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9punkt - Die Debattenrundschau

Kleine Allergien und Intoleranzen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.11.2019. Die Grenze verläuft nicht unbedingt zwischen Links und Rechts, erkennt der Soziologe Andreas Reckwitz in der Zeit, sondern zwischen Regulierung und Dynamisierung. Die Vernunft verkörpert sich in Institutionen der Freiheit und Gerechtigkeit, erklärt in der NZZ Jürgen Habermas. In der Welt fordert Alan Posener an den Schulen "philosemitische Erziehung". In der taz prangert Erk Acarer die erneute Verhaftung von Ahmet Altan an. Nicht der Klimawandel ist schuld am Hochwasser in Venedig, donnert die SZ, sondern die Vertiefung der Fahrrinnen für die Kreuzfahrtschiffe.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.11.2019 finden Sie hier

Ideen

Der Kultursoziologe Andreas Reckwitz sieht in der Zeit einen ähnlichen globalen Paradigmenwechsel nahen, wie er sich zuvor nur 1945 und 1980 zugetragen hat. Von 1945 bestimmte das Regulierungsparadigma die Politik auf allen Seiten, wurde jedoch ab 1980 durch die Deregulierung oder Dynamisierung abgelöst, die zu einer immensen Liberalisierung in beiden politischen Lagern, links und rechts, führte: "Gefragt ist ein neuerlicher politischer Paradigmenwechsel, der die Dynamisierung der Märkte und Identitäten seinerseits einer Regulierung unterzieht, sie gewissermaßen in neue soziale, kulturelle und staatliche Regeln einbettet: Gefragt ist ein einbettender Liberalismus. Man kann ihn sich in unterschiedlichen progressiven und konservativen Spielarten vorstellen, aber grundsätzlich ist er weder einfach 'linker' oder einfach 'rechter' als die Synthese aus Neo- und Linksliberalismus es war. Denn die Frage 'Regulierung oder Dynamisierung' verläuft quer zur Links-rechts-Unterscheidung." 

Jürgen Habermas hat nochmal eine zweibändige Philosophiegeschichte auf 1.700 Seiten vorgelegt. Die Philosophie müsse reflektieren, was der Wissensfortschritt des 20. Jahrhunderts für uns bedeute, erklärt er im NZZ-Gespräch mit dem Theologen Henning Klingen seine Motivation. Unser Wissen erstrecke sich nicht nur auf Empirisches,  die Überzeugungskraft einer praktischen Vernunft gehe "nicht in einer für praktische Zwecke bloß in Dienst genommenen theoretischen Vernunft" auf, erläutert er: "Dann dürfen wir aber auch solche Lernprozesse erwarten, die sich nicht in einer Steigerung von Produktivkräften niederschlagen, die sich vielmehr in Institutionen der Freiheit und der Gerechtigkeit verkörpern. Historische Umstände fordern uns zu solchen oft schmerzlichen normativen Lernprozessen heraus. Dabei lernen wir, wenn alles gut geht, unterprivilegierte Andere in unsere Lebensformen einzubeziehen oder diskriminierte Fremde als gleichberechtigte Andere in einer gemeinsam erweiterten Lebensform anzuerkennen."

Michael Angele verteidigt im Freitag die Soziologin Cornelia Koppetsch, der bei einem Eklat bei der Verleihung des Bayerischen Buchpreises Plagiatsvorwürfe gemacht wurden (unsere Resümees). Es sei keineswegs so, dass der Begriff "Neogemeinschaften", wie von der Jury behauptet, von Andreas Reckwitz erfunden worden sei: "Weder hat Reckwitz den Begriff 'erfunden' - eine simple Google-Recherche hätte erbracht, dass er zum Beispiel bei unserem Autor Franz Schandl 2007 auftauchte -, noch verwendet Koppetsch ihn wie Reckwitz. Neogemeinschaften sind bei ihr (wie bei Reckwitz und anderen) auf digitale Kommunikationsformen gestützt, aber sie sind (anders als bei Reckwitz) eine 'Reaktion auf globale Verunsicherungen'." Andere Textübernahmen bei Koppetsch will Angele als "Schlamperei unter Zeitdruck" werten: "Tragischerweise trifft es eine Autorin, die sich intensiv mit anderen Positionen beschäftigt." Strenger sieht das Alexander Cammann in der Zeit: "Es geht um Übernahmen, Aneignungen und Verschleierungen, die zum Beispiel eine Professorin ihren Studierenden in Seminararbeiten nicht durchgehen lassen kann, aber auch ansonsten in Büchern nicht zulässig sind - seien sie nun wissenschaftlich oder populär."

