Anna Hájková

Menschen ohne Geschichte sind Staub

Queeres Verlangen im Holocaust
Cover: Menschen ohne Geschichte sind Staub
Wallstein Verlag, Göttingen 2024
ISBN 9783835356412
Gebunden, 126 Seiten, 18,00 EUR

Klappentext

Mit 11 Abbildungen. Eine Untersuchung, die für das Erinnern an queere jüdische Opfer während des Holocausts und für ein Ende der Stigmatisierung eintritt. Queere Geschichte des Holocaust, also die Frage nach gleichgeschlechtlichem Verlangen unter den Holocaustopfern, ist bis in die heutigen Tage eine Leerstelle geblieben. Dies liegt an einer weitreichenden Homophobie der Häftlingsgesellschaft in KZs und Ghettos, was dazu führte, dass die Stimmen dieser Menschen weitgehend aus den Archiven getilgt sind. Anna Hájkovás Text baut auf bestehender Forschung zu Homophobie auf und macht den Versuch, die Geschichte dieser ausradierten Menschen zu schreiben. Die Untersuchung ist dabei gleichzeitig eine Geschichte der Sexualität des Holocaust und nimmt in Augenschein, dass die Beziehungen im Lager mitunter ausbeuterisch und gewaltsam waren, wobei die Übergänge fließend waren. Hájková setzt sich mit einigen besonderen Fällen von Jugendlichen (unter anderem Anne Frank) und Erwachsenen auseinander, es geht um romantische, erzwungene und abhängige Beziehungen, um romantische Sexualität und sexuellen Tauschhandel. Sie zeigt die Gleichzeitigkeit von queerer und Hetero-Sexualität und argumentiert, dass wir von einem ausschließlichen Konzept der sexueller Identität Abschied nehmen und von Akten und Praktiken sprechen müssen, um das Verhalten der Opfer verstehen zu können.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 25.07.2024

Ein wichtiges Buch über einen blinden Fleck in der Holocaust-Forschung hat Anna Hájková laut Marko Martin geschrieben. Denn bis heute sei das Schicksal queerer Menschen während der nationalsozialistischen Verfolgung kaum aufgearbeitet. Tatsächlich finden sich laut Rezensent in der Geschichtsschreibung kaum Hinweise auf die Betroffenen, die außerdem oft von ihren Zeitgenossen verunglimpft worden seien. Hájková schreibt über solche Zusammenhänge nicht mit aktivistischem Furor, sondern wissenschaftlich präzise und empathisch, freut sich Martin, der beeindruckt ist von den Geschichten queerer Holocaust-Überlebender, die das Buch zusammenträgt. Nicht immer kommen dabei moralisch einwandfreie Lebensläufe heraus, stellt der Rezensent klar, aber es sind schließlich gerade die Widersprüche, die Menschen in der Erinnerung lebendig werden lassen. Insofern leistet dieses Buch großes, findet Martin.

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