9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.06.2025 - Kulturpolitik

Die Kultur ist von links und rechts einer zunehmenden Politisierung ausgesetzt, konstatiert der neue Staatsminister für Kultur und Medien Wolfram Weimer in einem Beitrag für die SZ. "Die liberale Antwort auf diese Entwicklung lautet, keinen politischen Einfluss zu nehmen, sondern, ganz im Gegenteil, die Freiheit der Kunst zu verteidigen. Die Korridore des Sagbaren, Erkundbaren und Darstellbaren möglichst weiten, anstatt sie zu verengen. Glücklicherweise hat die Kunst eine defensive Kraft. Nach wie vor entsteht Kunst auf dem Resonanzboden einer vielfältigen Gesellschaft mit unzähligen mentalen Strömungen und schert sich nicht um Vorgaben, Vereinnahmungen oder Verbote. Gerade deshalb muss sie gefördert werden. Aber eben nicht als politische Echokammer oder Bootcamp des vermeintlich besseren Bewusstseins. Egal, ob von links oder rechts. Der Staat kann daher als Mäzen auftreten, sollte sich aber inhaltlicher Einmischung enthalten. Er degradiert ansonsten die Künste zur Platzanweiserin der jeweiligen politischen Korrektheit."
Stichwörter: Weimer, Wolfram, Kulturkampf

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.06.2025 - Kulturpolitik

Marion Ackermann hat gestern die Leitung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz übernommen. Liest man die Liste der Probleme, die Nikolaus Bernau in der taz aufzählt, fragt man sich, ob man sie um diesen Job beneiden sollte. Es soll zwar ein bisschen mehr Geld geben, aber "alleine die ständig verschobene Sanierung der Depot- und Forschungsbauten in Dahlem wird inzwischen um die 300 Millionen kosten. Die Sanierung des Alten Museums von Karl Friedrich Schinkel steht an, dessen Grundsteinlegung jetzt überhaupt Anlass für die Feierlichkeiten auf der Museumsinsel gibt. Ganze Häuser mussten kürzlich tageweise geschlossen werden, weil kein Geld für Aufsichten da ist - für Ankäufe schon gar nicht. Die meisten Bauten der Stiftung haben zwischen dreißig und siebzig Jahren Dauerbetrieb hinter sich, immer mangelte es an Pflegegeldern. Die Staatsbibliothek musste den Anspruch aufgeben, Universalbibliothek zu sein. Zudem ist der auf 1,5 Milliarden Euro kalkulierte Radikalumbau im Pergamonmuseum bei Weitem nicht abgeschlossen: Er soll um 2040 fertig sein, nach Plänen von 1999. Auch das Museum der Moderne am Kulturforum von Herzog & de Meuron, 'berlin modern' genannt, wird mit circa 600 Millionen Euro Kosten wohl der teuerste Museumsneubau der deutschen Museumsbaugeschichte werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.05.2025 - Kulturpolitik

Im Tagesspiegel-Gespräch mit Robert Kiesel und Rüdiger Schaper distanziert sich Berlins neue Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson zunächst von ihrem Vorgänger Joe Chialo. An den 130 Millionen Euro Kürzung für 2025 hält sie allerdings fest, Ziel sei es den aktuellen Status Quo aufrecht zu erhalten. Eine Privatisierung der staatlichen Theater schließt sie aus, Arbeiten im Verbund nach Vorbild der Opernstiftung hingegen nicht: "Ich wollte neulich mal wissen, was an einem Montagabend in Berlin los ist, und ich musste mich durch 25 Webseiten durcharbeiten. Das ist kein Zustand für eine Weltstadt."
Stichwörter: Wedl-Wilson, Sarah

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.05.2025 - Kulturpolitik

In der FAZ ist der Jurist Christoph Möllers wenig glücklich mit der "Handreichung" des Deutschen Museumsbunds, die das Leitungspersonal deutscher Museen vor Fehlern bei der Ausübung ihrer grundgesetzlich garantierten Freiheit bewahren soll. Das kommt Möllers doch recht kleinmütig vor: "Was im Museum passieren soll und was nicht, bedarf immer wieder neuer Aushandlung. Dabei werden Fehler gemacht, und Skandale geschehen. Wo, wenn nicht im Kulturbetrieb, sollte das möglich sein? Zu behaupten, es gebe klare rechtliche Grenzen, ist dann nicht nur in der Sache unrichtig, sondern eine Flucht vor der Verantwortung für möglicherweise produktive Konflikte. Angemessener wäre es gewesen, die Unsicherheiten der Rechtslage offenzulegen und als Anwalt der Museen eine eigene Position zu entwickeln. So bleibt das Papier eine Einladung zu vorauseilendem Gehorsam".

