9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.04.2023 - Geschichte

Saba-Nur Cheema und Meron Mendel prangern in ihrer FAZ-Multikulti-Kolumne ein polnisch-israelisches Abkommen an, das den Schüleraustausch festlegt und den Geschichtsstreit der beiden Länder um den Holocaust beilegen soll. Aber es sind zwei rechtspopulistische Regierungen, die sich da geeinigt haben. Und die beiden werfen der israelischen Regierung vor, sich in das polnische Geschichtsnarrativ einspannen zu lassen. Da geht es etwa um polnische Kämpfer, die direkt nach dem Krieg gegen die stalinistische Besatzung kämpften, aber auch antisemitische Morde verübten - von der PiS-Partei werden sie idealisiert. Zum Beispiel soll die Reise der Schüler "nach Ostroleka gehen zum Museum der 'verstoßenen Soldaten'... Als Galionsfigur der verstoßenen Soldaten gilt Józef Kuraś, genannt Ogień, an den im Museum prominent erinnert wird. Dabei verantwortete er mehrere Morde an Menschen, die nichts mit dem Kommunismus zu tun hatten - allen voran jüdische Polen, Überlebende des Holocausts."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.04.2023 - Geschichte

"Die Beschäftigung mit der deutschen Geschichte, zumal mit der Zeit des Nationalsozialismus, glich in Deutschland in weiten Teilen einer Art Selbstbeschäftigung (…) Und die jüdische Welt selbst war sprachlos, zu sehr damit beschäftigt sich nach dem Horror der Schoa neu zu finden", schreibt Josef Schuster, im Tagesspiegel an den Aufstand im Warschauer Ghetto vor achtzig Jahren erinnernd. Aber wir befinden uns " in einem erinnerungspolitischen Wandel, der Gefahren birgt -und Chancen. Der Übergang in eine Zeit ohne Zeitzeugen der Schoa wird den Blick auf die Vergangenheit und wie wir erinnern und gedenken spürbar verschieben. Wir erleben dies an neuen Debatten über die Einzigartigkeit der Schoa, die wir vor mehr als 30 Jahren für entschieden glaubten. Oder wir spüren, wie einige postkoloniale Theorien grob radikal benutzt werden, um den Schutzwall gegen jede Form von Antisemitismus, ein konstitutives Element dieses Landes, einzureißen. Das sind offene Flanken unserer freien Gesellschaft, die geschlossen gehören. Gleichzeitig gibt uns der Wandel die Gelegenheit, die Selbstbestimmtheit jüdischen Denkens und Handelns hervorzuheben. Wir können damit einen Beitrag dazu leisten, die Selbstverständlichkeit jüdischen Lebens in Deutschland, wie sie vor der Schoa herrschte, wieder zu sichern."

In der taz stellt Gabrielle Lesser Forscher und Lehrer vor, die dem Aufstand im Warschauer Ghetto eine neue Deutung geben wollen: Erinnert werden soll an die Ermordeten nicht als Opfer, sondern als Widerstandskämpfer. Das tut Barbara Engelking etwa, die "führende Holocaust-Forscherin Polens", mit der Ausstellung "Um uns herum ein Flammenmeer. Die Schicksale jüdischer Zivilisten im Warschauer Gettoaufstand", im jüdischen Geschichtsmuseum Polin. Heute wisse man "wesentlich mehr über die Jüdische Soziale Selbsthilfe", erklärt sie, "eine der wichtigsten jüdischen Organisationen im Getto, sowie über das Leben im Getto, die schwindende Hoffnung auf ein Überleben, die Kontakte nach draußen, Hilfsleistungen, aber auch Erpressung und Verrat durch Polen. 'Für viele Geschichtsinteressierte wird überraschend sein, dass das Warschauer Getto keineswegs am 16. Mai 1943 aufhörte zu existieren, wie der deutsche Kriegsverbrecher Jürgen Stroop offiziell verkündete. Vielmehr versteckten sich Überlebende auf dem Getto-Gelände noch mindestens sieben Monate lang - bis zum Januar 1944', erläutert Engelking. 'Das sind unsere Helden und Heldinnen.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.04.2023 - Geschichte

