Efeu - Die Kulturrundschau

Es gibt kein Objekt mehr

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.11.2019. Die Filmkritiker feiern Wang Xiaoshuais "Bis dann, mein Sohn". In Monopol erklärt der Künstler Christian Boltanski die Schönheit im Menschsein. Die NYRB staunt über den Versuch, Robert Walser zu tanzen. Das Museum der Moderne muss nicht 450 Millionen Euro kosten, ruft verzweifelt die FAZ: Baut es einfach ein paar Meter weiter. Die SZ freut sich über die Sudan Archives der Geigerin Brittney Denise.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.11.2019 finden Sie hier

Film

Zeitenwenden: Wang Xiaoshuais "Bis dann, mein Sohn" (Bild: Dongchun Films)

Wang Xiaoshuais "Bis dann, mein Sohn" schildert "über dreißig Jahre hinweg die Geschicke dreier Paare im kommunistischen China, vom Ende der Kulturrevolution bis in die heutige turbokapitalistische Zeit", schrieb Perlentaucherin Thekla Dannenberg zur Weltpremiere des Films bei der Berlinale 2019 - jetzt kommt der schon damals von der Kritik gefeierte Film über die Auswirkungen der chinesischen Ein-Kind-Politik regulär in die Kinos. Drei Stunden dauert er und Cosima Lutz von der Welt weiß spätestens nach einer Szene mit Hefeklößen und einem großen Unglück, warum sie sich diesen drei Stunden gerne überantwortet: "Erstes Bild von 'Bis dann, mein Sohn': Rückenfigur. Ein Junge im weißen Hemd sitzt auf einem Betonpfeiler, vor ihm die pastellbeige Weite. Unten am aufgestauten Fluss baden Kinder, winzig in der Ferne. Die Kamera benötigt nur eine einzige, ruhige Kreisfahrt, um eine ganze Zeitenwende einzufassen. Als sie wieder am Ausgangspunkt angelangt ist, sitzt ein anderer Junge da, und erst später erfahren wir, dass ein furchtbares Unglück geschehen ist. Eine filmische Erzählung, deren Spannung länger als die üblichen anderthalb Stunden halten und dabei drei Jahrzehnte umfassen soll, braucht eine andere Architektur, und Wang Xiaoshuai findet, ja erfindet sie."

"Es ist ein Film über die Zeit, ihr Vergehen, im Privaten und wie nebenbei auch im Großen", schreibt Ekkehard Knörer in der taz, "ein Film über Schmerz, über Beharrungskraft, über die Generationen, nicht zuletzt auch ein Film über Eingriffe des Staats ins Leben der Bürger und deren Folgen. Er beginnt mit dem Tod." Es geht "in Rösselsprüngen voran und wieder zurück. ... Das ist verwirrend, ganz zu Beginn, es wird verwirrend bleiben. Zumal Regisseur Wang Xiaoshuai auf die Einblendung von Jahreszahlen verzichtet und man so genötigt wird, die Abstände bei den Sprüngen vor und zurück an Ausstattung, Maske und narrativer Logik zu erschließen." Tagesspiegel-Kritikerin Christiane Peitz sah ein "Meisterwerk", nämlich "einen verhaltenen, schmerzhaften und doch niemals schwermütigen Film", der "davon erzählt, wie Menschen schuldig aneinander werden und dabei menschlich bleiben. Weil das Regime ihnen keine Wahl lässt, weil sie sich allen Kompromissen zum Trotz ihre Güte bewahren. ... Wang Xiaoshuai, Protagonist der sechsten Generation von Chinas Filmemachern, erkundet die Nahtstellen des Persönlichen und des Politischen."

Fritz Göttler (SZ), Kerstin Decker (Tagesspiegel) und Bert Rebhandl (FAZ) gratulieren dem Filmemacher Rudolf Thome zum 80. Geburtstag. Rüdiger Suchsland wünscht sich im Geburtstagsgruß auf Artechock endlich mal wieder einen neuen Thome-Film, doch "die Tatsache, dass das nicht möglich ist, weil seine Verdienste nicht berücksichtigt werden, sein Werk und seine Art zu arbeiten zu wenig Anerkennung finden, jedenfalls bei den Machthabern der deutschen Film- und Förderszene, ist einer der großen Skandale in der schändlichen Gegenwart unseres Betriebs. Die, die sich ihm verweigern, werden dafür zu Recht in der Hölle schmoren. Das Kino-Publikum aber muss schon heute büßen." Ein aktuelles Filmgespräch mit Thome gibt es gerade online beim RBB, wo heute Nacht auch zwei Filme von ihm laufen.

Weiteres: Im Kinozeit-Feature schreibt Katrin Doerksen über den Zusammenhang des Red Scares in Hollywood der McCarthy-Ära und Misogynie.

