9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

365 Presseschau-Absätze - Seite 3 von 37

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.08.2025 - Wissenschaft

Donald Trump ist mit seiner radikalen Kürzung des Wissenschaftsetats zwar nicht durchgekommen, dafür hat er jetzt per Dekret die Verteilung der Fördergelder an politische Beamte mit strikten ideologischen Vorgaben übergeben, berichtet in der FAZ Thomas Thiel: "Punkt für Punkt wird ausgeführt, was alles nicht gefördert werden darf: Wissenschaft, die den Glauben verbreitet, es gebe mehr als zwei Geschlechter, die ethnische Diskriminierung untersucht oder die illegale Immigration fördert. ... Nun stimmt es, dass Forschung zu Diversity, Equity and Inclusion nicht immer frei von ideologischen Färbungen war, die MAGA-Ideologie, die man der Wissenschaft als Gegenprogramm verordnen will, ist dazu aber nur die verzerrte Alternative. Im neuen Dekret wird nicht der geringste Versuch gemacht, sinnvolle Maßnahmen zum Minderheitenschutz von identitärer Propaganda abzugrenzen."

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Auf der Geisteswissenschaftenseite der FAZ liest Friedrich Wilhelm Graf die seinerzeit ungedruckt gebliebene, jetzt bei Duncker und Humblot erschienene philosophische Dissertation des Historikers Thomas Nipperdey.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.08.2025 - Wissenschaft

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Im Interview mit der SZ erklärt der Soziologe Emanuel Deutschmann, der ein Buch zum Thema geschrieben hat, was exponentielles Wachstum ist: Angenommen die Weltwirtschaft wächst jedes Jahr um etwa 3,35 Prozent, dann gibt es irgendwann einen gewaltigen Schub, einen "Take-off", so Deutschmann: "Bei einem Wachstum von unseren 3,35 Prozent oben hätte sich die Weltwirtschaft nach etwa 21 Jahren verdoppelt - und nach 100 Jahren sogar versiebenundzwanzigfacht. Dann wären aus den 100 Milliarden Dollar schon 3,2 Billionen Dollar geworden." Das zu verstehen sei wichtig, um die Effekte von Energieverbrauch, Treibhausgasen, Durchschnittstemperatur oder Plastikproduktion zu verstehen. Er empfiehlt nicht gerade Degrowth, aber eine Stabilisierung, für die es gute Beispiele gebe, wie das Verbot der Herstellung des Treibhausgases FCKW: "Die ist heute im Grunde bei null. Das wäre ein Beispiel für eine Stabilisierung auf niedrigem Niveau."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.07.2025 - Wissenschaft

"Es wird jetzt ernst für Israel - und für die Bundesregierung", konstatiert Thomas Gutschker in der FAZ mit Blick auf Drohungen der EU, die Teilnahme Israels am Forschungsprogramm Horizon Europe zu stoppen. Es handelt sich dabei um eines der größten öffentlichen Förderprogramme weltweit, in dem Israel durch das Assoziierungsabkommen teilnimmt. Feierliche Erklärungen gegen Israel-Boykott scheinen also vorerst vergessen. In der EU braucht es "eine qualifizierte Mehrheit, was in der Praxis nur möglich ist, wenn Berlin sich nicht länger schützend vor Tel Aviv stellt", erläutert Gutschker und findet den Vorstoß besonders deshalb "bemerkenswert, weil das Assoziationsabkommen im Regelfall vorsieht, dass beide Seiten einen Assoziationsrat halten, falls eine von ihnen Vertragsverstöße geltend macht. Eine Ausnahme davon ist nur bei 'besonderer Dringlichkeit' möglich. Die Kommission sieht diesen Fall nun wegen der 'sich rapide verschlechternden humanitären Lage im Gazastreifen' gegeben."

"Den Gegnern Israels - und von denen gibt es in den europäischen Institutionen reichlich - geht das Ganze natürlich nicht weit genug", kommentiert Michael Thaidigsmann in der Jüdischen Allgemeinen. "Sie werden weiter dafür trommeln, dass die EU Israel zu einer Art Aussätzigen unter den Nachbarstaaten erklärt. Und egal, wie lange der Krieg in Gaza noch andauern wird: Die Beziehungen zwischen Israel und Europa werden auf lange Zeit hinaus schwer gestört sein. Ob sie überhaupt reparabel sind, muss sich erst noch zeigen."

Auf den Geisteswissenschaftenseiten der FAZ würdigt Uwe Walter sechzig Jahre "Fischer Weltgeschichte", die sich nicht nur durch ihr Taschenbuchformat auszeichnete, sondern auch durch den Verzicht auf einen verantwortlichen starken Herausgeber, junge Autoren und eine große Aufmerksamkeit für die Welt außerhalb Europas. Das Ergebnis war alles in allem phantastisch, wenn es auch nicht von jedem goutiert wurde: "Qualität und formatbedingte Wahrnehmung konnten auch unerwünschte Effekte zeitigen. Bahnbrechende Synthesen wurden in der Fachwelt kaum wahrgenommen und weitergedacht, weil sie 'nur' im billigen und ephemeren Taschenbuch daherkamen, dessen Lektüre durch Studenten eher hinzunehmen denn erwünscht war." Walter empfiehlt wärmstens eine Wiederentdeckung.