Am 19. April 1943 begann der Aufstand im Warschauer Ghetto. In der taz erinnert Stefan Braun an den polnisch-jüdischen Politiker Szmuel Zygielbojm, der 1940 über Belgien und Frankreich in die USA gegangen war, um über die Situation in Europa zu berichten: "Zygielbojm beginnt bereits 1940 in Belgien als einer der ersten Augenzeugen, über den deutschen Terror in Polen zu informieren. Angekommen in den USA, reist er durch das ganze Land, um über die Verbrechen aufzuklären. Politische Folgen soll dieser Einsatz genauso wenig haben wie der Versuch, Visa für seine Familie zu organisieren. Nur sein Sohn Josef wird schlussendlich den Holocaust überleben. ... Seine konkreten Forderungen, wie die nach Abwurf von Flugblättern zur Aufklärung der deutschen Bevölkerung über den Völkermord, lehnen die Alliierten ab. Auch mit der polnischen Exilregierung verschärfen sich die Konflikte zunehmend, da Zygielbojm dieser vorwirft, die polnisch-jüdische Bevölkerung zu wenig zu unterstützen. Zygielbojm, der sich in einer psychischen Ausnahmesituation befindet, bittet die Exilführung des Bundes in New York, ihn von seiner Funktion abzuberufen. Im März 1943, noch vor einer Entscheidung über dieses Gesuch, informieren ihn Bundisten aus dem Warschauer Ghetto per Telegramm über die Revolte vom Januar 1943: 'Nur du kannst uns noch retten, die Nachwelt wird über dich urteilen.'" Nach der Niederschlagung des Aufstands durch deutsche Truppen beging Zygielbojm am 12. Mai 1943 "aus Protest gegen die weltweite Tatenlosigkeit" Suizid.

In der NZZ erinnert Martin Sander auch an das Warschauer Viertel Muranow, in dem das Ghetto lag, und das nach der vollständigen Zerstörung durch die Nazis im Sozialismus ohne Berücksichtigung seiner Geschichte wiederaufgebaut wurde: "Eleonora Bergman, Architekturhistorikerin und ehemalige Leiterin des Jüdischen Historischen Instituts, findet es pietätlos und geradezu anstößig, dass man die Toten unter den Trümmern des Ghettos nach Kriegsende nicht systematisch exhumiert, sondern mit großer Wahrscheinlichkeit auch Knochen zu Baumaterial verarbeitet hatte. Seit mittlerweile drei Jahrzehnten bemüht man sich in Warschau intensiv darum, die Geschichte des Ghettos dem Vergessen zu entreißen. Eleonora Bergman und andere konnten sich 2008 mit der Idee durchsetzen, die Grenzlinien des Ghettos durch Platten aus Beton und Metall im Boden sichtbar zu machen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.04.2023 - Geschichte

Vor achtzig Jahren, am 19. April 1943, begann der Aufstand im Warschauer Ghetto, an den der Historiker Stephan Lehnstaedt auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite der FAZ erinnert. "Die Hoffnungslosigkeit ihrer Situation - und letztlich der Situation aller Juden - war der Kampforganisation sehr wohl bewusst. Die deutschen Pläne standen ihnen klar vor Augen, und es war zu befürchten, dass das europäische Judentum ohne irgendwelche Spuren vom Erdboden getilgt würde. Angesichts dessen wollte man in Warschau zumindest ein Zeichen für die jüdische Ehre setzen. In den Worten Marek Edelmans: 'Vielleicht weil die bewusste Wahl zwischen Leben und Tod die letzte Chance zur Wahrung der eigenen Würde ist.'"

