9punkt - Die Debattenrundschau

Unter Gesichtspunkten der Wärme-Isolation

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.08.2022. Warum ist Kunst so langweilig geworden, fragt die New York Times-Kolumnistin Michelle Goldberg - eine deprimierende Antwort findet sie beim Kultursoziologen David Marx: Kunst bringt kein soziales Kapital mehr. In der NZZ thematisiert Politikwissenschafter Jörg Himmelreich den fatalen Einfluss der Mongolen auf die russische Geschichte. Im Perlentaucher sieht Richard Herzinger den Aufruhr nach dem Tod Lady Dianas vor 25 Jahren als Vorzeichen für Schlimmeres. Ebendort verteidigt Thierry Chervel die Mohammed-Karikaturen gegen Meron Mendel und Saba-Nur Cheema.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.08.2022 finden Sie hier

Ideen

Vor einigen Wochen brachte der Kritiker Christian Lorentzen in seinem Substack-Newsletter die kulturelle Stagnation auf den Punkt: "Hollywoodfilme sind langweilig, Fernsehen ist langweilig, Popmusik ist langweilig. Kunst ist langweilig. Theater ist ist langweilig. Bücher von großen Verlagen sind langweilig." In der NYTimes kann Michelle Goldberg dem nur zustimmen, sie glaubt aber nicht wie Lorentzen, dass die Kapitalisierung der Kultur daran schuld ist. Sie empfiehlt David Marx' Buch "Status and Culture". Marx glaubt, dass Kultur kein soziales Kapital mehr zur Verfügung stellt, nicht bei KünstlerInnen, die den Betrieb herausfordern, nicht beim Publikum: "Im Zeitalter des Internets sagt der Geschmack weniger über eine Person aus. Man muss sich nicht in eine soziale Welt begeben, um sich mit John Cage vertraut zu machen - oder mit Underground-Hip-Hop, schräger Performance-Kunst oder seltenen Sneakers. In gewisser Hinsicht ist das fantastisch. Die Menschen können ohne Probleme Dinge finden, die sie mögen, und verschwenden weniger Zeit damit, so zu tun, als würden sie Dinge mögen, die sie nicht mögen. Kulturelles Kapital zu nutzen, um seinen Platz in der Statushierarchie zu signalisieren, ist versnobt und ausgrenzend. (Avantgarde-Kunst kann auch, wie Susan Sontag schrieb, selbst ziemlich langweilig sein.) Aber natürlich sind die Menschen heute nicht weniger besessen von ihrem eigenen Status als zu Zeiten einer blühenden Kulturproduktion. Es ist nur so, dass die Merkmale eines hohen sozialen Ranges spießiger sind. Wenn der Wert des kulturellen Kapitals herabgesetzt wird, schreibt Marx, dann werden 'Popularität und ökonomisches Kapital noch zentraler für die Bestimmung des Status'. Infolgedessen, sagt er, gibt es 'weniger Anreize für Individuen, Kultur mit hoher symbolischer Komplexität zu schaffen und zu zelebrieren'."

Debatten um den Liberalismus sind nicht neu, schreibt in der SZ Hans Maier, ehemaliger Kultusminister in Bayern, nach Lektüre des von Ralf Fücks und Rainald Manthe herausgegebenen Aufsatzband "Liberalismus neu denken". Maier erinnert sich jedenfalls noch gut an die Debatten der "Freiburger Schule" in den späten Vierzigern: Sie wollte einerseits Freiheit für die Wirtschaft, damit diese sich entwickeln kann. Aber auch einen Ordnungsrahmen, "damit das wirtschaftliche Geschehen nachhaltig weitergehen kann und der notwendige Wettbewerb nicht mit einem Sieg der schnellsten und stärksten Hände endet ... 'Ordnung der Wirtschaft' war daher das zentrale Thema der Freiburger Juristen und Ökonomen. Und die eigentliche Nagelprobe auf eine geordnete Freiheit des Marktes war für die 'Freiburger' ein funktionierendes, mit 'Zähnen' versehenes Kartellrecht."
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Geschichte