Außerdem in der FAZ: Friedrich Weissbach berichtet über eine Konferenz zu Frantz Fanon und die Dekolonialismusdebatte, die er offenbar recht ergiebig fand, wenn auch etwas sehr harmonisch: "Das war streckenweise irritierend, etwa wenn die Ansicht, dass das Handeln der Hamas ein dekolonialer Befreiungskampf sei, unkommentiert blieb." Hans Hütt hörte einen Berliner Vortrag von Philip Manow über liberale Politik und Populismus. Und Thomas Thiel denkt über die Ironie nach, dass autoritäre Parteien, die ihren Aufstieg ihrer Kritik an Neoliberalismus und Globalisierung verdanken, jetzt selbst neoliberal handeln, wie zum Beispiel Donald Trump mit seiner "big beautiful bill". In der Zeit schreibt Robert Gast zu 100 Jahren Quantenphysik.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.07.2025 - Wissenschaft

In der FAZ versucht Dietmar Dath zu erklären, warum KI nicht versteht, was "neu" ist, auch wenn die britische Initiative namens Metascience Novelty Indicators Challenge (MetaNIC) fest daran glaubt. Dath lässt sich das auf einer Autofahrt von einer "Expertin für ionische Flüssigkeiten" erläutern: "In Nature hat Benjamin Steyn vom UK Metascience Unit Mitte Juni erklärt, warum er MetaNIC unterstützt: Die dabei benutzten KI-Systeme, sagt er, könnten 'die Bedeutung von Wörtern und Sätzen' in MINT-Fachsprache erfassen, 'nicht nur deren Häufigkeiten'. 'Was er hier unter Bedeutung versteht', sagt die Frau am Steuer, 'ist aber gar nicht so weit weg von dem, was er Häufigkeiten nennt. Zeichenbedeutung wird in der KI als bedingte Wahrscheinlichkeit von Nachbarschaften zu anderen Zeichen in Erklärungen und anderen Trainingsdaten aufgefasst, korrelativ, vermittelt über Gewichtungen, zu Ausgabewahrscheinlichkeiten hochgerechnet. Wer nicht weiß, wie das funktioniert, muss dem Steyn einfach glauben, das ärgert mich.'"

Fast hundert Jahre, nachdem Werner Heisenberg 1925 die Quantenmechanik vorgestellt hatte, trafen sich rund dreihundert Quantenphysiker auf Helgoland, um zu besprechen, wieviel weiter sie damit gekommen sind. Es ist immer noch unmöglich, mit der Quantentheorie eine objektive Realität zu beschreiben, lernt Ulf von Rauchhaupt (FAZ): "Insbesondere in den Fragerunden und Kaffeepausen dominierte nicht selten eine Stimmung gespannter Ratlosigkeit. Gemma De les Coves, eine renommierte mathematische Physikerin von der Universität Barcelona, machte sie sogar zum sogar Hauptmotiv ihres Vortrags: 'Ich verstehe die Quantenmechanik nicht', erklärte die junge Professorin unverblümt, 'dabei arbeite ich seit Jahren darüber. Aber das ist ziemlich verbreitet, denke ich.'" Was die Anwesenden nicht daran hinderte, interessante Interpretationsvorschläge zu machen. 

In der FR erinnert Michael Hesse an das Helgoland-Erlebnis von Werner Heisenberg.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.07.2025 - Wissenschaft

In der Welt schreibt der Sprachwissenschaftler Wolfgang Krischke zum hundertsten Todestag von Gottlob Frege, dem in Wismar geborenen "Begründer der modernen Logik und Wegbereiter der analytischen Philosophie, die die Zusammenhänge zwischen Sprache, Mathematik und logischem Denken durchleuchtet". Frege war brillant, ist aber auch heute kaum bekannt, weil ihm außer Koryphäen wie Bertrand Russell, Ludwig Wittgenstein oder Rudolf Carnap kaum jemand folgen konnte. "Freges Ziel war die Entwicklung einer streng logisch aufgebauten Symbolsprache nach dem Vorbild der Algebra. Sie sollte das 'reine Denken' eins zu eins wiedergeben, ohne die Vagheiten und Täuschungen der 'Wortsprachen'. So nannte Frege die natürlichen Sprachen wie Deutsch, Französisch oder Latein", erklärt Krischke.
Stichwörter: Frege, Gottlob

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.07.2025 - Wissenschaft

Donald Trump und sein Gesundheitsminister Robert F. Kennedy kämpfen an den Unis nicht einfach gegen woke Theorien, sondern auch gegen Wissenschaft, die ihre Erkenntnisse noch nach in der Aufklärung begründeten Prinzipien gewinnen - also auch Naturwissenschaften. Nun will Kennedy den Forschern vorschreiben, wo sie publizieren. Heike Schmoll zeigt sich im Leitartikel der FAZ alarmiert: Wissenschaft solle "sachfremde Kriterien und Ansprüche" vermeiden: "Universitäten dürfen deshalb keine Arenen des politischen Meinungskampfes sein, weil sie damit ihrer Kernaufgabe, dem Ringen um Erkenntnisfortschritt in Forschung und Lehre, nicht mehr nachkommen können."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.07.2025 - Wissenschaft

