Helmut Lethen

Stoische Gangarten

Versuche der Lebensführung
Cover: Stoische Gangarten
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783737102377
Gebunden, 224 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Was ist vom wirkmächtigen, bis in die Antike zurückreichenden Ideal einer stoischen Lebensführung heute noch geblieben? Ist in Zeiten zunehmender Extreme und Katastrophen ein ausgewogenes, auf Vermittlung bedachtes Leben überhaupt möglich, oder bleibt uns nur, den Verlust der Gelassenheit zu verzeichnen, den Absturz in die Unversöhnlichkeit, in gleichgültige, lähmende Vereinzelung? In einer  Tour de Force beschreibt Helmut Lethen die Suche nach Möglichkeiten der Gelassenheit, von der Kältewelt des Barocks bis zu den Kriegen der Gegenwart, zeigt dabei aber auch, wie stoische Prinzipien Schiffbruch erlitten haben und die Parole "Du musst dein Leben führen!" heute kaum mehr eine Chance hat. Die Forderung nach "Wehrtüchtigkeit" trifft auf Körper, die dazu nicht taugen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.08.2025

Rezensent Jens Hacke sympathisiert mit dieser Schrift Helmut Lethens, die als Lob eines stoischen, unaufgeregten Lebensstils angelegt ist. Keinen Lebensratgeber legt der Autor hier vor, stellt Hacke klar, vielmehr analysiert er, wie Menschen mit extremen Situationen wie Schmerz und dem kommenden Tod umgehen. Der Autor nimmt dabei Partei für jene, die sich selbst angesichts überbordender Emotionen zurückzunehmen verstehen, auch die Opposition von Natur und Moral spielt dabei eine Rolle. Keineswegs ist immer sofort klar, wie solche Gedanken lebenspraktisch nutzbar gemacht werden können, meint Hacke, die Stärke des assoziativ argumentierenden Buches liegt eher darin, produktive Irritationen hervorzurufen. Ernst Jünger spielt eine wichtige Rolle bei Lethen, lernen wir, genau wie der Komplex des Militärischen, außerdem stellt sich die Frage, wie der Stoizismus, der ja auf Vereinzelung verweist, sozial wirksam werden kann. Kein widerspruchsfreies Buch legt der Autor dem Rezensenten zufolge hier vor, aber eines, dessen Lektüre gut nachwirkt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 14.08.2025

Helmut Lethens Alterswerk kann Rezensent Alexander Cammann in vollen Zügen genießen, da Lethen sich wie stets als beweglicher Intellektueller zeigt und frisch fröhlich Selbstanalyse, Lebensthemen, Weggefährten, Stendahl, Arendt, Lady Gaga, Panzer in der Ukraine und Episoden aus seiner linksbewegten Frühzeit miteinander verschneidet. Schon die "soundbewussten" Überschriften begeistern Cammann. Und auch wenn er manches im Buch schon kennt, wird es hier vom Autor doch gekonnt und neu als Mash-up aus Text- und Bildbetrachtung präsentiert, wie Cammann bewundernd feststellt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.08.2025

Helmut Lethen verabschiedet sich vom eigenen Mythos , dem "Freiheitsraum der Kälte", wie Rezensentin Marianna Lieder schreibt. Im neuen, schmalen Band erlebt sie weniger den Coolness-Theoretiker der 1990er als einen 86-Jährigen, der zwischen Gesundheitsproblemen, Verlusten und globaler Krise auf eine "depressive Schrumpfform" des Stoizismus setzt: Kontemplation statt Souveränität. Lethen mäandert durch Lieblingsautoren wie Benn, Gracián oder Jünger, zitiert Büchners "Geht einmal euren Phrasen nach…" als Leitmotiv, streut Biografisches, Fototheorie und Zeitdiagnosen ein und fasst Lieder zusammen. Pointen entstehen oft nebenbei - etwa, wenn er mit Nietzsche und Schopenhauer die Liebe als Bühne inszenierter Gleichheit entlarvt. Gegen Ende steht ein offenes Bekenntnis zur eigenen "Ratlosigkeit" zwischen "strukturellem Pazifismus" und Militarisierungsforderungen. Eine "erschütternd unmittelbare, völlig schutzlose Demonstration der Ratlosigkeit", konstatiert die Kritikerin beeindruckt. Zu ertragen, dass auch Lethen den Glauben an die "befreiende Macht der Coolness" verloren zu haben scheint, lässt die Kritikerin in der eigenen "stoischen Gelassenheit" wanken.  

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 02.08.2025

Ein wenig optimistisches Alterswerk legt der Literaturwissenschaftler Helmut Lethen Rezensent Mladen Gladic zufolge hier vor. Gladic fühlt sich bei der Lektüre des Öfteren an Lethens viel diskutiertes älteres Buch "Verhaltenslehren" erinnert, weist allerdings darauf hin, dass der Begriff von Öffentlichkeit, um den es auch diesmal geht, hier nicht, wie damals, von Plessner und Krauss, sondern von Negt und Kluge her gedacht ist. Nicht allzu gut steht es um deren Utopie einer uns alle stabilisierenden öffentlichen Sphäre, glaubt Lethen laut Gladic, und auch sonst dominieren die finsteren Töne in einem Buch, das autobiografische Passagen - unter anderem zur Zeit als Wehrdienstleistender und als Maoist - mit Ideengeschichte und Zeitkommentar verknüpft. Von Paradoxien gelähmt fühlt sich Lethen, so Gladic, etwa was dessen Pazifismus betrifft, der mit dem verständlichen Wunsch nach Wehrhaftigkeit kollidiert. Immer noch erhellend erscheinen dem Rezensenten die Lektüren Lethens, Büchner wendet er sich diesmal unter anderem zu, sowie abermals Ernst Jünger. Insgesamt beschreibt Gladic Lethens Buch als eine reichhaltige Leseerfahrung.

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