Andreas Stichmann

Loreley

Erzählungen
Cover: Loreley
Rowohlt Verlag, Hamburg 2024
ISBN 9783498007010
Gebunden, 128 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Menschen vom Rhein. Manche schwingen wilde Reden, andere führen kurze Gespräche über das Suchen und Finden des Glücks. Da ist die Witwe, die noch mal den großen Schritt wagen und ein Motel eröffnen will. Ein Motel, in dem es, ihres Erachtens, ruhig ein wenig anrüchig zugehen darf. Da ist der Journalist, der in Asien Jagd auf einen geheimnisvollen Robbenmann macht. Wie er auf der Suche ist Motte, die Ausreißerin. "Zelte mal allein in der Stadt, in der du immer schon warst." Das ist seltsam, findet sie und besingt ihre Heimatstadt Bonn und ein schönes Mädchen von außerhalb, das möglicherweise Anlass geben könnte zu einer Dichtung, zu einem weltberühmten, touristisches Potenzial entfaltenden Heimatgedicht. Wo sie auch sind, wohin sie auch streben, am Ende verorten sie sich hartnäckig am Rhein. Acht Geschichten von Sehnsucht, Zauber und Gefährdung: "ach, all beauty must die / vorbei: loreley"

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 29.06.2024

Andreas Stichmanns Erzählband entflammt bei Rezensent Dirk Knipphals eine neue Kurzgeschichten-Euphorie. Denn wie Stichmann es schaffe, auf wenigen Seiten der Geschichten meist über unscheinbare Schicksale und Mikro-Ereignisse in einem bundesrepublikanischen Setting große Gefühle von Wehmut und Heimat zu wecken und das Ganze mit lakonischem Humor vor dem Kitsch zu bewahren, kann Knipphals kaum glauben. Es geht etwa um die junge, am Rhein in einem Zelt wohnende Punkerin Motte, um die eher pragmatische Liebesnacht zwischen zwei verwitweten Nachbarn, oder um eine "herzumdrehende" unglückliche Romanze zwischen einem grasdealenden Flüchtling und einer jungen Frau namens Asfael - aber immer, wenn es ins "Niedliche" zu kippen drohe, setze Stichmann gekonnt andere Akzente, erzähltechnisch spannende Klammern oder "klemmende" Unterhaltungen, staunt Knipphals. Geradezu "lehrbuchhaft" gelungen komponierte Geschichten, die besser nicht funktionieren könnten, meint der Kritiker.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.06.2024

Rezensent Wolfgang Schneider findet in Andreas Stichmanns Erzählungen veritable "Vorstellungskraft" statt kitschiger "Seifenblasen-Phantasie" und einen vorübergehenden "Therapiepferd"-Ersatz. Denn obwohl viele der Figuren ein bisschen oder total "neben sich stehen", an ihrer Wahrnehmung zweifeln wie ein Klinik-Patient mit familiärem Trauma, noch einmal (sexuelle und ökonomische) Neuanfänge wagen wie die Witwe Beate, oder einen "sanften" Kultur-Clash erleben wie ein Südostasienkorrespondent, der in Indonesien einen Fischer begleitet, die Tötung der Muräne (wobei hier fälschlicherweise "Moräne" zu lesen ist, wie Schneider kritisiert) dann aber doch etwas abstoßend findet, so mische sich in diese grundsätzliche Verschobenheit des Daseins doch ein gewisses "Weltvertrauen", meint Schneider. Er freut sich über Stichmanns Rhein-Motivik und über Momente der "Erleuchtung und Entspannung", die sich mit einem leisen Katastrophengefühl zu einer "angenehm unverschwatzten" Mischung fügen.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 20.04.2024

Mit seinem Erzählband "Loreley" ist Andreas Stichmann großartige Literatur gelungen, findet Rezensent Samuel Hamen. Die acht Geschichten sind kurios, ohne überzeichnet zu sein, sie schildern ihre Figuren treffend, ohne sie der Neugier der Leserinnen auszuliefern, so Hamen. Abseits großer Effekte, teils ironisch, teils kritisch, entnimmt Stichmann seine Skizzen dem Gewöhnlichen: Da geht es um einen Journalisten, der für die beste Story um die halbe Welt reist und seinen halbresignierten indonesischen Führer, um eine Gruppe Jugendlicher und ihren geschwätzigen Gras-Dealer und um Beate Zimmermann, deren Kauf eines kleinen Motels an der Autobahn, so Hamen, ein Lebenstraum ebenso wie eine Verzweiflungstat sein könnte. Es ist Stichmanns sprachliches Geschick, das diese Erzählungen bedeutend macht, urteilt der beeindruckte Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 04.04.2024

Andreas Stichmann räumt in seinem Buch auf erquickliche Weise mit Rheinmythen auf, freut sich Rezensent Adam Soboczynski. Fernweh wird hier gründlich ironisiert, lernen wir, und mit den Mühen der Ebene einer traumlosen Gegenwart konfrontiert. Erzählt werde unter anderem von einer Witwe, deren Reize nicht mehr verfangen, von unsentimentaler Punk-Rhein-Lyrik und von Drogendealern. Viel zu erreichen hofft hier niemand mehr, meint Soboczynski, wer in die Ferne reist, finde doch nur dasselbe. Ein klarsichtiges Bild für unsere Zeit, denkt sich der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 03.04.2024

Andreas Stichmanns neuer Erzählungsband "Loreley" hat seinen Namen verdient, findet Rezensentin Judith von Sternburg. Denn in den acht Geschichten geht es trotz lapidarer Erzählweise zauberisch zu: Im Spiel mit Motiven und Genres weiß der Autor zu überraschen, Begehren und vielleicht die Möglichkeit von Liebe klingen, weiß die Rezensentin, durch Ironie und leisen Sarkasmus an. Dabei leite die erste Erzählung von den Punkermädchen am Rhein, von denen eines, Motte, dem Fluss ein Gedicht widmet, gut in den Band ein; die Witwe Beate, die wir in "Einblick" im Bett eines Witwers antreffen, begegnet uns im titelgebenden "Motel" an der Autobahn, das sie gekauft und neueröffnet hat, wieder. Besonders beeindruckt zeigt sich von Sternburg von der Diskretion, mit der Stichmann sich als allwissender Erzähler profiliert - ein so altmodischer wie zukunftsweisender Stil, so die Rezensentin.

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