Hans Ostwald

Berlin - Anfänge einer Großstadt

Szenen und Reportagen 1904-1908
Cover: Berlin - Anfänge einer Großstadt
Galiani Verlag Berlin, Berlin 2020
ISBN 9783869711935
Gebunden, 416 Seiten, 28,00 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Thomas Böhm. Als Hans Ostwald zu Beginn des 20. Jahrhunderts die ersten Großstadt-Dokumente in Auftrag gibt, ahnt er nicht, dass die Reihe mit zwanzig geplanten Milieustudien schnell auf fünfzig Bände anwachsen wird. Es entstehen Texte, die Berlins Vielschichtigkeit durchdringen und ein breites Panorama aus ebenso rauen wie poetischen Momenten des Großstadtlebens abbilden. Ostwald selbst verbringt etwa eine Nacht im Obdachlosenheim und findet Autoren, die sich im Milieu der Geisterbeschwörer auskennen oder über die nicht immer legalen Machenschaften auf der Pferderennbahn Hoppegarten schreiben. Und es gibt noch Brisanteres: Magnus Hirschfelds Schilderung der Homosexuellenszene rief nach Erscheinen einen waschechten Skandal hervor, Wilhelm Hammers Band über lesbische Paarbeziehungen wurde sogar sofort verboten.Nie zuvor gab es einen ähnlich groß angelegten Versuch, das Wesen einer Großstadt in all seinen Facetten einzufangen wie mit dieser Reihe. Thomas Böhm hat eine Auswahl getroffen, die das Berlin der Jahrhundertwende zum Leben erweckt und verblüffende Parallelen zwischen damals und heute offenbart.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 14.12.2020

Nach anfänglichem Lob sieht Rezensent Stephan Speicher dieses Unternehmen doch auch ziemlich kritisch. Er weist auf den Anspruch Hans Ostwalds hin, traditionelle künstlerische Mittel - etwa des Romans - journalistisch zu überwinden. Aber so sehr überzeugt hat den Kritiker das Resultat eigentlich nicht, so gefallen ihm zum Beispiel die "nicht-journalistischen" Beiträge am besten, etwa Magnus Hirschfelds wissenschaftliche Darstellung von Homosexualität. Ihm fällt angesichts der leicht ins Sensationalistische gedrehten Milieustudien ein, wie sehr die rechte Presse kurz darauf genau diese Elemente des Städtischen als propagandistischen Ausgangspunkt ihrer Moderne-Kritik aufgegriffen hat. Und genau deshalb hätte ihm gefallen, hier wäre tatsächlich mehr "der gewisse Kulturwert" zum Tragen gekommen, den Ostwald selbst an der Großstadt lobte - und damit meint der kritische Kritiker vor allem das "Nüchterne, Tüchtige, Reelle", etwa Industrie, Wissenschaft und Medizin.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 02.10.2020

Rezensent Aleksandar Zivanovic empfiehlt Thomas Böhms Auswahl von Texten aus Hans Ostwalds umfangreichem Projekt "Großstadt-Dokumente", das zwischen 1904 und 1908 erschien. Mit für die damalige Zeit sehr modernem Anspruch hatte der Berliner Autor und Journalist es sich damals vorgenommen, in ganz verschiedenartigen Texten zu ebenso verschiedenen Themen Einblick ins Berliner Großstadtleben zu bieten, erklärt der Rezensent - so stehen wissenschaftliche, literarische oder dokumentarische Texte von zahlreichen Mitautoren zu Kaffeehäusern, Prostitution oder Kultur nebeneinander. Böhms Auswahl von 50 Texten aus dem damals sehr erfolgreichen Werk, vom Herausgeber durch ein aufschlussreiches Vorwort zur NS-Vergangenheit Ostwalds eingeleitet, so Zivanovic, dürfte auch heute noch vor allem Berlin-Interessierten ein Lesevergnügen sein, meint er.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 23.09.2020

Rezensent Arno Widmann feiert Thomas Böhms Auswahl aus Hans Ostwalds Berlin-Dokumenten von 1904-1908. Vor allem Ostwalds Neugier auf die Stadt und ihre Menschen hat es Widmann angetan und der scharfe Blick des Kulturhistorikers, der sich zu keiner Analyse aufschwingt und zu keiner Anklage. Für Widmann sollte das Schule machen, die reine Beschreibung, das sture Material. Zu erfahren wäre laut Widmann u.a. dies: dass das Neue im urbanen Milieu nicht als Bedrohung erfahren werden muss. Böhms biografische Einführung in Ostwalds Leben und Werk leistet Widmann gute Dienste.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 04.09.2020

Rezensent Hans von Trotha erfährt viel über Berlins Seele mit Hans Ostwalds wiederaufgelegtem "Mammut-Projekt" aus den Jahren 1904 bis 1908. Gerade das Disparate der Dokumente im Band aus den Bereichen Literatur und Journalismus, die Kaiserausritte im Tiergarten ebenso behandeln wie die Stricherszene, das Kriminalgericht, Heimarbeiterinnen oder Nachtlokale, scheint Trotha dazu angetan, die Großstadtsymphonie abzubilden. Dem Herausgeber und Kommentator der Auswahl, Thomas Böhm, dankt Trotha auch für die Begegnung mit echten Berliner Originalen.