Neuausgabe mit einer Einleitung von Steffen Augsberg. Die derzeitigen Krisenerfahrungen erinnern uns daran, wie fragil scheinbar stabile demokratische Institutionen sind. Auch dem Grundgesetz war seine Langlebigkeit nicht in die Wiege gelegt, nicht nur, weil es als Provisorium konzipiert war. Sogar Dolf Sternberger, der Schöpfer des Begriffs Verfassungspatriotismus, beklagte sich in einem Brief an seine Freundin Hannah Arendt anfangs über das "schwächliche Bonner Machwerk" und war skeptisch, ob und wie die demokratische Ordnung mit Leben zu füllen sei. Als Aristoteliker wusste er: Die Bürgerinnen und Bürger machen den Staat aus. Die 1956 erschienenen Überlegungen zur "lebenden Verfassung" in statu nascendi werfen Schlaglichter auf die Entwicklungsdynamiken der frühen Bundesrepublik und blenden kritische Aspekte nicht aus. Sternberger hatte diese Schrift, die ursprünglich 1956 im Hain Verlag erschien, nie wieder veröffentlicht. Damals war er in Sorge um die Funktionalität der jungen Demokratie, der er aber nach und nach immer bessere Überlebenschancen einräumte.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.01.2023
Rezensent Stephan Klenner bedauert, dass diese Texte des einflussreichen Politikwissenschaftlers Dolf Sternberger in Vergessenheit geraten waren, denn sie gingen grundsätzlich der Frage nach, was Politikwissenschaft leisten kann. Dass die Herausgeber dem Band mit Beobachtungen aus der frühen Bundesrepublik keinerlei Kommentare, Einführung oder Erklärung beifügen, kann Klenner positiv finden: Gerade weil das politische Vokabular in den fünfziger Jahre, als Sternberger schrieb, noch nicht so festgelegt war, liest man seine Gedanken über Koalitionen, Opposition und politische Kultur ganz unverfälscht.
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