Nach abgesagten Wahlkampfauftritten türkischer Minister in Deutschland unterstellt Präsident Erdogan deutschen Behörden "Nazi-Methoden". Die deutsche Polizei warnt vor Ausschreitungen zwischen AKP-Anhängern und Kurden. Und im Streit um Satirebeiträge versucht Ankara, Einfluss auf die deutsche Pressefreiheit zu nehmen. Selten war das türkisch-deutsche Verhältnis so belastet wie derzeit. Besonders alarmierend: Etliche der rund drei Millionen in Deutschland lebenden Türken fühlen sich hierzulande abgehängt. Ihnen verleiht Erdogan ein neues Gefühl der Stärke. Derweil greift in auch Deutschland der Populismus immer stärker um sich. Hülya Özkan beschreibt, wie es zur besorgniserregenden Kluft zwischen Deutschen und Deutschtürken kam und warnt vor den möglicherweise verheerenden Folgen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 10.10.2017
Hülya Özkans "In Erdogans Visier" und Can Dündars "Verräter" gehören zu den Neuerscheinungen, die in diesem Herbst 2017 Licht auf die deutsch-türkuischen Verhältnsse werfen. Sie ergänzen sich perfekt, und darum bespricht Christiane Schlötzer sie in einem gemeinsamen Artikel: Wo Dündar mitreißend, manchmal bis zum Sentimentalen sei, brilliere Özkan durch Nüchternheit, so die Rezensentin. Bei Dündar lernt sie einerseits etwas über die Schmerzen des Exils, etwa die bittere Erfahrung, dass Freunde sich abwenden, und sie vollzieht Dündars Lernprozess nach: Dündar wundere sich, wie viele Deutschtürken begeistert zu Erdogan stehen. Özkan wiederum hat genau hierüber Informationen: Sie betone, dass die Erdogan-Fans in Deutschland zwar in der Minderheit seien, dass sie aber einer weit verbreiteten Verbitterung Ausdruck geben. Verunsicherung herrsche seit den NSU-Morden und dem Versagen der Behörden. Auf Özkans Rat sollten die Politiker hören, findet Schlötzer: Den Deutschtürken sollte ganz klar signalisiert werden, dass sie zu Deutschland gehören, aber zugleich sollten die "Grenzen der rechtsstaatlichen Toleranz" aufgezeigt werden. Zwei lesenswerte aktuelle Bücher also.
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