Die Demokratie wird angegriffen. Aber die Verteidigungsfront verläuft nicht nur in der Ukraine, in Hong Kong, Taiwan, Afghanistan. Nicht nur äußere Feind bedrohen die Freiheit, sondern auch eine Erosion demokratischer Haltungen und Gewohnheiten. Eigentlich handelt es sich aber um eine tiefe Entfremdung zwischen den Bürgerinnen und Bürgern und den Repräsentanten ihres Staates. Während die Menschen in der Ukraine einen Heroismus zeigen, der uns fremd geworden ist, fragen wir uns, was uns das Leben in der Demokratie wert ist? Felix Heidenreich zeigt in seinem Buch vor, dass die demokratische Selbstregierung immer auch eine Zumutung war. Dabei geht es nicht nur um die einfache Erfüllung von Pflichten. Erst als Antwort auf eine angemessene Ansprache werden die Menschen zu Bürgerinnen und Bürgern in einem starken Sinne, zu citoyens, die Politik nicht wie nörgelnde Kinder konsumieren, sondern verantwortlich mitgestalten.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.09.2022
Rezensent Frank Decker lauscht mit Interesse den Ideen des Politikwissenschaftlers Felix Heidenreich zur Vorstellung des Bürgers als eines moralischen Akteurs. Was der Autor unter Einbezug politischer Ideengeschichte und eines komparatistischen Blicks auf Frankreich oder die USA über unsere "Bringschuld" in der Demokratie zu sagen hat, ist laut Decker zwar nicht unbedingt neu, aber differenziert in der Darstellung. Dass Heidenreich sich über Umsetzung und Machbarkeit seiner Vorschläge weitgehend ausschweigt, findet Decker etwas schade.
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