Vorworte

Einer flog über den Adlerhorst

Über Bücher, die kommen. Von Angela Schader
20.10.2021. Warum eigentlich wurde William Melvin Kelley in die Vergessenheit geschickt, als er die Dreißig kaum überschritten hatte? Der afroamerikanische Autor, der sich mit jedem Buch einer neuen literarischen Herausforderung stellte, wird derzeit wiederentdeckt. Sein zweiter Roman, "Ein Tropfen Geduld", erscheint am 1. November Ein Vorwort von Angela Schader und eine Leseprobe aus dem Roman..
William Melvin Kelley - © Gail L. Anderson

 
In loser Folge stellt Angela Schader wichtige Neuerscheinungen vor - immer einige Zeit, bevor sie herauskommen." D.Red.
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1962: Ein schwarzer Autor fängt die Rassenproblematik der USA durch die Augen einer weißen, ländlichen Community in den Südstaaten ein. Zurückhaltend geht er das Thema an, in der gespannten Ruhe eines Panthers, der erst am Ende zum Sprung ansetzt. Für seinen nächsten Roman wählt er eine neue Herausforderung, schreibt ihn entlang der Wahrnehmung eines blinden farbigen Jazz-Musikers. Dann wechselt er wieder in die Welt der Weißen, reißt sich dabei schon weitgehend vom realistischen Erzählen los. Und schließlich der große Coup - ein Roman, der das Surreale des voraufgehenden Werks noch höher peitscht und passagenweise die literarische Strategie von "Finnegans Wake" in den Sprachkosmos der Afroamerikaner überführt.

Dieses verblüffende Buch erscheint 1970. Es ist das letzte, das der Schriftsteller, damals 32 Jahre alt, veröffentlichen kann; er hat noch nicht einmal die Mitte seines Lebens überschritten. Schreibt, ungelesen, weiter bis zum Ende; ernährt seine Familie zeitweise, indem er nachts die Mülltonnen von Lebensmittelläden plündert.

Um wen geht es? Was ist da passiert?

Sommer 2019. Ich sitze im Zug, das Rezensionsexemplar einer anstehenden Neuerscheinung in der Hand. Weder der Titel noch der Name des Verfassers sagen mir etwas - aber bald schon hat er mich beim Wickel. Da lässt er einen Farmer auftreten, schmächtig, dunkelhäutig, unauffällig, der mit gemessenem Schritt und ruhiger Hand Salz auf seinem Ackerland ausbringt. Furche um Furche verschwindet das Erdreich unter dem tödlichen Weiß; als das getan ist, werden Pferd und Kuh herausgeführt, abgeschossen; die Standuhr, Prunkstück des bescheidenen Hausrats, zersplittert unter Axthieben. Dann der letzte Zerstörungsakt: Während der Farmer und seine Frau, nur eine rote Reisetasche mit sich tragend, ihre verwüstete Heimstatt verlassen, geistern Flammen durchs leere Haus. Auch dies still, ohne Hast, "wie ein Kaufinteressent", der sich prüfend von Zimmer zu Zimmer bewegt.

Dieselbe Grabesstille erstreckt sich über den nachfolgenden, binnen drei Tagen vollendeten Exodus aller in dem namenlosen Südstaat lebenden Schwarzen; "als wären sie in unsichtbaren Särgen eingeschlossen", warten sie stumm an Bahnsteigen und Busstationen. Die Weißen sind es, die reden, umgetrieben zwischen Ratlosigkeit und dumpfer Wut, von Erinnerungen und Fragen eingeholt. Differenzierend zeichnet der Autor diese Gesellschaft, fast schon behutsam führt er sie dem finalen Blick in den Spiegel entgegen; den aber erträgt man kaum.

"Ein anderer Takt" hieß die deutsche Erstübersetzung von William Melvin Kelleys Debütroman "A Different Drummer", die vor zwei Jahren bei Hoffmann und Campe erschien. Anfang November folgt mit "Ein Tropfen Geduld" ein weiteres Werk des afroamerikanischen Autors, der, lange vergessen, derzeit auch in den USA eine Renaissance erlebt.

