Das Auswärtige Amt und die Kolonien
Geschichte, Erinnerung, Erbe

C.H. Beck Verlag, München 2024
ISBN
9783406807138
Gebunden, 592 Seiten, 36,00
EUR
Klappentext
Die eigene Zeit als Kolonialmacht sei im Vergleich mit Ländern wie Frankreich oder Großbritannien kurz und relativ unproblematisch gewesen: So sah man es hierzulande lange. Doch das war ein Irrtum. Heute steht die deutsche koloniale Vergangenheit zu Recht im Zentrum kontrovers geführter Debatten über das koloniale Erbe in einer globalen Welt. Dieses Buch beleuchtet mit dem Auswärtigen Amt einen zentralen Akteur des deutschen Kolonialismus und spannt den Bogen vom Deutschen Kaiserreich bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. Dabei richtet sich der Blick nicht nur auf Deutschland, sondern auch in die betroffenen Gesellschaften Afrikas, Asiens und Ozeaniens. Mit dem Versailler Vertrag von 1919 endete die formale deutsche Kolonialherrschaft. Doch koloniales Denken lebte in der Mitte der deutschen Ge sellschaft fort - so auch im Auswärtigen Amt, dem eine Mitverantwortung für Gewalt und Verbrechen in den deutschen Kolonien zukommt. Die Folgen seines Handelns sind noch bis in unsere Gegenwart spürbar. In der Zeit der NS-Diktatur verbanden sich nationalkonservative, monarchistische und antirepublikanische Haltungen im Auswärtigen Amt mit den expansionistischen und rassistischen Zielen des Nationalsozialismus. Ab 1949 prägten Indifferenz und Ignoranz, Passivität und Relativierung die bundesdeutsche Politik gegenüber den ehemaligen Kolonien im globalen Süden. Heute ist das Amt maßgeblich an Verhandlungen über Restitution und Wiedergutmachung beteiligt. Zudem wird es von einer diverser gewordenen deutschen Gesellschaft mit Fragen zur kolonialen Vergangenheit konfrontiert. Aus Gründen der historischen Gerechtigkeit, aber auch angesichts einer veränderten Weltlage muss sich das Amt seiner eigenen Kolonialgeschichte stellen. Das Auswärtige Amt und sein koloniales Erbe - erstmals aufgearbeitet. Die Autoren kommen aus Deutschland und aus den ehemaligen Kolonien
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Info)
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 16.07.2024
Rezensent Wolfgang Stenke liest den von Carlos Alberto Haas, Lars Lehmann, Brigitte Reinwald und David Simo herausgegebenen Sammelband über die Rolle des Auswärtigen Amts bei der deutschen Kolonialpraxis mit Interesse. Auch wenn die Autoren des Bandes keine geschlossene Gesamtdarstellung anbieten und nicht alle Erkenntnisse neu sind, hält Stenke den Band doch für wichtig im Sinne eines weiteren Schritts in die richtige Richtung, d.h. Zur Aufklärung der Kolonialgeschichte, zumal das Außenamt den Band ohne Einflussnahme finanziert hat, wie er anmerkt. Unter den 17 Beiträgen von Historikern, Germanisten und Museumsleuten sticht für Stenke derjenige von Kokou Azamede hervor, der die koloniale Mitwirkung Indigener in Togo behandelt. Die Beiträge über Restitutionsfragen zeigen laut Stenke, wie gleichgeschaltet Beamte des Außenministeriums und Museumsleute in den 1970ern und 80ern agierten.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 12.06.2024
Wirklich Neues über die deutsche Kolonialgeschichte und die Verstrickungen des Auswärtigen Amts in dieser erfährt Rezensent Christoph Nonn nicht in dem von unter anderem Carlos Haas und Brigitte Reinwald herausgegebenen Band, der vom Auswärtigen Amt finanziell unterstützt wurde. Manche Beiträge reichern das Gesamtbild deutscher Kolonialverbrechen an, mit neuen Thesen wartet der Band allerdings nicht auf, moniert der Kritiker. Nonn findet allerdings die Beiträge, die sich mit der Kooperation von schwarzen Söldnern mit den Kolonialmächten beschäftigen "gewinnbringend". Warum manche Beiträge hinter den derzeitigen Forschungsstand zurückfallen und es vier Beiträge zur Kongokonferenz gibt statt sich noch weiter auf die Rolle des Auswärtigen Amtes zu konzentrieren, versteht Nonn nicht. Letztlich, so der Kritiker, wird deutlich, dass der Band bloß in kein "Fettnäpfchen" treten wollte und wohl kaum Einfluss auf "geschichtspolitische Debatten" nehmen wird.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 08.06.2024
Licht und Schatten gibt es in diesem Buch, findet Rezensent Dominic Johnson, für den insgesamt das Positive überwiegt. Denn der auf einer vom Auswärtigen Amt geförderten Untersuchung basierende Band über die kolonialen Verstrickungen eben des Auswärtigen Amtes tappt Johnson zufolge nicht in die Falle, die Schrecken der Vergangenheit mit einer glänzenden Gegenwart zu konterkarieren. Insgesamt, lernen wir, wird das Thema von 17 Autoren bearbeitet, die aus unterschiedlichen Ländern stammen, teils auch aus ehemaligen Kolonien. Inhaltlich hätte sich der Rezensent mehr Stringenz gewünscht, gerade für Einsteiger ist vieles zu voraussetzungsreich - aber im Detail gleichwohl lehrreich. Die Afrikapolitik der Gegenwart kommt nicht vor, moniert Johnson, wie auch der Umgang mit Leichenteilen aus den Kolonien, die in erschreckendem Umfang in Deutschlands Museen lagern. Insgesamt ein Buch, das auf viele weitere lohnende Forschungsthemen verweist, schließt Johnson.