9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

365 Presseschau-Absätze - Seite 2 von 37

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.10.2025 - Wissenschaft

Zumindest in bestimmten Fächern ist es offenbar auch an deutschen Unis Mainstream, einen Israelboykott im Sinne der BDS-Bewegung zu fordern, so etwa in der deutschen Nahostwissenschaft. Der laut Kevin Culina in der Welt maßgebliche Verband dieser Disziplin, die rund 1.300 Mitglieder starke "Deutsche Arbeitsgemeinschaft Vorderer Orient" (Davo) unter der seit September wirkenden Vorsitzenden Christine Binzel bekennt sich offiziell zur "Palästinasolidarität": "Was das bedeuten könnte, zeigen Binzels politische Einlassungen. Die Ökonomin fordert einen akademischen Boykott Israels. Die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit dortigen Institutionen, die sich 'mitschuldig' an Verbrechen wie 'Besatzung, Apartheid und Genozid in Palästina' gemacht hätten, müsse beendet werden, heißt es in der auch von ihr unterzeichneten europäischen 'Uppsala Declaration' aus dem September dieses Jahres. In einem offenen Brief an die Bundesregierung forderte Binzel im Juni die 'sofortige Überprüfung aller diplomatischen, politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Israel'. Mit dem Gaza-Krieg unterstütze Deutschland die 'Vernichtung und Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung und damit 'eines der größten Verbrechen unserer Zeit'." Die Prosa der Davo-Funktionärinnen ist bemerkenswert: "Die neue Davo-Vize Hanna Al-Taher schreibt über den Hamas-Überfall auf Israel vom 7. Oktober 2023: 'Gleitschirme über dem Grenzzaun von Gaza. Ein Bulldozer durchbricht den Grenzzaun, der Gaza umgibt. Die Symbolkraft dieser Bilder ist enorm: Ausbruch, Rückkehr, Freiheit.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.10.2025 - Wissenschaft

In der Welt schreibt der Islamwissenschaftler Alfred Schlicht einen "Nachruf" auf das von der Professorin Susanne Schröter geleitete "Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam", das mit ihrer Emeritierung geschlossen wurde. Schlicht wirft der Uni vor, sich dem in den Geisteswissenschaften vorherrschenden postkolonialen Narrativ gebeugt zu haben. Immer wieder gab es Kontroversen und den Vorwurf des "antimuslimischen Rassismus" (unsere Resümees). Dabei erfüllte Schröter eine wichtige Aufgabe. Natürlich "wollen sich Fachwissenschaftler mit der ganzen Breite ihres Forschungsgebietes auseinandersetzen, alle Facetten und Nuancen berücksichtigen. Sich nicht reduzieren lassen darauf, jede Woche in aktuellen Mediensendungen die neueste Bluttat eines Gewalttäters kommentieren zu müssen, der vorgibt, im Namen des Islam zu handeln. Völlig ignorieren oder gar verschleiern, abstreiten oder verharmlosen darf die Wissenschaft vom Orient freilich solche Erscheinungen nicht, sonst gerät sie ins Abseits, wird zur gesellschaftlich irrelevanten Liebhaberei. Deshalb ist es gut und wichtig, dass es couragierte Wissenschaftlerinnen wie Susanne Schröter gibt. Diejenigen, die ihr Erbe marginalisieren und kaltstellen wollen, sollten beginnen, etwas Selbstkritik zu üben, denn sie tun letztendlich ihrer eigenen Wissenschaft keinen Gefallen."
Stichwörter: Schröter, Susanne

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.09.2025 - Wissenschaft

In der FAZ stellt Gerald Wagner eine Studie der FU Berlin vor, die zeigt, dass Forscher mit einem Bezug zum Nahen Osten sich derzeit oft selbst zensieren oder gleich ganz schweigen, weil sie fürchten, sich Anfeindungen auszusetzen. "Befragt wurden Sozialwissenschaftler, die sich mit Israel, Palästina und dem Nahen Osten befassen. Das wesentliche Ergebnis: Die 'Bedrohungslage' für die Wissenschaftsfreiheit habe sich nach Einschätzung einer 'überwältigenden Mehrheit' der Befragten extrem verschlechtert: Rund 48 Prozent gaben an, die Bedrohung habe 'stark zugenommen', 37 Prozent, sie habe 'zugenommen'. Am stärksten bedroht fühlten sich die Postdocs, aber auch unter den Professoren sei die Sorge um die Wissenschaftsfreiheit in ihrer Arbeit massiv, so die Studie." Vor allem vermissen die Betroffenen den Schutz ihrer Hochschulen, so Wagner. "Das 'Klima der Vorsicht' herrscht längst in der Breite des Systems."