Außerdem: In der FAZ ist Andreas Kilb zufrieden sowohl mit der Abschiedsvorstellung von Hermann Parzinger als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz wie auch der Antrittsrede seiner Nachfolgerin Marion Ackermann: "Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz jedenfalls kann weitermachen, in alter Vielfalt und auf neuem Kurs."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.05.2025 - Kulturpolitik

Die parteilose Kulturmanagerin und neue Berliner Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson kann kommunizieren, meint Andreas Kilb in einem kleinem Profil, das er für die FAZ zeichnet. "Genau daran ist Wedl-Wilsons Vorgänger Joe Chialo gescheitert. Als im Herbst letzten Jahres bekannt wurde, dass der Kulturetat der Hauptstadt um 130 Millionen Euro schrumpfen sollte, fiel Berlins Kulturszene aus allen Wolken. Nach öffentlichen Protesten, gegenseitigen Bezichtigungen und hektischem Nachverhandeln konnte für das Haushaltsjahr 2025 das Schlimmste verhindert werden. Aber die Einsparungen wurden zum großen Teil aus Rückstellungen und langfristigen Planungen erbracht."
Stichwörter: Wedl-Wilson, Sarah

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.05.2025 - Kulturpolitik

Der neue Kulturstaatsminister Wolfram Weimer stellt den Vorstoß im Streit mit der Hohenzollernfamilie (unser Resümee) so dar, als sei er sein Verdienst. Dabei war es erstens Claudia Roth, die die Lösung auf den Weg brachte, erinnert Jörg Häntzschel in der SZ. Und zweitens müsse sich erstmal zeigen, ob von der Gründung der "Stiftung Hohenzollernscher Kunstbesitz" tatsächlich die Öffentlichkeit profitiert oder nicht doch eher die Familie, so Häntzschel: "Im Stiftungsrat stellt die öffentliche Hand vier von sechs Mitgliedern, nur zwei Sitze gehören der Hohenzollernfamilie. Dennoch ist ihr Einfluss nicht zu unterschätzen. Georg Friedrich von Preußen wird künftig bei allen Fragen, die die Darstellung seiner Familie und ihres einstigen Besitzes betrifft, mitsprechen können - in vielen Fällen mehr als bisher. Und da er im jährlichen Wechsel mit dem Kulturstaatsministerium den Vorsitz im Stiftungsrat einnehmen wird, wird er dauerhaft eine prominente Rolle spielen. 'So wenig ist ein Drittel nicht', warnt die Juristin Sophie Schönberger, die die Auseinandersetzung seit langem verfolgt. 'Eine einzelne Familie hat künftig eine sehr starke Stimme in der öffentlichen Geschichtspolitik.'"

In der FR resümiert Michael Hesse den Streit um das Hohenzollernerbe.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.05.2025 - Kulturpolitik

"Kultur ist zu einer Leerstelle in unser Gesellschaft geworden", klagt der E-Musik-Blogger Axel Brüggemann in Backstageclassical. Und diese "Leerstelle Kultur soll aus allen politischen Lagern mit Ideologie aufgefüllt werden". Als Protagonisten einer euphorisch-disruptiven Schleifung des Kulturbegriffs nennt er den Welt-Redakteur Ulf Poschardt, der einer reaktionären Wende das Wort rede, während er in seinem Porsche die Technomusik auf volle Lautstärke dreht. Ein anderer Ort der Verflachung ist für Brüggemann allerdings das öffentlich-rechtliche Fernsehen, wo niemand mehr auf die Idee käme über kulturelle Themen zu diskutieren oder kulturelle Referenzen zu nennen: "Egal, ob Jessy Wellmer in den 'Tagesthemen' oder Dunja Hayali im 'heute journal', ob die Podcaster Robin Alexander oder Micky Beisenherz, ob Polit-Clowns wie Hazel Brugger oder Jan Böhmermann - irgendwie hat man den Eindruck, dass man mit keinen von ihnen tiefgreifend über 'Parsifal' oder 'Zauberflöte', über die Buddenbrooks oder Schopenhauer debattieren kann." Vom neuen Kulturminister Wolfram Weimer erwartet Brüggemann, dass er "sich darauf besinnt - übrigens in guter alter konservativer Tradition - die Kultur aus der Politik herauszuhalten und stattdessen die Mittel der Politik nutzt, um der Kultur wieder zu ihrem Recht zu verhelfen".

Dazu passt ein Artikel von Mark Siemons in der FAS, der eine Diskussionsveranstaltung von Andreas Rödders "Denkfabrik R21" verfolgte - hier fragten sich Konservative, ob sie auf Tradition oder "Disruption" setzen sollen. Poschardt war natürlich auch da und sagte: "So viel man kaputt machen kann, sollte man kaputt machen."

