Alain Finkielkraut

Revisionismus von links

Überlegungen zur Frage des Genozids
Cover: Revisionismus von links
Ca ira Verlag, Freiburg i. Br. 2024
ISBN 9783862591510
Kartoniert, 204 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Christoph Hesse. Die Zukunft, die sich schon 1982 in Alain Finkielkrauts Essay (L'Avenir d'une négation) ankündigte, ist zu unserer Gegenwart geworden. Es ist längst nicht mehr der rechte Revisionismus, der die Tagespresse beherrscht und es sind mehrheitlich auch nicht mehr die ewig Gestrigen, die den singulären Charakter der europäischen Judenvernichtung wirkmächtig in Zweifel ziehen oder leugnen. Das Geschäft des Revisionismus wird heute vielmehr von linken Aktivisten und postkolonialen Theoretikern besorgt, die nichts unversucht lassen, um an der Präzedenzlosigkeit der Shoah zu rütteln.
Als Finkielkrauts Buch vor über vierzig Jahren erschien, stand die Öffentlichkeit noch ganz unter dem Eindruck einer genuin rechten Holocaustleugnung. Die Debatte um Robert Faurisson, der die Existenz von Gaskammer in Auschwitz leugnete, beherrschte die Presse weit über Frankreich hinaus. Dem aufgeklärten Teil der Öffentlichkeit scheint das Motiv hinter dem Revisionismus dabei bis heute hin klar zu sein: wer bestreitet, dass es in Auschwitz Gaskammern gegeben hat, ist eines Geistes mit all jenen, die diese zum Zwecke der "Endlösung der Judenfrage" einst erbauten. Für kurzzeitige Irritation sorgte in dieser Hinsicht zwar die linke Ikone Noam Chomsky, der zu Faurissons Buch (Mémoire en défense) im Jahr 1980 ein eigenes Vorwort beisteuerte. Doch diese Irritation blieb nur von kurzer Dauer. Die liberale und linke Öffentlichkeit beruhigte sich umso schneller damit, dass es Chomsky in Wahrheit nur um die allgemeinere und grundsätzlichere Frage der Wissenschafts- und Meinungsfreiheit und nicht etwa um die Holocaustleugnung gegangen sei. Doch weshalb sprang ein antiautoritärer Linker wie Chomsky ausgerechnet für einen Holocaustleugner und sein unantastbares Recht auf freie Meinung in die Bresche? Und wie konnte es dazu kommen, dass sich ausgerechnet der linksradikale Verlag La Vieille Taupe, der sich ansonsten durch den Vertrieb von situationistischer und antistalinistischer Literatur einen Namen gemacht hatte, zum zentralen Publikationsort des Revisionismus in Frankreich mausern sollte? Finkielkraut geht diesen (und weiteren) Fragen in seinem Essay nach, indem er die Geschichte des Revisionismus von links zunächst bis zu dessen Wurzeln in der Dreyfus-Affäre zurückverfolgt, um davon ausgehend die Zukunft dieses Ressentiments vorwegzunehmen.
Für die deutsche Debatte ist Finkielkrauts Untersuchung dabei von besonderem Interesse, weil er bereits vor dem deutschen Historikerstreit (1986/87) die Argumente und Motive antizipierte und sezierte, die noch heute die Debatten um den Antisemitismus auf der documenta 15, den Antizionismus der Aktivisten von Boycott, Divestment and Sanctions (BDS) und die stets damit verbundenen Scheindiskussionen über Kunst- und Redefreiheit prägen. Finkielkraut lenkt seine Aufmerksamkeit schon früh auf einen antirassistisch und antikolonialistisch daherkommenden Antizionismus. Seine Kritik richtet sich gegen ein Denken, das wie schon der rechte Revisionismus zuvor, nun allerdings von links, darauf abzielt, die neue, bis dahin ungekannte und unvorstellbare Qualität der "Endlösung der Judenfrage", durch die Rückführung auf Altbekanntes und Allgemeines zu nivellieren. Ein Buch, das durch die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die einstigen Fluchtlinien einer zukünftigen Entwicklung zeichnen wollte, die in Gestalt des gängigen Antisemitismus und Revisionismus von links, heute allerdings längst Gegenwart geworden ist.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 09.01.2025

