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29.08.2025. Die SZ blickt auf die Annäherung zwischen China, Indien und Russland, die angesichts Donald Trumps Zollpolitik alte Konflikte überwinden wollen. Es gibt allerdings schwer vereinbare Vorstellungen über die Machtverhältnisse in Asien, erklärt der Politologe Manoj Kewalramani ebendort. In der FAZ erzählt die israelische Schriftstellerin Sarah Levy, wie sich ein Teil der israelischen Gesellschaft nach dem 7. Oktober radikalisierte. Der schwedische Schriftsteller Richard Swartz blickt derweil in der NZZ mit Sorge auf den neuen Rechtsradikalismus in Kroatien.
Trumps Zollpolitik bringt China, Indien und Russland näher zusammen - David Pfeifer und Lea Sahay berichten in der SZ von den komplexen Beziehungen zwischen Xi Jinping, Narendra Modi und Wladimir Putin, die alle der "Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit" (SCO) angehören, die in Zukunft wohl immer einflussreicher werden wird. Das Verhältnis zwischen Indien und China war in den letzten Jahren angespannt, nun wird aber Bereitschaft zur Zusammenarbeit signalisiert: "Eigentlich geht es bei einem SCO- Treffen um Sicherheitsfragen wie gemeinsame Wehrübungen. Doch Chinas Staatsmedien betonen, die Mitgliedsstaaten könnten ihre Zusammenarbeit auch in Wirtschaft, Wissenschaft und Technologie ausweiten, besonders in der digitalen Wirtschaft. Im Juli skizzierte eine SCO-Konferenz in Qingdao bereits den Aufbau internationaler Logistikkorridore und die Stärkung von Lieferketten. Und da Indien sich Trumps Strafzöllen nicht beugen will, ist es derzeit wichtig, die daraus resultierenden Defizite im Handel mit den Nachbarn auszugleichen."
"Kaum noch jemand vertraut Washington, davon profitiert die SCO", sagt auch der Politologe Manoj Kewalramani im SZ-Gespräch. Trotz der Annäherung zwischen Indien und China gibt es hier aber einen Grundkonflikt: "China sieht sich mit Russland und den USA als globale Macht, Indien dagegen nur als regionalen Akteur und will es auch in dieser Rolle halten. Peking engt Indiens Handlungsspielraum deshalb ein, mit militärischem Druck und Aufrüstungshilfe für Pakistan. Aber auch mit dem Schutz Pakistans in Gremien und Blockaden gegen Indien. Genau dort liegt der Konflikt: Chinas Vision ist ein unipolares Asien, unter Pekings Führung. Indiens Vision ein multipolares. Diese beiden Vorstellungen sind nur schwer miteinander zu vereinbaren."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die Autorin Sarah Levy hat ein Buch über den 7. Oktober und seine Folgen geschrieben, über das sie im FAZ-Interview mit Theresa Weiß spricht. Es geht darin um die Massaker der Hamas, aber auch um die Radikalisierung der israelischen Gesellschaft, die diese nach sich zog:"Ich habe Freunde, die jetzt Waffen tragen. Liberale Freunde. Die meisten haben keine Vorstellung davon, wie viele Menschen in Gaza getötet wurden. Die gucken keine Nachrichten mehr. Die wissen gar nicht, dass so viele Menschen dort hungern. Oder sie glauben es nicht. Wir haben noch nie so viel gestritten. Mein Schwager hat sich seit dem 7. Oktober sehr radikalisiert. Ich hatte auf einer Demonstration in Tel Aviv Hunderte Israelis gefilmt, die Fotos von getöteten Kindern aus Gaza hochhalten. Er schrieb in unsere Familien-Whatsapp-Gruppe: 'Ich wusste, dass es viele Verräter im Land gibt, aber ich wusste nicht, dass ich eine so gut kenne. Dies ist nicht wirklich dein Land. Du bist hergekommen, um zu stören.'
Der frühere brasilianische Staatschef Jair Bolsonaro steht wegen der Vorbereitung eines Putsches vor Gericht. Donald Trump forderte das Land auf, per Volksentscheid über seine Freilassung zu entscheiden und insinuierte eine politische "Hexenjagd", erinnert Werner J. Marti in der NZZ. Wäre das eine sinnvolle Entscheidung? "Sollte die Justiz die Entscheidung, ob Bolsonaro eines Verbrechens schuldig ist oder nicht, nun den Wählern überlassen? Die Beurteilung, ob Beweismaterial für eine Verurteilung ausreicht, ist eine komplexe Aufgabe, für welche es juristisches Fachwissen braucht. Ein solches Urteil gehört in die Hände von professionellen Richtern, die genau dazu ausgebildet und nominiert worden sind. Aber noch viel wichtiger, die Forderung Trumps widerspricht fundamental dem Konzept einer liberalen Demokratie."