In der FAZ plädieren die Militärhistoriker Sönke Neitzel und Christian E. Rieck angesichts des russischen Angriffs auf die Ukraine dafür, die Zivilklauseln an deutschen Universitäten aufzuheben, die jede Verbindung zur Verteidigungsindustrie, den Streitkräften oder den Nachrichtendiensten untersagen. Sie seien nicht mehr zeitgemäß und der Grund dafür, dass es "an deutschen Universitäten bis heute kaum Forschung und Lehre im Bereich der Strategischen Studien, der Intelligence Studies oder der Militärgeschichte" gibt. "Eine Folge davon ist, dass es der Politik, den Parteien, den Stiftungen, den Denkfabriken und den Medien an Mitarbeitern mit einer soliden sicherheitspolitischen Expertise fehlt. Eine Zeitenwende für die Universitäten würde bedeuten, einschlägige Studiengänge aufzubauen, aber auch zu einem Drehtürmodell zu finden, in dem diese Expertise sich sehr viel stärker als bisher zwischen Wissenschaft, Verwaltung, Industrie, Streitkräften, Beratung und Medien frei bewegen kann."
Stichwörter: Neitzel, Sönke

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.07.2025 - Wissenschaft

Die FAZ bringt auf ihrer "Gegenwart"-Seite einen wissenschaftspolitischen Rundumschlag von Bettina Rockenbach, der Präsidentin der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Sie äußert sich in dem Text, der auf einer Rede beruht, zu den wissenschaftpolitischen Umtrieben der Trump-Regierung, Cancel Culture und anderen Themen. Und sie tritt klar gegen die Idee eines Israel-Boykotts ein: "Die Akademie und ihre Mitglieder sind entschlossen, allen Boykottaufrufen entschieden entgegentreten, ebenso den Bestrebungen, die Assoziierung Israels mit dem EU-Forschungsrahmenprogramm infrage zu stellen. Angriffe dieser Art auf die Wissenschaftsfreiheit in der internationalen Zusammenarbeit sind nicht zuletzt angesichts der wichtigen Rolle, die israelische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für die Verteidigung des liberalen Rechtsstaats in Israel spielen, widersinnig und kontraproduktiv."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.07.2025 - Wissenschaft

Buch in der Debatte

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Der Artenschwund ist größtenteils nicht durch den Klimawandel zu erklären, sagt der Biologe Matthias Glaubrecht, Autor des Buchs "Das stille Sterben der Natur", im Gespräch mit dem Ellen Daniel und Michael Miersch auf miersch.media. Ursachen seien eher Rodungen und landwirtschaftliche Nutzung. Aber das Thema des Artenschwunds habe leider eine sehr viel schwächere Lobby als der Klimaschutz: "Viele glauben, dass der Klimawandel das alles bestimmende Umweltproblem ist. Sie nehmen an, dass der Artenschwund ein Effekt der Klimaerwärmung sei. Nach Vorträgen haben mir Zuhörer schon vorgeworfen, dass ich die Erderwärmung verharmlosen würde, wenn ich auf das Artensterben aufmerksam mache. Dabei sage ich jedes Mal, dass die menschengemachte Erwärmung zu gigantischen Veränderungen der Umwelt führen wird - aber nicht die Ursache des Artenschwundes ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.07.2025 - Wissenschaft

Kaum waren die ersten Nachrichten vom Konflikt zwischen der Harvard University und der Trump Administration da, hofften europäische Universitäten schon bald vom brain drain aus den USA zu profitieren, konstatiert Thomas Steinfeld in der SZ. Dies könnte auch eine historisch gewachsene Ungerechtigkeit zwischen dem europäischen und US-amerikanischen System korrigieren. "Die besten US-Universitäten waren nie etwas anderes als Unternehmen, und wenn sie, wie Harvard, über ein Vermögen von mehr als fünfzig Milliarden Dollar verfügen (der jährliche Etat der Humboldt-Universität zu Berlin liegt bei knapp einer halben Milliarde), so muss sich ein potenzieller Konkurrent überlegen, was er hat und was er tut. (...) Die Entstehung bahnbrechender Gedanken hängt nicht nur vom Genie der Professoren ab, sondern auch von der Ausrüstung des wissenschaftlichen Apparats. Und weil das so ist, weil also Erfolg immer mehr Erfolg hervorbringt, muss sich der Abstand der Gewinner zu den Verlierern permanent vergrößern. Die politischen Schwierigkeiten, mit denen eine Universität wie Harvard nunmehr konfrontiert ist, geben den Unterlegenen Anlass zu der Hoffnung, es möge, aus gänzlich äußeren Gründen, zu einer in ihrem Sinn glücklichen Korrektur der Rangordnung kommen."