Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.06.2025. Spiegel und Time stellen Googles KI-Modell für Text-to-Video Veo 3 vor, das jedem seine gewünschte Realität maßschneidern kann. Nicht gut für die Demokratie? Bequem leben kann man auch ohne, wie China zeigt (vorausgesetzt man gehört nicht zu den Hingerichteten), erzählt die Zeit. Die NZZ erinnert an die Begeisterung der Linken für die Roten Khmer vor 50 Jahren. In der SZ verspricht Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, die Freiheit der Kunst zu verteidigen. Ebenfalls in der SZ fordert die russische Schriftstellerin Natalja Kljutscharjowa die Freilassung von Nawalnys Fotograf Alexander Strukow, der schwer erkrankt im Gefängnis sitzt.
Gestern erklärte Christian Drosten in der FAZ, wie wichtig es ist, Fakten zu verstehen, um ein Gefühl für die Realität zu bewahren (unser Resümee). Heute erklärt Sascha Lobo im Spiegel, wie viel schwieriger das in der Zukunft werden könnte: Er stellt Google Veo 3 vor, ein KI-Modell für Text-to-Video. "Veo3 ist der erste große Schritt der skalierbaren Hyperpersonalisierbarkeit von Videoinhalten." Damit soll zuerst Werbung entworfen werden, aber die KI lässt sich auch ganz anders nutzen: "Mithilfe von Daten über jede einzelne Person, gewonnen aus dem im Netz allgegenwärtigen Profiling, lässt sich schon bald auch für jede einzelne Person das anhand dieser Daten bestüberzeugende oder auch bestfunktionierende Video herstellen: Hyperpersonalisierung, von Putin-Propaganda über Firmen-Fortbildung bis Unterhaltung. Veo3 markiert wahrscheinlich den Beginn eines neuen Videozeitalters, in dem nur noch die Datenbasis einer Person und die Rendering-Geschwindigkeit der Inhalte Grenzen darstellen." Das lässt sich natürlich auch auf politische Inhalte anwenden. Was Fragen aufwirft: "Wie sieht zum Beispiel eine für die Demokratie essenzielle, öffentliche Debatte aus, wenn alle Teilnehmenden gar nicht mehr die gleichen Videos sehen, die man als 'viral' bezeichnet - sondern hyperpersonalisierte Inhalte, die es im Extremfall nur ein einziges Mal gibt?"
Sein Magazin hat Veo3 ausprobiert und einige "realistische Videos erstellt, darunter eine pakistanische Menschenmenge, die einen Hindu-Tempel in Brand setzt; chinesische Forscher, die in einem Nasslabor mit einer Fledermaus hantieren; ein Wahlhelfer, der Stimmzettel schreddert; und Palästinenser, die in Gaza dankbar US-Hilfe annehmen", berichtet Andrew R. Chow in Time. "Obwohl jedes dieser Videos einige auffällige Ungenauigkeiten enthielt, erklärten mehrere Experten gegenüber Time, dass diese Videos, wenn sie in der Hitze eines aktuellen Ereignisses mit einer irreführenden Bildunterschrift in den sozialen Medien verbreitet werden, möglicherweise soziale Unruhen oder Gewalt schüren könnten... Experten befürchten, dass Tools wie Veo 3 die Verbreitung von Fehlinformationen und Propaganda beschleunigen und es noch schwieriger machen werden, Fiktion von Realität zu unterscheiden."
Ohne Demokratie geht es nicht? Man könnte manchmal ins Grübeln kommen. "China, so kommt es mir oft vor, seitdem ich vor zweieinhalb Jahren aus Berlin nach Shanghai zog, ist eine dystopische Diktatur mit verblüffender Lebensqualität", schreibt zum Beispiel Zeit-Reporter Jens Mühling mit einigem Unbehagen, denn er hat selbst manchmal Mühe, die negativen Seiten nicht zu vergessen. "Wie kann ein derart repressives System so innovativ sein, so nachhaltig produktiv - und so populär? Wie groß der Rückhalt der Partei wirklich ist, ist in einem Land ohne Wahlen, ohne Meinungsforschung und mit flächendeckender Netzzensur schwer einzuschätzen... Meine eigene Wahrnehmung kommt mir inmitten all dieser Widersprüchlichkeit manchmal geradezu schizophren vor. Es gibt Tage, da schätze ich mich glücklich, Chinas irre Entwicklung hautnah mitzuerleben, etwa wenn ich Menschen zuhöre, deren Lebensgeschichten die unglaublichsten Haken aufweisen. An anderen Tagen frage ich mich, ob Chinas Hochglanzfassade mich blendet oder gar korrumpieren könnte - und wie ich meiner kleinen Tochter einmal erklären soll, dass ich sie in einem Land großgezogen habe, in dem Jahr für Jahr mehr Menschen hingerichtet werden als im Rest der Welt zusammengenommen."
