"Die Beschäftigung mit der deutschen Geschichte, zumal mit der Zeit des
Nationalsozialismus, glich in Deutschland in weiten Teilen einer Art
Selbstbeschäftigung (…) Und die jüdische Welt selbst war sprachlos, zu sehr damit beschäftigt sich nach dem
Horror der Schoa neu zu finden",
schreibt Josef Schuster, im
Tagesspiegel an den Aufstand im
Warschauer Ghetto vor achtzig Jahren erinnernd. Aber wir befinden uns " in einem
erinnerungspolitischen Wandel, der Gefahren birgt -und Chancen. Der Übergang in eine Zeit ohne Zeitzeugen der Schoa wird den Blick auf die Vergangenheit und wie wir erinnern und gedenken spürbar verschieben. Wir erleben dies an neuen Debatten über die
Einzigartigkeit der Schoa, die wir vor mehr als 30 Jahren für entschieden glaubten. Oder wir spüren, wie einige
postkoloniale Theorien grob radikal benutzt werden, um den Schutzwall gegen jede Form von Antisemitismus, ein konstitutives Element dieses Landes, einzureißen. Das sind
offene Flanken unserer freien Gesellschaft, die geschlossen gehören. Gleichzeitig gibt uns der Wandel die Gelegenheit, die Selbstbestimmtheit jüdischen Denkens und Handelns hervorzuheben. Wir können damit einen Beitrag dazu leisten, die Selbstverständlichkeit jüdischen Lebens in Deutschland, wie sie vor der Schoa herrschte, wieder zu sichern."
In der
taz stellt Gabrielle Lesser Forscher und Lehrer vor, die dem Aufstand im Warschauer Ghetto eine
neue Deutung geben wollen: Erinnert werden soll an die Ermordeten nicht als Opfer, sondern als
Widerstandskämpfer. Das tut
Barbara Engelking etwa, die "führende Holocaust-Forscherin Polens", mit der Ausstellung "Um uns herum ein Flammenmeer. Die Schicksale jüdischer Zivilisten im Warschauer Gettoaufstand", im jüdischen Geschichtsmuseum Polin. Heute wisse man "wesentlich mehr über die
Jüdische Soziale Selbsthilfe", erklärt sie, "eine der wichtigsten jüdischen Organisationen im Getto, sowie über das Leben im Getto, die schwindende Hoffnung auf ein Überleben, die Kontakte nach draußen, Hilfsleistungen, aber auch Erpressung und Verrat durch Polen. 'Für viele Geschichtsinteressierte wird überraschend sein, dass das Warschauer Getto keineswegs am 16. Mai 1943 aufhörte zu existieren, wie der deutsche Kriegsverbrecher Jürgen Stroop offiziell verkündete. Vielmehr versteckten sich Überlebende auf dem Getto-Gelände noch
mindestens sieben Monate lang - bis zum Januar 1944', erläutert Engelking. 'Das sind
unsere Helden und Heldinnen.'"