Les Murray

Fredy Neptune

Ein Versroman. Deutsch - Englisch
Cover: Fredy Neptune
Ammann Verlag, Zürich 2004
ISBN 9783250104759
Gebunden, 520 Seiten, 29,90 EUR

Klappentext

Aus dem australischen Englisch von Thomas Eichhorn. Friedrich Boettcher, alias Fredy Neptune, der australische Seemann aus einer deutschen Immigrantenfamilie, wird während des Ersten Weltkriegs Zeuge der türkischen Greueltaten gegen die Armenier. Als er sieht, wie eine Gruppe von Frauen bei lebendigem Leib verbrannt wird, ist das der Schock seines Lebens. Er merkt, daß er von nun an keine Empfindungen mehr wahrnimmt, allerdings fortan zu immensen Kraftleistungen im Stande ist. Fredy versucht, nach Australien zurückzukehren, doch seine deutsche Herkunft wird ihm zur Last gelegt, womit kaum mehr ein Ort existiert, wohin er heimkehren könnte. Und so wird Fredy ins kalte Wasser der Geschichte geworfen und kämpft darum, den Kopf oben zu behalten. Die Umstände führen ihn nach Amerika, wo er sich als Hobo durchschlägt und in Hollywood kleine Filmrollen übernimmt, und nach Deutschland.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.06.2004

"Les Murray weiß selbst nicht, was er da geschrieben hat", behauptet Rezensentin Verena Auffermann. Einen Versroman? Eine Legende? Ein Erinnerungsbuch? All dies klinge zu pathetisch, zu gewichtig für dieses Werk, das mit all seinen Anlehnungen an die Odyssee, die Bibel und Heiligenlegenden zwar recht monumental daherkommt, dabei doch "eindringliche, bildhafte Poesie mit hohem Schimpf- und Fluchanteil" pflege. Erzählt wird die Geschichte des Metzgersohns Fredy Neptune, der sich auf Irrfahrt durchs raue Leben begibt, vom "blanken Pferderücken zum Deck eines Frachters, von Dungog nach Singapur, New York, Berlin und immer weiter" und schließlich zum eigenen Selbst. Dabei erzählt Murray keine individuelle Leidensgeschichte - Fredy Neptune wird angesichts all der erlittenen und erfahrenen Schrecken schmerzunfähig -, sondern nahezu die gesamte Geschichte des 20. Jahrhunderts, wobei der Völkermord an den Armeniern der Ausgangspunkt dieser Reise ist, erklärt Auffermann. Murray schlägt einen lässigen, direkten, balladesken Ton an, schwärmt die Rezensentin, "das Schneidige und Rotzige wird immer wieder durch klare Dichtkunst gebrochen".
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 01.04.2004

"Bereichert und erschöpft" legt Ulrich Greiner nach der letzten Seite Les Murrays neues Buch beiseite, das er für das "erstaunlichste" Werk hält, das seit langem geschrieben wurde. Murray erzählt von Fred, dem Matrosen, der die Welt und das 20. Jahrhundert durchquert und dabei angesichts der Schrecknisse, die er erlebt, seine Fähigkeit zu körperlichen Empfindungen verliert. Er erzählt die Abenteuer in einem "gewaltigen" Versepos, das der Rezensent ehrfurchtsvoll mit Homers Odyssee vergleicht. Wie dieser lasse Murray seinen Protagonisten in der "vergangenen, aber nicht verlorenen Tradition" mündlicher Literatur leben, eine Kunstform, die der Autor in "atemberaubende Höhe" geführt habe. Durch den Wechsel von "pathetischen und komischen" Sprechen erreiche Murray einen größeren melodischen Reichtum vom "derben Blues" bis zum "erhabenen Hymnus". Besonders freut sich der Rezensent darüber, dass auch die deutsche Übersetzung der zweisprachigen Ausgabe mehr als gelungen ist. So seien zwar die Anmerkungen Thomas Eichhorns eher "mager"; doch dem Übersetzer sei es gelungen, das grobe und verkürzte Englisch des ungebildeten Protagonisten im Deutschen "fast perfekt" wiederzugeben. Ein Buch, das der Rezensent nicht vergessen wird.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 25.03.2004

