Armin Nassehi

Muster

Theorie der digitalen Gesellschaft
Cover: Muster
C.H. Beck Verlag, München 2019
ISBN 9783406740244
Gebunden, 352 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Wir glauben, der Siegeszug der digitalen Technik habe innerhalb weniger Jahre alles revolutioniert: unsere Beziehungen, unsere Arbeit und sogar die Funktionsweise demokratischer Wahlen. In seiner neuen Gesellschaftstheorie dreht der Soziologe Armin Nassehi den Spieß um und zeigt jenseits von Panik und Verharmlosung, dass die Digitalisierung nur eine besonders ausgefeilte technische Lösung für ein Problem ist, das sich in modernen Gesellschaften seit jeher stellt: Wie geht die Gesellschaft, wie gehen Unternehmen, Staaten, Verwaltungen, Strafverfolgungsbehörden, aber auch wir selbst mit unsichtbaren Mustern um?
Schon seit dem 19. Jahrhundert werden in funktional ausdifferenzierten Gesellschaften statistische Mustererkennungstechnologien angewandt, um menschliche Verhaltensweisen zu erkennen, zu regulieren und zu kontrollieren. Oft genug wird die Digitalisierung unserer Lebenswelt heutzutage als Störung erlebt, als Herausforderung und als Infragestellung von gewohnten Routinen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 21.11.2019

Begeistert und besorgt gleichermaßen schreibt Rezensent Thomas Assheuer über dieses Buch. Er ist begeistert über die Brillanz, mit der Nassehi seine Thesen und Argumente vorträgt, auch gefällt ihm seine Perspektive des Nicht-Katastrophischen und sein sanfter Spott über den Kulturpessimismus vieler Kolleg*innen. Beeindruckt folgt der Rezensent dem Autor in der Beschreibung der vor-digitalen Welt als eine, die bereits der Datensammlung und -ordnung verpflichtet gewesen sei, der Jagd nach Muster, Funktion und ökonomischer Effizienz. Er zitiert ihn zustimmend mit der Aussage, die Digitalisierung sei "kein Fremdkörper. Sie ist Fleisch vom Fleisch" der sich seit und mit der Aufklärung entwickelnden Welt. Dennoch sorgt sich der Rezensent, wie wenig der Autor sich ansehe, was neben Daten und Informationen übrig bleibe: nämlich "der totale soziale Verfall", so Assheuer. Ihn irritiert, dass Sprache - trotz der vielen Heidegger-Zitate - nicht jenseits von Datensammlung und -austausch aufgefasst werden kann. Aber nicht wenige Formulierungen, so findet der offenbar dadurch etwas erleichterte Kritiker, zeigen auch eine gewisse Verunsicherung an. Und am Ende will Assheuer auch gerne wieder mit Nassehi d'accord gehen in der Analyse, der Kapitalismus werde wohl nur mit Hilfe der Digitalisierung gezähmt werden können.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.11.2019

Wolfgang Hellmich gefällt, dass Armin Nassehi in seinem Buch dazu aufruft, die Digitalisierung als Chance zu begreifen. Schön findet er auch die These von der Kontinuität der digitalen Gesellschaft und ihrer Entstehung aus Notwendigkeit. Dass Nassehi auch die negativen Seiten der Digitalisierung in seine Gesellschaftstheorie aufnimmt, scheint Hellmich sinnvoll. Nassehis Argumentation findet er schlüssig, wenngleich sehr abstrakt und mitunter redundant. Die exkursartigen Schlusskapitel hätte der Autor auch weglassen können, so Hellmich.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 26.10.2019

Rudolf Walther schlägt böse ein auf Armin Nassehis Versuch zu einer "Theorie der digitalen Gesellschaft". Dergleichen liefert der Autor gar nicht, meint Walther, stattdessen führt er den Nachweis, dass die Moderne schon immer digital war. Dass der Nachweis nicht gelingen will, liegt für Walther an Nassehis Festhalten an der Systemtheorie und an seinem Hang zum Spekulieren. Empirisch oder historisch verlässliche Aussagen, die eine Fixierung des Beginns der digitalisierten Gesellschaft möglich machen, wie es der Autor suggeriert, gibt es laut Walther jedenfalls nicht. Nassehis "zirkuläre Beweisführungen" hält Walther für überholt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.09.2019