Besprochen werden Lucio Castros Debütfilm "End of the Century" und Matthias Lintners "Träume von Räumen" (Perlentaucher), Martin Scorseses für Netflix gedrehtes Mafia-Epos "The Irishman", das ab heute für einige Tage vorab in einigen Kinos zu sehen sein wird (Artechock, taz, critic.de, mehr dazu bereits hier), der Rennfahrerfilm "Le Mans 66" mit Matt Damon und Christian Bale (Standard, Welt), Shaheen Dill-Riaz' Dokumentarfilm "Bamboo Stories" (taz), die erste Episode der "Star Wars"-Serie "The Mandalorian", mit der Disney seinen neuen Streamingdienst promotet (ZeitOnline), Olivia Wildes Teeniekomödie "Booksmart" (ZeitOnline) und Mischa Hedingers Dokumentarfilm "African Mirror" (NZZ).
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Literatur

Edi Zollinger wirft für die NZZ einen Blick in Théophile Gautiers Erzählung "La Toison d'or", die wohl Pierre Boileaus und Thomas Narcejacs Interpretationsquelle für den Roman "D'entre les morts" gewesen sein dürfte, auf dem wiederum Alfred Hitchocks "Vertigo" basiert.

Besprochen werden unter anderem der Band "Worte haben keine Macht mehr" mit politischen Essays von Stefan Zweig (FR), der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Hans Magnus Enzensberger (Tell-Review), Bret Easton Ellis' Essayband "Weiss" (Intellectures) und Ulrich Tukurs Debütroman "Der Ursprung der Welt" (FAZ). Mehr in unserer aktuellen Bücherschau ab 14 Uhr und auf unserem Meta-Blog Lit21.

Außerdem küren wir die besten Bücher der Saison.

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Stichwörter: Bachmann, Ingeborg

Design

Der Modedesigner Ralph Lauren (Bild: HBO)

Susan Lacys für HBO entstandene Dokumentation "Very Ralph" über den amerikanischen Modedesigner Ralph Lauren wirft sich ein bisschen sehr demütig vor seinem Sujet in den Staub, meint Carmen Böker auf ZeitOnline: Der Film "zeichnet ein halbes Jahrhundert Modeunternehmertum nach - von dem, der 'am besten amerikanische Mode in der Welt verkörpert'. So erklärt es zumindest Karl Lagerfeld, der in dem Film kurz vor seinem Tod im Februar 2019 als einer von vielen A-Ligisten der Branche zu sehen ist. Wie sich amerikanische Mode, deren Inspiration primär aus der Sachlichkeit der Sportbekleidung stammt, von der europäischen unterscheidet, die auf sehr viel ältere Traditionen und Trachten und auch Aneignungen verweist: Das wäre spannend gewesen. Nur fällt 'Very Ralph' so monochrom bewundernd aus, als sei es ein Imagefilm des Unternehmens."
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Kunst

Christian Boltanski, Le Cœur, 2005. Vue de l'installation à L'Institut Mathildenhöhe, Darmstadt, Allemagne, 2006. Courtesy Christian Boltanski. Photo © Wolfgang Günzel


Felix von Boehm hat sich für Monopol mit Christian Boltanski unterhalten, dem das Centre Pompidou derzeit eine große Retrospektive widmet. Obwohl Boltanski nicht glaubt, dass rückblickend etwas bleibt: "Ich habe nie etwas aus Bronze oder Marmor gemacht. Meine Werke waren immer von unvorstellbarer Zerbrechlichkeit. Man muss achtsam mit diesen Werken umgehen. Ich glaube, dass diese Zerbrechlichkeit, das Vergessen, die Zerstörung mehr oder weniger ein Teil meiner Arbeit sind. Und heute geht es mir kaum mehr um das Objekt. Es gibt kein Objekt mehr. Es geht eher um die Erinnerung, die man an ein Objekt haben kann. ... Mein ganzes Leben habe ich gegen das Verschwinden angekämpft. Und ich habe immer verloren. Die Schönheit im Menschsein liegt in dem Wissen, dass ich Teil einer Kette bin. Ich weiß, dass es Menschen vor mir gab, und ich weiß, dass es welche nach mir geben wird. Und dass ich in der kurzen Zeit, die ich habe, vielleicht ein kleines bisschen die Menschen nach mir beeinflussen kann. Und ich glaube, dass man mit Bestimmtheit nur sagen kann, dass alles weitergeht."

Da ist doch was falsch, denkt sich Rose-Maria Gropp (FAZ), die in der Retrospektive der Malerin Karin Kneffel im Frieder Burda Museum in Baden-Baden schnell lernt, besser ihren Augen zu misstrauen: "Karin Kneffel versteht es, die Dreidimensionalität in die Fläche der Leinwand zu hexen. Und sie schafft es zudem, die Zeit als vierte Dimension in ihre Gemälde einzubetten. Während dort, zum Beispiel, ein Dalmatiner mit der Schnauze flach auf einem glatten Boden liegt, erhebt der Hund in seinem - anscheinenden - Spiegelbild den Kopf und schaut zum Betrachter. So ähnlich geht es mit der Szene auf einem Fernsehschirm, die in ihrer über Kopf gespiegelten Wiedergabe schon die nächste - oder noch die vorherige - Kameraeinstellung zeigt. Dabei ist auch nicht mehr klar, wo das Vexierspiel seinen Halt im Raum findet. Karin Kneffel besitzt nämlich einen im Wortsinn phantastischen Witz."

