhin mit einem Hochschulabschluss in Politologie und Internationalen Beziehungen sowie einem Koffer voll Designer-Kleidung eingetroffen ist, gilt hier nicht einmal als Bürgerin zweiter Klasse. Denn in den Vereinigten Arabischen Emiraten werden ausländische Arbeitnehmer, noch wenn sie im Land leben, nicht als Zugewanderte, sondern als Angestellte auf Zeit betrachtet und behandelt. Wer den Job verliert, hat gerade einmal dreißig Tage, um eine neue Anstellung zu finden, bevor die Aufenthaltsgenehmigung erlischt - und am Ende des Dubai-Kapitels droht diese Guillotine auf Siver niederzugehen.
Mohammed dagegen tritt in einem traditionsreichen Umfeld an: Die Firma, bei der er tätig ist, residiert in der Lombard Street, die bis in die 1980er Jahre als eigentliches Herz des Finanzplatzes London galt. Ismaïls Protagonist allerdings läuft mit doppeltem Handicap: Seine Karriere fällt in die von wiederholten Finanzkrisen erschütterte Zeit nach der Jahrtausendwende, Sparprogramme sind angesagt, der Konkurrenzdruck unter den Angestellten wird fast schon sadistisch gesteigert - und die Leute spielen mit, Tag und Nacht, denn Schlafverzicht ist mittlerweile "der letzte Schrei als Indikator für Arbeitseifer". Zudem ist der Name Mohammed seit 9/11 quasi ein Kainsmal. Auf der Visitenkarte lässt er sich wenigstens auf die Initiale M. reduzieren, doch im Geschäftsleben führt der Makel der Abkunft dazu, dass die meist wenig erfolgverheißenden Projekte, denen ein muslimischer Ruch anhaftet, auf Mohammeds Tisch landen.
Nach der Weltwirtschaftskrise von 2007/2008 scheint ihm jedoch genau dies für einmal in die Karten zu spielen - buchstäblich fast, denn es geht um das Projekt einer mit besonderen Features ausgestatteten islamischen Kreditkarte, die etwa die Zakāt, eine zugunsten der Armen auszurichtende Steuer, bei jedem Kauf gleich mitberechnet und an ein Hilfswerk überweist; nebenher kann das patente Ding aber auch zur heimlichen Überwachung der Ehefrau eingesetzt werden. Die Zeichen für das Vorhaben stehen gut, denn das strenger regulierte islamische Bankwesen ist - was international bemerkt wird - relativ unbeschadet durch die Finanzkrise gekommen. Trotzdem wird Mohammeds Siegeslauf härter, dornenreicher als erwartet - und als er endlich die Ziellinie überquert, fällt er ins Leere. Denn auf der Chefetage zieht ein neuer CEO die Zügel nochmals straffer; der schmückt sich zwar gern mit der Aura von Mohammeds Leistung, signalisiert aber zugleich, dass dessen Dienste in Zukunft entbehrlich seien.
Solchen Pressionen ist Laika in seiner Computer-Klause nicht ausgesetzt; doch befindet er sich, wenn auch lediglich als Beobachter, in einer Kampfzone anderer Art. Das ihm gewidmete Kapitel spielt im Herbst 2011, als die Aktivisten von "Occupy Wall Street" sich im Zuccotti Park niederließen und von dort aus ihre Protestaktionen gegen die Hochburgen des Finanzwesens starteten. Während Laika seinen eigenen digitalen Krieg führt - er will einen Algorithmus entwickeln, mittels dessen er quasi als blinder Passagier bei den Börsengeschäften von Goldman Sachs andocken kann - schaut er zwischendurch aus dem Fenster auf die Demonstranten vor dem New York Stock Exchange; dann wieder zappt er sich endlos durchs Internet, vom Video einer gezielten Tötung mittels Drohne im Irak über die Website seines bevorzugten Camgirls bis zu einem älteren Artikel, in dem ein Mitarbeiter von Präsident George W. Bush der "realitätsbasierten Community" den Abschiedstritt in den Hintern verpasst. "Wir sind jetzt ein Empire", sagt der Mann über die Bush-Regierung, "und indem wir handeln, schaffen wir unsere eigene Wirklichkeit. Und während ihr diese Wirklichkeit analysiert - in aller Besonnenheit - handeln wir wieder und schaffen andere neue Wirklichkeiten, die ihr auch analysieren könnt, und so wird das jetzt geregelt. Wir sind die Akteure der Geschichte … und ihr, ihr alle, könnt nicht mehr tun, als zu analysieren, was wir tun."
So inszeniert das Kapitel einen wilden Ritt durch die digitale Welt, der eine andere Art von Realitätsverlust spürbar macht. Zumindest diejenigen Leserinnen und Leser, die sich noch nicht als Digital Natives definieren, dürften auf dem Weg durch diese Szenenfolge zunehmend ins Taumeln kommen - denn Ismaïl schafft es, dabei zwar eine Fülle von Einblicken und Denkanstößen zu vermitteln, zugleich aber eine Art zerebrale Seekrankheit auszulösen, ein Gefühl von Haltlosigkeit und Überdruss.
Hatte Rafiq, der gescheiterte Revolutionär, am Ende doch recht mit seiner Mahnung, in der sich gleich noch ein Zitat der rebellischen afroamerikanischen Dichterin Audre Lorde verbirgt? "Wir müssen die Maschinen neu denken (…)", erklärte er einst dem technisch begabten Laika. "Kapitalisten haben sie erschaffen, also bist du es, der die Maschinen nach der Revolution neu denken muss. Du bist so gut mit Computern, du darfst nur nicht vergessen, dass die Werkzeuge der Herrschenden niemals das Haus der Herrschenden einreißen werden."
Agri Ismaïl: Der Wert der Welt Roman Übersetzt von Robin Detje. Rowohlt Verlag, Hamburg 2024. 464 Seiten, gebunden, 25 Euro.
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