Die politische Kultur in Russland ist stark von der Mongolenherrschaft geprägt, meint in der NZZ der Politikwissenschafter Jörg Himmelreich: "Die Mongolen waren nicht an dem Land, sondern an Geld und Männern für den Kriegsdienst interessiert. Der Mongolen-Khan war der erste unumstrittene Herrscher über eine bis dahin in Teilfürstentümer zersplitterte Kiewer Rus. Die Fürsten waren dem Khan gegenüber tributpflichtig. Das zwang die Teilfürsten dazu, die eigene Bevölkerung rücksichtslos auszupressen, denn wessen Abgaben zu gering waren, der wurde aus dem Weg geräumt. ... Sinn für politische Verantwortung entwickelte sich unter diesen Umständen kaum, da Macht nur zur Anhäufung von Privatbesitz diente. Begehrten die Menschen auf, musste man ihnen nur mit den Mongolen drohen. So verschaffte man sich bedingungslosen Gehorsam. Unter der 250-jährigen Mongolenherrschaft brutalisierte sich in Russland das Leben. Die Todesstrafe, die in der Kiewer Rus noch unbekannt war, wurde von den Mongolen eingeführt."
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Europa

Olaf Scholz hat in Prag eine europapolitische Gundsatzrede gehalten, in der er unter anderem Reformen für die EU forderte. Anna Lehmann hat in der taz positive Signale gehört: "Die deutsche Antwort auf Macrons Rede kommt nun, fünf Jahre später und unter dem Druck der äußeren Verhältnisse: Russland hat einen Krieg gegen seinen Nachbarn angezettelt, hat die europäische Nachkriegsordnung inklusive Achtung der territorialen Integrität aufgekündigt, und der Westen schließt die Reihen gegen den gemeinsamen Feind. Eine starke und souveräne EU ist gefragt wie nie." Hier das Video der Rede.

Albanien ist EU-Beitrittskandidat. Aber um die Pressefreiheit im Land steht es nicht so gut, wie es sich für ein EU-Land gehört, berichtet Birger Schütz in der FAZ: "Die einflussreichsten Medien werden von einer Hand voll reicher Unternehmer und Politiker kontrolliert, Gewalt gegen Journalisten ist weit verbreitet, die Mediengesetze schützen vor allem die Mächtigen. In der aktuellen Rangliste von 'Reporter ohne Grenzen' kommt das Land auf Platz 103 von 180 Staaten - die schlechteste Platzierung auf dem westlichen Balkan."
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Kulturpolitik

Peter Richter braucht in der SZ fünf Absätze, um zu seinem eigentlichen Anliegen zu kommen: dass die Kulturinstitutionen bald nicht nur die Heizungen runtergefahren müssen, sondern ihren ganzen Betrieb, der in der Regel vom Staat abhängig ist: "Und bei einem dermaßen dramatischen Verlauf der Dinge, wie oft prognostiziert, ist leider absehbar, dass dieser Staat irgendwann vor einer Situation stehen wird, die man dann gewissermaßen als Triage der Mittelzuwendungen bezeichnen muss. Wenn wirklich massenhaft Haushalte ihre Heiz- und Stromkosten nicht mehr bezahlen können, Schulkinder zittern müssen, die Wirtschaft einfriert und Krankenhäuser an den Rand des Kollapses kommen, werden diejenigen nicht zu beneiden sein, die dann noch die Kulturetats verteidigen wollen."

Vielleicht hilft der Vorschlag von Klaus Biesenbach, Direktor der Neuen Nationalgalerie Berlin: "Er hoffe, dass im kommenden Winter 'ganz viele Leute einfach in den Museen überwintern'", erzählt Peter Laudenbach in der SZ. "Die Museen zu Wärmestuben zu machen, dürfte schon aus Sicherheitsgründen schwierig werden. Aber Biesenbach scheint zu ahnen, dass der Energieverbrauch zum Problem für die Kultur-Paläste werden könnte, und das nicht nur, weil ihre Stromrechnung steigen wird. Der Betrieb von Museen, Opernhäuser, Theatern, viele von ihnen in historischen Bauten, ist energieintensiv. Unter Gesichtspunkten der Wärme-Isolation ist zum Beispiel die Neue Nationalgalerie, Mies van der Rohes cooler Tempel der Moderne mit Komplett-Glasfassade, der helle Wahnsinn."
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Stichwörter: Neue Nationalgalerie