Anders als in Deutschland sind einfache Beleidigungen in Britannien nicht strafbar. Dafür gibt es dort den sogenannten "non-crime hate incident (NCHI)", einen nicht strafbaren Hassvorfall. Die Folgen sind für die Beschuldigten mitunter gravierend, erzählt in der Zeit Jochen Bittner. Den "Tatbestand gibt es seit 2014 in Großbritannien. Die Polizei ist seither verpflichtet, Meinungsäußerungen auch unterhalb der Strafbarkeitsschwelle nachzugehen. Sie tut dies laut den verfügbaren Statistiken durchschnittlich jeden Tag in mindestens 32 Fällen. Die Voraussetzung für eine Ermittlung wegen eines NCHI lautet, dass eine Äußerung 'aus Sicht des Opfers oder jeder anderen Person durch Feindseligkeit oder Vorurteile motiviert ist'. Es wird also von Anfang an vorausgesetzt, dass es ein Opfer gibt - und zwar allein aufgrund einer subjektiven Wahrnehmung. Da ein NCHI im Führungszeugnis landet, kann es sein, dass die Betroffenen bei der nächsten Jobsuche Probleme bekommen. Im Februar 2023 wurde gegen vier Schuljungen ermittelt, die in einem Klassenzimmer unabsichtlich einer Ausgabe des Korans einen Kratzer zugefügt hatten. In einem anderen Fall meldete eine Deutsche einen NCHI, weil sie beim Streit um einen Parkplatz mit einem Rottweiler verglichen worden war."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Alexander Strukow war Nawalnys Fotograf und sitzt jetzt in russischer Haft, in der er gefoltert wird, schreibt die russische Schriftstellerin Natalja Kljutscharjowa. "Einmal schickte uns Alexander einen herzzerreißenden Brief. Darin beschrieb er auf einer ganzen Seite mit allen Einzelheiten die europäische Landschaft auf einer Postkarte, die ihm jemand geschickt hatte. Mehr als alles andere zeigt dies, wie ausgehungert ein Mensch unter diesen Bedingungen ist - sinnlich, intellektuell, emotional. Nach der Entlassung aus der Einzelhaft wurde er in eine Fabrik verlegt, in der Ziegel zersägt werden. 'Der Staub bedeckt alles, färbt die Kleidung orange. Man kann nicht atmen.' Bald entzündete sich sein halbes Gesicht, Arme, Beine. Und immer noch weigerte sich die Gefängnisbehörde, ihn ins Krankenhaus zu überweisen. Seine Rettung drängte, also schickte eine Gruppe von Unterstützern innerhalb von ein paar Tagen Hunderte Eingaben an verschiedene Behörden - von der Generalstaatsanwaltschaft bis zur Gefängnisleitung. Keine Antwort."
Die Kultur ist von links und rechts einer zunehmenden Politisierung ausgesetzt, konstatiert der neue Staatsminister für Kultur und Medien Wolfram Weimer in einem Beitrag für die SZ. "Die liberale Antwort auf diese Entwicklung lautet, keinen politischen Einfluss zu nehmen, sondern, ganz im Gegenteil, die Freiheit der Kunst zu verteidigen. Die Korridore des Sagbaren, Erkundbaren und Darstellbaren möglichst weiten, anstatt sie zu verengen. Glücklicherweise hat die Kunst eine defensive Kraft. Nach wie vor entsteht Kunst auf dem Resonanzboden einer vielfältigen Gesellschaft mit unzähligen mentalen Strömungen und schert sich nicht um Vorgaben, Vereinnahmungen oder Verbote. Gerade deshalb muss sie gefördert werden. Aber eben nicht als politische Echokammer oder Bootcamp des vermeintlich besseren Bewusstseins. Egal, ob von links oder rechts. Der Staat kann daher als Mäzen auftreten, sollte sich aber inhaltlicher Einmischung enthalten. Er degradiert ansonsten die Künste zur Platzanweiserin der jeweiligen politischen Korrektheit."