William Melvin Kelley, 1937 geboren, wuchs in der New Yorker Bronx auf; sein Vater war Redaktor einer angesehenen afroamerikanischen Zeitung. Als hochambitionierter Schüler schaffte Kelley den Sprung nach Harvard, entdeckte dort das Schreiben, scheiterte aber beim Studium; nach mehreren Wechseln des Hauptfachs verließ er die Hochschule 1960 kurz vor Studienabschluss. Zwei Paradoxe mögen diese Entwicklung mitbedingt haben. Zum einen litt der Schriftsteller - ausgerechnet - an einer Leseschwäche; laut eigener Aussage hat er im Leben nur zwei Bücher von A bis Z gelesen, nämlich die Bibel und Joyces "Ulysses". Zum anderen wurde ihm die Anpassungsleistung, die er sich selbst abnötigte, zunehmend unerträglich: Er war damals, erinnert er sich, "einer der bestintegrierten Menschen, welche die Gesellschaft hervorgebracht hat" - und infolge dieser Gehirnwäsche auch einer der mental kaputtesten.

Zwei Jahre nach dem Abgang von Harvard legte Kelley sein Debütwerk vor; von der Kritik respektvoll aufgenommen, trug ihm "A Different Drummer" zwei Preise ein. Ins selbe Jahr fiel die Heirat mit der Künstlerin Karen Gibson, die ihn furchtlos durch ein über weite Strecken karges Leben begleiten sollte. 1964 erschien mit "Dancers on the Shore" die einzige Erzählsammlung des Schriftstellers. Die Stories fallen nicht durch innovative literarische Gesten auf, setzen aber da und dort eigenwillige thematische Akzente; etwa mit "Aggie", der Geschichte eines farbigen Dienstmädchens, das bei einer Nachbarin die zuvor nie gekostete Liebe findet, oder mit den beiden pensionierten Eisenbahnarbeitern, die sich in "Not Exactly Lena Horne" auf so groteske wie herzzerreißende Weise in die Haare geraten. Vor allem aber ist das Buch ein Brutkasten für Charaktere, die in Kelleys späteren Werken auftreten werden. In zwei verschränkten Erzählzyklen stellt der Autor die arrivierte afroamerikanische Familie Dunford und ihren Lower-Class-Widerpart, die Bedlows, vor; der sensible und emotional unsichere Chig Dunford und der schlitzohrige Carlyle Bedlow spielen dann die Hauptrollen in Kelleys gewagtestem, letztpubliziertem Werk, "Dunfords Travels Everywheres". Carlyle begegnen wir bereits im voraufgehenden Roman ("dem", 1968) wieder, ebenso dem weißen Ehepaar Pierce und seiner farbigen Haushälterin aus der bissigen Story "The Servant Problem".

Die Fäden jedoch, die den nun auf Deutsch erscheinenden Roman "A Drop of Patience" (1965) mit dem übrigen Werk verbinden, werden nicht im Erzählband angesponnen. Einer führt zurück zu "A Different Drummer": Bethrah, die Frau des rebellischen Farmers, erkennt man dank ihres ungewöhnlichen Namens als Tochter von Ludlow Washington, dem blinden Protagonisten von "Ein Tropfen Geduld". Und die College-Studentin Harriet Lewis, die Ludlow - einen genialen und grausam gescheiterten Musiker - gegen Ende des Romans interviewt, tritt in "Dunfords Travels Everywheres" als etablierte Reporterin auf.

Harriets Interview nutzt Kelley in "Ein Tropfen Geduld", um die Zeitsprünge und Ortswechsel zwischen den sechs Teilen des Romans mit maximaler Ökonomie zu überbrücken. Die knappen Passagen aus dem fiktiven Gespräch, die jedem Teil vorangestellt sind, zeichnen nicht nur Ludlow Washingtons Karriere nach, sie sind auch Brennpunkte, in denen sich sein musikalisches Selbstverständnis artikuliert.

