25 Jahre Perlentaucher
Sanfter Sehnsuchtszauber
Von Stefan Kister
04.03.2025. "Die besten deutschen Romane schreiben Autorinnen und Autoren, die aus anderen Sprachen eingewandert sind."Stefan Kister antwortet auf die Kritikerumfrage des Perlentaucher.25 Jahre Perlentaucher: Wir fragen die bekanntesten Kritiker und Kritikerinnen Deutschlands: "Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000" (Editorial). Als Orientierung haben wir ihnen diese Liste mit den meistbesprochenen Büchern der deutschen Literatur seit 2000 mitgegeben. Am 13. März feiern wir mit dem Deutschland Literaturarchiv in Marbach und der Frage: Wohin geht die deutsche Literatur? Das Archiv der bisherigen Beiträge finden Sie hier. D.Red.
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Uwe Tellkamp: "Der Turm"
Mit einem Roman, der davon handelte, wie man in einer mit bildungsbürgerlichem Proviant eingedeckten kulturellen Fluchtburg die letzten Tage der DDR überleben konnte, wurde Uwe Tellkamp berühmt. "Der Turm" war das Opus Magnum der letzten großen Zeitenwende in Deutschland, ein feierlicher Abgesang auf den Arbeiter- und Bauernstaat aus Sicht einer Dresdner Familie im hohen Erzählton Thomas Manns. In der zweiteiligen TV-Verfilmung erreichte das monumentale Wendeepos auch ein Publikum, dessen alltägliches Hintergrundgeräusch eher seltener aus Hausmusik und knarrendem Parkett besteht. Umso entsetzlicher, wie der feine Takt des Buchs im Gleichschritt der Pegida-Aufmärsche verloren ging, die diesen Autor inzwischen verschluckt haben.
Wolfgang Herrndorf: "Tschick"
2010 begann die Abenteuerfahrt der beiden Freunde Tschick und Maik, die in einem gestohlenen Lada der Tristesse ihres normalen Lebens in Richtung Walachei zu entkommen versuchen. Der enorme Erfolg von Wolfgang Herrndorfs "Tschick" steht in Kontrast zu dem sanften Sehnsuchtszauber, mit dem er den Weg zurück in die Glücksprovinzen eines jugendlichen Aufbruchs bahnt. Seitdem träumt die junge deutsche Literatur vom "Tschick"-Effekt. Sie wirft sich in jugendliche Posen, müht sich mit Gewalt um den verlorenen Unschuldsblick und gleicht darin nur den stolzen Schwestern im Märchen, die vergeblich jene Gunst zu erschleichen trachten, die das Glück nur der Lautersten unter ihnen gewährt.
Terezia Mora: "Der einzige Mann auf dem Kontinent"
Die besten deutschen Romane schreiben Autorinnen und Autoren, die aus anderen Sprachen eingewandert sind wie Saša Stanišić, Katja Petrowskaja oder Terézia Mora: 2018 hat das auch die Akademie für Sprache und Dichtung gemerkt und der 1971 in Ungarn geborenen Autorin als erster aus diesem Einzugsgebiet den Büchner-Preis verliehen. Mit dem Roman "Der einzige Mann auf dem Kontinent" beginnt Terézia Mora ihre Trilogie um den Informatiker Darius Kopp, ein durchschnittlicher, mäßig attraktiver Mittvierziger. Während ihm beruflich und privat die Felle davonschwimmen, birgt Mora diese Geschichte einer Selbstauflösung in einem komplexen Netz aus erzählerischen Verknüpfungen und Rückblenden. Es spannt sich über zwei weitere Romane und die wichtigsten Buchpreise, die in Deutschland vergeben werden - zurecht.
Clemens J. Setz: "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre"
Spätestens seit dem Roman "Indigo" weiß man in etwa, was von dem unberechenbar hochbegabten Autor Clemens J. Setz zu gewärtigen ist: gefühlskalte Kindermonster, die allseits Übelkeit und Durchfall erzeugen und deshalb weggesperrt werden müssen. Aber einige der seltsamsten Momente der zurückliegenden 25 Jahre, in denen sich zugleich am verschwenderischsten die Mittel entfalten, mit denen Literatur die Welt eben nicht verdoppelt, sondern neu erschafft, spielen sich ohne Zweifel während Clemens J. Setz' "Stunde zwischen Frau und Gitarre" statt.
Natascha Wodin: "Sie kam aus Mariupol"
Während die Bildspeicher sozialer Netzwerke mit Momentaufnahmen alltäglichen Selbstgefühls geflutet werden, entwickelt sich das Memoir zur bestimmenden Literaturform. Selten aber durchdringen sich Autobiografie und Zeitgeschichte so eigentümlich wie in Natascha Wodins "Sie kam aus Mariupol". Nicht nur, weil die Stadt aus der ihre Mutter als Zwangsarbeiterin nach Deutschland verschleppt wurde, mittlerweile aufgehört hat zu existieren. Natascha Wodin bürgert ihre nie wieder irgendwo heimisch gewordenen Eltern im Reich der Literatur ein. Gäbe es eine Instanz der ausgleichenden Gerechtigkeit, die über dem stummen Leiden, den unsichtbaren Schicksalen im toten Winkel unserer Wahrnehmung waltet - die in einem Lager für Displaced Persons in Fürth aufgewachsene Schriftstellerin Natascha Wodin wäre ihre Priesterin.
