9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.05.2023 - Geschichte

Vor 175 Jahren bildete sich in der Frankfurter Paulskirche das erste das erste deutsche Parlament - überall erinnern in diesen Tagen Artikel an dieses Ereignis. Kann es sein, dass die deutschen Parlamentarier zuerst eine Bahnsteigkarte ziehen wollten? So klingt es im FAZ-Leitartikel von Peter Sturm: "Die Absicht, den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. zum 'Kaiser der Deutschen' zu wählen, misslang gründlich. Der Monarch sah nämlich nicht ein, dass er sich vom Volk bestätigen lassen solle. Er und maßgebliche Vertreter seines und anderer Staaten hingen noch der These an, Herrscher seien von Gott höchstselbst auf ihre Throne berufen worden und deshalb auch nur durch diesen wieder abzuberufen. Die Zeit, die die Parlamentarier für die Verfassungsberatungen brauchten, nutzte die Gegenseite, um ihre Schockstarre abzuschütteln. Die Herrscher schlugen, am Ende auch militärisch, zurück und beendeten das demokratische Experiment."

Über den Zustand der jetzigen deutschen Demokratie sagte auch die Feierstunde in der Paulskirche etwas, über die Matthias Alexander im FAZ-Feuilleton berichtet (mach acht auf die Bemerkung in Klammern): "Sieben Politiker haben sich auf die Rednerliste für die Feierstunde setzen lassen. Um die Liste hat es während der Vorbereitung ein ziemliches Gerangel gegeben, sodass man sich im Zeitgeist maximaler Partizipation kurzerhand entschloss, alle zum Zuge kommen zu lassen (die vier Vertreter der Exekutive haben gegenüber drei Parlamentariern die Oberhand)." War aber nicht so schlimm, das ganze fand in einer nur "zu zwei Dritteln gefüllten Paulskirche" statt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.05.2023 - Geschichte

"Es ist gut und richtig, wie an diesem Donnerstag an die deutschen Freiheitsbewegungen zu erinnern", schreibt Joachim Käppner in der SZ anlässlich der Feierlichkeiten zum 175. Jubiläum der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche: "Zu sehr stehen sie noch immer im Schatten eines Schicksals, an dem sie verzweifelten und scheiterten. Die Revolution von 1848/49, die Nationalversammlung, die Paulskirchenverfassung sind Meilensteine der deutschen Demokratiegeschichte. Sie hätten ein anderes, freieres, besseres Deutschland geschaffen als jenes, das kam. … Nur eines darf man bei aller Würdigung der Vorkämpfer deutscher Freiheit nicht vergessen: Sie sind auch an sich selbst gescheitert. Sie waren zu zerstritten und zu naiv, um der Niedertracht ihrer feudalen Gegenspieler gewachsen zu sein. Und vor allem waren sie ohne gemeinsamen Begriff davon, wie diese Freiheit beschaffen sein solle. Es fehlte der Revolution die große Botschaft, ein ganz einfaches, jedermann einleuchtendes Ziel." In der FR schreibt Michael Hesse, in der Welt der Schriftsteller Karl-Heinz Göttert. In der Zeit erinnert Peter Neumann.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.05.2023 - Geschichte

Otto Weidt gehörte zu den wenigen Berlinern, die in der Nazizeit Juden halfen. In seiner ehemaligen Blindenwerkstatt erinnert jetzt ein Museum an ihn und die von ihm geretteten Juden (und auch an die, die er trotz allem nicht retten konnte), berichtet Klaus Hillenbrand in der taz: "Da war Alice Licht, die als Weidts Sekretärin arbeitete. Im Februar 1943 verbarg Weidt sie und ihre Eltern in einem Lagerraum. Doch das Versteck wurde verraten, Alice Licht festgenommen und deportiert. Otto Weidt reiste unter einem Vorwand nach Auschwiz, folgte der Verschleppten nach Groß Rosen und nahm über einen Mittelsmann Kontakt zu ihr auf. Alice Licht gelang die Flucht. Das Kriegsende erlebte sie beim Ehepaar Otto und Else Weidt in Berlin."
Stichwörter: Weidt, Otto, Kriegsende

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.05.2023 - Geschichte

Der britische Historiker Peter Frankopan hat mit "Zwischen Erde und Himmel" eine monumentale Menschheitsgeschichte des Klimas verfasst, die in diesen Tagen auf Deutsch erscheint. Im Gespräch mit Jürgen Kaube von der FAZ erklärt er, wie alles mit allem zusammenhängt, vor allem aber mit Religion: "Viele Dinge kamen vom Himmel: übermäßige Sonne, riesige Mengen von Regenwolken, Kometen. Also waren die Götter im Spiel. Die ganze Schöpfungsgeschichte der Erde dreht sich darum, dass Gott eine perfekte Umgebung geschaffen hat. Wenn gegen sein einziges Gebot verstoßen wird, ist die Strafe eine ökologische. Adam und seine Nachkommen haben ein Land zu bearbeiten, das nicht freigiebig ist. Es gibt manche Ähnlichkeit mit den heutigen Klimabewegungen, in denen es Propheten gibt, die eine sehr ähnliche Botschaft haben, nämlich dass schlechtes Benehmen und unmoralisches Verhalten Strafen nach sich ziehen, und es gibt fast heilige Texte, die einem sagen, wie man leben, essen, reisen soll."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.05.2023 - Geschichte