Den Auftakt zum Buch allerdings macht eine Generalpause. Ludlow, damals fünfjährig, erwacht in seinem Bett, aber die vertrauten Geräusche sind weg. Keine Stimmen, keine Schritte, nur das Geräusch aufschlagender Tropfen in der Küche, das plötzlich so laut wirkt, "als würden Steine in einen Teich plumpsen". Kelley vermittelt die Sehbehinderung des Jungen, ohne sie direkt zu benennen; verschiebt behutsam die Parameter der Wahrnehmung, indem er ihn an der stechenden Sonnenhitze die Tageszeit ablesen, stundenlang in die Stille lauschen lässt, bis der Schritt des Vaters hörbar wird. Der bringt den Kleinen weg, aber die scheinbare Erlösung ist keine. Der Weg endet hinter einer schweren Tür: "Ludlows nackte Arme wurden kalt. In der Ferne, in einem langen, hallenden Raum, redeten Kinder." Ohne Federlesens stellt ihn der Vater im Blindenheim ab, und dort erfährt Ludlow den rohen Primat der Macht - nicht nur unter der Fuchtel der weißen Anstaltsleiter, sondern auch durch seinesgleichen. Ein farbiger Zögling, kaum älter als er, macht ihm unmittelbar nach der Ankunft handgreiflich klar: "Du bist ab jetzt mein Sklave."

An Lebenslehren nimmt Ludlow wenig mehr als diese kalten Schocks mit, als er sechzehnjährig das Heim verlässt. Immerhin: Eine musikalische Ausbildung hat er dort erhalten, die er mit Talent und Erfindungsgeist nutzt; das sichert ihm ein Auskommen, Erfolg sogar, der ihn aber seltsam unberührt lässt. Denn neben die Musik setzt Kelley als zweites Leitthema die Versuche seines Protagonisten, dem Bannkreis zu entkommen, den die Blindheit um ihn zieht. Wie stark dieser wirkt, spürt er paradoxerweise gerade, wenn jemand sich ihm anvertraut: Der intime Ton "bedeutete, dass die betreffende Person nicht mit Ludlow sprach, sondern mit sich selbst, so als wäre er gar nicht da, oder als hätte seine Blindheit nichts mit seinen Augen zu tun - als hinderte sie ihn nicht daran, zu sehen, sondern daran, gesehen zu werden". Neben der glaubwürdigen und zugleich unaufdringlichen Art, in der Kelley die Welterfahrung seines blinden Protagonisten literarisch umsetzt, berühren einen solche gelegentlichen, überraschenden Höhungen des Themas; die subtilste findet sich im Moment, da Ludlow - zum ersten und letzten Mal - das Gesicht seines Töchterchens betastet. Denn dort ahnt man zumindest, welches Instrument er spielt; zuvor und danach bleibt es, wiewohl sein Lebenszentrum, beharrlich ungenannt.

Das Kind ist der ersten Liebe entsprungen, auf die sich Ludlow unter prekären Prämissen einlässt. Infolge seines Leidens ist er unsicher und unerfahren, zudem geprägt durch die früh erlebten Härten und das misogyne Klima, das die Lokale durchzieht, in denen er auftritt. So markiert eine krude sexuelle Phantasie den Auftakt seiner Beziehung zu Etta-Sue, der Tochter seiner Vermieterin; als er mit der jungen Frau vertraut wird, rückt erst einmal der utilitaristische Aspekt in den Vordergrund: "Ihm war nicht klar gewesen, wie sehr es sich auszahlte, seine ganze Energie auf ein einziges Mädchen zu richten." Die Quittung kommt mit der Geburt des Kindes. Ludlow, bisher Hahn im Korb, wird umgehend aus dieser Rolle verdrängt. Etta-Sue und ihre Mutter, sorgend über das Baby gebeugt, schauen kaum mehr hin, als der junge Ehemann das Haus für immer verlässt.

Kann das geteilte Los der Einsamkeit die Schranke überwinden helfen, die sich quer durch Kelleys Schaffen zieht - diejenige zwischen Schwarz und Weiß? Ludlows nächste Liebesbeziehung mit der klugen, aber innerlich haltlosen Offizierstochter Ragan spielt diese Möglichkeit durch, mit verheerenden Folgen. Das Mädchen, schwanger geworden und durch die Situation überfordert, ergreift die Flucht. Der Verlustschmerz scheint die letzte Schicht von Ludlows dünner Haut wegzufressen; manchmal glaubt er, jede einzelne Faser seiner Kleidung am Leib zu spüren. Es ist der Auftakt zu einer so dramatischen wie wüsten Selbstentblößung vor versammeltem Publikum, die das Ende seiner Bühnenkarriere markiert.

Natürlich ist das Scheitern dieser Liebe zu einem gewissen Grad absehbar. Aber Kelley wahrt ein Maß an Sympathie für seine weiße Protagonistin; davon kann in den späteren Werken nicht mehr die Rede sein.