Das "wirklich große" Buch von Les Murray ist auf einmal gar nicht "zu fassen", staunt Frank Schäfer. So groß sei die "Masse an Stoff", dass man am Ende gleich noch einmal von vorne beginnen könne - ohne sich zu langweilen. Kein Wunder, schicke Murray seinen Protagonisten Fredy von Australien in die beiden Weltkriege, dann zum Zirkus und auch nach Hollywood. Den "ungebildeten, aber intelligenten" Helden, der angesichts menschlicher Greuel in tiefe Trauer und tumbe Starrheit verfällt, lässt der Autor wie einen australischen Kleinfarmer sprechen, und zwar mit "Kalkül", schreibt Schäfer. So sei es Murray gelungen zu zeigen, dass Poesie nicht auf die hohe "Stilebene" angewiesen ist. Deshalb lohne es sich, hin und wieder einmal den Blick von der "gut getroffenen" deutschen Übersetzung auf den Originalton des zweisprachig erschienenen Buchs zu lenken. Erst dann kann man die "erzählerische Urgewalt" des von "hochkultureller Vornehmheit" befreiten Epos spüren, schreibt unser begeisterter Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 24.03.2004

Les Murray verzichtet, was seinen "Fredy Neptune" angeht, auf den Begriff des "Versepos", ja er misstraut ihm geradezu. Ganz anders der hellauf begeisterte Rezensent Jan Wagner, der dann zwar trotzdem auf die Formulierung "grandios fabuliertes Garn epischen Ausmaßes" ausweicht, doch es wird klar, dass hier einer glaubt, ein der "Odyssee" in allem sehr verwandtes Werk gefunden zu haben. Die fünfzig Jahre umspannende und "lustvoll abschweifende" Handlung auch nur ansatzweise nachzuerzählen, erklärt Wagner für vollkommen unmöglich. Doch er versucht, aus der Geschichte um den australischen Seemann Fredy Böttcher, der die ganze Welt des 20. Jahrhunderts bereist, den Kern herauszuschälen. In Fredy sieht er eine ganz besondere Art von Menschlichkeit verkörpert. Besonders, weil sie sich nicht der Empathie verdanke - Fredy kann seit einem traumatischen Erlebnis "weder Lust noch Schmerz" wahrnehmen und gleicht dies durch auf Jahrmärkten zur Schau gestellte "übermenschliche Kraft" aus -, sondern der metaphorischen Einsicht, auf dem "unschuldigen" Meer zuhause zu sein, will heißen keine Partei zu ergreifen, denn: "Auf irgendeiner Seite von beiden stehn, verdirbt für alle Seiten". Murray erkläre sein "Faible für das Bodenständige", indem er sich als "Kopfbauern" bezeichne, und diese Erdgebundenheit, findet der Rezensent, kommt der Glaubhaftigkeit seiner Ich-Erzähler-Figur Fredy zugute, der ja schließlich in Versen schreibe. Und in welchen Versen! Der Rezensent ist geradezu hingerissen von Fredys "natürlichem Gespür für Poesie", das sich Murrays "Gespür für das Poetische im Natürlichen" verdanke. "Fredy Neptune", so das begeisterte Fazit, verbindet "ungeheure Dynamik" mit einem poetisch "destillierenden" Blick.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 23.03.2004

Ein Stück Weltliteratur hat Jürgen Brocan entdeckt und eine Stilgattung, die hierzulande beinahe ausgestorben ist: den Versroman. In angelsächsischen Ländern sei das anders, weiß Brocan und beruft sich auf Derek Walcott, Edward Dorn, W.S. Merwin und Robinson Jeffers. Dieser Liste ist nun ein fünfter Name hinzuzufügen, der des Australiers Les Murray, der mit "Fredy Neptune" ein "wort- und bildgewaltiges" Werk, so Brocan, einen Epochenroman in Versform entworfen hat. Der Übersetzer Thomas Eichborn habe diese Herausforderung hervorragend gemeistert, lobt der Kritiker, der Murrays Figur Fredy Neptune alias Friedrich Boettcher, Sohn deutschstämmiger Australier, als entfernten Verwandten von Wezels "Belphegor" oder der Filmfigur "Forrest Gump" empfindet. Denn Murrays Protagonist gerate stets zwischen alle Fronten, erlebe zwei Weltkriege und den Genozid an den Armeniern, den Rassismus der Nationalsozialisten, der Japaner und der eigenen Regierung, kurzum: er sei ein pikaresker Held, der durch ein wahnsinnig gewordenes Jahrhundert reise. Zutiefst pessimistisch und nobelpreisverdächtig, schließt Jürgen Brocan emphatisch.