Anna Felnhofer

Prosopon

Roman
Cover: Prosopon
Luftschacht Verlag, Wien 2026
ISBN 9783903422742
Gebunden, 259 Seiten, 11,99 EUR

Klappentext

Ein siebenjähriger Junge liegt nach einem Unfall im Krankenhaus und ringt nach einer letzten Operation um sein Leben. Wie es zu diesem furchtbaren Unfall kommen konnte und welche Rolle sein Vater Jakob und dessen Gesichtsblindheit (Prosopagnosie), die schon einmal für den Tod eines Menschen verantwortlich zeichnete, dabei spielen, ist auch Monate nach dem Vorfall noch Gegenstand behördlicher Ermittlungen. Der Mutter und Ich-Erzählerin bleibt einstweilen nur, sich selbst auf die Suche nach Antworten zu begeben. Aus Bruchstücken versucht sie Jakobs Leben zu rekonstruieren, um zu erfahren, welche Verantwortung er für den Unfall des Jungen trägt und sie stößt dabei auf ein Leben ohne Kontinuität, ohne Verbindlichkeiten, ohne Halt, als immer andere Person.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 13.06.2026

Kirsten Voigt preist Anna Felnhofers Roman über das Krankheitsbild der Gesichtsblindheit wegen seiner bezwingenden Dramaturgie, die von einem Unfalltod ausgehend die Biografie eines an Prosopagnosie Erkrankten zurückverfolgt, aber auch wegen seiner analytischen Kraft. Als psychologischer Roman setzt der Text laut Voigt einen Standard. So komplex das beschriebene Krankheitsbild ist, so stark laut Voigt der Umgang der psychologisch geschulten Autorin mit einer Entwicklung, die eigentlich ein Stillstand ist. Ein "Hochleistungsakt" der Einfühlung und Vorstellung, findet Voigt. Die immer wieder gebrochenen und gespiegelten Topoi und raschen Blickwechsel im Buch, von der einzelnen Episode zum ganzen Drama oder auch zum Märchen, verlangen auch dem Leser einiges ab, erklärt sie.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 19.05.2026

Einen faszinierenden Roman liest Rezensentin Nora Karches. Die Psychologin Anna Felnhofer hat in diesem Buch eine literarische Entsprechung für das Phänomen der Gesichtsblindheit gefunden. Bezeichnet wird damit ein Krankheitsbild, bei dem die Betroffenen Gesichter nicht klar wahrnehmen und zuordnen können, sie nur als eine Ansammlung disparater Merkmale wahrnehmen. Gesichtsblind ist in diesem Fall Jakob, erzählt wird dessen Geschichte von Johanna, die ein gemeinsames Kind mit ihm hat, das bei einem Unfall stirbt, während Jakob in unmittelbarer Nähe war. Der Roman kehrt immer wieder zu dieser Schlüsselszene zurück, ergibt aber ansonsten kein Ganzes, ist formal ebenso disparat wie Jakobs Wahrnehmung. Vor allem die Erzählperspektive fasziniert die Rezensentin: Johanna ist keine neutrale Beobachterin, wir können ihr nicht komplett trauen. Eben deshalb gelingt es Felnhofer, einen Eindruck zu vermitteln von der Wahrnehmungswelt eines Gesichtsblinden, dessen Welterleben uns in mancher Hinsicht für immer fremd bleiben wird. Insgesamt wird das zu einem starken Stück hochreflexiver Literatur, heißt es am Schluss, zu einem Buch, das "stets neue Interpretationen seiner selbst anbietet".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.03.2026

Rezensentin Daniela Strigl lobt Anna Felnhofers Erzählen für seine souveräne Psychologie und Bildwucht, aber auch für seine Subtilität. Die Familiengeschichte über Gesichtsblindheit und die Folgen für die Beteiligten ist laut Strigl einerseits getragen vom klinischen Interesse der Psychologin Felnhofer, andererseits von Empathie und der Frage, wie ein Verhaltensdefekt sich für den Betroffenen anfühlt. Dass die Autorin den fatalen Ausgang ihrer gewaltvollen Fallgeschichte vorwegnimmt, schmälert für Strigl nicht die "untergründige" Spannung des Romans.

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