Spätestens seit der Veröffentlichung von Wolfgang Reinhards meisterlicher "Geschichte der Staatsgewalt" von 1999, einer vergleichenden Verfassungsgeschichte Europas von den Anfängen bis zur Gegenwart, wird das umfangreiche wissenschaftliche Werk des Historikers immer mehr in seiner überragenden Bedeutung für die moderne Geschichtswissenschaft und die Gesamtheit historisch orientierter Sozialwissenschaften erkannt. Reinhards Analyse der sogenannten Gegenreformation als katholischer Modernisierung, seine Geschichte der europäischen Expansion und des Kolonialismus, seine Netzwerkanalysen zu Nepotismus und Klientelpolitik im Papsttum, seine umfangreichen Beiträge zu einer historischen Anthropologie - all dies wird immer mehr in seinen Zusammenhängen durchschaubar.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.11.2008
Festschrift ja, kritisch nein. Nicht dass der Rezensent dem Frühneuzeithistoriker Wolfgang Reinhard keine Lorbeeren gönnt. Oder erst eine gründliche Diskussion seiner Arbeit. Im Gegenteil. Die in diese anlässlich von Reinhards siebzigstem Geburtstag verfasste Lobhudelei eingeflossene Energie, denkt sich Caspar Hirschi wohl insgeheim, wäre dafür doch verwendbar gewesen. Weder in den vier den Kern bildenden thematischen Aufsätzen (über Reinhards historische Anthropologie etwa), noch in den persönlicheren Beiträgen jedoch entdeckt Hirschi einen Funken Kritik. Oder doch: Irgendwo stand doch etwas über Reinhards nachlässige Art des Fußnotensetzens oder den offenbar notwendigen mäßigenden Einfluss der Gattin.. Nur einmal horcht der Rezensent auf: Wenn Wolfgang Knöbl Reinhards Modell der Staatenbildung soziologisch betrachtet und des Meisters These eines Übergangs in ein "nachstaatliches Zeitalter" infrage stellt.
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