Vor etwa 100 Jahren prangerte Karl Kraus in seiner Zeitschrift "Die Fackel" den Einfluss der Massenmedien an, kritisierte die entmenschlichenden Folgen von Technik und Konsumkapitalismus sowie die chauvinistische Rhetorik in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bis in die Weimarer Republik. Aber obwohl er glühende Anhänger hatte, darunter Franz Kafka und Walter Benjamin, blieb er ein einsamer Prophet, und heute sind seine Schriften nur noch Wenigen bekannt. Mit seinem "Kraus-Projekt" versucht Jonathan Franzen, das zu ändern. Er versammelt die aus seiner Sicht bedeutsamsten zwei Aufsätze des Wiener Polemikers und hat sie - unterstützt von Daniel Kehlmann und dem Kraus-Experten Paul Reitter - auf Aufsehen erregende Weise, nämlich sehr persönlich kommentiert.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 06.12.2014
Nach drei Jahrzehnten Arbeit ist Jonathan Franzens Werk "Das Kraus-Projekt" nun auch auf Deutsch erschienen, und Rezensent Burkhard Müller bleibt nach der Lektüre mit gemischten Gefühlen zurück. Zunächst einmal bewundert der Kritiker Franzens Mut, nicht nur seine von dunklen Erfahrungen geprägten, ehrgeizigen Jahre während eines Stipendien-Aufenthalts in Westberlin mit zwei Essays des Wiener Satirikers Karl Kraus zu verbinden, sondern sich darüber hinaus auch noch ausgerechnet den selbst in deutscher Sprache schwer zugänglichen Heine- und Nestroy-Essays zu widmen. Allerdings hat Müller den Eindruck, dass einige Kraus-Passagen doch recht undurchdringlich blieben. Zwar liest der Rezensent fasziniert die Geschichten aus der Jugend des Autors und stöbert amüsiert in alten Liebesbriefen Franzens, bemerkt während der Lektüre aber auch, dass er den Blick immer mehr von den Kraus-Passagen abwendet. Auch wenn der Versuch Kraus und Franzen in ein Buch zu bringen laut Müller gescheitert ist, lobt der Kritiker das Werk als "literarisch-persönliches" Bekenntnis.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.11.2014
Ursprünglich war "Das Kraus-Projekt" ein Kraus-Project, berichtet Helmut Mayer, nämlich der Versuch Jonathan Franzens, mit seinen Übersetzungen zweier Essays ("Heine und die Folgen" und "Nestroy und die Nachwelt") und einem umfangreichen Kommentar, den er gemeinsam mit dem Kulturwissenschaftler Paul Reitter und dem Schriftstellerkollegen Daniel Kehlmann zusammengestellt hat, den Amerikanern Karl Kraus' Rolle in der Literaturgeschichte, aber auch und vor allem seine andauernde Relevanz nahezubringen, fasst der Rezensent zusammen. Allerdings mutet Mayer Franzens Kommentar zu anekdotisch an, der Rezensent vermisst die philologische Disziplin, und auch bei der "politisch korrekten Anwendung" einer Kraus'schen Gesellschafts- und Pressekritik auf die gegenwärtigen Zustände entschärft Franzen den ursprünglichen Biss über Gebühr, bedauert Mayer.
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