Carole Angier

W.G. Sebald

Nach der Stille. Biografie
Cover: W.G. Sebald
Carl Hanser Verlag, München 2022
ISBN 9783446272620
Gebunden, 720 Seiten, 38,00 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn. W.G. Sebald zählt zu den einflussreichsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Nun liegt eine erste große Biografie vor. Anhand seines Werks und der Erinnerungen zahlreicher Wegbegleiter und der letzten Zeitzeugen wird ein Porträt des Autors gezeichnet, der sich den existenziellen Themen seiner Zeit auf eindringliche Weise näherte. 1944 geboren, lebte und schrieb Sebald unter dem Eindruck von Holocaust und Krieg. Flucht, Exil und Verlust, das Erinnern und Vergessen wurden zu seinen zentralen Motiven. Carole Angier spürt diesen Motiven nach.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.05.2023

Rezensentin Emilia Kröger lernt von dieser Sebald-Biografie der englischen Schriftstellerin Carole Angiers unter anderem, dass das Schreiben für den Schriftsteller ein Mittel zur Verarbeitung früher Traumata war. Sie weist auf den Detailreichtum hin, mit dem die Autorin Menschen, die Sebald als Vorbilder für seine Figuren gedient haben (könnten), nachspürt. Dabei stellt Angiers, so die Rezensentin, wichtige ethische Fragen über die Legitimität solch literarischer Verarbeitung fremden Lebens. Zu kurz kommt der Kritikerin in diesem Zusammenhang allerdings die Diskussion des Vorwurfs, Sebald habe sich jüdisches Leid "angeeignet", weil er manche seiner Figuren als jüdisch beschrieb, obwohl sie es im echten Leben nicht waren.
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Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 25.01.2023

Carole Angier hat mit ihrer Sebald-Biografie in den USA Diskussionen ausgelöst, ob sich der deutsche Schriftsteller jüdische Opferbiografien angeeignet hat, erinnert Rezensent Lothar Müller und betont, dass die Autorin ausdrücklich als Freundin und Verehrerin W.G. Sebalds schreibt, auch wenn sie dezidiert die Biografien jener Personen erforscht, denen Sebald in seinem biografisch gefärbten Erzählen einen "effet de réel" gab, wie Müller erläutert. So lernt er etwa, dass Sebalds realer Vermieter Dr. Seldwyn kein jüdischer Emigrant aus Litauen war (wie in den "Ausgewanderten"), sondern ein durch und durch englischer Landlord. Das nimmt Müller mit Interesse auf. Ihn stört an dieser Biografie was ganz anderes: Angier stellt eine Intimität mit Sebald zur Schau, die ihm recht fiktiv erscheint. Wichtige Personen (Sebalds Witwe, Freunde) haben nicht mit ihr gesprochen oder sie nicht mit ihnen (Hans Magnus Enzensberger, Michael Krüger). Das bestraft Angier mit Nichtachtung oder melodramatischen Fantasien über Sebalds Jugendliebe, wie Müller bemerkt, der auch auch die Stilisierung Sebalds zum deutschen "Schmerzensmann" unpassend findet. Und dass Angier wichtige literarische Debatte übergeht, die Sebald mit seinen Polemiken gegen Alfred Döblin oder Alfred Andersch angestoßen hat, kann er im englischen Kontext verstehen, im deutschen fehlen sie ihm.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 03.12.2022

Rezensent Thomas Steinfeld hat diese Biografie mit Interesse gelesen, aber ein wenig hagiografisch findet er sie schon. Zunächst zu den Vorzügen: Carole Angier erzählt das Leben Sebalds mit großer Genauigkeit, lobt der Kritiker. Sie hat nicht mit Angehörigen und deutschen Verlegern gesprochen, aber mit den Personen, die Sebald für seine Bücher gewissermaßen verwertet hat, deren Leben er benutzt, verändert, collagiert hat, wie Autoren es eben tun. So weit, so gut. Was Steinfeld jedoch fehlt, sind ein paar kritische Fragen der Autorin:  Litt Sebald wirklich für Deutschland? War ihm der Holocaust und Luftkrieg wirklich so wichtig? Warum benutzte er für seine Romane so oft Personen, die sich überhaupt nicht wichtig fanden? Das Buch ist ein guter Beleg für das "mystische Nachleben" Sebalds, aber in den Bücher von Uwe Schütte zu Sebald findet Steinfeld mehr Klarheit.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 17.11.2022

Rezensent Ulrich Greiner wird nicht recht glücklich mit Carole Angiers Sebald-Biografie, der ersten überhaupt. Die englische Literaturkritikerin, deren jüdische Eltern vor dem Nationalsozialismus flohen, macht keinen Hehl aus ihrer Bewunderung für Sebald, erklärt der Rezensent. Dabei findet sie dank akribischer Recherche durchaus Interessantes heraus, so Greiner weiter: Viele Personen, die dem Autor als Vorlage für seine Romanfiguren dienten, waren gar keine Juden, erfährt er. Auch Sebalds wissenschaftliche Arbeiten weisen Ungenauigkeiten auf: Quellenangaben fehlen oft - und in seinen Arbeiten über Sternheim, Döblin oder Jurek Becker siegte nicht selten der "Moralismus über die Fakten", erkennt Greiner. Angiers Schlüssen daraus kann er meist nicht zustimmen, ärgerlicher aber ist für ihn die Länge der Biografie. Nicht alles, was die Autorin in Gesprächen mit Nachbarn, Schul- oder Studienkameraden herausgefunden hat, ist auch von Belang, nicht jede Querverbindung von Interesse, meint er. Weshalb Sebalds Ehefrau und Tochter nicht mit Angier sprechen wollten, hätte Greiner indes schon gern erfahren. Vielleicht liegt's am Kapitel über die Affäre mit der Französin Marie, vermutet er. Dass Sebalds Werk nach wie vor große Anziehungskraft ausübt, steht für Greiner außer Frage - aber ein Kafka war er nicht, gibt der Kritiker Angier mit auf den Weg.

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