Aus dem Ukrainischen von Jakob Walosczyk. Mira Zehmann ist Hausärztin, Mutter, Ehefrau. Sie stammt aus einer jüdischen Familie in Odesa, vor Jahren hat sie zusammen mit ihrem Mann die Ukraine verlassen, um in Deutschland ihr eigenes Leben zu leben - für sich und ihre kleine Tochter. Doch als in ihrer alten Heimat Bomben explodieren, gerät ihre Welt aus den Fugen, und ein erbarmungsloser Zugwind weht durch ihr Leben. Die Hausarztpraxis wird zur Anlaufstelle, lang ist die Schlange der ukrainischen Patienten, die alle zu Mira wollen auf der Suche nach Trost, nach Heilung und Mitgefühl. Ob eine Affäre hilft, Miras Unmut über den unendlich langen Besuch der Schwiegermutter zu überwinden? Als Mira verfolgt, wie ihre Patienten zwischen den Welten reisen, steht für sie fest: Sie muss nach Odesa, muss ihre über neunzigjährige Oma besuchen, das Meer sehen, mit ihren Freunden tanzen gehen.Iryna Fingerova erzählt so bewegend wie authentisch von Miras Trauer, ihren Schuldgefühlen, ihrer Wut und Resignation, bis hin zu dem Versuch, das eigene Leben weiterzuleben, die Ereignisse zu akzeptieren und vielleicht persönlichen Frieden zu finden.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 13.03.2026
"Die Welt ist am Arsch!", stellt Iryna Fingerovas Erzählerin und wohl auch Alter Ego Mira Zehmann in einem Satz fest, um ihm im nächsten wieder "heftig Paroli" zu bieten, beschreibt Rezensentin Ilma Rakusa: Mal zornig, mal schwermütig, mal trotzig heiter und übermütig, mal todernst - so schreibt die gebürtige Ukrainerin von ihrem Alltag im deutschen Exil, der durch den russischen Angriffskrieg gewaltig in Unordnung gebracht wird. Wie ein "Sturm" wütet dieser Krieg in ihr und ihrem Leben. Doch gerade in dieser Unruhe, in diesem Chaos beschließt sie, das Leben mehr denn je zu spüren, zu genießen, denn schließlich gibt es nur das eine, und das ist wertvoll. Was wie eine Plattitüde klingt, setzt Fingerova in ihrem Roman sinnlich in Literatur um, freut sich Rakusa, eine intensive, lebensechte Literatur, heißt: voller Witz und voller Widersprüche und Ambivalenzen, facettenreich, wendungsreich, gedankenreich. Es geht um Fragen der Identität und der Religion, es geht um Heimat und um Traumata, es geht um Gewalt, um Bücher, um Exzess. Es geht um den Willen zum Leben und dieser Wille, so die begeisterte Rezensentin, diese trotzige Lust am Dasein steckt an.
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