Der Streit um das "Judensau"-Relief an der Wittenberger Stadtkirche ist immer noch nicht ausgestanden. Der Kläger Michael Düllmann war mit seinem Ansinnen, das Relief entfernen zu lassen, zwar vorm Bundesgerichtshof gescheitert, zieht aber weiter zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Die israelische Kunsthistorikerin Galit Noga-Banai erklärt in der FAZ, warum sie für den Verbleib des Reliefs ist - unter anderem wegen des an der Kirche aufgestellten Gegendenkmals des Bildhauers Wieland Schmiedel und des Dichters Jürgen Rennert, das das Relief in einen spannungsreichen Kontext setze.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.04.2023 - Geschichte

Der wirtschaftliche Aufstieg Europas beruhe vor allem auf der Ausbeutung Afrikas, schreibt Howard W. French, Korrespondent der New York Times, in seinem aktuellen Buch "Afrika und die Entstehung der modernen Welt". Im SZ-Interview mit Jörg Häntzschel spricht er von einem zweifachen "Genozid": Den amerikanischen Ureinwohnern in Brasilien und Karibik sei das Land entrissen worden, während sich die verschleppten afrikanischen Sklaven auf den Plantagen innerhalb von fünf Jahren zu Tode arbeiteten, sagt er. Die Ureinwohner ließen sich hingegen nicht versklaven, denn sie "hatten keine natürlichen Abwehrkräfte gegen die Krankheiten, die die Europäer mitbrachten. Sie starben wie die Fliegen. Auf den entleerten Inseln ließen die Europäer dann also die Afrikaner diese harte Arbeit machen. Der zweite Grund ist: Die natives kannten sich aus, kannten die Wälder, die Menschen in der Umgebung. Und wenn sie flohen, ließen sie sich als Sklaven nicht identifizieren. Wenn Sie hingegen einen Menschen aus Afrika verschleppen und vorher festgelegt haben, dass versklavt zu sein der natürliche Status eines schwarzen Menschen ist, können Sie per Gesetz bestimmen, dass es illegal für eine schwarze Person ist, frei zu sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.04.2023 - Geschichte

Die Revolution von 1848 wurde niedergeschlagen. "Zum Dank errichteten die Untertanen ausgerechnet ihnen, den Niederknüpplern der Revolution, Denkmal um Denkmal", schreibt Jochen Bittner in der Zeit. Es folgten Wilhelminismus, Erster Weltkrieg und Hitler. "Das Stadtschloss, von dem aus am 18. März 1848 der preußische König - er wollte zwischen sich und Gott kein Blatt Verfassung kommen lassen - ein Gemetzel an den Berliner Barrikadenkämpfern befahl, es ist mit großem Aufwand wiederhergestellt. Ein Mahnmal an die 270 Opfer, die diese Erhebung gegen die Despotie das Leben kostete, sucht man in seinem Hof vergebens."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.04.2023 - Geschichte

Konnte der Westen nur durch die Ausbeutung Afrikas und den Sklavenhandel reich werden? Samuel Misteli unterhält sich für die NZZ mit dem New-York-Times-Journalisten Howard W. French, der in seinem Buch "Afrika und die Entstehung der modernen Welt" genau diese These vertritt. Heute könne Afrika jedoch nicht mehr ignoriert werden, warnt er. "Mitte dieses Jahrhunderts werden rund 40 Prozent der unter 21-Jährigen weltweit in Afrika leben - also fast die Hälfte der globalen Jugend. Ich glaube deshalb nicht, dass der Kontinent so leicht übersehen werden kann. Viele Europäer haben Angst, überflutet zu werden wegen demografischer Entwicklungen im Rest der Welt, besonders in Afrika. Ich glaube, diese Angst ist unbegründet. Afrikaner sind Menschen wie alle anderen - dies zu sagen, ist historisch gesehen ungewohnt. Wenn Afrikaner dieselben Chancen erhalten wie Europäer, werden sie sich genauso positiv entwickeln. Es ist unrealistisch, einen Zaun um Europa ziehen zu wollen. Kurzfristig besteht das Risiko extremistischer Reaktionen. Aber längerfristig werden Europäer begreifen, dass sie diese Ängste überwinden müssen, weil sie wegen des Geburtenrückgangs zu wenige Arbeitskräfte haben."