In seiner Show ging Kimmel auch auf die Warnungen Trumps vor Paracetamol in der Schwangerschaft ein, das angeblich zu Autismus bei den Kindern führen könne (mehr hier) - Trump stützt damit den Querdenkerwahn seines Gesundheitsministers Robert Kennedy jr. Robert De Niro spielt in dem Clip auch eine Rolle: 

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.09.2025 - Wissenschaft

"Es gibt keine kritische Islamforschung mehr an den Universitäten in Deutschland", sagt die Ethnologin Susanne Schröter im NZZ-Gespräch mit Len Sander. Hintergrund: Das von ihr geleitete Forschungszentrum Globaler Islam an der Goethe-Universität Frankfurt soll mit ihrer Emeritierung ebenfalls abgewickelt werden. Der Universität wirft sie mangelnde Rückendeckung vor: "Neben ihr und den von ihr betreuten Doktoranden seien es zunehmend ehrenamtliche Mitarbeiter gewesen, die Konferenzen organisiert und für das Zentrum gearbeitet hätten, erzählt Schröter. Zudem habe die Universität Schröters wichtigsten Mitarbeiter auf eine andere Stelle versetzt, erklärt sie, da er Angestellter der Universität gewesen sei. Gleichzeitig hatte sich die Bedrohungslage verschärft. Schröter spricht von einem 'Klima der Anfeindungen'. Weil sich das Zentrum keinen Sicherheitsdienst leisten konnte und Störungen vermeiden wollte, wurde seine letzte, internationale Konferenz Ende August dieses Jahres gar nicht erst öffentlich beworben. Das Universitätspräsidium wehrt sich gegen den Vorwurf, es habe das FFGI nicht ausreichend gegen Anfeindungen geschützt. Man habe sich 'stets für die Wissenschaftsfreiheit und gegen Boykottaufrufe positioniert', erklärt ein Pressesprecher. Jedoch müssten Wissenschafter auch verantwortungsvoll mit dieser Freiheit umgehen. Der Tenor: Protest gegen Veranstaltungen müsse man aushalten."

Auch in Frankreich sorgt ein Israelboykott-Skandal für Empörung. Einige eingeladene Wissenschaftler weigern sich an einem Kolloquium des Pariser Musée d'Art et d'Histoire du Judaïsme über die Geschichte der Juden in Paris teilzunehmen, weil Teilnehmer aus israelischen Universitäten anreisen. Die Reaktion in Frankreich ist recht dezidiert, auch Kulturministerin Rachida Dati äußerte sich in wünschenswerter Klarheit, berichtet Baudouin Eschapasse in Le Point: "Die fünf Forscher bereiten ihrerseits die Veröffentlichung einer Erklärung vor, um ihre Abwesenheit bei diesem Kolloquium zu rechtfertigen. Darin werden sie wiederholen, dass die Unterstützung dieser beiden Tage des Austauschs durch eine öffentliche israelische Einrichtung, in diesem Fall die Hebräische Universität Jerusalem, für sie ein Ausschlusskriterium darstellt. Ein Argument, das für die Organisatoren dieses Kolloquiums nicht akzeptabel ist. Sie betonen, dass es unfair sei, israelische Wissenschaftler mit ihrer Regierung in Verbindung zu bringen, da sie die ersten seien, die die Handlungen ihrer Führer kritisieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.09.2025 - Wissenschaft

Donald Trumps Regierung greift derzeit massiv in die Wissenschaften ein. Das wäre nicht so einfach, hätten es ihm besonders die Geisteswissenschaften mit ihrer Entwertung der Wissenschaftsfreiheit nicht so leicht gemacht, analysieren in der FAZ der österreichische Soziologe Alexander Bogner und der Schweizer Historiker Caspar Hirschi, die ihre These mit Beispielen belegen: "Wäre Trump an 'wertfreier' Forschung gelegen, könnte er nicht die Leiterin des Büros für Arbeitsmarktstatistik wegen 'liberal bias' entlassen, sobald die Beschäftigungsdaten, deren Erhebungsmethode jede Manipulation durch die Behördenleitung ausschließt, nicht seinen Erwartungen entsprechen. Und würden wissenschaftliche Aktivisten ihre Behauptung, Forschung sei genauso wertegetrieben wie jede andere Tätigkeit, ernst nehmen, könnten sie andere Forschende nicht wegen des Verdachts auf abweichende Werteprioritäten in ihrer Wissenschaftsfreiheit einschränken. Vielmehr müssten sie anerkennen, dass auch und gerade zum Nahostkonflikt eine politische Einheitsposition innerhalb einer Fachgemeinschaft ausgeschlossen ist - es sei denn, man verabsolutiert ein bestimmtes theoretisches Konzept zur einzig legitimen Grundlage aller Analyse."
Stichwörter: Nahostkonflikt