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Uwe Tellkamp: "Der Turm"Mit einem Roman, der davon handelte, wie man in einer mit bildungsbürgerlichem Proviant eingedeckten kulturellen Fluchtburg die letzten Tage der DDR überleben konnte, wurde Uwe Tellkamp berühmt. "Der Turm" war das Opus Magnum der letzten großen Zeitenwende in Deutschland, ein feierlicher Abgesang auf den Arbeiter- und Bauernstaat aus Sicht einer Dresdner Familie im hohen Erzählton Thomas Manns. In der zweiteiligen TV-Verfilmung erreichte das monumentale Wendeepos auch ein Publikum, dessen alltägliches Hintergrundgeräusch eher seltener aus Hausmusik und knarrendem Parkett besteht. Umso entsetzlicher, wie der feine Takt des Buchs im Gleichschritt der Pegida-Aufmärsche verloren ging, die diesen Autor inzwischen verschluckt haben.
Wolfgang Herrndorf: "Tschick"2010 begann die Abenteuerfahrt der beiden Freunde Tschick und Maik, die in einem gestohlenen Lada der Tristesse ihres normalen Lebens in Richtung Walachei zu entkommen versuchen. Der enorme Erfolg von Wolfgang Herrndorfs "Tschick" steht in Kontrast zu dem sanften Sehnsuchtszauber, mit dem er den Weg zurück in die Glücksprovinzen eines jugendlichen Aufbruchs bahnt. Seitdem träumt die junge deutsche Literatur vom "Tschick"-Effekt. Sie wirft sich in jugendliche Posen, müht sich mit Gewalt um den verlorenen Unschuldsblick und gleicht darin nur den stolzen Schwestern im Märchen, die vergeblich jene Gunst zu erschleichen trachten, die das Glück nur der Lautersten unter ihnen gewährt.
Terezia Mora: "Der einzige Mann auf dem Kontinent"Die besten deutschen Romane schreiben Autorinnen und Autoren, die aus anderen Sprachen eingewandert sind wie Saša Stanišić, Katja Petrowskaja oder Terézia Mora: 2018 hat das auch die Akademie für Sprache und Dichtung gemerkt und der 1971 in Ungarn geborenen Autorin als erster aus diesem Einzugsgebiet den Büchner-Preis verliehen. Mit dem Roman "Der einzige Mann auf dem Kontinent" beginnt Terézia Mora ihre Trilogie um den Informatiker Darius Kopp, ein durchschnittlicher, mäßig attraktiver Mittvierziger. Während ihm beruflich und privat die Felle davonschwimmen, birgt Mora diese Geschichte einer Selbstauflösung in einem komplexen Netz aus erzählerischen Verknüpfungen und Rückblenden. Es spannt sich über zwei weitere Romane und die wichtigsten Buchpreise, die in Deutschland vergeben werden - zurecht.
Clemens J. Setz: "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre"Spätestens seit dem Roman "Indigo" weiß man in etwa, was von dem unberechenbar hochbegabten Autor Clemens J. Setz zu gewärtigen ist: gefühlskalte Kindermonster, die allseits Übelkeit und Durchfall erzeugen und deshalb weggesperrt werden müssen. Aber einige der seltsamsten Momente der zurückliegenden 25 Jahre, in denen sich zugleich am verschwenderischsten die Mittel entfalten, mit denen Literatur die Welt eben nicht verdoppelt, sondern neu erschafft, spielen sich ohne Zweifel während Clemens J. Setz' "Stunde zwischen Frau und Gitarre" statt.
Natascha Wodin: "Sie kam aus Mariupol"Während die Bildspeicher sozialer Netzwerke mit Momentaufnahmen alltäglichen Selbstgefühls geflutet werden, entwickelt sich das Memoir zur bestimmenden Literaturform. Selten aber durchdringen sich Autobiografie und Zeitgeschichte so eigentümlich wie in Natascha Wodins "Sie kam aus Mariupol". Nicht nur, weil die Stadt aus der ihre Mutter als Zwangsarbeiterin nach Deutschland verschleppt wurde, mittlerweile aufgehört hat zu existieren. Natascha Wodin bürgert ihre nie wieder irgendwo heimisch gewordenen Eltern im Reich der Literatur ein. Gäbe es eine Instanz der ausgleichenden Gerechtigkeit, die über dem stummen Leiden, den unsichtbaren Schicksalen im toten Winkel unserer Wahrnehmung waltet - die in einem Lager für Displaced Persons in Fürth aufgewachsene Schriftstellerin Natascha Wodin wäre ihre Priesterin.
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