In der Gegenwartsgesellschaft dringe die Sprache des Marktes in alle Poren des Sozialen. Selbst unsere rationale Moral mit ihren reziproken Rechten und Pflichten sei dem merkantilen Vertragsprinzip nachgebildet. Darum bringt Habermas das Moralprinzip Nächstenliebe ins Spiel, das auch zentraler Gegenstand der ersten Enzyklika des neuen Pontifex ist, die weltweit hohe Aufmerksamkeit erregt. Habermas und der spätere Papst waren sich bei ihrem Zusammentreffen 2004 in ihrer Gesellschaftsanalyse einig und auch darin, dass Gerechtigkeit hergestellt und darüber hinaus die Nächstenliebe angemahnt werden müsse. Unterschiedlich sehen beide allerdings die Rolle der Religion im säkularen Staat. Detlef Horster setzt sich in seinem Essay kritisch mit den beiden Positionen auseinander und fragt von einem sozialphilosophischen Standpunkt aus nach den Möglichkeiten und Grenzen religiöser Impulse für die Moral der Gegenwart.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 13.03.2007
Als besonders verdienstvoll begrüßt Rezensent Horst Dreier die Kritik des Autors an der Rede vom allgemeinen Werteverfall. Detlef Horster habe einen gut geschriebenen "Streifzug" durch ethische und politische Grundfragen vorgelegt und verzichte auf "trockene" Belehrungen. Mit Jürgen Habermas halte Horster moralische Werte für objektiv begründbar, wobei der Rezensent sich mit der Begründungskategorie "Wohlergehen der Menschheit" nicht zufrieden gibt, denn sie sei historisch relativ. Auch die "umstandslose" Genese von Menschenrechten und Demokratie aus einer jüdisch-christlichen Tradition wird vom Rezensenten kritisiert. Interessante Hinweise wiederum könne man zum Thema Nächstenliebe finden, wenn der Autor aktuelle Untersuchungen zur Moralgenese einbeziehe. Rezensent Dreier betont auch, dass es einen Unterschied zwischen Werteverfall und Werterelativismus gebe, und erinnert daran, dass die größten Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts von Werteabsolutisten ins Werk gesetzt wurden.
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