Ebenfalls in der NZZ porträtiert Ulrich M. Schmid den amerikanischen Historiker Timothy Snyder, dessen Engagement für die Ukraine er bewundert, dessen historische Analogien (der Putinismus ist er der neue Faschismus oder Putin plant wie Hitler einen Völkermord in der Ukraine) er aber nicht plausibel findet: "Putin wiederholt mit seinem Krieg nicht Stalins und Hitlers Verbrechen in der Ukraine. Er spielt vielmehr mit Versatzstücken aus der Geschichte und setzt sie zu einer monströsen Ideologie zusammen, die sich in absurden Widersprüchen verstrickt: Wir wollen unbedingt Frieden, darum führen wir Krieg. Wir kämpfen gegen den Westen und bombardieren deshalb ukrainische Städte. Die Ukrainer sind unsere Brüder, darum töten wir sie. Diese Wahnsinnslogik trägt die exklusiven Erkennungszeichen der Diktatur Putins."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.03.2023 - Geschichte

In der FAZ denkt Peter Graf Kielmansegg über Freiheitsbegriffe der Moderne nach, die allesamt obsolet werden könnten: Erstens, weil sie "das Risiko des Scheiterns der Freiheit" in sich bergen und das heute kaum noch jemand erträgt, und zweitens weil der Klimawandel der Freiheit eindeutige Grenzen setzt: "In dem Versuch gegenzusteuern macht die Menschheit, um ein Stichwort, das schon einmal gefallen ist, noch einmal aufzugreifen, eine erschreckende Erfahrung ihrer Ohnmacht. Es ist nicht mehr nur die Ohnmachtserfahrung des Einzelnen, die der Satz 'Alles könnte anders sein, nichts kann ich ändern' anspricht. Es ist eine gleichsam menschheitliche Ohnmachtserfahrung, die das 'Alles könnte anders sein' infrage stellt. Wir haben, so scheint es, mit dem Befreiungsprojekt der Neuzeit eine zivilisatorische Dynamik in Gang gesetzt, die wir nicht mehr zu steuern vermögen."

Weitere Artikel: In der taz resümiert Stefan Reinecke eine Münchner Historikertagung über "Fragile Demokratien".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.03.2023 - Geschichte

Die Menschen haben bis heute nicht verstanden, wie sehr die Sklaverei grundlegende Institutionen geprägt hat und unsere Gesellschaft bis heute formt, meint die amerikanische Journalistin Nikole Hannah-Jones im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Deshalb fordert sie in in ihrem Buchprojekt "1619", das Jahr der ersten Ankunft des ersten Sklavenschiffes in Nordamerika solle als ebenso wichtig für Amerika erkannt werden wie 1776, das Jahr der Unabhängigkeitserklärung: "Das rassistische Element ist viel älter als die Gründung der Vereinigten Staaten und steckt wirklich tief drin in unserer Gesellschaft." Außerdem versucht sie Reparationszahlungen für die Nachfahren der amerikanischen Sklaverei zu erwirken: "Genealogisch dürfte das kein Problem sein und auch finanziell nicht. Wir sind ein sehr wohlhabendes Land, das allein 850 Milliarden Dollar für Rüstung ausgibt. Das größte Hindernis ist politisch! Die Leute glauben nicht, dass die Nachfahren der Sklaven Reparationen verdient haben."

Außerdem: Im FR-Gespräch mit Michael Hesse legt der Historiker Stephan Malinowski wie kürzlich in der FAZ (Unser Resümee) noch einmal dar, weshalb er glaubt, dass die Hohenzollern mit ihrer Klage ohnehin gescheitert wären.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.03.2023 - Geschichte

Unter lastseen.org sammeln einige Gedenkstätten Fotodokumente von Deportationen jüdischer Mitbürger unter den Nazis. Klaus Hillenbrand stellt die Datenbank in der taz vor. Es "überwiegen die Bilder aus kleineren Orten, aus Berlin oder Hamburg konnte bis heute kein einziges Deportationsfoto entdeckt werden. Akim Jah von den Arolsen Archives erklärt, warum das so ist: 'Deportationen waren kleinstädtische Sensationen.' Hier gab es keine Stapoleitstelle, stattdessen halfen Mitarbeiter vom Rathaus und vom Landratsamt aus, ganz zu schweigen von Ordnungspolizisten, Lkw-Besitzern und Eisenbahnbediensteten. Fotografieren war dabei zwar nicht ausdrücklich verboten, aber jedem Zeitgenossen war doch klar, dass man da vorsichtig sein musste. Das erklärt, warum manche der Bilder verwackelt sind und offenbar aus der Hüfte geschossen wurden."