In der FAZ hat Antea Obinja weitergeforscht zu den Umständen, unter denen Holger Friedrich, Verleger der Berliner Zeitung, die Weltbühne wiederauflegen konnte und berichtet, dass Nicholas Jacobsohn, der Enkel des Weltbühne-Gründers Siegfried Jacobsohn, mit Friedrich nichts zu tun haben wollte: "Nicholas Jacobsohn geht es nicht nur um die Markenrechte, sondern auch um das Erbe seines Großvaters: 'Die Weltbühne wurde als eine prodemokratische, antifaschistische Zeitschrift gegründet.' Friedrich aber habe ihr historisches und kulturelles Erbe gestohlen, um prorussische, antiwestliche Propaganda zu verbreiten."
Als die Roten Khmer vor 50 Jahren in Kambodscha ihren Sieg feierten und anfingen ein Terrorregime zu errichten, dem zwischen 750.000 und 2 Millionen Menschen zum Opfer fielen, begrüßten linke Zeitungen den Sieg des Kommunismus in Kambodscha, erinnert Lucien Scherrer in der NZZ. "Die Humanité behauptet am 8. Mai 1975, die Einwohner von Phnom Penh seien nicht unglücklich gewesen, die Stadt zu verlassen. Massaker habe es keine gegeben, und auch von einer Deportation der Bevölkerung könne keine Rede sein. Dabei veröffentlichen bürgerliche Zeitungen in Frankreich und anderen Ländern schon im Frühling 1975 Aussagen von Flüchtlingen, die auf Verbrechen in der 'Demokratischen Republik Kampuchea' hinweisen. Diese Zeugen werden von Zeitungen wie Libération jedoch ignoriert. Oder man stellt sie süffisant als Lügner dar, indem man den Begriff 'Zeugnisse' in Anführungszeichen setzt. Der Psychoanalytiker Pierre Bayard erklärt diesen 'kollektiven Wahnsinn' mit der außergewöhnlichen Fähigkeit des Menschen, die Welt so zu sehen, wie sie sein sollte. Denn nichts zu wissen, sei unmöglich gewesen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die israelische AutorinLee Yaronspricht im NZZ-Interview mit Andreas Scheiner über ihr Buch "Israel, 7. Oktober - Protokoll eines Anschlags", für das sie mit Angehörigen der Opfer des Hamas-Massakers und mit ehemaligen Geiseln gesprochen hat. Eine Perspektive auf einen baldigen Frieden sieht sie nicht: "2024 haben mehr Israeli das Land verlassen als je zuvor, rund 82 000. Im Jahr zuvor waren es etwa 50 000 gewesen. Und die meisten von ihnen sind junge, gebildete Leute, die nach der Ermordung von Ministerpräsident Rabin 1995 geboren wurden. Für viele ältere setzte dieser Mord dem Glauben an Frieden ein Ende. Ich hoffe, dass meine Generation, die danach geboren wurde, diejenige sein wird, die Rabins Vermächtnis ehrt und weiterführt. Aber ich mache mir große Sorgen, dass Israel Netanjahu nicht überlebt. Ich wünsche mir nichts mehr, als dass ich in Israel Kinder großziehen und dort leben kann. Und doch gewöhne ich mich zunehmend an den Gedanken, dass es nicht so sein wird." Der Perlentaucher hatte aus ihrem Buch vorgeblättert.
Außerdem: Volker Weidermann reist zu einem Schriftstellerfestival in Jerusalem und unterhält sich mit Zeruya Shalev, Dror Mishani und Etgar Keret über den Gazakrieg: "Die Schriftsteller, mit denen ich gesprochen habe, haben keine fertigen Friedenspläne in der Tasche, keine Zauberformel zur Lösung des Konflikts. Sie haben ihre Bücher. Jedes von ihnen ein Angebot an den Leser, seine eigene beschränkte, enge, angstvolle Welt zu öffnen", schreibt Weidermann im Dossier der Zeit.
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