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.09.2025 - Wissenschaft

Susanne Schröter, Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam an der Goethe-Universität Frankfurt, wird emeritiert. Und die Uni nutzt den Anlass, um das Institut, das als eines der ganz wenigen an deutschen Universitäten Islam und Ismalismus kritisch erforschte, so schnell wie möglich abzuwickeln. Dabei hat Schröter jahrelang versucht, eine Nachfolge für das Institut zu organisieren, sagt sie im Gespräch mit Stefan Laurin bei hpd.de: "Doch dann ließ man die Berufungsverhandlung platzen, schrieb die Stelle neu aus und besetzte sie schließlich mit einer Mexiko-Expertin. Damit war die Nachhaltigkeit des Zentrums gescheitert. Das war kein Zufall. Das Zentrum war schon damals vielen ein Dorn im Auge, denn die Beschäftigung mit dem Thema Islamismus steht unter Verdacht. In den Geisteswissenschaften wird das Problem des islamischen Extremismus gern der eigenen Gesellschaft angelastet und man betreibt muntere Täter-Opfer-Umkehr. In meiner eigenen Disziplin, der Ethnologie, kommt eine positive Exotisierung des Islamismus hinzu. Man verklärt ihn als 'Frömmigkeit' und bewundert selbst Dschihadisten für ihre kreativen Werbestrategien oder ihre ästhetischen Medienauftritte."
Stichwörter: Schröter, Susanne

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.08.2025 - Wissenschaft

"Wie soll sich die Geschichtswissenschaft zu den politischen Entwicklungen unserer Zeit verhalten?" In der FAZ resümiert Jannis Koltermann verschiedene Positionen zum Thema. Während die einen eine linksliberale "Hegemonie" fürchten, blicken die anderen besorgt auf den Rechtsruck. Die Spaltung drückt sich unter anderem in der Diskussion über das Verhältnis von Wissenschaft und Aktivismus aus, wie Koltermann etwa einer diesem Thema gewidmeten Ausgabe der Fachzeitschrift Geschichte und Gesellschaft aus dem vergangenen Jahr entnimmt: "Darin plädieren die Autoren, wie es der Herausgeber zusammenfasst, 'für das notwendige Augenmaß in der Politisierung ihrer Forschungsergebnisse', zugleich aber 'für eine eingreifende, eine engagierte Geschichtswissenschaft' auf ihren jeweiligen Feldern. Man kann den Impetus, der Wagner, Gerstenberger und andere Vertreter einer histoire engagée antreibt, zweifellos nachvollziehen: Wenn NS-Gedenkstätten geschändet werden und eine mindestens in Teilen rechtsextreme Partei die Umfragen anführt, sollte das keinen Demokraten kaltlassen. Die Frage ist freilich, ob der Demokratie mit einer dezidiert aktivistischen Wissenschaft mehr geholfen ist als mit einer Wissenschaft, die so weit wie möglich wertneutral arbeitet und gerade deswegen glaubhaft fake news entlarven, die Freiheit der Forschung verteidigen und mündige Bürger ausbilden kann."
Stichwörter: Geschichtswissenschaften