"A Drop of Patience" erschien Anfang 1965 - beinahe zeitgleich mit der Erschießung des schwarzen Bürgerrechtsaktivisten Malcolm X, zu dessen Anhängern Kelley zählte. Es war die erste von drei Mordtaten, die ihn seiner Heimat mehr als ein Jahrzehnt lang entfremden sollten. Er zog mit Frau und Kind zunächst nach Paris, 1968, als binnen zwei Monaten Martin Luther King und Robert F. Kennedy durch die Hand von Attentätern starben, siedelte die Familie nach Jamaica über. Die Feder des Schriftstellers schärfte sich: Insbesondere im 1968 erschienenen Roman "dem" sollte sie zum Stachel im Fleisch der Weißen werden. Die satirischen Szenen einer weißen Ehe lehnen sich dort mal an die TV-Soap, mal an den Psychothriller und dann wieder an die buchstäblich schwarze Komödie an. Die Frau wird pikanterweise gleichzeitig von ihrem Mann und einem farbigen Liebhaber schwanger; sie gebiert Zwillinge, und der Versuch des Gatten, das dunkle Baby dem Erzeuger unterzuschieben, führt lediglich zu einer kunstvollen Nasführung des Gehörnten - und einer Lektion in amerikanischer Geschichte. Seine Vorfahren, lässt der Lover ausrichten, hätten auch dulden müssen, dass ihre Ehefrauen von den Sklavenhaltern bestiegen wurden und ein solches Kuckucksei nach Hause brachten.

Kelley hatte niemals Interesse daran, eine weiße Leserschaft zu hätscheln; aber mit seinen immer wilderen Szenarien verschreckte er auch sein afroamerikanisches Zielpublikum. "Dunfords Travels Everywheres" war dann definitiv zu starker Tobak. Da führt der Autor etwa die Grenzziehungen des Rassismus ad absurdum, indem er die Bewohner eines europäischen Landes freiwillig nach dieser Pfeife tanzen lässt - wobei sich das Unterscheidungsmerkmal einzig auf die Farbe der Kleidung beschränkt. Die beiden Erzählstränge des Romans verflicht er durch Traumpassagen, die in einer an "Finnegans Wake" orientierten Sprache verfasst sind: Sie schlägt nicht nur Brücken zwischen den scheinbar gegensätzlichen Protagonisten, die in den zwei Handlungsräumen agieren, sondern lässt ihre Identitäten durch ein kaleidoskopisches Spiel mit den Namen verschwimmen. Chig Dunford, der auf der Rückfahrt von Europa in die Vereinigten Staaten einem modernen Sklavenhändlerring auf die Schliche kommt, wird u.a. zu Chigyle, Charcycle, Cargole - und verschmilzt so mit Carlyle Bedlow, der es mit dem Leibhaftigen selbst und dessen grotesker Dienstherrin aufnehmen muss.

Man dankt es Kelley, dass der schon hinreichend verwirrende Roman über weite Strecken in zugänglicherer Prosa gehalten ist. Dennoch: Die schiere Kühnheit, mit welcher sich der Autor nach Joyces sprachlichem Geniestreich reckt, ist das herausragende Merkmal dieses Buches. Auch wenn man sich streckenweise nur noch vom Klang dieser Kunstsprache tragen lässt, ohne ihr inhaltlich ganz auf die Schliche zu kommen, wird immer wieder spürbar, wie sie in den Traumata afroamerikanischer Erfahrung schürft und dabei scharfkantige Juwelen zutage fördert. So etwa das "grieft of servilization": Da bricht eine ganz andere Wahrheit durch den scheinheiligen Glanz des "gift of civilization", das die Weißen den Schwarzen gebracht haben wollen, nämlich eine Geschichte von Schmerz und Unterjochung. - Wie könnte man sich raffinierter und feinsinniger für jene vergiftete Gabe der Zivilisation rächen als Kelley, der seinerseits einen Markstein der westlichen Kultur an sich reißt?

Hier geht's zur Leseprobe.


William Melvin Kelley: Ein Tropfen Geduld.
Roman.
Mit einem Nachwort von Gerald L. Early. Aus dem amerikanischen Englisch von Kathrin Razum. Hoffmann und Campe, Hamburg 2021. 284 Seiten, gebunden, 24 Euro.

Erscheint am 1. November 2021

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