Erst neulich wurde die Öffentlichkeit durch den Journalisten Uwe Soukup darauf
aufmerksam gemacht, dass ein häufig verwendetes Foto des
Reichstagsbrands in Wirklichkeit aus einem Defa-Film von 1955 stammt. Für den Film wurde ein verkleinertes Modell des Gebäudes in Brand gesetzt. Der Historiker
Andreas Kötzing geht in der
FAZ der Geschichte der missbräuchlichen Verwendung dieses Fotos in Medien, Dokumentationen und Schulbüchern nach. Seine Erklärung für die Beliebtheit des Fotos: Es ist so schön
spektakulär. Aber es verfälscht die Geschichte: "Da die Defa den
gesamten Reichstag in Flammen setzte, erscheint der Brand noch dramatischer, als er in Wirklichkeit war. Das Feuer am 27. Februar 1933 zerstörte zwar den gesamten
Plenarsaal, der Rest des Gebäudes blieb davon aber weitestgehend unberührt. Flammen und Rauch traten nur aus der Kuppel hervor, nicht aus allen Fenstern des Reichstags. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, dass die Darstellung der Defa die
Rezeption des historischen Ereignisses maßgeblich beeinflusst hat. Nicht selten liest man in Büchern oder Zeitungsartikeln über den Reichstagsbrand, der gesamte Reichstag habe in Flammen gestanden oder sei gar bis auf die Grundmauern niedergebrannt."
Einerseits gibt es bei den Veranstaltungen, die des Horrors des
Zweiten Weltkriegs gedenken, kaum noch Überlebende. Andererseits gibt es immer mehr, meist
imaginierte Opfergruppen, wie unlängst die Coronaleugner, die sich am liebsten mit verfolgten Juden gleichsetzen. Darum ist das Gedenken auch über den Tod der Zeitzeugen hinaus so wichtig, schreibt
Karl-Markus Gauß in seiner
SZ-Kolumne: "Die Selbstidentifikation der Heutigen als heldenmütige Opfer und aufopferungsvolle Helden zeugt von zweierlei: vom
narzisstischen Wunsch, die eigenen, oft egoistisch verengten Interessen zu historischer Bedeutsamkeit aufzublähen, und von einer
selbstzufriedenen Gleichgültigkeit, was den Faschismus und sein System der Verfolgung anbelangt - also von einem Desinteresse, in dem sich die Mitleidlosigkeit dem tatsächlichen und die Wehleidigkeit dem halluzinierten Leid gegenüber die Waage halten."