Florian Illies

Wenn die Sonne untergeht

Familie Mann in Sanary
Cover: Wenn die Sonne untergeht
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2025
ISBN 9783103971927
Gebunden, 336 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Im glühend heißen Sommer des Jahres 1933 spitzt sich die politische Lage in Deutschland immer weiter zu - und genauso die der Familie Mann. Thomas, Katia und ihre sechs Kinder landen nach ihren abenteuerlichen Fluchten aus der Heimat durch puren Zufall am südfranzösischen Mittelmeer, in Sanary-sur-Mer.Ein Ort, eine Familie, drei Monate bei dreißig Grad - Florian Illies erzählt von der Trauer um den Verlust der Heimat. Von Wehmut und vom Überlebenswillen, obwohl die alte Welt einzustürzen droht. Und er erzählt von der großen Zerreißprobe zwischen Klaus und Erika Mann und ihrem Vater.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 05.11.2025

Ein fantastisches Buch hat Florian Illies über Thomas Manns erste Exilmonate im französischen Sanary-sur-Mer geschrieben, jubelt Rezensent Michael Hesse. Die Rezension beschränkt sich weitgehend darauf, entlang der Lektüre diese paar Monate im Jahr 1933 aus der Sicht Manns zu rekonstruieren. Hesse schreibt mit Illies unter anderem über den Abschied Manns aus der Münchner Wohnung, über die unbequeme Fahrt in Richtung Frankreich, über das Leben im Exil als Literat, über innerfamiliäre Querelen, die unter anderem damit zu tun haben, dass Thomas Mann sich, anders als einige seiner Verwandten, schwer damit tut, sich in der Öffentlichkeit von den Nazis zu distanzieren. Insgesamt porträtiert Illies Mann als einen Menschen "zwischen Weltbedeutung und Entwurzelung", lesen wir bei Hesse. Jedenfalls hält der Rezensent das besprochene Buch für eines der wichtigsten des Thomas-Mann-Jahres 2025.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 01.11.2025

Einen veritablen Verriss widmet Rezensent Roman Bucheli Florian Illies, der "tremolierende Prosa" über Thomas Manns Sommer in Sanary-sur-Meer geschrieben habe und dabei glaube, es handle sich um ein Sachbuch. Mit allem Pathos werde geschildert, wie Mann noch einmal die Pendeluhr aufzieht, bevor er sich mit seiner Frau Katia auf den Weg macht, zunächst nach Amsterdam, dann nach Paris, Arosa und schließlich nach Sanary. Auch vom Exilweg der ganzen Familie Mann, von Lion Feuchtwanger und Arnold Zweig liest Bucheli, Illies schreibt fast cinematografisch, immer live dabei, wenn Klaus und Erika sich im Auto den Fahrtwind ins Gesicht flattern lassen oder Feuchtwanger seine Sekretärin zur Geliebten macht. Es stört den Kritiker dabei nicht nur das klatschhafte der Schilderungen, sondern vor allem auch die unausgegorene Sprache - dass der Autor bezüglich der jüdischen Herkunft Katia Manns dann auch noch die Diktion der Nazis übernimmt, setzt dem ganzen noch die Krone auf, schimpft er.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 25.10.2025

Eine insgesamt eher unfreundliche Besprechung lässt Rezensent Jan Drees Florian Illies' Thomas-Mann-Buch zukommen. Es widmet sich den ersten Monaten der Manns im Exil nach der Ausreise aus Nazideutschland, lder beschriebene Zeitraum umfasst die Monate Februar bis September im Jahr 1933. Manns Suche nach einer neuen moralischen Positionierung zu den Vorgängen in Deutschland wird von Illies in durchaus starker Manier dargestellt, findet Drees, dem auch gefällt, wie der Autor den durchaus schweren Stoff mit allerlei Schlüpfrigkeiten auflockert. Wenn Illies sich allerdings anschickt, in Manns Inneres hineinzuschauen und ihm etwa eine "lübeckische Entschiedenheit" beim Türzuschlagen attestiert, ist Drees draußen. Solch einfühlendes biografisches Schreiben mag zwar Tradition haben, bei Illies jedoch, ärgert sich Drees, resultiert es immer wieder in ziemlich abgedroschenen, teils fast unfreiwillig komischen Episoden, die außerdem noch in einer ungelenken Sprache verfasst sind. Die lange eher neutral abwägende Besprechung endet auf einer deutlich kritischen Note.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 23.10.2025

Ist das noch Geschichtsschreibung oder schon Belletristik? Das ist die Grundfrage, an der entlang Rezensent Lothar Müller Florian Illies' Buch über die ersten Exilmonate der Mann-Familie im französischen Sanary bespricht. Illies hat zwar zahlreiche historische Quellen durchgesehen für dieses Werk, stellt Müller klar, Fußnoten oder einen Anmerkungsapparat gibt es allerdings nicht, es gehe dem Autor durchweg darum, im feuilletonistischen Stil Vergangenheit gegenwärtig zu machen. Dazu passt, lesen wir weiter, dass nicht literarische Werke, sondern höchstens deren Entstehung und überhaupt Privates im Vordergrund stehen. Ein konkreter Kritikpunkt Müllers ist, dass Heinrich Mann als Literat wenig gewürdigt, stattdessen eher als Erotomane lächerlich gemacht wird, was in einem Übergewicht zugunsten Thomas Manns resultiert. Illies versteht sich zwar darauf, so Müller, einen "Wirklichkeitseffekt" zu erzeugen, etwa wenn er Briefe und Tagebuchaufzeichnungen in sein Buch einfließen lässt; aber dieser Effekt ist für den Kritiker letztlich schon sehr nah an den Techniken der Romanfiktion. Komplett glücklich scheint Müller mit dieser Form der feuilletonistischen Geschichtsschreibung nicht zu sein.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.2025

Ja, es gibt noch unerzählte Kapitel in der Geschichte der Mann-Familie, kann Rezensentin Sandra Kegel in Florian Illies neuem Buch über den "dunklen Sommer von Sanary" feststellen: Viele Intellektuelle verschlägt es 1933 zunächst ins französische Sanary-sur-Mer. Die Flucht der meisten ist überstürzt, das Haus der Feuchtwangers in Berlin wurde schon von den Nazis zerstört, Brecht ist mit seiner Geliebten Grete Steffin angereist, Eva Herrmann, Arnold und Beatrice Zweig und viele andere sind ebenfalls dort und werden von Illies nach und nach in die Handlung eingeführt, verrät Kegel. Thomas und Katia Mann wollten 1933 eigentlich nur zu einer Vortragsreihe aufbrechen, aber ihre Kinder machen ihnen bald klar, dass eine Rückkehr unmöglich ist, und so trifft sich die Familie in Sanary. Das ist natürlich nicht unproblematisch, Golo leidet und auch Klaus hat seine Probleme mit dem Vater. "Filmisch" erzählt der Autor die Begegnungen der Familie, geradezu misstrauisch wird man ob der so authentisch wirkenden Dialoge, meint Kegel: Woher weiß er das? Aber Illies stützt sich auf eine stabile Quellenlage und zudem unveröffentlichte Tagebücher - das gibt der Geschichte einen "erfrischend unverbrauchten Ton". Faszinierend, findet Kegel. 

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