Provinzialismus - unter diesem provokanten Stichwort hat Karl Heinz Bohrer seine in voller Absicht politisch unkorrekten Studien über die Mentalitäten in Politik, Universität und Kulturbetrieb versammelt. Fazit seiner Wahrnehmungen: Die mittlere Mittelklasse, die sich gegen jede Hierarchisierung zur Wehr setzte, hat abgewirtschaftet.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 02.12.2000
Der Autor, heute Herausgeber der Zeitschrift "Merkur" und früher auch mal England-Korrespondent der FAZ, war für Lutz Hagestedt der Kolumnist, der die Ära Kohl essayistisch am brillantesten kommentieren konnte. Und ist er dann nicht der Mann der Stunde, fragt Hagestedt, der uns den passenden Kommentar zur Debatte um die deutsche Leitkultur liefern könnte? Jedoch - er ist es nicht, sagt Lutz Hagestedt enttäuscht beim Wiederlesen der gesammelten Analysen der vergangenen 20 Jahre. Gehobenes Stammtisch-Niveau, so charakterisiert er nun die Polemik des Essayisten, die in geballter Lektüre für Hagestedt ihre Mängel enthüllt. Ihm stößt heute die eitle Selbstthematisierung des Autors auf, das Fehler jeglicher Empirie, der Verzicht auf Maximen der modernen Soziologie, das Ausweichen auf phänotypische Argumentationsweisen, der unnötige Gebrauch von Biologismen - kurzum, befürchtet Hagestedt, die Essays tragen selbst alle den "Anstrich des Provinziellen".
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.09.2000
Eingehend bespricht Franziska Augstein diesen Band mit Essays über und gegen den Provinzialismus. Die Darlegungen des Autors seien trotz "pointenreicher Vielgestaltigkeit" deutlich in zwei polare Gegensätze geteilt, bemerkt die Rezensentin: Auf der einen Seite steht alles, was der Autor verabscheut und unter den Begriff des "Provinzialismus" fasst. Auf der anderen Seite steht "westliche Zivilisiertheit", die das vereint, was "ihm gefällt". Wenn der Autor auf den Krieg zu sprechen kommt, was er oft tut, hintergeht Bohrer seine "eigenen Prinzipien", indem er beispielsweise für "das peinliche Pathos und die Desinformationen" Scharpings im Kosovokrieg Verständnis zeigt, moniert die Rezensentin und fragt sich, ob soviel "Rücksichtnahme" nötig ist.
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