Weitere Artikel: In der NZZ sinnieren die Philosophen Walter Mengisen und Markus Christen über die gesellschaftliche Bedeutung des Sports.
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Gesellschaft

Nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle fordert der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, größere Anstrengungen im Kampf gegen Antisemitismus, meldet Zeit Online mit dpa: "Konkret plädierte Klein für mehr Prävention in Schulen, entsprechende Fortbildungen für Lehrer und eine Strafrechtsverschärfung. Zudem sollten die Lehrmaterialien an Schulen Juden nicht nur als Opfer und Verfolgte in der Zeit des Nationalsozialismus zeigen, sie müssten auch die großen kulturellen und politischen Leistungen von Juden in Deutschland würdigen."

Alan Posener geht das in der Welt offenbar nicht weit genug, statt mehr "Holocaust-Erziehung" brauche es an Schulen "philosemitische Erziehung": "Als Volk in der Diaspora hält das Judentum für jede Minderheit Lehren bereit: Wie man erfolgreich Parallelgesellschaften organisiert, sich der Assimilation widersetzt und die Treue zu den Traditionen der Vorfahren mit Anpassung an die Moderne verbindet. Wie man alle Möglichkeiten einer offenen Gesellschaft nutzt, um durch Arbeit und Bildung, Geschäftstüchtigkeit und internationale Vernetzung in die Elite aufzusteigen. Und wie weder Anpassung noch Tüchtigkeit schützen vor den niederen Instinkten des Mehrheits-Mobs, wenn es einmal vom Virus des religiösen oder völkischen Hasses infiziert wird." Aber auch das Überleben der israelischen Demokratie gehört für Posener dazu.

Für die Zeit hat Ijoma Mangold bei in Deutschland lebenden Juden angerufen und sie nach ihren Erfahrungen mit Antisemitismus in Deutschland gefragt. Immerhin sollen laut einer jüngsten Studie 27 Prozent der Deutschen Antisemiten sein (Unser Resümee). "Wir Juden fühlen uns in Deutschland unsicherer", bestätigt denn auch der Historiker Michael Wolffsohn, während die Historikerin Stefanie Schüler-Springorum meint: "23 Prozent haben eine schlechte Meinung von Christen, über 50 Prozent von Muslimen, und bei Roma und Sinti sind es sogar über 60 Prozent. Wenn man es in diese Perspektive setzt, dann sind andere Zahlen noch dramatischer."

Mit Blick auf Dealer, Junkies und Gewalt in Kreuzberg geht der im Iran geborene und in Kreuzberg lebende Barbesitzer und Schriftsteller Behzad Karim-Khani in der Welt hart mit den Linken in seinem Bezirk ins Gericht. Mit der alten Linken, die von Antiautorität und Anarchie träumte und den Bezug zur Realität verloren hat und der jungen Linken, die nicht mal mehr Ideen hat: "In ihrem Narrativ mag sie sich als kompromisslos sehen. Tatsächlich ist sie nur verhätschelt. Sie misst politisches Handeln an seiner subkulturellen Verträglichkeit und muss sie entlang der kleinen Allergien und Intoleranzen prüfen. Überhaupt ist alles erst eine Lifestyle-Frage und ein Ringen um Authentizität der weißen Mittelstandskids, die die durch Spritzen und Urinpfützen im Hausflur latschenden Migrantenkinder als Kulisse brauchen, um sich real zu fühlen. Die Getto für was Linkes halten, Armut cool finden und so tun, als würden wir in einem besseren System leben, wenn Sanitäter und Polizisten nur zu spät kämen."
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Europa