Erst neulich wurde die Öffentlichkeit durch den Journalisten Uwe Soukup darauf aufmerksam gemacht, dass ein häufig verwendetes Foto des Reichstagsbrands in Wirklichkeit aus einem Defa-Film von 1955 stammt. Für den Film wurde ein verkleinertes Modell des Gebäudes in Brand gesetzt. Der Historiker Andreas Kötzing geht in der FAZ der Geschichte der missbräuchlichen Verwendung dieses Fotos in Medien, Dokumentationen und Schulbüchern nach. Seine Erklärung für die Beliebtheit des Fotos: Es ist so schön spektakulär. Aber es verfälscht die Geschichte: "Da die Defa den gesamten Reichstag in Flammen setzte, erscheint der Brand noch dramatischer, als er in Wirklichkeit war. Das Feuer am 27. Februar 1933 zerstörte zwar den gesamten Plenarsaal, der Rest des Gebäudes blieb davon aber weitestgehend unberührt. Flammen und Rauch traten nur aus der Kuppel hervor, nicht aus allen Fenstern des Reichstags. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, dass die Darstellung der Defa die Rezeption des historischen Ereignisses maßgeblich beeinflusst hat. Nicht selten liest man in Büchern oder Zeitungsartikeln über den Reichstagsbrand, der gesamte Reichstag habe in Flammen gestanden oder sei gar bis auf die Grundmauern niedergebrannt."

Einerseits gibt es bei den Veranstaltungen, die des Horrors des Zweiten Weltkriegs gedenken, kaum noch Überlebende. Andererseits gibt es immer mehr, meist imaginierte Opfergruppen, wie unlängst die Coronaleugner, die sich am liebsten mit verfolgten Juden gleichsetzen. Darum ist das Gedenken auch über den Tod der Zeitzeugen hinaus so wichtig, schreibt Karl-Markus Gauß in seiner SZ-Kolumne: "Die Selbstidentifikation der Heutigen als heldenmütige Opfer und aufopferungsvolle Helden zeugt von zweierlei: vom narzisstischen Wunsch, die eigenen, oft egoistisch verengten Interessen zu historischer Bedeutsamkeit aufzublähen, und von einer selbstzufriedenen Gleichgültigkeit, was den Faschismus und sein System der Verfolgung anbelangt - also von einem Desinteresse, in dem sich die Mitleidlosigkeit dem tatsächlichen und die Wehleidigkeit dem halluzinierten Leid gegenüber die Waage halten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.05.2023 - Geschichte

Der Nationalsozialismus war auch eine Studentenbewegung. Daran erinnert eine  Ausstellung am Schauplatz der Bücherverbrennung vor neunzig Jahren am Berliner Bebelplatz, über die Susanne Messmer in der taz berichtet. Goebbels war nicht der Erfinder der Aktion, resümiert sie Befunde von Historikern. Maßgeblich war die "Deutsche Studentenschaft": " Dieser antisemitische Dachverband der Studentenschaften hatte parallel zum Aufstieg der NSDAP schon 1930 die Mehrheit in fast allen Studentenparlamenten errungen. Die Presse heizte die antiintellektuelle Stimmung an den Hochschulen weiter an. Es ist die tragende Rolle der Studierenden bei der Berliner Bücherverbrennung, die in der Ausstellung 'Wer weiter liest, wird erschossen...' eine der Hauptrollen spielt. Die Deutsche Studentenschaft verstand sich - 'inspiriert vom Boykott jüdischer Geschäfte, Ärzte und Geschäftsleute' - als eine Art geistige SA und organisierte mit großem Eifer und aufwendigem bürokratischem Formalismus die Kampagne unter dem Titel 'Aktion wider den undeutschen Geist'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.05.2023 - Geschichte

Die 75 Jahre seit der israelischen Staatsgründung 1948 deutet der Politikwissenschaftler Stephan Grigat in der taz als eine Folge von Vernichtungsdrohungen und Vernichtungsversuchen: "Die Vernichtungsdrohungen gegen Israel kommen schon seit Jahrzehnten nicht mehr von den arabischen Führungen, sondern vor allem vom Regime in Iran und von seinen Verbündeten. Darauf adäquat zu reagieren bleibt neben der Aufrechterhaltung einer jüdisch-demokratischen Staatlichkeit die zentrale Herausforderung für den Zionismus, auf dessen Grundlage der Staat Israel vor 75 Jahren gegründet wurde. Der Grundgedanke des Zionismus bleibt schon allein aufgrund der Persistenz des Antisemitismus aktuell."
Stichwörter: Zionismus, Grigat, Stephan