Weitere Artikel: Donna Schons unterhält sich mit Stan Douglas über Jazz, Quanten-Teleportation und die fließende Grenze zwischen Realität und Fiktion. Sarah Pines porträtiert in der Zeit die 90-jährige japanische Künstlerin Yayoi Kusama, die seit 1975 in Tokio freiwillig in einer psychiatrischen Klinik lebt.
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Architektur

Das am Berliner Kulturforum geplante Museum der Moderne muss nicht 450 Millionen Euro kosten, ruft Niklas Maak verzweifelt in der FAZ Monika Grütters und der Berliner Stadtplanung zu. Baut es einfach ein paar Meter weiter weg! "Gerade Herzog & de Meuron laufen immer dann zur Höchstform auf, wenn man ihnen einen schwierigen, gar nicht gut sichtbaren Standort gibt. Wenn man sie gebeten hätte, an der Sigismundstraße hinter Mies van der Rohes Nationalgalerie zu bauen, die als Standort für einen preiswert mit 130 Millionen taxierten Museumsbau im Gespräch war, bevor Grütters das Projekt nach vorn an die Straße zwischen Philharmonie und Nationalgalerie zerrte, wäre das Ergebnis sicher kein unsichtbarer Hinterbau geworden."
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Bühne

Daniel Pettrow, Maile Okamura, David Barlow und Maira Kalman in John Heginbothams HERZ SCHMERZ, October 2019. Foto: Stephanie Berger


Im Blog der NYRB staunt Erica Getto über Versuche am Baryshnikov Arts Center in New York, Robert Walser zu tanzen. "Für HERZ SCHMERZ haben der Choreograf John Heginbotham und die Künstlerin Maia Kalman eine Reihe von Vignetten aneinandergereiht, die von Walsers Schriften inspiriert sind, die vor Freude, Frustration und Humor flackern. Die Performance beinhaltet Bewegung und gesprochenen Text, der stark aus der Walser-Kurzgeschichte 'Nervös' stammt, einem Monolog über Altern und Unbehagen, der Szenen von ungehemmtem Spiel und erstarrter Not zeigt. Es ist ein mitfühlender, zärtlicher Umgang mit der Sterblichkeit, aber einer, der die selbstzerstörerischen Untertreibungen vermeidet, die für Walsers Schreiben grundlegend sind. ... HERZ SCHMERZ versucht, den inneren Rhythmus von Walsers Schriften einzufangen - kurvenreich, degressiv, straff, straff, melancholisch und freudig."

Weiteres: In der neuen musikzeitschrift berichtet Roland H. Dippel von der 29. Euro-Scene Leipzig. Im Freitag berichtet Anna Opel vom 4. Herbstsalon im Berliner Gorki-Theater. Besprochen werden Bernhard Langs "Reigen" bei Wien Modern in der Version der Neuen Oper Wien (Standard) und Alessandro Scarlattis Barockoper "Il Primo Omicidio" an der Berliner Staatsoper (Zeit).
Archiv: Bühne

Musik

Wer wissen will, warum die R'n'B-Musikerin und Geigerin Brittney Denise Parks, die unter dem Namen Sudan Archives die spezifisch sudanische Weise des Geigenspiels in ihre Ästhetik einbettet, derzeit in allen möglichen Zusammenhängen als ganz großes Ding gefeiert wird, bekam beim extravagant ausgestatteten Konzert bestes Anschauungsmaterial geliefert, freut sich Jan Kedves in der SZ. "Die Göttin der Weisheit, der Kampfkunst und des Handwerks, Athene, hat sich heute Abend als afro-japanische Karate-Geisha zurechtgemacht. Toll sieht sie aus mit den blitzenden Silbernadeln, die sie sich oben durch die schwarz-grünen Haarteile gesteckt hat. ... Viele Songs, in denen Sudan Archives ihr Instrument klopft, zupft, streicht und sägt und die Spuren dazu durch die Effektkanäle eines neben ihr aufgestellten, bunt blinkenden Digitalgeräts schickt, klingen, als würden sie erst durch die Geige hindurch entstehen." Für die Berliner Zeitung war Markus Schneider im Publikum. Ein aktuelles Video:



Weiteres: Helmut Mauró (SZ) und Anja-Rosa Thöming (FAZ) schreiben über Leopold Mozart, der vor 300 Jahren geboren wurde. In der FR plaudert Katja Thorwarth mit der Frankfurter Punkband Stage Bottles. Im Freitag porträtiert Linus Volkmann den Indierocker Thees Uhlmann.

Besprochen werden Seamus Murphys Kino-Dokumentarfilm "A Dog of Money", der PJ Harveys aktuelles Album "The Hope Six Demolition Project" flankiert (taz, FR), ein Frankfurter Brahms- und Mozart-Abend mit Grigory Sokolov (FR) und Herbie Hancocks Auftritt in Wien (Presse).
Archiv: Musik