Religion

Fernsehwerbung mit Frauen ist im Iran künftig verboten. Dafür sorgt die Behörde, die  für das "Gebot des Rechts und das Verbot des Bösen" zuständig ist, berichtet Oranus Mahmoodi bei hpd.de: "Werbeagenturen und Kunstschulen bekamen Post vom iranischen Kultusministerium. In dem Schreiben wurde verlautbart, dass die Präsenz von Frauen in der Werbung ab sofort verboten sei. Frauen in der Werbung würden gegen die 'Hijab- und Keuschheitsregeln' verstoßen. Dem Schreiben zufolge basiere das Verbot auf den Gesetzen und Vorschriften des Landes zur kommerziellen Werbung, die jeden 'instrumentellen Einsatz' von Frauen, Männern und Kindern verbieten. Das Verbot sei laut iranischer Behörde schon immer in Kraft gewesen."

Auch der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) ist für Antisemitismus mehr als anfällig, beklagen auf Zeit online die evangelischen Theologen Gabriele und Peter Scherle. Und das schon sehr lange, wie sich am Beispiel der Israelkritik zeigt: Seit dem Sechs-Tage-Krieg werde Israel "als westliche Kolonialmacht und Agent des US-Imperialismus" wahrgenommen. "Die Verbindung von politischer und praktischer Solidarität mit den palästinensischen Christen und den arabischen Kirchen haben hier in Gestalt einer Täter-Opfer-Umkehrung Wirkung gezeigt. Nun konnten die Juden als Täter identifiziert werden und Christen auch aus Deutschland sich mit den palästinensischen Opfern identifizieren. Über die politische Analyse des Nahostkonflikts mit seinen vielen Akteuren hat sich eine antisemitisch gefärbte Israelkritik gelegt, die in den Diskursen im ÖRK eine große Rolle spielt. So wird dafür geworben, dass sich die Vollversammlung in Karlsruhe hinter der Formel versammelt, Israel sei ein 'Apartheid-Staat'. Von 'Apartheid im Heiligen Land' hat der in diesem Jahr neu gewählte Generalsekretär, der südafrikanische Kirchenhistoriker und Pfarrer Jerry Pillay, schon 2016 gesprochen.
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Gesellschaft

Das multikulturelle Paar Saba-Nur Cheema und Meron Mendel verteidigt ins einer jüngsten FAZ-Kolumne zwar Salman Rushdie (unser Resümee), aber es denunziert en passant die Mohammed-Karikaturen und behauptet gar, sie unterstellten Muslimen eine Neigung zu Sodomie. Religionskritik leisteten sie ebensowenig wie die Documenta-Zeichnungen, sondern seien bloß antimuslimisch und rassistisch. Darauf antwortet Perlentaucher Thierry Chervel: Die beiden täten so "als würden sich die Documenta-Zeichnungnen und die Mohammed-Karikaturen auf einem Niveau bewegen. Aber die Documenta-Karikaturen wiederholen nur uralte antisemitische Klischees. Die dänischen Mohammed-Karikaturen thematisieren dagegen selbst - mehr oder weniger originell und gekonnt - die Schwierigkeit der westlichen Öffentlichkeit im Umgang mit der islamistischen Herausforderung."

Vor 25 Jahren starb Lady Diana ihren tragischen Unfalltod. Was folgte, hat in den Augen von Perlentaucher-Kolumnist Richard Herzinger eine unheimliche Aktualität: "Die Verabsolutierung von Stimmungen und Gefühlen gegenüber rationalen Argumenten und Erkenntnissen, von kollektiven Projektionen und Phantasmen gegenüber nachprüfbaren Fakten, lässt die Trauerhysterie um Diana wie ein Vorspiel zu dem Ausbruch von Irrationalismus anlässlich der Brexit-Entscheidung von 2016 erscheinen."

Im Jemen verbreitet sich Kinderlähmung. Schuld sind Impfgegner, berichtet taz-Korrespondent Najm Aldain Qasem aus Saada: "Im September 2014 übernahm die Huthi-Gruppe die Kontrolle über das Gouvernement Saada. Seitdem hat sie Impfungen behindert. Denn Impfstoffe seien, so die Propaganda der Gruppe, 'eine jüdische Industrie, die darauf abzielt, die Gesellschaft zu zerstören'. Sie schwächten außerdem die sexuellen Fähigkeiten von Männern und verursachten bei Frauen Sterilität. Von den Huthi bestimmte lokale 'Kulturaufseher' wiederholen die Verschwörungsmythen in ihren jeweiligen Bezirken."
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