Die Verteidigung der Lüge im Namen der Meinungsfreiheit ist keine Verteidigung der Meinungsfreiheit, sondern der Lüge. Dies kann man heute bei Zuckerberg und Musk sehen. Aber das Prinzip ist wesentlich älter, und das Thema, an dem sich diese Devise für den Rezensenten Marko Martin beweist, ist der Holocaust. Der amerikanische Linguist Noam Chomsky hatte einst das Buch des Holocaustleugners Robert Faurisson verteidigt - im Namen der "Meinungsfreiheit". Schon 1982, so Martin, legte Alain Finkielkraut in seinem nun endlich ins Deutsche übersetzten Essay den peinlichen Drang gerade der dezidierteren linken Strömungen nach Leugnung oder wenigstens Relativierung des Holocaust offen. Und warum? Unter anderem weil der Holocaust "eine Beleidigung der Theorie" darstellt - denn der Holocaust lässt sich in keine Theorie einbauen, die den Faschismus als "letztes Stadium" des Kapitalismus begreifen will. Angesichts heutiger Holocaust-Relativierungen von Intellektuellen wie Masha Gessen, Judith Butler oder Dirk Moses, empfiehlt Martin dringend die Lektüre von Finkielkrauts geradezu prophetischem Buch.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.12.2024

Rezensent Thomas Thiel zeigt sich beeindruckt von Alain Finkielkrauts klarsichtiger Analyse des linken Antisemitismus, die bereits 1982 im Original erschienen ist. Der Philosoph und Sohn eines Holocaust-Überlebenden geht hier der Frage nach, wie Linkssein, verstanden als Solidarität mit den Schwachen, mit Judenhass einhergehen kann. Der Kritiker lobt zunächst die fundierte historische Argumentation: Bereits im 19. Jahrhundert bis hin zu postkolonialen Strömungen zeigt sich der Antisemitismus als 'kryptoreligiöse Mission', die das moralische Fundament der Linken erschüttert. Finkielkraut widerspricht der bis in die 1980er gängigen These, linker Judenhass sei erst nach dem Sechstagekrieg 1967 durch die Solidarität mit den Palästinensern entstanden. Vielmehr sieht er eine tiefere Kontinuität, die Holocaust und Kolonialverbrechen gleichsetzt, um Israels Existenz zu delegitimieren. Thiel betont zudem, dass Finkielkraut prägnant aufzeigt, wie heute Muslime und Palästinenser die Arbeiterklasse als revolutionäres Subjekt ersetzt haben, oft in fragwürdiger Allianz mit Islamisten. Er empfiehlt das Werk als scharfsinnigen Beitrag zur Debatte um Antisemitismus und und als aufklärenden Beitrag über die Blindheit der Linken "über die religiöse Grundstruktur ihres Denkens".

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 30.11.2024

Aktueller kann ein Buch nach dem 7. Oktober 2023 kaum sein, meint Rezensent Lukas Böckmann mit Blick auf diesen im Original 1982 veröffentlichten, jetzt erstmals auf deutsch vorliegenden Text. Alain Finkielkraut hatte ihn damals anlässlich der Kontroverse um eine den Holocaust leugnende Veröffentlichung in einem ursprünglich Linken Verlag verfasst, lernen wir, wobei sich seine Argumentation auf etwas Allgemeineres bezieht, nämlich das Erschrecken des Autors darüber, dass sich gerade auf Seiten der Linken Unvernunft breit macht. Diese Tendenz steht laut Finkielkraut in Zusammenhang mit Antisemitismus, der schon in den Marx'schen Klassenkampfformeln nicht mitgedacht ist und dessen Zuspitzung im Holocaust bei gleichzeitig ausbleibender Weltrevolution von der Linken nicht verarbeitet werden kann. Noch mehr interessiert sich Böckmann allerdings für Passagen, in denen der Autor noch vor dem deutschen Historikerstreit über die Singularität der Shoah nachdenkt, und auch darüber, was es heißt, dass Linke sie im Namen anderer Unterdrückter und mit Blick auf Israel als vermeintlichen Unterdrückerstaat negieren wollen. Das, was Finkielkraut damals befürchtete, ist heute eingetreten, schließt ein deprimierter Rezensent, der das Buch als klugen Kommentar zur Zeit und zum Zustand der Linken empfiehlt.

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