Venedig wurde wieder einmal vom Aqua Alta heimgesucht. Auf 1,87 Meter hatte der Sturm das Hochwasser in die Lagune getrieben. Der Bürgermeister der Stadt, Luigi Brunaro, macht den Klimawandel verantwortlich, was ihm Thomas Steinfeld nicht durchgehen lässt: "Klimaschützer war Brugnaro bisher nicht, ein Schlitzohr indessen schon. Zwar hat er sich in jüngster Zeit gegen die Kreuzfahrtschiffe ausgesprochen, die auf ihrer Fahrt zur Anlegestelle immer noch die Altstadt durchqueren. Zugleich aber hat er für eine Vertiefung und Verbreiterung der Fahrrinnen in der südwestlichen Lagune plädiert. Eben diese Ausweitungen der Fahrrinnen haben indessen großen Anteil daran, dass immer mehr Wasser immer schneller in die Lagune fließen kann, mit unmittelbaren Auswirkungen auf die Häufigkeit und das Ausmaß der Hochwasser. Die Rede vom 'Klimawandel' verschleiert diesen Zusammenhang."

Nur wenige Tage nach seiner Freilassung wurde der türkische Schriftsteller und Journalist Ahmet Altan wieder verhaftet. In der taz sieht Erk Acarer darin einen Racheakt der Staatsanwaltschaft. Aber er wirft auch der Opposition vor, Altan im Stich zu lassen, weil er in der Vergangenheit demokratische Vorstöße von Tayyip Erdogans AKP gutgeheißen hatte: "Zweifelsohne machte es die gespaltene Meinung unter Oppositionellen den Machthabern leichter, eine erneute Rechtsbeugung im Fall Altan zu begehen. Sobald es von Personalien abhängig gemacht wird, ob man sich dagegen empört, dass die Justiz von der Exekutive kontrolliert wird oder sich über Einzelentscheidungen sogar freut, lässt man der AKP in ihrer Willkür freie Hand. So kann Erdoğan das Justizsystem als Rutenbündel benutzen und Rechtsprechung als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln etablieren. Für Anwältin Çalıkuşu ist dieser Reflex Symptom einer chronischen Erkrankung der türkischen Gesellschaft: 'Gerechtigkeit und Freiheit wollen alle immer nur fürs je eigene Team.'"
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Geschichte

Die Hohenzollern arbeiten kräftig an einer Revision der bisherigen Geschichtsschreibung, derzufolge Prinz Wilhelm von Preußen dem Auftsieg der Nationalsozialisten kräftig Vorschub leistete. Sie brauchen einen Persilschein, um für die Enteignungen nach 1945 entschädigt zu werden. In der Zeit ärgern sich die beiden Historiker Peter Brandt und Stephan Malinowski, dass nun immer mehr Gutachten in Umlauf gebracht werden, aber ganz wie Samisdat-Literatur nur unter der Hand, nicht öffentlich. Eines stammt von Christopher Clark, das andere von Wolfram Pyta: "Bemerkenswert ist zunächst, wie fundamental die beiden Gutachten, welche die Position der Hohenzollern stützen, einander widersprechen. Pyta und Orth behaupten, der Kronprinz sei an der Seite des Reichswehrgenerals und letzten Kanzlers der Weimarer Republik Kurt von Schleicher ein politischer Akteur ersten Ranges gewesen. Dies annulliert das ältere Kernargument Christopher Clarks, der Kronprinz sei eine 'Randfigur' geblieben und überdies in der Öffentlichkeit politisch kaum ernst genommen worden - juristisch das bislang beste Pferd im Stall der Hohenzollern." Zumindest auf Englisch kann man im Spiegel ein Interview mit Clark über sein Gutachten lesen.
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Internet

Turi2 weist auf ein wirklich verlockendes Angebot hin, das SZ meldet: Google will künftig Girokonten anbieten: "Da Google keine eigene Bankenlizenz hat, kooperiert der Konzern mit der Citigroup Bank, die die Geschäfte letztendlich abwickelt. Im Kern von Googles Interesse stehen allerdings die Nutzerdaten. Girokonten sind dafür ein ideales Produkt, da die Kunden selten wechseln."
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