Christian Milz' Analyse der Chiffren, Metaphern und Symbole des Woyzeck-Fragments entschlüsselt die verdeckte Handlung des Dramas und stellt neue Fragen an Werk und Leben des Dichters Georg Büchner. Die Mythisierung des Revolutionärs, Dichters und Wissenschaftlers als Erneuerer von Gesellschaft und Kultur ist mit dafür verantwortlich, dass Forschung und Publikum vor der literarischen Verarbeitung sexueller Abgründe in seinem Werk die Augen verschließen. Die Ambivalenz des Eros ist integrierter Bestandteil einer Multidimensionalität, die in Woyzeck durch eine Vielzahl von allegorisierenden und metaphorisierenden Verfahrensweisen hermetischen Charakter annimmt. Büchner greift in den literarischen Inzestdiskurs ein und nimmt Bezug auf die Ästhetik des Grotesken und Hässlichen der französischen Romantik. Bislang wenig beachtete Daten über seine Familie ergänzen das Werk und dekonstruieren das gängige Klischee der Arztfamilie.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 11.07.2013
Pünktlich zu Georg Büchners zweihundertstem Geburtstag hagelt es neue Biografien, die neue Interpretationen von Leben und Werk anzubieten haben, berichtet Manfred Koch. Christian Milz formuliert in seiner Biografie den Verdacht, dass Büchner, der ansonsten ein eher prüdes Elternhaus hatte, über seine Großmutter in die Geheimnisse der Sexualität eingeführt wurde, die diese aus ihren Tagen bei Hofe mitgebracht hatte. Soweit, so gut, findet Koch, die Frage, wie Büchner auf den Sex kam, treibt Interpreten schon eine Weile um. Fragwürdiger wird Milz' Ansatz, weil er es dabei nicht belässt, erklärt der Rezensent. Stattdessen entwirft er einen ganzen "Familienroman der inzestuösen Verstrickung" und, auf dieser Grundlage, eine allegorische Auslegung des "Woyzeck", in dem er eine Verarbeitung der "Versündigung einer übermächtigen Mutter-Instanz" zu erkennen glaubt, fasst Koch wenig überzeugt zusammen.
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