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.08.2025 - Wissenschaft

Amerikas Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr., der sich zwar für Nahrungsergänzungs-, Entwurmungsmittel und Steroide begeistert, aber das Impfen ablehnt und zahlreichen Institutionen die Mittel für Forschung entzogen hat, ist nur die Spitze eines Eisbergs der Wissenschaftsfeindlichkeit in den USA, stöhnt der Medizinethiker Arthur L. Caplan in der FAZ: Ein "Grund, warum die Wissenschaft in einer skeptischen, von Covid gezeichneten Öffentlichkeit als Feindbild dient, ist die mangelnde Erziehung und Ausbildung in den Wissenschaften an amerikanischen Schulen. Viele amerikanische Kinder besuchen Privatschulen, in denen Geschichten aus der Bibel statt Evolutionslehre und Geologie im Mittelpunkt stehen. Im öffentlichen Schulsektor endet die Ausbildung in Wissenschaft häufig mit der Highschool. Die Mehrzahl der College-Absolventen vermag nicht zu erklären, worin Wissenschaft besteht oder warum der Glaube an wissenschaftliche Expertise gerechtfertigt ist. Fast ebenso viele haben keine Vorstellung davon, wie ihre Nahrung tatsächlich angebaut wird und schließlich auf ihren Tisch gelangt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.08.2025 - Wissenschaft

Während sich viele Hochschulpräsidenten Trumps Kampf gegen die Universitäten noch widersetzen, stimmte Claire Shipman, seit März Präsidentin der New Yorker Columbia-Universität, einem Deal zu, "der wegweisend für andere Hochschulen sein könnte", befürchtet Frauke Steffens in der FAZ: "Columbia verpflichtete sich nicht nur zur Zahlung von 221 Millionen Dollar Bußgeld und neuen Maßnahmen gegen Antisemitismus. In Zukunft soll auch eine Ombudsperson über Zulassungen und Personalentscheidungen wachen. In der Vereinbarung heißt es, Columbia dürfe in Zukunft 'keine persönlichen Stellungnahmen, Diversitätsnarrative oder irgendeine Erwähnung von ethnischer Identität' bei der Zulassungsentscheidung mehr berücksichtigen. ... Weiter wird festgehalten, dass alle 'Ersatzhandlungen' für die angeblich Weiße diskriminierende Berücksichtigung von 'race' zu unterlassen seien, etwa die Gewichtung von Armut. Gleichzeitig soll die Hochschule die Daten, die sie nicht mehr berücksichtigen darf, erheben und 'an die Ombudsperson und an die Vereinigten Staaten' weitergeben: neben Durchschnittsnoten auch 'race, Hautfarbe', so die Vereinbarung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.08.2025 - Wissenschaft

Der neue Direktor des amerikanischen National Institute of Health (NIH) Jay Bhattacharya und Trumps Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. verkörpern den Sieg des Querdenkertums über die Wissenschaft, sagt der Blogger Derek Lowe im Gespräch mit Nina Rehfeld von der FAZ. Die beiden schleifen an allen möglichen Stellen die staatliche Förderung und damit die Grundlagenforschung: "Die sogenannte RNA-Interferenz zur Abschaltung bestimmter Gene beispielsweise wurde entdeckt, als Forschern Merkwürdigkeiten in der Farbe von Petunienblüten auffiel. Ich kann mir genau vorstellen, wie jemand wie Kennedy sagt: 'Kann doch nicht wahr sein, dass wir Steuergelder für die Beobachtung von Petunienblüten ausgeben!' Aber das ist Wissenschaft! Wir können nicht ahnen, welche Erkenntnisse zu bahnbrechenden Therapien führen."

Dass Trump in seinem Feldzug gegen die Ivy-League-Unis nicht rational agiert, sieht auch der Politologe Stephan Bierling in der NZZ so. Trump agiere schlicht aus Rache gegen ein Milieu, das ihn besonders verabscheut, diagnostiziert er. Und dabei geht er "als Sieger vom Feld: Die Spitzenunis haben vor ihm gekuscht, wie zuvor schon Tech-Milliardäre, TV-Sender und parteiinterne Gegner. Um das Lösen von Problemen ging es ihm dabei nie, sondern um eine Demonstration seiner Macht. Dabei haben die Eliteunis tatsächlich schwere Mängel. Erstens den Antisemitismus: Selbst Columbia kam in einer internen Untersuchung gerade zu dem Ergebnis, Judenfeindlichkeit sei an ihrer Uni 'ernst und allgegenwärtig'. Insbesondere die Geistes- und Sozialwissenschaften bereiten mit trendigen Konzepten wie Postkolonialismus oder 'critical race theory' den Nährboden für politische Aktivisten. Wie im Marxismus unterteilen sie die Welt in Unterdrücker und Unterdrückte, diesmal freilich nicht anhand des Eigentums an den Produktionsmitteln, sondern anhand von Hautfarbe oder Herkunft." Als weiteres Problem benennt Bierling "die wachsende Rolle ausländischer Geldgeber", als da sind Katar, China und Saudi-Arabien.