Als gerade das Internet zu voller Blüte kam, träumte Wolfram Weimer noch, wie so viele deutsche Journalisten, von einem richtigen Printmagazin mit schönen Anzeigen. Einen direkten Kontakt zum Schweizer Verleger Michael Ringier hatte er schon mal. Der Medienjournalist Peter Littger erinnert sich in der SZ daran, wie sie damals, 2003, Cicero gründeten, das ein deutsches Atlantic sein sollte. "Es lag damals ein gewisser journalistisch-publizistischer Aufbruch in der Berliner Sommerluft. Noch herrschte die (wenn auch schon mählich verblassende) Vision von der deutschen Hauptstadt als kreativer Megacity, vom trostlosen Potsdamer Platz als neuem Soho im Werden, vom ehemaligen Grenzgebiet von Potsdam und Berlin als den neuen Hamptons. Und keine Party, auf der nicht die Sehnsucht nach einem 'deutschen Vanity Fair' oder einem 'deutschen Economist' hochkam."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2025 - Kulturpolitik

Der neue Staatsminister für Kultur Wolfram Weimer ist für sein "Konservatives Manifest" stark kritisiert worden (unsere Resümees). Aber das ist nicht seine einzige politische Äußerung. Ralf Nestmeyer blättert für hpd.de durch ein weiteres Buch Weimers: "in seinem jüngsten Werk 'Sehnsucht nach Gott' (2021) plädiert er für eine 'spirituelle Erneuerung' der Gesellschaft - in einem pluralistischen, säkularen Staat ist dieses Denken nicht nur anachronistisch, sondern gefährlich. Denn hinter der frommen Rhetorik verbirgt sich ein kulturpolitisches Projekt: die schleichende Etablierung einer christlich geprägten kulturellen Hegemonie, die Diversität, kritische Stimmen und weltanschauliche Offenheit marginalisiert. Weimer beklagt die 'Arroganz der Aufklärung', vermisst den Gottesbezug in der EU-Verfassung und hofft auf ein Europa, das 'von einem neo-religiösen Nachzügler zu einem kulturellen Gestalter' in Glaubensfragen wird."
Stichwörter: Weimer, Wolfram

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.05.2025 - Kulturpolitik

FAZ, Bild-Zeitung und Jüdische Allgemeine melden, dass Kulturstaatsminister Wolfram Weimer den umstrittenen bisherigen Amtsleiter Andreas Görgen gekippt hat: "Görgen, der als Ministerialdirektor beim Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien auch als 'Claudia Roths Gehirn' bezeichnet wurde, ist wegen seiner Haltung zur Israel-Boykott-Bewegung BDS, insbesondere in Zusammenhang mit der wegen Antisemitismus-Vorfällen belasteten Kunstausstellung documenta 15, immer wieder in die Kritik geraten. Görgen wurde vorgeworfen, der 'Mastermind' hinter einer Kulturpolitik zu sein, die sich von BDS-Befürwortern nicht ausreichend distanziert und das Problem verharmlost habe", schreibt die JA. Görgens Nachfolger wird der Jurist Konrad Schmidt-Werthern (CDU), der seit letztem Jahr Görgens Stellvertreter war, meldet Andreas Kilb in der FAZ. Görgen selbst wird weich fallen, er hat laut Bild "ein Rückkehrrecht ins Außenministerium".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.05.2025 - Kulturpolitik

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In der FAZ spießt Mathias Brodkorb, ehemaliger Kultus- und Finanzminister in Mecklenburg-Vorpommern, am Beispiel einer restitutierten Puppe aus Nigeria fragwürdige Methoden der postkolonial inspirierten Provenienzforschung auf. Erspäht hatte die Puppe im Ethnologischen Museum Berlin eine Modedesignerin aus Namibia, Cynthia Schimming. Sie war "sichtlich ergriffen. Die Puppe habe zu ihrer 'Seele' gesprochen und bloß einen 'Unterrock' getragen: 'Ich erinnere mich, dass ich als Kind, das halb Herero und halb Deutsche war, meine Großmutter fragte, warum Herero-Frauen so viele Petticoats trugen. (…) Ihre Antwort war, dass Frauen Angst davor hatten, vergewaltigt zu werden.'" Julia Binter, damals Provenienzforscherin am Ethnologischen Museum Berlin, und Jonathan Fine, damals Sammlungsleiter ebendort, "hielten das damals für einen Beitrag zur Provenienzgeschichte des Objektes aus 'modehistorischer Expertise' heraus. Kindheitserinnerungen einer Modedesignerin, die mit dem Objekt unmittelbar nichts zu tun hatten, wurden trotzdem zu historischen Quellen erhoben." Dass Binter und Fine auf Nachfrage erklärt haben, ihre Vorgehensweise, entspreche "den aktuellen Standards der Provenienzforschung" macht das Problem für Brodkorb "nicht kleiner, sondern umso größer". Brodkorb hat auch gerade ein Buch zum Thema veröffentlicht: "Postkoloniale Mythen. Auf den Spuren eines modischen Narrativs".
Stichwörter: Nigeria, Provenienzforschung