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.05.2023 - Geschichte

Den Zusammenhang zwischen "Papier und Blut" dokumentiert eine die Ausstellung "Ein Polizeigewahrsam besonderer Art" in der "Topographie des Terrors" über ihren eigenen Ort, denn die Gedenkstätte befindet sich auf dem Geländes des einstigen Hausgefängnisses der Gestapo. Andreas Kilb hat die Ausstellung für die FAZ besucht und ist beeindruckt: "Einer der wichtigsten gestalterischen Einfälle der Ausstellung ist eine Folge von vier hölzernen Schreibtischen mit aufgeschlagenen Häftlingsakten. Die psychische und physische Vernichtung von Regimegegnern war bei der Gestapo penibel organisiert: Nach der Einlieferung und erkennungsdienstlichen Erfassung kam die Erstvernehmung, an die sich nach der offiziellen Einweisung weitere, stufenweise 'verschärfte' Vernehmungen anschlossen, die in den meisten Fällen in die Überstellung des Opfers an den Justizapparat oder in die Konzentrationslager der nationalsozialistischen Diktatur mündeten."

Rückblickend "erscheint das russische Vorgehen in Transnistrien wie das Drehbuch für die Aggression gegen die Ukraine 2014", schreibt Ulrich M. Schmid, der in der NZZ die Geschichte der Republik Moldau erzählt: "Der Kreml treibt einen Stachel in den Körper der postsowjetischen Staaten, um ihre Westintegration zu verhindern. Auch die angeblichen Lösungsvorschläge für diese absichtlich herbeigeführten Krisen gleichen sich. Im Jahr 2003 präsentierte Dmitri Kosak, ein enger Putin-Vertrauter, einen Plan zur Föderalisierung der Moldau. Dabei wäre Transnistrien zu einem Teil einer moldauischen Föderation geworden, hätte aber einen überproportionalen Einfluss auf die politischen Entscheidungsprozesse in Chisinau erhalten. Gleichermaßen konzentrieren sich die russischen Vorschläge zur Lösung des Donbass-Konflikts nach 2014 auf eine Föderalisierung der Ukraine. In beiden Fällen ginge das Zentrum geschwächt aus einem solchen Umbau hervor, und ein prorussisches Föderationssubjekt würde das Land im Einflussbereich Moskaus halten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.04.2023 - Geschichte

Kerstin Holm berichtet für die FAZ aus Kasachstan, wo sie die Gedenkstätte für das ehemalige Frauenstraflager Alžir besucht, einen von Stalin geschaffenen Gulag für Frauen und Witwen hingerichteter Opfer des Großen Terrors. Auch die  Deutsche Gertrud Platais (1910 bis 2007) saß dort ein, erzählt sie: "Nach der Friedlichen Revolution besuchte Platais 1990 Kasachstan und berichtete Mitarbeitern der Alžir-Gedenkstätte, dass den Gefangenenkolonnen oft Einwohner des Nachbardorfes aufgelauert hätten, deren Kinder sie dann mit kleinen 'Steinchen' bewarfen. Die unglücklichen Frauen hätten sich zunächst zusätzlich erniedrigt gefühlt, sagte Platais. Doch dann habe sie gemerkt, dass die Steinchen nach Milch und Quark dufteten; es waren Trockenkäsebällchen (kasachisch: kurt), die sich die Dörfler vom Mund abgespart hatten, um den Lagerinsassen beizustehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.04.2023 - Geschichte

Vor vierzig Jahren präsentierte der Stern die angeblichen Hitler-Tagebücher, die der Stern-Reporter Gerd Heidemann aufgespürt haben wollte. Es gibt zwar einige medienwissenschaftliche Bücher zu diesem Thema, so die Historiker Maximilian Kutzner und Sebastian Barth auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite der FAZ, aber Historiker meiden das Thema bisher trotz zahlloser Quellen, die sich auswerten ließen. Ein Aspekt dabei ist, dass der Thema der Zunft ein bisschen peinlich ist. Heidemann war in der dubiosen Szene der Devotionalienhändler unterwegs, und "auf seiner Jagd nach den sagenumwobenen Tagebüchern und ihrem mutmaßlichen Beschaffer Konrad Kujau kreuzte Heidemann mehrfach die Wege etablierter Historiker. Zufällig waren diese Begegnungen nicht, wie bisher wenig beachtete Quellen aus dem Archiv des Münchner Instituts für Zeitgeschichte zeigen. Denn Historiker suchten, wenngleich mit anderer Intention, nach den gleichen Stücken wie die Sammler."

Eine noch wesentlich größere Lücke in der deutschen Geschichtsschreibung benennt im Feuilleton der FAZ René Schlott, der in Leipzig eine Tagung zum Jahrestag des Aufstands im Warschauer Ghetto verfolgte: "Trotz des hohen Stellenwerts, den die Holocaustforschung auch in der Bundesrepublik inzwischen hat, beschäftigt sich derzeit nicht ein einziger deutscher Wissenschaftler mit dem Warschauer Ghettoaufstand. Die letzte Tagung zum Aufstand in der Bundesrepublik liegt vierzig Jahre zurück. Das 1994 von dem israelischen Forscher Israel Gutman vorgelegte Standardwerk zu dem Thema ist bis heute nicht auf Deutsch erschienen." Mehr auf den Seiten des Dubnow-Instituts, das die Tagung veranstaltete.