Die Geburt des palästinensischen Flüchtlingsproblems
Eine Neubetrachtung

Hentrich und Hentrich Verlag, Berlin 2025
ISBN
9783955657024
Kartoniert, 826 Seiten, 39,00
EUR
Klappentext
Aus dem Englischen von Hartmut Lenhard, mit einem Nachwort von Philipp Lenhard. Benny Morris' Buch "The Birth of the Palestinian Refugee Problem (1947-1949)" ist ein Klassiker der Geschichtsschreibung des Nahen Ostens. Seine Enthüllungen darüber, wie und warum 700.000 Palästinenser während des arabisch-israelischen Krieges 1948 ihre Heimat verließen und zu Flüchtlingen wurden, stellten 1988 die widersprüchlichen zionistischen und arabischen Interpretationen in Frage. Während Erstere behaupteten, die Palästinenser seien freiwillig gegangen, unterstellten Letztere eine gezielte Vertreibung. Die überarbeitete Neuausgabe "The Birth of the Palestinian Refugee Problem Revisited", die hier in deutscher Erstübersetzung vorgelegt wird, berücksichtigt erstmals zugängliche israelische Militärarchivakten und nachrichtendienstliche Unterlagen. Ihr Schwerpunkt liegt nach wie vor auf dem Krieg von 1948 und der Analyse des palästinensischen Exodus, enthält aber sehr viel mehr Informationen darüber, was tatsächlich in Jerusalem, Jaffa und Haifa geschah und wie die Ereignisse dort schließlich zum Zusammenbruch der palästinensischen Stadtgesellschaft führten. Sie beleuchtet auch die Kämpfe, Vertreibungen und Gräueltaten bis hin zum Zerfall der ländlichen Gemeinden. Die fortdauernde Existenz von mehreren Millionen Menschen mit Flüchtlingsstatus ist nach wie vor eines der größten Hindernisse für den Frieden im Nahen Osten.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 29.08.2025
Rezensent Marko Martin empfiehlt die erstmals 1988 erschienene Studie des israelischen Historikers Benny Morris in der mit neuem Archiv-Material ergänzten deutschen Fassung. Für Martin bietet der Autor mit seiner Darstellung der Flucht von rund 700000 Palästinensern aus Israel in den Jahren 1947 bis 1950 und den Folgen eine umfangreiche wie informative und keinesfalls manipulative Analyse der Dinge. Dass Morris die Mythen "auf beiden Seiten" auflösen kann, glaubt Martin nicht, doch das Buch hilft beim Mitreden bei diesem hochaktuellen Thema, beteuert der Rezensent.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 23.08.2025
Mit einigem Interesse bespricht Rezensent Thomas Speckmann zwei Bücher über den israelisch-palästinensischen Konflikt, die sich den Autor teilen: Benny Morris schreibt einerseits eine Geschichte des ersten arabisch-israelischen Krieges im Jahr 1948, und andererseits über den Ursprung des palästinensischen Flüchtlingsproblems, beides hängt eng miteinander zusammen, was zur Folge hat, dass Speckmanns Ausführung nicht zwischen den beiden besprochenen Büchern differenzieren. Laut Speckmann argumentiert Morris, dass der Krieg im Jahr 1948 nicht nur als Kampf zweier nationaler Bewegungen zu betrachten ist, sondern auch auf eine größere Auseinandersetzung zwischen dem Islam und dem Westen hin perspektiviert werden muss. Weiterhin erörtert der Autor Speckmann zufolge die Haltung der Zionisten, die einerseits keineswegs alle Araber aus dem heutigen Israel entfernen wollten, andererseits die Rückkehr derjenigen, die 1948 doch vertrieben wurden, konsequent verhindern wollten. Insgesamt war der Konflikt in Morris' Darstellung in gewisser Weise nicht zu verhindern, fasst Speckmann zusammen, Schuld an der fortgesetzten Feindseligkeit tragen durchaus beide Seiten. Speckmann scheint dieser Analyse im Großen und Ganzen zuzustimmen.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 02.08.2025
Rezensent Klaus Bittermann glaubt nicht an die Breitenwirksamkeit von Benny Morris' Buch, auch wenn er sie ihm sehnlich wünscht: denn einfach großartig gelinge es dem israelischen "Neuen Historiker" in diesem bereits 1988 erschienenen, nun in einer überarbeiteten Ausgabe vorliegenden "Klassiker", sich detailliert mit den arabischen und jüdischen Fluchtbewegungen, insbesondere der "Nabka", auseinanderzusetzen, die - zwischen zahlreichen territorialen Verwirrungen, Vorschlägen zum Bevölkerungsaustausch, Vergeltungsaktionen und Räumungsplänen - auch am Grunde des aktuellen Krieges zwischen Israel und der Hamas liegt, wie Bittermann zusammenfasst. Dabei schafft es Morris' komplexe Darstellung, Verantwortungen auf palästinensischer Seite schlüssig aufzuzeigen - wie etwa die Ablehnung von konkreten Lösungsvorschlägen wie den Peel-Plan -, ohne dabei eine "Staatsräson verteidigen" zu wollen, lobt Bittermann. Das Buch sei "ideologiefrei und auf historische Gründlichkeit bedacht", weshalb der Kritiker es nur wärmstens als Schullektüre und zur ernsthaften inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Konflikt auch allen anderen wärmstens empfiehlt.