Altgriechisch-Deutsch. Herausgegeben von Peter Scholz und Alexander Becker. Die Dissoi Logoi - "Zweierlei Ansichten" - sind ein kurzer Traktat, der als Anhang zu den Schriften des kaiserzeitlichen Skeptikers Sextus Empiricus überliefert wurde. Der von einem anonymen Autor wahrscheinlich an der Wende vom 5. zum 4. Jh. verfasste Text gibt einen einzigartigen Einblick in die Debatten und den Unterricht der Sophisten. Im Traktat werden am Beispiel verschiedener Gegensatzpaare, dem vom Guten und Schlechten, vom Schicklichen und Unanständigen, vom Gerechten und Ungerechten, von Wahrheit und Falschheit, von Sein und Nichtsein erörtert, wobei an der Debatte weniger der jeweils verhandelte Inhalt interessiert als vielmehr die Argumentationsweise, da gezeigt wird, dass alle Unterscheidungen bloß relativ und damit letztlich gleichgültig seien. Weitere Themen dieser Schrift sind die Lehrbarkeit von Tugend und Klugheit, die richtige Auswahl der Beamten, das für die politische Betätigung und Rede nötige Wissen sowie die Gedächtnistechniken. Das wesentliche Anliegen der vorliegenden Ausgabe besteht darin, diesen Text, der einen unmittelbaren Einblick in die sophistische Lehrsituation bietet, einem weiteren Leserkreis als bislang zugänglich zu machen und nahezubringen - sprachlich durch einen neugestalteten griechischen Text und eine beigegebene moderne deutsche Übersetzung, inhaltlich durch eine eingehende Erläuterung der Argumentation in den einzelnen Kapiteln und Analyse der philosophisch durchaus eigenständigen, häufig unterschätzten Position des Autors und schließlich historisch durch eine Skizze des historisch-politischen und intellektuellen Umfelds, aus dem die Schrift hervorgegangen ist.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 30.11.2004
Johan Schloemann würdigt einen unbekannten Helden der Geistesgeschichte, einen "Lehrenden ohne Namen": den Verfasser einer Schrift vom Ende des fünften vorchristlichen Jahrhunderts, einem "Dokument der Entdeckung einer anti-esoterischen, anti-dogmatischen geistigen Öffentlichkeit". Man hat diese Abhandlung als Werk eines Mittelmäßigen abgetan, rekapituliert der Rezensent, doch man müsse sie als das nehmen, was sie war, nämlich "ein Übungsstück für den mündlichen Unterricht". Denn darum ging es, und darin verbindet sich für Schloemann diese kleine Schrift mit der Geistesgeschichte der Zeit: die Überzeugung, dass Klugheit trainierbar ist. Mit dieser Auffassung war der unbekannte Geistesheld in seiner Zeit keineswegs wohlgelitten - Schloemann erinnert daran, dass man Sokrates damals als Sophisten hinrichtete. Der namenlose Lehrer setzte der Vorstellung einer eindeutig erkennbaren Wahrheit seine "zweierlei Ansichten" entgegen; in kleinen Lehrstücken suchte er zu zeigen, dass man immer das eine, aber auch das andere, das Gegenteil begründen kann. Das ist kein "zersetzender Kulturrelativismus", sondern "die notwendige geistige Gymnastik einer Ausbildung, die jeder Demokratie gut steht", findet der Rezensent.
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