Aus dem Ungarischen von Éva Zádor. Während die Kádár-Ära viele Ungarn zu Opportunisten und Komplizen machte, erzählt der neunjährige Held des 1968 spielenden Romans von dem Leben der zwölfköpfigen Familie und seinen Erlebnissen, an deren Ende ein eigenes Vergehen steht. Den Rahmen bildet der Kampf des Vaters, eines ehemaligen Offiziers, der heimlich mit Rosenkränzen handelt, und der Mutter, die mit einer verschroben katholischen Spiritualität die Familie zusammenhält: An einem großen Haus wird gebaut, bis dahin aber ziehen die Eltern ihre zehn Kinder in einer winzigen Wohnung bei Budapest auf. Außer ihnen gibt es da noch den mit Sündengrafiken hantierenden Pfarrer, die kommunistische Baubrigade, den dichtenden Redakteur einer katholischen Zeitung, die gut riechende Lehrerin und die Mitschüler, bedrohlich und verlockend. "Der Neunte" ist nicht nur die Geschichte einer facettenreichen Familie in absoluter Armut, sondern auch in Gestalt des namenlosen Helden ein Zeugnis osteuropäischer Daseinskämpfe.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 09.09.2015
Rezensent Jörg Plath schätzt den Humor des ungarischen Autors Ferenc Barnás, dessen im Original bereits 2006 erschienenen Roman er in eine Reihe mit Péter Nádas' "Die Bibel" und Szilárd Borbélys "Die Mittellosen" stellt. Die Geschichte einer bitterarmen Familie im Ungarn der späten 60er, erzählt aus der Perspektive eines Neunjährigen, liest der Rezensent nicht als Systemkritik, sondern als bloße Schilderung eines Lebens aus Sicht eines neugierigen Kindes, ohne Absatz oder fiktive Räume, dafür mit starken Bildern der Unbehausheit und symbolischen wie fantastischen Momenten, wie Plath erklärt. "Ein wunderbarer ungarischer Schriftsteller - noch einer! - ist zu entdecken", verspricht er.
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