Rezensentin Cornelia Koppetsch begrüßt das Buch des Soziologen Armin Nassehi und preist die Fähigkeit des Autors, komplexe Zusammenhänge verständlich zu machen, ohne zu vereinfachen. So ganz klappt das in diesem Buch laut Rezensentin allerdings nicht, kommt ihr Soziologe Nassehi mitunter doch allzu philosophisch abstrakt daher und verzichtet zu ihrem Leidwesen auf Anschaulichkeit und Beispiele, wenn er systemtheoretisch nach den sozialen Strukturen fragt, die uns in die Digitalisierung geführt haben. Dass Algorithmen nützlich sind, zur Erkenntnis und Problemlösung beitragen und die Folge von früheren Bemühungen um die Vermessung des Menschen oder staatliche Sozialplanung sind, kann der Autor der Rezensentin dennoch mit Brillanz vermitteln, auch wenn sein Gesellschaftsbild ihr recht mechanistisch erscheint.
Lesen Sie die Rezension bei buecher.de

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 03.09.2019

Steffen Martus hält den Systemtheoretiker Niclas Luhmann für einen der klügsten Menschen, der jemals gelebt hat. Für Luhmanns Schüler bedeutet dies oft, beobachtet Martus, dass sie ebenfalls eine Menge wissen, dies aber etwas nachdrücklicher zu erkennen geben wollen. Bei Armin Nassehi lässt er sich das gefallen, denn der Soziologe gibt ihm mit seinen Buch über die Digitalisierung nicht nur eine Einführung in die Systemtheorie, sondern auch in "ausnüchterndes Denken", etwa wenn Nassehi die "Autonomiefiktion" des Individuums abräume. Wie aber macht Nassehi das? Er fragt, worin die Probleme der analogen Welt bestanden, die erst die Digitalisierung so erfolgreich machten. Wie Martus darstellt, gibt es Nassehi zufolge auch in der ausdifferenzierten Moderne untergründige Muster, die unser Verhalten bestimmten und die Digitalisierung habe diese Muster zu ihrer Geschäftsgrundlage gemacht: Vorher glaubten alle an die romantische Liebe, jetzt finden sich die Leute über Parship. Dass mit diesen Buch ein gehöriges Maß an narzisstischer Kränkung verbunden ist, gibt der Rezensent weniger als Warnung, denn als Empfehlung mit.
Lesen Sie die Rezension bei buecher.de

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 30.08.2019

Rezensentin Vera Linß folgt dem Soziologen Armin Nassehi zu einer neuen Perspektive auf die Digitalisierung. Nassehis These, dass die moderne Gesellschaft schon vor der Digitaltechnik digital gewesen sei, liest sie mit Erstaunen und erkennt den provokanten Gestus des Buches. Mit Fragen, wie: "Weshalb kam es zur Digitalisierung?" vermag der Autor die Rezensentin allerdings von der Sinnhaftigkeit seines Ansatzes zu überzeugen. Profund findet sie Nassehis Rückblick auf frühe Formen der Sozialstatistik. Wenn der Autor dafür plädiert, die Eigendynamik der digitalen Technik zu verstehen und die Schwierigkeiten anhand der Datenschutz-Grundverordnung illustriert, erkennt Linß die Notwendigkeit soziologischer Analyse, die das Buch dem Leser bietet.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 24.08.2019

Marc Reichwein staunt, dass Armin Nassehis soziologisches Theoriewerk nicht bei Suhrkamp erscheint. Tiefenschärfe der Güteklasse 1 hat das Buch für ihn allemal, ist laut Rezensent aber auch für Nichtwissenschaftler lesbar und wartet mit spannenden Informationen zur digitalen Gegenwart auf. Dass der Autor nicht nur schwarzmalt, gehört für Reichwein zu den angenehmen Überraschungen des Buches, ebenso, dass Nassehi schlaue Bezüge durch die Epochen legt, wenn er erläutert, dass es sich bei der Digitalisierung nicht um eine Störung, sondern um eine Verdoppelung der Welt in Daten handelt, dem Buchdruck vergleichbar, also nichts strukturell Neues und Beunruhigendes. Der Autor eröffnet damit eine historische Tiefendimension, die Reichwein allerdings neu erscheint.