Der schwedische Schriftsteller Richard Swartzblickt in der NZZ mit Sorge auf den zunehmenden Rechtsradikalismus in Kroatien: "Im Juli fand in Zagreb ein provokantes Rockkonzert statt. Der Künstler nennt sich Thompson, nach einer Maschinenpistole, und animiert das Publikum zur 'Heil Hitler'-Variante der kroatischen Faschisten. Verkauft wurde fast eine halbe Million Eintrittskarten in einer gelähmten Stadt mit nur gut doppelt so vielen Einwohnern (...) Man würde meinen, Thompsons Lieder seien auf sentimentale Weise nationalistisch und richteten sich eher an die Älteren unter den Kroaten, die in nostalgischem Revanchismus verbittert in ihren Stammlokalen sitzen. (...) Viele zeigen den Hitlergruss, noch strammer als kürzlich Elon Musk: ein Schock für das demokratische und urbane Kroatien, das davon überzeugt war, dass die böse Vergangenheit niemals in neuer Form wiederkehrt. Und die Regierung schweigt. An diese Menschenmasse, vermutlich die größte in der Geschichte des Landes, rührt man ebenso wenig wie an die Steuerhinterzieher der Tourismusbranche."
Der ukrainische Präsident stand in letzter Zeit häufig in der Kritik. In der SZ stellt sich der ukrainische Journalist Sergey Maidukov hinter Wolodomir Selenski. Sein Rückhalt in der Bevölkerung sei ungebrochen: "Trotz Fehlern. Trotz Skandalen. Trotz Korruptionsvorwürfen. Selbst angesichts von Trumps unermüdlichem Druck, Zugeständnisse an Putin zu machen. Für Selenskyj - wie für jeden ukrainischen Führer - wäre die Unterzeichnung einer Kapitulation ein Todesurteil, im übertragenen und vielleicht auch im wörtlichen Sinn. Kein vernünftiger Politiker würde das tun. Und Selenskyj, der seit sechs Jahren ununterbrochener Krise an der Macht bleibt, hat bewiesen, dass er einen starken Überlebensinstinkt besitzt."
"Wie soll sich die Geschichtswissenschaft zu den politischen Entwicklungen unserer Zeit verhalten?" In der FAZ resümiert Jannis Koltermann verschiedene Positionen zum Thema. Während die einen eine linksliberale "Hegemonie" fürchten, blicken die anderen besorgt auf den Rechtsruck. Die Spaltung drückt sich unter anderem in der Diskussion über das Verhältnis von Wissenschaft und Aktivismus aus, wie Koltermann etwa einer diesem Thema gewidmeten Ausgabe der Fachzeitschrift Geschichte und Gesellschaft aus dem vergangenen Jahr entnimmt: "Darin plädieren die Autoren, wie es der Herausgeber zusammenfasst, 'für das notwendige Augenmaß in der Politisierung ihrer Forschungsergebnisse', zugleich aber 'für eine eingreifende, eine engagierte Geschichtswissenschaft' auf ihren jeweiligen Feldern. Man kann den Impetus, der Wagner, Gerstenberger und andere Vertreter einer histoire engagée antreibt, zweifellos nachvollziehen: Wenn NS-Gedenkstätten geschändet werden und eine mindestens in Teilen rechtsextreme Partei die Umfragen anführt, sollte das keinen Demokraten kaltlassen. Die Frage ist freilich, ob der Demokratie mit einer dezidiert aktivistischen Wissenschaft mehr geholfen ist als mit einer Wissenschaft, die so weit wie möglich wertneutral arbeitet und gerade deswegen glaubhaft fake news entlarven, die Freiheit der Forschung verteidigen und mündige Bürger ausbilden kann."
Wenn die Wirtschaft in der Krise steckt, werden meist sofort Kürzungen bei den Sozialleistungen gefordert. In Deutschland sind die Ausgaben für den Sozialstaat sehr hoch - der Wirtschaftswissenschaftler Achim Trugerspricht sich im taz-Gespräch allerdings gegen Kürzungen aus: "Wenn das Bruttoinlandsprodukt stagniert und beispielsweise mehr Leute arbeitslos werden, ist es kein Wunder, dass im Verhältnis dazu die Ausgaben für Sozialleistungen wachsen. Denn das ist die Aufgabe des Sozialstaates: die Beschäftigten und Privathaushalte gegen die Krise abzusichern. Wofür haben wir ihn sonst? Der Sozialstaat ist ein Schutzfaktor, kein Krisenfaktor."
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