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Roman

Unionsverlag, Zürich 2025
ISBN
9783293006225
Gebunden, 208 Seiten, 22,00
EUR
Klappentext
Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Unbemerkt von den Büromenschen hinter den Fenstern umkreisen tausende Zugvögel das trügerische Licht des Wolkenkratzers in Manhattan. Ein Scharlachkardinal löst sich aus der erbarmungslosen Falle, zieht gen Süden über die Wunden hinweg, die der Mensch in die Erde geschlagen hat, Plantagen, Mauern, Gefängnisse. In einer Küche weit unter ihm wird ein Käferweibchen mit dem ersehnten Mangold verpackt und weckt hunderte Kilometer weiter Erinnerungen, während in den lauten Straßen Bogotás zwei Hündinnen vor dem Alleinsein flüchten.Zahllose Wesen fliegen, kuscheln, kriechen, knurren und werden im Verborgenen Zeuge menschlicher Krisen und Hoffnungen. Aus einzigartiger Perspektive lässt uns María Ospina Pizano den amerikanischen Kontinent als zusammenhängenden Organismus begreifen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.07.2025
Den Erfahrungen der Tieren nahe kommen, ohne die Distanz zu leugnen, die sie vom Menschen trennt: Das gelingt diesem Roman insgesamt ziemlich gut, findet Rezensent Josef Oehrlein. Die Kolumbianerin María Ospina Pizano erzählt aus Tierperspektive von Tierschicksalen, die, beschreibt Oehrlein, mit menschlichem Handeln zu tun haben. Zu den tierischen Protagonisten zählen laut Rezensent Straßenkatzen, Käfer im städtischen Betonmeer, Vögel und, das ist für Oehrlein die stärkste Episode, ein Stachelschwein, das von einem Menschen aus dem Bauch der Mutter herausgeschnitten und aufgepäppelt wird. Die Gefühle der Tiere, die aus ihrer natürlichen Umgebung herausgerissen werden, stehen dabei im Zentrum, lernen wir, auch die spezifischen Verhältnisse in der Heimat der Autorin, die blutigen Kämpfe in Kolumbien, spielen am Rand eine Rolle. Geschickt hält das Buch die Spannung zwischen lyrischen und beinahe akademischen Passagen, freut sich Oehrlein, der außerdem die Übersetzung Peter Kultzens lobt. Nicht ganz so glücklich scheint Oehrlein mit dem letzten Kapitel zu sein, in dem sich der Text in eine Montage aus Zitaten und Tierlauten auflöst, insgesamt fällt die Rezension jedoch klar positiv aus.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 26.04.2025
Dass María Ospina Pizano für ihren Debütroman den "Premio Sor Juana Inés de la Cruz" gewonnen hat, versteht Rezensentin Marielle Kreienborg nach der Lektüre nur zu gut: Statt einer menschlichen Perspektive versetzt sich die Autorin in so unterschiedliche Tiere wie Stachelschweinweibchen, einen Käfer oder einen Scharlachkardinal. Pizano stellt damit die Übermacht des Anthropozentrischen in Frage, freut sich Kreienborg, die in den klug miteinander verschachtelten Erzählsträngen etwa von den Überlebensüberlegungen des Käferweibchens liest, das von einem Vogel aufgelesen wird, oder auch von einer Straßenhündin, die sich weigert, von ihrer Besitzerin vermenschlicht zu werden. In der "feinsinnig-präzisen" Übersetzung von Peter Kultzen liest die Rezensentin auf überzeugende Weise davon, wie schwierig es ist, andere Wesen literarisch zu erforschen, aber auch, wie notwendig es ist, sich der Grenzen des Menschlichen bewusst zu werden - und das mit klugen Bezügen zu Donna Haraway, Horacio Quirogas und Ida Vitale, schließt sie überzeugt.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 28.02.2025
Rezensent Ulrich Rüdenauer scheint ein bisschen erleichtert zu sein, dass es in Maria Ospina Pizanos Erzählband nicht nur um Vögel geht, sondern auch um Menschen, die die Wege der Tiere kreuzen. Zunächst erscheint das Buch mit seiner Annäherung an das Leben der Vögel im allgemeinen und das des Scharlachkardinals im besonderen dem Rezensenten possierlich, dann aber merkt er: Der Autorin ist es ernst mit ihrem Interesse, und sie "anthropomorphisiert" auch nicht. Pizanos behutsame Erzählweise nimmt Rüdenauer schließlich gefangen, und die Texte verbinden sich zu einem veritablen Roman, staunt er.