Sozialversicherungen haben den Umgang mit Risiken seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert fundamental verändert. Am Beispiel der staatlichen Unfallversicherung der Schweiz wird dieser Wandel, eingebettet in den europäischen und transatlantischen Kontext, untersucht. Das Buch verfolgt die Entwicklung der Risikoforschung von der Planung der staatlichen Unfallversicherung vor dem Ersten Weltkrieg bis zu ihrer Konsolidierung nach 1945. Arbeitsmedizin, Arbeitspsychologie und Versicherungsmathematik spielten für die Organisation und Durchführung der Unfallversicherung eine Schlüsselrolle. Der Staat erlaubte diesen Disziplinen, ihre Risikokonzepte empirisch zu überprüfen und dadurch die Grundlagen für die moderne Risikoforschung zu bereiten. Beleuchtet wird auch der Aufstieg des Präventionsgedankens in der Industriearbeit nach 1945, der ein goldenes Zeitalter der sozialstaatlichen Risikoforschung einläutete. Insgesamt verweist die Studie auf das methodologisch noch kaum ausgeschöpfte Potential einer Verbindung von Sozial- und Wissenschaftsgeschichte.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 17.08.2007
Durchaus mit Interesse hat Rezensent Matthias Daum diese "akribisch recherchierte" Habilitationsschrift über die Entwicklung der schweizerischen Sozialversicherungen gelesen. Am Beispiel der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt zeige der Historiker Martin Lengwiler, welchen Einfluss besonders Wissenschaftler - vor allem aus der Statistik - auf die Sozialsysteme hatten. Sie konnten so einen "Teil der sozialpolitischen Definitionsmacht" erringen, der sonst den Interessenvertretungen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer vorbehalten war. Die Grenzen dieser Macht zog der Geldbeutel der Versicherten, vermerkt der Rezensent allerdings auch. Die Versicherten waren eben nur dann bereit, ihr Verhalten zu verändern, wenn es sie nicht zu teuer kam.
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