Marcel Duchamp gilt heute als der bedeutendste Vordenker der postmodernen Ästhetik. Kein Werk seiner Kunst befremdet Publikum und Kritik so sehr wie die Installation "Gegeben sei: 1. der Wasserfall 2. das Leuchtglas" im Philadelphia Museum of Art. Ist die Szenerie, aufgebaut nach dem Modell einer Peepshow, ein frauenfeindliches Machwerk oder schlicht der letzte Versuch, das Publikum noch einmal zu schockieren? Der Duchamp-Spezialist Herbert Molderings versucht eine neue Deutung des Spätwerks. Für ihn ist es das ironische Schlussbild einer künstlerischen Fragestellung, die Duchamp sein Leben lang beschäftigt hat: das "Sehen betrachten".
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 21.08.2012
Der hier rezensierende Professor für Kunst und Öffentlichkeit Georg Imdahl lässt sich von Herbert Molderings Interpretation des letzten, zwischen 1946 und 1966 entstandenen Werks von Marcel Duchamp überzeugen und findet hier die Fragen gestellt, für die sich die Kunstgeschichte bislang nicht interessierte. Der als Duchamp-Kenner bekannte Autor klärt detailliert die kunsthistorischen Verweise und Implikationen, kann am Ende aber mit einer biografischen Deutung überraschen, so der Rezensent. Die leidenschaftliche heimliche Affäre mit der Bildhauerin Maria Martins, die diese 1951 beendete, löste bei Duchamp eine tiefe Lebenskrise aus und erklärt die rätselhaften "morbiden, abstoßenden und misogynen Züge", die das Werk ausstrahlt, wie Imdahl dem Buch entnimmt. Eine ebenso einleuchtende wie überraschende Erklärung, findet der Rezensent, der hier "intensives Quellenstudium" zu gutem Nutzen eines bekannten Werks lobt.
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